Gemeinsam an die SpitzeΒ» will Coop-Chef Hansueli Loosli seine ΓΌber 45 000 Mitarbeiter fΓΌhren. Als Β«VisionΒ» bezeichnet man bei Coop die derart hoch gehΓ€ngte Messlatte β und erst auf die Frage, ob damit auch das Γberholen der Migros gemeint sei, meint Loosli mit einem verschmitzten LΓ€cheln: Β«Ich habe ja nicht gesagt, an die Spitze von was.Β»
In einem jedenfalls ist Coop in jΓΌngerer Zeit unbestreitbar Spitze, zumindest im Vergleich zum Branchenprimus Migros. Denn die verzeichnet zwar immer noch und mit gehΓΆrigem Sicherheitsbstand den grΓΆssten Detailhandelsumsatz des Landes, entfaltet aber nicht eben das Bild eines dynamischen, flexiblen und zukunftsorientierten Unternehmens, wie Coop das heute tut. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht Coop-Mitteilungen verbeitet werden, die UmwΓ€lzungen in der Gruppe signalisieren: Anton Felder wird VerwaltungsratsprΓ€sident, Simeco-Chef Thomas DΓ€hler geht Β«im gegenseitigen EinvernehmenΒ», Coop Leben wird zur AG.
Dabei galt Coop bis vor wenigen Jahren als ein eher betuliches Unternehmen, das kaum zu raschen EntschlΓΌssen und radikalen Γnderungen neigte, wΓ€hrend die Migros unentwegt als jenes Unternehmen galt, das den schweizerischen Detailhandel revolutioniert hat, auch wenn vom revolutionΓ€ren Dutti-Geist nicht mehr allzu viel zu verspΓΌren war. Die schon seit lΓ€ngerem dringend nΓΆtige VerΓ€nderung der Organisationsstrukturen ging auch bei der Coop eher schleppend voran: Ein halbes Jahrhundert benΓΆtigte das Unternehmen fΓΌr die erste Phase des Umbaus β von 572 Genossenschaften mit 1900 LΓ€den, knapp 550 000 Mitgliedshaushalten und einem Umsatz von 720 Millionen Franken im Jahre 1950 zu 14 Genossenschaften mit knapp 1000 LΓ€den (aber fast dreimal so grosser VerkaufsflΓ€che), zwei Millionen Mitgliedshaushalten und einem Gruppenumsatz von 13 Milliarden Franken im Jahre 2000.
In den letzten paar Jahren freilich hat der nur langsam erwachte Riese einen veritablen Adrenalinschub bekommen, symbolisiert durch den Dynamiker Hansueli Loosli. Als wir ihn damals zum Β«Mann des MonatsΒ» erklΓ€rten β gegen seinen ausdrΓΌcklichen Wunsch und dann doch irgendwie zu seiner insgeheimen Freude β, wurde gerade Β«der vorlΓ€ufig letzte SchrittΒ» der Redimensionierung von 15 auf 14 Genossenschaften vollzogen. Loosli fΓΌhrte aus, wie er die ganze Gruppe dynamisieren und dabei die noch verbleibenden 14 regionalen Genossenschaften einbeziehen wolle. Ein paar Wochen spΓ€ter war von 14 Genossenschaften schon gar nicht mehr die Rede.
Denn der grosse Sprung nach vorn war damals zwar schon in der Pipeline, definitiv beschlossen und kurz vor der Umsetzungsphase β aber darΓΌber sprach Loosli nicht, bevor er ganz sicher war, dass wirklich alle RegionalfΓΌrsten mitmachen wΓΌrden. Und dann gab Loosli bekannt, was beinahe einer NeugrΓΌndung der Coop gleichkommt: Die 14 verbliebenen Genossenschaften werden zu einer einzigen fusioniert, deren mehr als zwei Millionen Mitglieder ΓΌber sechs RegionalrΓ€te die Delegiertenversammlung und die Mehrheit des Verwaltungsrates wΓ€hlen, der wiederum die GeschΓ€ftsleitung bestimmt.
FΓΌr diesen Plan, der unter dem Zeichen Β«Coop forteΒ» segelt, erhielt Loosli den Auftrag im September 1998. Bis zum Herbst 1999 war er beschlussreif und wird seit nunmehr sechs Monaten umgesetzt. Die Umsetzungsphase begann am 1. Januar 2001 mit einem Paukenschlag, mit dem einschneidendsten Schritt des ganzen Plans, der finalen Fusion zu einer einzigen Genossenschaft. Bis zum Jahre 2004 soll die Β«neue CoopΒ» ihre definitive Struktur erreicht haben, und dann sollen alle neuen Systeme funktionstΓΌchtig sein.
Die Coop-Gruppe wird damit zum zentral gefΓΌhrten Detailhandelsunternehmen, wenn auch mit eingebauten Sicherungen: Um regionale Verankerung und KundennΓ€he sicherzustellen, werden fΓΌnf Verkaufsregionen geschaffen, deren Einteilung auch in der Logistik und in der Immobilienverwaltung gilt. Coop wird zur Dachmarke fΓΌr alle AktivitΓ€ten innerhalb der Gruppe, mit ganz wenigen Ausnahmen. Aus dem extrem fΓΆderalistisch aufgebauten, traditionell gewachsenen Gebilde wird ein schlagkrΓ€ftiges, schnell reaktionsfΓ€higes Unternehmen.
Der starke Mann und die treibende Kraft in diesem Gebilde ist fraglos Hansueli Loosli, auch wenn er gerne damit kokettiert, dass er einen Chef habe, der ihn genau kontrolliere, nΓ€mlich den hauptamtlichen VerwaltungsratsprΓ€sidenten Anton Felder und letzten Endes den ganzen, heute noch 23-kΓΆpfigen Verwaltungsrat (ab 2004 noch 11 Mitglieder).
TatsΓ€chlich ist es eigentlich das Gespann Loosli-Felder, das in der Coop den Ton angibt: Loosli als der ungeduldige, dynamische Macher, Felder als eine Art Elder Statesman, der in seiner aktiven GeschΓ€ftsfΓΌhrungszeit in vielen Dingen den Boden fΓΌr Loosli vorbereitet hat und ihm heute gegenΓΌber den immer noch mΓ€chtigen Traditionalisten in der Gruppe den RΓΌcken freihΓ€lt.
Denn noch ist die neue Coop nicht vollstΓ€ndig in Aktion. Β«OrganisatorischΒ», sagt Loosli, Β«haben wir ungefΓ€hr die HΓ€lfte realisiert, in der Logistik sind wir in den ersten 20 Prozent, und in der Informatik stecken wir, was die Warenbewirtschaftung angeht, noch in der Vorbereitungsphase; das wird bis 2004 dauern.Β» Insgesamt aber ist Loosli guter Dinge: Die Gruppenstruktur steht, die FΓΌhrungsstruktur lΓ€uft β zumindest beim harten Kern von rund 250 auf die neue Strategie eingeschworenen Kadern β, und der Umsatz in den ersten fΓΌnf Monaten dieses Jahres ΓΌbertrifft mit plus vier Prozent sowohl den Branchendurchschnitt als auch die Erwartungen.
Der gewaltige Umbau ist nicht gratis. In der Rechnung 2000 schlΓ€gt er sich sogar in Gestalt eines Jahresverlustes nieder. Denn der Betriebsgewinn von 570 Millionen wird zu einem Gutteil von den durch den Umbau bedingten RΓΌckstellungen (364 Millionen) und vom Ergebnis der Finanzrechnung (minus 171 Millionen) aufgefressen, und der Nachschlag von 200 Millionen Franken, den Coop der Basler Kantonalbank fΓΌr zu spΓ€t entdeckte Verlustrisiken bei der ausgelagerten Coop Bank ΓΌberweisen musste, fΓ€rbte die Jahresrechnung 2000 definitiv rot ein.
Das ist aber fΓΌr Hansueli Loosli kein Grund zur Beunruhigung. Die massiven RΓΌckstellungen wurden auch fΓΌr Ausgaben getΓ€tigt, die erst in den kommenden Jahren anfallen, dΓΌrften sich dann also segensreich auf die Rechnung auswirken. Und der Nachschlag in Sachen Coop Bank deckt das maximale Verlustrisiko; wie viel davon gebraucht wird, wird sich erst in den kommenden Monaten herausstellen β und dann kΓΆnnte sogar die eine oder andere Million zurΓΌckfliessen.
Loosli geht davon aus, dass sich der ganze Umbau aus eigener Kraft finanzieren lΓ€sst. Die im Vergleich zur Migros dΓΌnnere Eigenkapitaldecke schreckt ihn dabei nicht. Erstens hΓ€lt er sie nicht fΓΌr zu klein β 29 Prozent der Bilanzsumme nach dem Verlustabschreiber 2000, auch wenn 35 Prozent angestrebt werden β, unter anderem weil allein in der Bewertung der Liegenschaften noch stille Reserven von gut und gerne zwei Milliarden Franken schlummern. Und zweitens gedenkt er den ganzen Umbau und die ΓΌbrigen Investitionen aus den laufenden ErtrΓ€gen zu finanzieren: Β«Wenn wir wie im letzten Jahr einen Cashflow von ΓΌber einer Milliarde erzielen und davon 80 Prozent investieren, ist das ΓΌberhaupt kein Problem.Β»
Doch genau das ist das Problem. Die Loosli-Formel von ΓΌber acht Prozent Cash-flow-Marge zu realisieren, ist im Detailhandel keine einfache Sache. Schliesslich hat Hans-ueli Loosli selber in anderem Zusammenhang schon verkΓΌndet, die Detailhandelspreise in der Schweiz seien um 20 Prozent zu hoch, was ihm umgehend den Zorn der Bauern eintrug. Dabei meinte er nicht einmal in erster Linie die Erzeugerpreise in der Landwirtschaft. Die sind zwar deutlich hΓΆher als in allen europΓ€ischen NachbarlΓ€ndern, aber das hΓ€ngt vor allem mit der topografischen Struktur des Landes zusammen, die wir ja nicht Γ€ndern kΓΆnnen. Diese Struktur, so Loosli, kΓΆnnte der schweizerischen Landwirtschaft sogar zum Vorteil gereichen. Die geringere GrΓΆsse der durchschnittlichen Produktionseinheit erleichtert den Γbergang zu integrierten oder biologischen Herstellungsmethoden β und fΓΌr diese Produkte bezahlt der Schweizer Konsument gerne etwas mehr. Was einerseits den Totalabsturz der Erzeugerpreise verhindert, andererseits dem Handel stabilere Margen ermΓΆglicht.
Dennoch: Γber die ganze Breite des Sortiments ist tendenziell eher mit sinkenden Preisen und zunehmendem Margendruck zu rechnen, sodass Looslis Prognose eines mittelfristig stabilen Cashflows doch ziemlich waghalsig ist. Es sei denn, neue Produktsegmente und VertriebskanΓ€le sorgten fΓΌr das nΓΆtige zusΓ€tzliche Volumen, um das Cashflow-Ziel von mehr als einer Milliarde zu erreichen. Und genau daran arbeitet Hansueli Loosli mit Hochdruck.
Unter dem alles ΓΌberspannenden Dach der neuen Coop-Marke etabliert Loosli eine klare Markenhierarchie und eine Differenzierung der VertriebskanΓ€le. An der Spitze der Markenhierarchie stehen die so genannten Kompetenzmarken (Coop Naturaplan, Coop Naturaline, Coop Oecoplan, Cooperacion/ Max Havelaar), mit denen sich Coop als Leader im Markt fΓΌr umwelt- und sozialvertrΓ€gliche Produkte positioniert. Dieses ursprΓΌnglich hauptsΓ€chlich von Anton Felder gefΓΆrderte Segment erzielte im vergangenen Jahr bereits einen Umsatz von 750 Millionen Franken β mit stark steigender Tendenz (erste fΓΌnf Monate 2001: plus 38 Prozent). Damit ist Coop nicht nur in der Schweiz der Leader: Gemessen am Bio-Anteil am Lebensmittelumsatz, gehΓΆrt Coop in Europa zu den drei GrΓΆssten. Bei den Markenartikeln achtet Coop vor allem auf den Bekanntheitsgrad, das QualitΓ€tsimage und die Innovationskraft; dieser Teil des Sortiments sorgt sozusagen fΓΌr den Glamour in den Verkaufsregalen. Und die Coop-Eigenmarken, das Β«Brot- und ButtergeschΓ€ftΒ» der Gruppe, spielen vor allem auf der Preisschiene, indem die gleiche QualitΓ€t wie bei den Markenprodukten, aber zu unschlagbarem Preis geboten werden soll.
Den Margendruck mildern sollen vor allem die zusΓ€tzlichen VerkaufskanΓ€le β von den etablierten Coop-Bau-und-Hobby-MΓ€rkten ΓΌber die umbenannte Coop-MineralΓΆl-Kette bis zu den neuen Ketten Coop Pronto und Coop Vitality. Mit Coop Pronto sind kleinflΓ€chige Convenience-Shops mit langen Γffnungszeiten fΓΌr den eiligen Konsumenten gemeint. 140 davon sollen bis zum Jahr 2005 in Betrieb sein, die HΓ€lfte davon integriert ins Coop-Tankstellennetz; ein tankstellenunabhΓ€ngiger Shop ist bereits seit August 2000 in Montreux im Testbetrieb β mit gutem Erfolg.
Coop Vitality beruht auf der Zusammenarbeit zwischen der Pharma-Grosshandelsfirma Galenica und der Coop-Tochter Impo Import ParfΓΌmerien. Der Pilotbetrieb in St. Gallen ist seit November 2000 in Betrieb und verzeichnet tΓ€glich 500 Kunden, die sich dort mit ParfΓΌmerieartikeln, Baby-Care, Gesundheitsnahrung und Pharmaprodukten eindecken kΓΆnnen, wobei die pharmazeutische Abteilung von selbststΓ€ndigen Apothekern gefΓΌhrt wird. Mit der Vitality-Linie will Coop bis ins Jahr 2005 in 50 Filialen 250 bis 300 Millionen Franken umsetzen.
Mit der Coop Galerie du Vin will das Unternehmen seine bereits fΓΌhrende Stellung im Weinhandel weiter ausbauen: In 30 Filialen β MΓΌnchenstein bei Basel und Caroline in Lausanne sind bereits im Betrieb β wird nicht nur Wein, sondern auch fachkundige Beratung angeboten. Γberdies funktioniert Galerie du Vin auch ΓΌber das Internet.
Klare MarkenfΓΌhrung, neue margentrΓ€chtige VertriebskanΓ€le, eine neu strukturierte Logistik, zentralisierte Warenbewirtschaftung (die Einrichtung der Hard- und Software wird rund 60 Millionen verschlingen), ein neues Ladendesign (ausgetestet in einem Β«LaborladenΒ» in Winterthur) und dazu das neue Logo und die neue Arbeitskleidung fΓΌr die Mitarbeiter werden das Gesicht der Coop-Gruppe in den nΓ€chsten Jahren drastisch verΓ€ndern. Und so wird sie vermutlich den Weg Β«gemeinsam an die SpitzeΒ» tatsΓ€chlich finden. An welche Spitze, das wird uns Hansueli Loosli dann gewiss auch noch verraten.