Entziffert: Der Aufenthalt in einem Spital dauert 12,4 Tage
Niemand auf der Welt bleibt so lange in einem Akutspital liegen wie ein Schweizer Patient, und zwar nach praktisch allen Operationen. Ist das nicht sonderbar?
ยซBisher wurden die Spitรคler bei uns so geplant, dass man von jedem Dach eines Spitals das Dach des nรคchstliegenden sehen kannยป, spasst der Berner Gesundheitsรถkonom Gerhard Kocher. Tatsรคchlich ist die Schweiz mit Akutbetten so dicht versorgt wie kaum ein anderes Land im OECD-Raum. In Schweden genรผgen 2,4 Betten pro 1000 Einwohner, die Schweiz braucht deren 3,9. Und wer wissen will, wie gut diese vielen Betten belegt sind, staunt erneut: Die hiesige Belegungsquote ist mit 85 Prozent hรถher als in den meisten anderen OECD-Lรคndern.
Also stellt sich die Frage, ob wir Schweizerinnen und Schweizer etwa so viel krรคnker sind, dass wir deswegen รถfter ins Spital mรผssten. โ Das ist zum Glรผck nicht der Fall. In der Statistik der Krankenhausfรคlle bewegt sich unser Land im รผblichen Rahmen. Luxemburg hat 17 626 Krankenhausfรคlle, Schweden 16 009, die Schweiz nur 15 414 (jeweils bezogen auf 100 000 Einwohner).
Doch treten wir einmal ins Spital ein, bleiben wir dort auffรคllig lange liegen. Laut den neuesten Daten des Bundesamts fรผr Statistik betrรคgt ein Spitalaufenthalt in der Schweiz durchschnittlich 12,4 Tage und ist damit etwa doppelt so lange wie in der รผbrigen OECD. Die hiesigen Spitalverantwortlichen rechtfertigen diese Differenz gerne mit statistischen Verzerrungen, da Akut- und Pflegeabteilungen oft vermischt wรผrden.
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Nun hat die OECD aber eine CD-ROM herausgegeben, die internationale Vergleiche fรผr jeden einzelnen operativen Eingriff erlaubt. Diese Zahlen sind verblรผffend: Nach einer normalen Entbindung bleibt eine Mutter bei uns 6,3 Tage im Spital, wรคhrend es in Schweden oder Holland 2,6 Tage sind, in Luxemburg 4,3 Tage. Nach einem Schenkel- oder einem Leistenbruch sind Patienten in der Schweiz 4,8 Tage hospitalisiert, in Schweden 2,2 Tage, in Holland 3,0 und in Luxemburg 4,1 Tage. Nach einer Prostatakrebs-Operation bleiben Mรคnner hierzulande 11,6 Tage im Spital liegen, in Schweden 7,0 Tage, in Holland 8,7 und in Luxemburg 8,9 Tage. รhnlich nach einer Brustkrebs-Operation: Frauen in der Schweiz sind 10,0 Tage im Spital, in Schweden 5,2 Tage, in Holland 6,7 und in Luxemburg 8,2 Tage. Nach einem akuten Herzinfarkt betrรคgt der durchschnittliche Spitalaufenthalt in der Schweiz 10,4 Tage, in Schweden 6,3 Tage, in Luxemburg 8,5 und in Holland 9,9 Tage. Noch grรถsser sind die Differenzen bei einem Spitaleintritt wegen Diabetes mellitus: 17,4 Tage Spitalaufenthalt in der Schweiz, 7,2 Tage in Schweden, 10,0 in Luxemburg und 14,0 in Holland.
So brisant diese Zahlen sind, sie werden kaum thematisiert. Dabei fรผhrt das Schweizer System eindeutig zu falschen Anreizen: Bei uns werden die Spitรคler nach der Anzahl Belegungstage bezahlt: Je lรคnger die Patienten bleiben, umso hรถher die Einnahmen. Kรถnnten die Krankenkassen die Leistungen fรผr jede einzelne Diagnose einkaufen, kรคmen wohl einige Spitรคler unter Kostendruck. ยซFallpauschalenยป, so nennt man diese Systeme im Ausland; erprobt sind sie in ganz Skandinavien und auch anderswo, nur in der Schweiz redet man bloss davon.
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รbrigens: Schwedinnen und Schweden fรผhlen sich so gesund wie wir, sie werden auch praktisch gleich alt wie wir. Aber die Gesundheitskosten pro Kopf sind in Schweden ein Drittel tiefer.
Quelle: OECD-Gesundheitsdaten 2004: Vergleichende Analyse von 30 Lรคndern. CD-ROM. ISBN 92-64-10648-0