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Das Herz diktiert den Takt

Einst war das Herz der ganz private Schadenposten von Otto Ineichen. Mittlerweile hat der Erfolgsunternehmer die Konsequenzen aus seinem Herzinfarkt gezogen und seine Lebensgewohnheiten radikal verΓ€ndert.

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Die Hand mit dem erhobenen Zeigefinger auf knallrotem Grund signalisiert unmissverstΓ€ndlich: Β«Aufgemerkt, Leute!Β» Das Logo passt perfekt zu Otto’s, dem Schweizer Einkaufsparadies fΓΌr SchnΓ€ppchenjΓ€ger. Und es ist ein Symbol fΓΌr den Unternehmer Otto Ineichen, Alleinbesitzer von Europas grΓΆsstem PosteneinkΓ€ufer mit 75 Filialen, gut 900 Mitarbeitenden, jΓ€hrlich mehr als 7 Millionen Kunden und rund 270 Millionen Franken Umsatz. Beneidenswert braun gebrannt, offensiv gewandet in schwarze Hose, gelbes Hemd und gelben Sakko, schwingt sich der 60-JΓ€hrige mit sportlicher LΓ€ssigkeit hinter den Volant seines schwarzen Porsche, der vor der TΓΌr seines Hauptquartiers im luzernischen Sursee steht – Β«Aufgemerkt, Leute, hier kommt Otto!Β»
Ineichen weiss um den Eindruck, den er bei Leuten hinterlΓ€sst, die ihn bloss oberflΓ€chlich kennen, und freut sich ein StΓΌck weit darΓΌber. Doch hinter der Fassade des Erfolgsunternehmers steckt ein Mensch, der sich und seiner Umgebung gegenΓΌber eingesteht, dass es Momente gibt, in denen ihm nicht nach Powerplay zu Mute ist. Β«Ich reagiere sehr sensibel auf negativen StressΒ», sagt Ineichen. Die Folgen sind ein rasant steigender Blutdruck und SchwindelgefΓΌhle.
Vor wenigen Jahren gehΓΆrten solche Situationen zum Alltag von Otto Ineichen: Β«Ich regte mich dauernd auf, ging wegen Kleinigkeiten in die Luft und war ausgesprochen ungeduldig.Β» Mittlerweile hat Ineichen seine Verhaltensmuster radikal umgekrempelt. Einer seiner wichtigsten GrundsΓ€tze lautet: Β«Du wirst nie mehr aggressiv.Β» Ein zweiter: Β«Du verlierst nie mehr die Fassung.Β» Dazu hΓ€lt er sich strikt daran, dass es Β«keine Probleme, sondern nur HerausforderungenΒ» gibt und dass er Β«im Negativen stets das Positive suchenΒ» soll.

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Das klingt nach einer angelesenen WeichspΓΌlphilosophie. Fehlanzeige. Bei Ineichen diktierte das Herz den neuen Takt. 1991, kurz nach dem erfolgreichen Vorstoss von Otto’s in die Romandie und dem Bezug des neuen, viergeschossigen Lager- und VerwaltungsgebΓ€udes in Sursee, erlitt der Unternehmer einen Kreislaufkollaps. Β«Ich hatteΒ», gesteht er, Β«Raubbau an meinem KΓΆrper betrieben. Deshalb rebellierte er.Β» Zwar begann er, auf seine ErnΓ€hrung zu achten und zu joggen, doch seiner Ungeduld und seiner aufbrausenden Art setzte er keine Schranken, stete kleine Alarmsignale blendete er aus. 1993 der Schock: Herzinfarkt. 10 000 Menschen sterben jΓ€hrlich in der Schweiz an einem Herzstillstand oder -infarkt. Otto Ineichen wurde ins Spital Sursee eingeliefert. Um das Risiko eines weiteren Infarktes zu vermindern, wurden im Kantonsspital Basel Verengungen der linken Herzkranzarterie ausgeweitet.
Das Powerplay konnte weitergehen, der Erfolg gab Ineichens FΓΌhrungsstil Recht: Er hantierte selbstherrlich am Ruder, verheizte Kader und pushte den Umsatz zwischen 1995 und 1996 erstmals ΓΌber die 100-Millionen-Marke. WΓ€hrend die GeschΓ€fte rundliefen, begann Ineichens Herz erneut zu stottern. 1997 bereitete die rechte Kranzarterie massive Probleme, im Jahr darauf war nach einem nahezu vollstΓ€ndigen Verschluss des Hauptastes der linken Kranzarterie eine neuerliche Ausweitung unumgΓ€nglich. Jetzt war selbst fΓΌr jemanden wie Otto Ineichen der Augenblick zur Ein- und Umkehr gekommen, zumal mittlerweile sein Γ€lterer Bruder mit 59 Jahren an einem Herzinfarkt und an Zuckerkrankheit gestorben war. Β«Es ist extrem schwierig, seinen Charakter zu Γ€ndernΒ», sagt Ineichen, Β«doch ich wusste, dass es meine einzige Chance sein wΓΌrde.Β» Und wohl auch die letzte, sollte sein Herz nicht zum traurigen Sinnbild des Namens werden, unter dem er sein Unternehmen 1978 gegrΓΌndet hatte: Β«Otto’s SchadenpostenΒ».

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Mit derselben RegelmÀssigkeit, mit der er früher an die Decke ging, joggt er heute allmorgendlich eine Stunde. Dabei geht es ihm nicht nur um seinen Kreislauf, sondern auch um seine mentale Form: «WÀhrend des Laufens kann ich mich auf den Tag einstellen. Wenn ich das nicht konsequent tue, lÀuft garantiert etwas schief.» Über Mittag hÀlt Ineichen eine Stunde Siesta; wenn er wegen geschÀftlicher Verpflichtungen unterwegs ist, dâst er durchaus auch einmal auf einem Parkplatz in seinem Wagen. Zwei- oder dreimal wâchentlich setzt er sich auf sein Bike, er lÀuft im Sommer zwei, drei Marathons, er schwimmt fast tÀglich im Sempachersee, und im Winter bestreitet er den Engadiner Skimarathon, «nicht mâglichst schnell, sondern geduldig und mit Genuss», wie er sagt. ErgÀnzt wird das sportliche Programm durch wâchentlich eine Kârper- und eine Fussreflexzonenmassage. Was Wunder, fühlt sich Otto Ineichen fit.
Trotzdem lassen sich einzelne Momente, in denen seine innere Ruhe ins Wanken gerÀt, nicht ganz vermeiden. Innert Minuten schnellt der obere Blutdruckwert dann von 130 auf 160 hoch, und es stellen sich Schwindelgefühle ein. Ineichen kennt die Alarmzeichen und nimmt sie ernst: Mit autogenem Training kann er seinen Blutdruck innert kürzester Zeit wieder auf seinen Sollwert senken. Notfalls unterbricht er auch Sitzungen, um sofort mit den Übungen beginnen zu kânnen: Das Herz hat Vorrang. Und wenn er denn doch nicht auf sein Herz hâren will? «Meine Assistentin und meine engsten Mitarbeiter kennen mich sehr gut. Wenn sie wÀhrend einer aufreibenden Sitzung merken, dass ich stressbedingte Probleme bekomme, sprechen sie mich darauf an. Dann weiss ich, was ich zu tun habe.»

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Solche Verhaltensmuster erfordern ein unΓΌblich offenes VerhΓ€ltnis zwischen einem Unternehmer und seinen Mitarbeitern, und das gibt es bei Otto’s ganz offensichtlich. Β«FrΓΌher war ich ein Raubein und ein Patriarch, impulsiv, autoritΓ€rΒ», sagt Ineichen. Seine Herzprobleme hΓ€tten nicht nur sein Gesundheitsverhalten verΓ€ndert, sondern auch diese CharakterzΓΌge und damit seinen FΓΌhrungsstil. Β«Chrampfen mΓΌssen wir alleΒ», heisst eine seiner Devisen, Β«doch man kann dafΓΌr sorgen, dass es dabei so positiv wie mΓΆglich zugeht.Β»
An Sitzungen werde hΓ€ufig gelacht, der Unternehmer kennt viele Mitarbeiter persΓΆnlich und erkundigt sich bei Gelegenheit auch nach ihrem privaten Wohlergehen, DienstjubilΓ€en werden gefeiert, gute Leistungen werden ΓΆffentlich gelobt und Fehler im Dialog besprochen, ΓΌber den GeschΓ€ftsgang wird offen informiert – ein ganzer Strauss an und fΓΌr sich simpler Massnahmen, die, so Ineichen, Β«fΓΌr ein im Wortsinn herzliches Betriebsklima sorgenΒ». Und fΓΌr jene VorfΓ€lle, denen nicht mehr mit Herzlichkeit beizukommen ist, hat Otto Ineichen sich den Zwang zur Geduld auferlegt: Β«Statt zu explodieren, setze ich mich hin und schreibe meine Gedanken auf. Am Tag darauf lese ich das Geschriebene und reagiere dann allenfalls scharf, aber ruhig.Β»

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Das sagt sich einfach. Doch wer den Unternehmer ΓΌber sein Engagement bei der Langenthaler Softwareschmiede Miracle reden hΓΆrt, nimmt ihm ab, dass er sich negativen Stress vom Leib zu halten und Ruhe zu bewahren gelernt hat: Manche Million hat er im letzten Jahr beim missratenen Versuch, das schlingerne Unternehmen zu retten, in den Sand gesetzt. Β«Das hat weh getan, aber ich kann der Sache durchaus auch positive Seiten abgewinnenΒ», sagt er und verweist darauf, dass die Negativerfahrungen fΓΌr Otto’s hilfreich bei der EinfΓΌhrung des neuen Warenbewirtschaftungssystems Bison Solution waren.
Seinen Einsatz fΓΌr Miracle sieht er noch aus einem ganz anderen Grund als Gewinn: Β«Zwischen Oktober und Dezember letzten Jahres hatte ich fast keine Zeit, mich um Otto’s zu kΓΌmmern. So konnte sich mein Sohn Mark ungestΓΆrt in seine Rolle als zukΓΌnftiger GeschΓ€ftsfΓΌhrer einarbeiten.Β» TatsΓ€chlich ist die familieninterne Nachfolgeregelung Β«das bisher stressigste Unterfangen in meiner UnternehmerlaufbahnΒ», so der Vater von vier SΓΆhnen, der sich in diesen Wochen aus dem TagesgeschΓ€ft zurΓΌckzieht und sich als VerwaltungsratsprΓ€sident nur noch um strategische Belange kΓΌmmert. Β«Schwierig, ja sehr schwierigΒ» seien die Auseinandersetzungen mit dem Sohn zuerst gewesen, dann aber habe sich das Positive durchgesetzt – einmal mehr.

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Daran glaubt Otto Ineichen auch bei seinem jΓΌngsten Projekt. Er ist angetreten, das Schweizer Gesundheitswesen vor dem Kosteninfarkt zu retten, wenn nΓΆtig mit einer Volksinitiative. Wenn seine Vision eines Β«ganzheitlichen AnsatzesΒ» Wirklichkeit wird, werden alle gleichermassen Opfer bringen mΓΌssen: Γ„rzte, Krankenkassen, Pharmaindustrie und Patienten. AuslΓΆser fΓΌr Ineichens Offensive ist sein Wille, Β«noch einmal etwas Grosses zu bewegenΒ». Hintergrund ist das Wissen, das er sich in intensivem Faktenstudium angeeignet hat. Antrieb ist nicht zuletzt seine eigene Geschichte: Β«Meine Herzprobleme haben mich gelehrt, die Verantwortung fΓΌr meine Gesundheit so weit wie mΓΆglich selbst zu ΓΌbernehmen.Β» So gesehen, stΓΌrzt sich Otto Ineichen buchstΓ€blich mit Herzblut in die gesundheitspolitische Auseinandersetzung.

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