Abo

Hans-Ulrich Doerig: Der Edelreservist

Dreissig Jahre Credit Suisse, dreissig Jahre Troubleshooter. Hans-Ulrich Doerig zeigt neben vielen bestechenden Talenten eine rare Eigenschaft: Nibelungentreue.

04_05_doerig.jpg
Hans-Ulrich Doerig, VizeprΓ€sident Credit Suisse RMS

Werbung

Wenn Hans-Ulrich Doerig, VizeprΓ€sident der Credit Suisse, einen Termin in seine Agenda eintrΓ€gt, tut er das mit Bleistift. Falls der Termin platzt, kann er ihn wieder ausradieren. Hat die Verabredung hingegen stattgefunden, ΓΌberschreibt er den Eintrag akribisch mit Tinte. So trennt der 64-JΓ€hrige Vergangenheit (Tinte) und Zukunft (Bleistift). Ende Jahr, meist am 24. Dezember, geht er sein Β«Instrument zur Gestaltung der WachzeitenΒ» nochmals durch und zieht Bilanz. Mit dem Taschenrechner addiert er die Stunden, die er in der Bank, auf Reisen und zu Hause bei der Familie verbracht hat.
Dreissig von diesen zu TagebΓΌchern ausgewachsenen Terminkalendern, die der Vielflieger von der japanischen Fluggesellschaft JAL bezieht, stehen in seinem BΓΌcherregal: die Chronik eines Berufslebens im Dienste der Credit Suisse. In dieser Zeit hat Doerig den Ruf erlangt, ein Manager zu sein, der sich fΓΌr keine Aufgabe zu schade ist und dem das Wohlergehen der Bank mehr am Herzen liegt als die Pflege seines Ego.
Doerig ging hin, wohin auch immer er geschickt wurde. «Gab es irgendwo Probleme, musste Doerig ausrücken», sagt ein ehemaliger Credit-Suisse-Manager, «immer er.» Doerig sprang ein, wenn Spitzenpositionen kurzfristig verwaist waren, wie damals, als Josef Ackermann die Bank abrupt verliess. Und Doerig übernahm Aufgaben, die sonst keiner wollte. So war es auch Doerig, der im Herbst 2001 die Verhandlungen führte, als es ums Überleben der Swissair ging. «Ich wurde gebeten, das Dossier zu übernehmen», sagt er. Es bedeutete viel Arbeit: sieben Wochen, sieben Tage die Woche, siebzehn Stunden am Tag.

Partner-Inhalte

Als Belohung fΓΌr seinen Einsatz wurde Doerig immer mal wieder befΓΆrdert, ganz an die Spitze schaffte er es aber nie. Dort sonnten sich MΓ€nner wie Rainer E. Gut, Josef Ackermann oder Lukas MΓΌhlemann. Selbst bei der wohl letzten Chance – bei MΓΌhlemanns Abgang vor bald zwei Jahren – erhielt nicht Doerig die Krone. PrΓ€sident des Verwaltungsrates der Credit Suisse wurde Walter Kielholz. Doerig ist sein Vize. Wie ist das zu ertragen? Β«Ich wurde immer gut behandeltΒ», sagt Doerig und fΓΌgt an, Β«wer immer hΓΆher und weiter will, ist oftmals nicht bei der Sache.Β» Und: Β«Wir brauchen MarathonlΓ€ufer, nicht Sprinter.Β» Vertraute vermuten, dass es ihn insgeheim mit Genugtuung erfΓΌllt, wie sich die Dinge bei der Credit Suisse entwickelt haben: Von den einstigen Starbankern ist heute kein einziger mehr da.
Doerig hingegen betritt wie eh und je morgens um sieben Uhr sein BΓΌro am ZΓΌrcher Paradeplatz. Was steckt dahinter, wenn einer dreissig Jahre lang im Hintergrund Knochenarbeit verrichtet, ohne bei den Rochaden an der Spitze je berΓΌcksichtigt worden zu sein, und nun, am Ende seiner Laufbahn, sagt, er fΓΌhle sich Β«sehr glΓΌcklichΒ»? Kolleginnen und Kollegen heben drei herausragende Eigenschaften Doerigs hervor: LoyalitΓ€t, BodenstΓ€ndigkeit und Fleiss.

Werbung

Der Mann ist eine treue Seele. FΓΌr seine grenzenlose Identifikation mit der Credit Suisse wird Doerig bewundert und manchmal auch belΓ€chelt. Wagt es ein verdienter Mitarbeiter zu kΓΌndigen, bezichtigt ihn Doerig der IlloyalitΓ€t und meint das auch so. Er hat nie einen Grund gesehen, die Bank zu verlassen. Nicht einmal, als Krisen wie der Chiasso-Skandal die Credit Suisse erschΓΌtterten: Β«Da sagte ich: Jetzt erst recht.Β»
Der Appenzeller hat in der Welt von Hedge-Funds und High-Level-Risk nie die Bodenhaftung verloren. Von seinen Mitarbeitern verlangt er einfache LΓΆsungen, sei die Fragestellung auch noch so komplex. Gefragt sind knappe Analysen und zwei, maximal drei konkrete LΓΆsungsvorschlΓ€ge. Sind die Papiere fΓΌr seinen Geschmack zu aufwΓ€ndig, schickt er sie mit dem Kommentar Β«Jelmoli-KatalogΒ» an den Absender zurΓΌck. Γ„hnlich pragmatisch verfΓ€hrt er mit Γ„usserlichkeiten. Er trΓ€gt nicht Rolex, sondern Swatch oder Mondaine. Und wΓ€hrend seine Kollegen den Schneider ins BΓΌro kommen lassen, kauft er beim Herrenausstatter PKZ in zehn Minuten drei AnzΓΌge und neue gelbe Krawatten, sein Markenzeichen. Nur eine extravagante Leidenschaft hat Doerig ΓΌber die Jahre entwickelt: moderne Kunst. Kaufen tut er sie allerdings so spontan wie Kleider: Β«Meine Galeristen wissen: Wenn ich in den ersten fΓΌnf Minuten nichts gekauft habe, machen sie kein GeschΓ€ft.Β»

Werbung

Hans-Ulrich Doerig ist ungeheuer fleissig. Seine Arbeitswochen zΓ€hlen siebzig Stunden und mehr, phasenweise hat er jeden Abend einen Kundenanlass. Auch von seiner Entourage verlangt er vollen Einsatz. So hΓ€lt Doerig die Dossiers schon bereit, wenn die Mitarbeiter morgens ins BΓΌro kommen. Macht er in seiner Abteilung den Rundgang, hallt in breitem Ostschweizerdialekt Β«Wa lauft, wa goht?Β» durch die RΓ€ume. Duckt sich jemand, schmettert er: Β«Bei mir gibts Arbeit!Β»
In der Leistungsbereitschaft gibt es keine Kompromisse: Anfang der Achtzigerjahre, als Doerig interimistisch die Credit Suisse First Boston (CSFB) in London leitet, stellt sich Hansruedi Stadler bei ihm vor, ein junger Angestellter der Kreditanstalt in ZΓΌrich. Stadler mΓΆchte intern wechseln. Als er wΓΌnscht, zwischen seinem Job in ZΓΌrich und dem in London einen Monat Ferien zu nehmen, reagiert die Β«Respektsperson DoerigΒ» (Stadler) scharf: Β«Wenn Sie den Job wollen, mΓΌssen Sie sofort anfangen.Β» Stadler fΓ€ngt sofort an. Heute ist er Managing Director der Credit Suisse in ZΓΌrich.
Doerigs Einsatz fΓΌr die Bank reicht bis zur Selbstaufopferung. Β«Er ist die gute Seele der BankΒ», sagt Hans Rudloff, ehemaliger Kollege von Doerig und heute PrΓ€sident der Barclays Capital in London, Β«einer, der sich konstant fΓΌrs Ganze einsetzt.Β» Hier liegt auch seine grΓΆsste SchwΓ€che. Doerig kann nicht Nein sagen. Einem hat diese Eigenart ganz entscheidend genΓΌtzt: Rainer E. Gut, Baumeister der Credit Suisse und Mentor Doerigs.

Werbung

Nach dem Studium an der Hochschule St. Gallen nimmt Doerig 1968 bei der US-Investment-Bank JP Morgan in New York eine Stelle im Research an. Im Schweizer Club in New York begegnet er Gut – und muss nicht um dessen Sympathie werben: Doerigs Vater hatte Gut in der Kantonsschule in Zug Englisch unterrichtet. Eines Abends im Schweizer Club hΓ€lt Doerig Gut das lukrative Jobangebot eines Schweizer Finanzdienstleisters hin und fragt, ob er wechseln soll. Gut, damals stellvertretender Generaldirektor der Schweizerischen Kreditanstalt, hakt ein und bietet dem 33-JΓ€hrigen den Posten eines Vizedirektors an.
Doerig sagt nicht Nein und wird zum jΓΌngsten Vizedirektor, den die Bank bis dahin je engagiert hat. Er fΓΌhlt sich im GlΓΌck und wird fΓΌr Rainer Gut zu einem wahren GlΓΌcksfall: Doerig ΓΌbernimmt jede Aufgabe, die Gut ihm zuteilt. In ZΓΌrich steigt er in jenem Fach ein, das er bei JP Morgan von der Pike auf gelernt hat: im Firmenkunden- und EmissionsgeschΓ€ft. Zudem fasst er immer wieder SpezialauftrΓ€ge, etwa 1978, als die Kreditanstalt durch den Chiasso-Skandal in die Krise stΓΌrzt. Kadermann Doerig muss die Grosskunden bei Laune halten und sich um notleidende Kredite kΓΌmmern. Doerig bezeichnet diese Zeit als die schwierigste, die er bei der Bank erlebt hat.

Werbung

Wenig spΓ€ter, Anfang der Achtzigerjahre, schickt Gut seinen Gefolgsmann zur Credit Suisse First Boston in London. Dort behindern Querelen und Intrigen den GeschΓ€ftsgang. Doerig engagiert sich zwei Jahre lang als interimistischer Chief Executive Officer und glΓ€ttet die Wogen; da holt ihn Gut bereits wieder nach ZΓΌrich und lΓ€sst ihn zum Generaldirektor aufsteigen. Das ist mehr, als sich Doerig je erhofft hat: Β«Ich wollte immer Direktor werden, aber Generaldirektor?Β» Er bleibt es zehn Jahre lang.
SpΓ€ter darf er sich noch zweimal CEO respektive PrΓ€sident der Generaldirektion nennen, wenn auch jeweils nur fΓΌr kurze Zeit: PrΓ€sident der Generaldirektion wird er nach dem brΓΌsken Abgang von Josef Ackermann – zwischen der entsprechenden Anfrage von Rainer Gut und der Antwort von Hans-Ulrich Doerig liegen exakt 24 Stunden. Als er den Posten wenige Monate spΓ€ter an Lukas MΓΌhlemann abtreten muss, braucht er ein neues Aktionsfeld: Als Chairman und CEO der Credit Suisse First Boston fasst er die Aufgabe, die Credit Suisse International mit der Credit Suisse First Boston kulturell und betriebswirtschaftlich zusammenzufΓΌhren, fΓΌr ihn Β«eine Chance, mich abermals zu bewΓ€hrenΒ». Chef der erfolgreich fusionierten Investment-Bank wird nach einem Jahr nicht etwa er, sondern der Amerikaner Allen Wheat. Doerig kehrt stattdessen zur Heimbasis zurΓΌck, diesmal als Vize von Konzernchef Lukas MΓΌhlemann.

Werbung

Rainer Gut fand ihn offenbar nicht gut genug, um ihn zum obersten Chef zu machen. Er selber hat ein entspanntes VerhΓ€ltnis zu seiner Karriere: Β«Ich hatte das GlΓΌck, dass ich alle paar Jahre etwas Neues machen konnte. Ich bin ΓΌberall lange genug geblieben, um Fehler machen zu kΓΆnnen.Β» Kapitale Fehler sind ihm keine unterlaufen. Kleinere Misstritte – etwa FehleinschΓ€tzungen in Japan und Russland – haben er und Rainer Gut im Ordner Berufsrisiko abgelegt.
In den Zeiten, in denen eine Reorganisation der nΓ€chsten folgte, war Doerig bald eine der wenigen Konstanten in der Bank. Drei Jahrzehnte im Kader haben ihn zudem zum grΓΆssten Insider der Bank gemacht. Und: Bei ihm laufen die wichtigen Kundenkontakte zusammen. Doerig ist gesellig und jovial und hat ein Flair fΓΌr den Umgang mit anderen MentalitΓ€ten. Anfang der Achtzigerjahre begann er, Kontakte nach Asien zu knΓΌpfen und zu pflegen. Die bringen der Bank nicht nur Umsatz, sondern auch Prestige: NΓ€chsten Herbst weilt eine Delegation von chinesischen Spitzenmanagern und Beamten in der Credit-Suisse-Zentrale zur Ausbildung. Die Credit Suisse wurde dafΓΌr als erstes Finanzinstitut von der chinesischen Regierung angefragt. Das Unterrichtsmaterial hat Doerig, der nebenbei auch BΓΌcher und Zeitungsartikel publiziert hat, schon bereit. Β«Operational Risks in Financial ServicesΒ» heisst der Titel seines 135 Seiten starken Handbuchs, das derzeit auf Mandarin ΓΌbersetzt wird.

Werbung

Seine FΓ€higkeit, Β«Eis zu brechen und TΓΌren zu ΓΆffnenΒ», wie ihn seine langjΓ€hrige SekretΓ€rin Ruth MΓ€chler beschreibt, diente ihm auch beim Rekrutieren des Nachwuchses. Β«NachwuchsfΓΆrderung war mein professionelles HobbyΒ», sagt Doerig. Mehr als tausend HochschulabgΓ€nger hat er interviewt und viele davon angestellt, darunter Alex Widmer, bis vor kurzem Chef Private Banking der Credit Suisse, oder Rolf DΓΆrig, heute Vormann der Swiss Life. Eine Leidenschaft, die Leiden schafft: Doerig verwandelt sich vom Gentleman zum Polterer, wenn er ΓΌbers Niveau an den Schweizer Hochschulen zu reden anfΓ€ngt. Β«Wir haben zu wenig motivierte LeuteΒ», schimpft er, Β«wenn nicht bald etwas passiert, haben wir ein Riesenproblem.Β» Damit etwas passiert, drΓ€ngt Doerig nun mit einem Vorstoss zur Hochschulreform ins Rampenlicht (siehe Β«Spiritus Rector der BildungsreformΒ»).
Nicht dass es ihm in der Bank langweilig geworden wΓ€re und er nun, ein Jahr vor dem offiziellen Pensionierungsalter, neue Arbeit im Hochschulwesen oder der Politik suchen wΓΌrde. Im Gegenteil: Doerig strotzt vor Gesundheit (Β«ich habe gute GeneΒ») und sendet auch keinerlei Signale aus, in Rente gehen zu wollen. FΓΌr den Verwaltungsrat schreiben die Statuten der Credit Suisse ein HΓΆchstalter von 70 Jahren vor. Wenn sie nicht extra fΓΌr Doerig angepasst werden, bleibt ihm noch Zeit fΓΌr sechs Agenden.

Werbung

Werbung