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Verfall

Die Gewinner und Verlierer des Ölcrashs

Ob als Inuit in Grönland oder Reisbauer auf den Philippinen, der Absturz des Ölpreises betrifft alle. Zu den Gewinnern zählen Filipinos und einige Umweltschützer. Investoren haben indes keine Freude.

Gabriel Knupfer

Das Nachrichtenportal Bloomberg hat die grössten Gewinner und Verlierer des Ölcrashs ermittelt. Einige Ergebnisse erstaunen.
Gewinner: Dollar
Der US-Dollar wird stärker, weil die Amerikaner weniger Geld für Ölkäufe ausgeben müssen. Weil Öl in Dollar fakturiert wird lässt ein stärkerer Dollar den Preis noch schneller sinken.
Gewinner: Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Katar und Kuwait
Die reichen Golfstaaten können mit niedrigen Preisen leben. Um ihren Marktanteil zu verteidigen sind sie bereit den Ölpreis noch viel weiter abstürzen zu lassen.
Gewinner: Zach Schreiber
Der Chef von Point State Capital wettete im letzten Mai gegen den Ölpreis. Sein Fonds verdiente mit der riskanten Strategie eine Milliarde Dollar.
Gewinner: Philippinen
Der Inselstaat ist auf Ölimporte angewiesen. Sinkende Preise sorgen für einen Wachstumsboom. Bleibt Energie billig, könnte das Land zum schnellstwachsenden in ganz Asien werden.
Gewinner: Tanker
Nicht nur wird der Treibstoff für die Ozeanriesen günstiger. Für die Reeder sinken auch die Einkaufskosten der Handelsware. Zudem können Tanker als schwimmende Ölspeicher dienen.
Verlierer: Zentralbanken
EZB, Fed und Co. möchten mehr Inflation und befürchten eine Negativspirale von sinkenden Preisen und Löhnen. Die tiefen Zinsen bewirken indes wenig, solange der Ölpreis so niedrig bleibt.
Verlierer: Venezuela, Iran und Nigeria
Die schwächeren Opec-Staaten brauchen höhere Preise. Doch sie können es sich nicht leisten die Produktion zurückzufahren und auf bessere Zeiten zu warten.
Verlierer: Carlyle Group und andere Ölinvestoren
David Rubensteins Carlyle Group hat 2014 einen Gewinneinbruch von 65 Prozent erlitten. Andere Beteiligungsgesellschaften im Ölbusiness traf es gar noch schlimmer. Die Gewinne von Apollo fielen um 79 Prozent und die von KKR gar um 94 Prozent.
Verlierer: Tiefseebohrungen
Teure Bohrprojekte werden immer unrentabler. Goldman Sachs rät von Investitionen, die auf höhere Ölpreise setzen, ab.
Verlierer (und Gewinner): Grönland
Auf und bei der grössten Insel der Welt liegen riesige Ölvorkommen brach. Wegen dem Preiszerfall sind viele Projekte in Frage gestellt – ebenso wie der erhoffte Wirtschaftsboom. Freuen dürfen sich dafür die Umweltschützer, die schon lange gegen Bohrungen im Hohen Norden kämpfen.
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RMS

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Zwar haben sich die Ölpreise nach einer langen Talfahrt stabilisiert. Ein echter Aufschwung scheint indes noch nicht in Sicht. Denn zum einen sorgt die weltweit schwächelnde Konjunktur für eine geringe Nachfrage. Vor allem aber bleibt das Angebot wegen dem Frackingboom in den USA hoch und die Opec-Länder drosseln ihre Produktion nicht.

Förderriesen wie Saudi-Arabien versuchen mit Discountpreisen ihren Marktanteil zu verteidigen – und bewirken damit eine globale Kettenreaktion. Ob als Inuit in Grönland oder als Reisbauer auf den Philippinen, die Effekte des Ölpreises betreffen die gesamte Menschheit. Dies zeigt auch eine Zusammenstellung der grössten Gewinner und Verlierer des amerikanischen Nachrichtenportals «Bloomberg» (siehe Bildergalerie).

Zentralbanken in Not

Allgemein bekannt sind die negativen Folgen des Ölabsturzes auf die schwachen Opec-Mitglieder wie Venezuela, Iran oder Nigeria. Diese bräuchten einen höheren Preis, können es sich aber nicht leisten die Produktion runterzufahren und auf bessere Zeiten zu warten. Auch dass Russland keine Freude am Preiszerfall haben kann, ist bekannt.

Schon etwas weniger offensichtlich sind indes die negativen Effekte auf die Politiken der Zentralbanken, etwa der Europäischen Zentralbank, der Fed und der Nationalbank. Billige Energie drückt die Konsumentenpreise. Und dies in einer Zeit, wo die Zentralbanker verzweifelt versuchen mehr Inflation zu generieren und so eine gefährliche Abwärtsspirale bei Preisen und Löhnen zu verhindern.

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Arme Grönländer

Auch die Entlastung von Konsumenten und Firmen in den ölimportierenden Ländern ist damit nicht bedingungslos positiv. Trotzdem finden sich unter diesen die grössten Gewinner. Dazu gehören die Philippinen: Bei einem Ölpreis von 40 Dollar pro Barrel würde die Wirtschaft der Inselnation um 7,6 Prozent wachsen, errechneten Ökonomen aus Oxford. Dies nach einem Wachstum von 6,1 Prozent im Jahr 2014.

Weniger rosig ist die Lage dafür in Grönland. Hoffnungen auf einen durch die Ölförderung lancierten Wirtschaftsboom zerschlugen sich im letzten Herbst abrupt. Darüber freuen dürften sich dafür Umweltschützer wie Greenpeace. Sie hatten schon lange gewarnt dass Bohrungen eine enorme Gefahr für das Ökosystem Arktis darstellten. Nun haben sich viele Projekte – zumindest vorübergehend – aus Kostenerwägungen von selbst erledigt.

Billige Spritfresser

Auch an anderen Fronten ist der tiefe Ölpreis für Umweltschützer positiv. Umstrittene Tiefseebohrungen werden ebenso unrentabel wie zahlreiche Fracking-Projekte in Europa. Doch auch hier hat die Medaille eine Kehrseite. Mit sinkenden Benzinkosten könnten Konsumenten versucht sein, auf grössere treibstoffhungrige Autos zu setzen. In den USA boomt der SUV-Absatz bereits. 2014 steigerte beispielsweise Daimler den Absatz des grössten SUV-Modells, des GL, im amerikanischen Markt um 40 Prozent.

Der gesamte Warentransport wird vom Ölpreis beeinflusst. Zu den Gewinnern gehören in der Aufstellung von «Bloomberg» auch die Reedereien mit Öltankern. Auf die Preise für Flugtickets hat sich der Preis indessen noch nicht gross ausgewirkt. Wegen langfristigen Verträgen bei den Kerosinlieferungen ist hier die Verzögerung grösser als in anderen Bereichen. Hält die Baisse aber noch lange an, werden auch die Airlines nicht um Preissenkungen herumkommen. Und dies wäre dann definitiv nicht im Interesse des Naturschutzes.

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Über die Autoren
Gabriel Knupfer
Gabriel Knupfer
Gabriel Knupfer ist Redaktor Wirtschaft-Desk RMS für Blick und die Handelszeitung, für die er seit zehn Jahren arbeitet.

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