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Das Problem mit der individuellen Versicherung

Durch persönliche Daten können Versicherungsprämien an das individuelle Risiko angepasst werden. Die neue Ära der Individualisierung kommt aber mit gewissem Ballast.

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Fitness: Krankenkassen bieten bereits Prämienrabatte an, wenn man sich viel bewegt. Keystone RMS

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Schrittzähler am Handgelenk und Fahrtenschreiber im Auto: Persönliche Daten könnten es Versicherungen erlauben, ihren Kunden individuelle Angebote zu machen. Aber leidet darunter der Grundgedanke der Solidarität? Wie Versicherer mit den neuen Möglichkeiten umgehen könnten, untersucht ein Forschungsprojekt.

Junge Männer fahren gefährlicher als Frauen und Ältere und bauen mehr Unfälle. Zumindest im Durchschnitt. Natürlich gibt es auch Vorsichtigfahrer und risikobereite Lenkerinnen. Die Idee, Versicherungsprämien an das individuelle Risiko anzupassen und nicht an «Stereotypen» festzumachen, leuchtet ein.

Dank «Big Data» könnte das möglich sein und Versicherungen diskutieren bereits darüber, persönliche Daten auf diese Weise zu nutzen. Noch ist das Zukunftsmusik, aber diese neue Ära zeichnet sich schon ab: Krankenkassen bieten im Zuge von Zusatzversicherungen bereits - wenn auch bescheidene - Prämienrabatte an, wenn man nachweislich 10'000 Schritte am Tag geht.

Die neue Ära der Individualisierung kommt aber mit gewissem Ballast: So einleuchtend personalisierte Risikoeinschätzung und entsprechende Versicherungsprämie auch sind, steckt darin doch ein grosser Widerspruch zum Solidaritätsprinzip. Und ganz eigene Risiken für die Versicherer und ihre Kunden.





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Chancengleichheit in Gefahr

«Problematisch wird diese Individualisierung für die Kunden dann, wenn jemand das mit Rabatten belohnte Verhalten nicht erbringen kann», erklärt Markus Christen von der Universität Zürich im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda.

Mit Kollegen der Uni Zürich und der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Chur leitet er im Rahmen des neuen Nationalen Forschungsprogramms «Big Data» ein Forschungsprojekt über derlei Fragen zum individualisierten Versicherungswesen.

«Die Idee, präventives Verhalten zu fördern, ist zwar im Prinzip gut», so Christen weiter, «aber man muss die Massnahmen auch individuell auf die Person und ihre Möglichkeiten anpassen.» Je nach genetischer Prädisposition und anderen Umweltfaktoren haben beispielsweise 10'000 Schritte am Tag beim einen mehr, beim anderen weniger positive Auswirkungen auf die Gesundheit.

«Wenn man fair bleiben will, braucht man also immer mehr Daten über das Erbgut und das Verhalten», benennt Christen das Dilemma. «Damit laufen Versicherer über kurz oder lang in Probleme, weil es um besonders schützenswerte Daten geht. Wer schützt diese Daten?»





Nicht zum «Big Brother» werden

Auch bestünde für die Versicherer das Problem, von ihren Kunden betrogen zu werden, beispielsweise wenn Leute das persönliche Fitnessarmband einer joggenden Kollegin geben, um auf die 10'000 Schritte zu kommen. «Um Betrug auszuschliessen, braucht es mehr Überwachung. Das kann dann leicht zur Vertrauenskrise zwischen dem Kunden und seiner Versicherung führen», so Christen.

Ziel des Forschungsprojekts, an dem Managementwissenschaftlerinnen, Psychologen, Ethiker, Juristinnen, Soziologen und auch Fachleute aus der Versicherungsbranche mitwirken, sind Leitlinien für Unternehmen. Wichtig sei dabei insbesondere der Bezug zur Praxis, der durch die Mitarbeit des Rückversicherers Swiss Re gegeben sei.

«Die Gesetzgebung braucht lange, Regeln zu formulieren. Die Versicherungsbranche muss sich daher früh selbst überlegen, welche Grenzen sie sich bei der Nutzung von Big Data setzen will, um ihre Reputation nicht aufs Spiel zu setzen», sagt der Zürcher Forscher. Für diese Entscheidungsfindung soll das Projekt die Grundlagen liefern.



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(sda/ccr)
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