Wenn Eric Tveter daheim das TV-GerΓ€t anschaltet, erlebt er Kabelfernsehen, wie es sein sollte: einen tadellosen Service. Einen Kundendienst mit einem hervorragenden Ruf. Ein stΓ€ndig wachsendes Programmangebot, kombiniert mit lukrativen Telefonie- und Internetangeboten.
Wenn Eric Tveter im BΓΌro das TV-GerΓ€t anschaltet, erlebt er bisweilen Kabelfernsehen, wie es nicht sein sollte: einen Service, der immer mal wieder nicht funktioniert. Einen Kundendienst mit einem desastrΓΆsen Ruf. Zwischenzeitlich gar die Abschaltung von Programmen, was die KonsumentenschΓΌtzer auf die Barrikaden und die Politiker zum Einschreiten trieb.
Das Problem von Eric Tveter: Daheim in KΓΌsnacht empfΓ€ngt er das Programm des lokalen Kabelnetzbetreibers GGA Maur, den viele Experten fΓΌr einen der besten des Landes halten. Im BΓΌro in ZΓΌrich empfΓ€ngt er das Programm des schweizweiten Kabelnetzbetreibers Cablecom, den viele fΓΌr den schlechtesten des Landes halten. Die Mission von Eric Tveter: genau das zu Γ€ndern.
Am Pranger. Seit einem halben Jahr ist der 51-jΓ€hrige Amerikaner Chef der Cablecom, und sein Job ist neben der Sanierung der UBS der vermutlich schwierigste, den die Schweizer Wirtschaft derzeit zu vergeben hat: Cablecom ist die meistgehasste Firma des Landes. Keine Woche, in der die Firma nicht wegen irgendwelcher Fehlleistungen am Pranger steht. Das Vertrauen bei den Konsumenten ist in weiten Teilen zerstΓΆrt, die Kundenzahlen seit Jahren rΓΌcklΓ€ufig. Β«Cablecom hat der ganzen Branche ein miserables Image gegebenΒ», schimpft der Chef eines grossen Telekomanbieters. Selbst der eigentlich zur NeutralitΓ€t verpflichtete Chef der Kommunikationkommission (ComCom), Marc Furrer, kritisiert ΓΆffentlich: Β«Cablecom hat in den letzten zwei Jahren extrem an Terrain verloren, obwohl die Ausgangslage exzellent war.Β» Derart multimorbid ist das Unternehmen, dass auch Tveter weiss: Β«Es gibt kein Allheilmittel.Β»
Also hat er unter dem Dachslogan Β«We change for youΒ» 18 Einzelinitiativen initiiert, um das Unternehmen wieder auf die Beine zu bringen. Wichtigster Ansatzpunkt: der Kundendienst. Tveter hat zehn Prozent mehr Personal dafΓΌr eingestellt, jeden einzelnen BerΓΌhrungspunkt mit den Kunden analysieren lassen. Hat die internen AblΓ€ufe vereinfacht. Hat klare Verantwortlichkeiten geschaffen. Hat die 200 obersten Kaderleute zu Hausbesuchen bei unzufriedenen Kunden verdonnert. BlΓ€ut den Mitarbeitern ein amerikanisches ServiceverstΓ€ndnis ein: Β«Unter dem Ingenieur Rudolf Fischer stand die Technologie im Zentrum, unter Tveter ist es der KundeΒ», analysiert ein Berater den Unterschied zum VorgΓ€nger.
Tveter ruft schon mal den Sieg aus: Heute, sagt er, werden alle Anrufe im Schnitt in weniger als einer Minute beantwortet und die meisten Probleme im ersten Anlauf gelΓΆst. Von ursprΓΌnglich 70ββ000 offenen FΓ€llen seien inzwischen 60ββ000 abgearbeitet worden. Der Kundendienst sei inzwischen sehr viel besser als sein Ruf: Β«Die Wahrnehmung hinkt der RealitΓ€t hinterherΒ», ist sich Tveter sicher.
Wunschdenken. Β«Der Kundendienst hat sich zwar verbessert, wir erhalten etwas weniger Beschwerden. Mehr hΓ€tten es aber auch nicht werden kΓΆnnenΒ», sagt Andreas TschΓΆpe von der Stiftung fΓΌr Konsumentenschutz. Β«Und die Cablecom ist diesbezΓΌglich immer noch auf einem unserer SpitzenplΓ€tze.Β» Zwar konnte die Abwanderung im letzten Quartal gestoppt werden, auch dank neuen Bundling-Angeboten. Tveter sieht darin einen Β«substanziellen TurnaroundΒ». Doch noch immer entscheiden sich 82 Prozent aller Neukunden im Digitalfernsehen fΓΌr den Konkurrenten Swisscom TV β Β«ein Armutszeugnis fΓΌr die CablecomΒ» nennt das ein Berater. Auch bei Internet und Telefonieangeboten stagnieren die Benutzerzahlen. Das Mobilfunkangebot ist mit weniger als 10ββ000 Kunden bereits seit langem ein Flop.
Tveter spart nicht mit Kritik an seinem VorgΓ€nger Rudolf Fischer, der das Unternehmen ab 2001 geleitet hatte: Β«FΓΌhrungsmΓ€ngel im Kundenfokus ΓΌber einen langen ZeitraumΒ» habe der Amerikaner bei seiner Ankunft festgestellt, zudem Silodenken und ein Mangementteam, das nicht am gleichen Strick zog. Entsprechend rΓ€umte er in der GeschΓ€ftsleitung auf: Frank Boller, die Nummer zwei und lange selber ein Kandidat auf den Chefposten, musste gehen, weil seine Funktion von Marketing und Verkauf aufgetrennt wurde. Β«Ich habe mich entschieden, einen klaren Schlussstrich zu ziehenΒ», sagt Tveter. Doch nun muss er die Schnittstellenprobleme zwischen Marketing und Verkauf selber lΓΆsen.
Sein Managementteam ist polyglott. Der neue Marketing- und Produktentwicklungschef ist Belgier, der neue Verkaufschef HollΓ€nder, der Finanzchef ebenfalls, der neue CIO Amerikaner, der Staabschef Deutscher. GefΓ€hrlich in einem solch politischen und lokal verwurzelten Markt. Β«Ich glaube zu verstehen, wie es hier lΓ€uftΒ», sagt Tveter. Wenn sich der Mann aus Brooklyn da mal nicht tΓ€uscht: Bereits bei Sunrise hat man gesehen, wie das Unternehmen stagnierte, als es von einer weitgehend dΓ€nischen FΓΌhrungscrew unter Kim Frimer gesteuert wurde.
Logo Verschwindet. FΓΌr Tveter, Golfspieler mit Handicap 13, spricht die Erfahrung, die er sich in seiner langjΓ€hrigen Karriere bei verschiedenen Kabelfirmen in England und den USA geholt hat. Er ist keiner, der die Leute mitreisst. Wenn er spricht, tut er dies leise, langfΓ€dig und mit vielen amerikanischen Management-Phrasen. Von Β«end-to-end integrated customer experienceΒ» schwΓ€rmt er dann mit sanfter Stimme, von Β«empowermentΒ» und Β«building momentumΒ». Seine GlaubwΓΌrdigkeit beruht auf anderem: auf seinem Track Record (unter anderem als Sanierer der britischen Telewest) und seiner sorgfΓ€ltigen Analyse. Tveter funktioniert zahlenorientiert, hΓΆrt gut zu, entscheidet dann schnell, ist ein Hands-on-Typ. Die Sitzungskadenz hat er massiv erhΓΆht. Die Kader mΓΌssen neu jeden Monat detaillierte Analysen ΓΌber den GeschΓ€ftsgang vorlegen. Β«Die Leute am Hauptsitz arbeiten jetzt deutlich mehrΒ», sagt ein Berater. Ein neuer Wind weht an der ZΓΌrcher Zollstrasse. Β«Auf den ersten beiden FΓΌhrungsebenen setzt ein MentalitΓ€tswandel einΒ», hat ein anderer Consultant festgestellt.
Auch Γ€usserlich will Tveter mit der Vergangenheit abschliessen. NΓ€chstes FrΓΌhjahr soll das Cablecom-Logo verschwinden, die Firma wird dann β wie fast ΓΌberall in Europa β unter dem Logo ihrer Amsterdamer Mutter UPC auftreten. 20 bis 40 Millionen dΓΌrfte das schweizweite Rebranding kosten, schΓ€tzt Stefan RΓΌssli von der Markenberatung Assessa. Doch bis dahin muss die ServicequalitΓ€t der Cablecom ΓΌber jeden Zweifel erhaben sein, sonst ist die neue Marke ebenso schnell ruiniert wie die alte.
Technologisch verfolgt UPC ebenfalls den europΓ€ischen Einheitsansatz. Das spart der Firma zwar Kosten, bringt dem Kunden aber Nachteile. Als Cablecom nach der Γbernahme die neue Generation der HD-Recorder einfΓΌhrte, war dieses UPC-Einheitsmodell fΓΌr den Schweizer Kunden ein RΓΌckschritt in Sachen Bedienerfreundlichkeit gegenΓΌber der bisherigen Schweizer LΓΆsung. Die Cablecom musste gar monatelang dafΓΌr kΓ€mpfen, dass ΓΌberhaupt ein Videotext-Decoder in das GerΓ€t eingebaut wurde β ein Feature, das in anderen LΓ€ndern kaum gefragt ist. Nun droht die EinfΓΌhrung einer neuen Generation von Set-Top-Boxen, um den verschΓ€rften Anforderungen an den Standby-Verbrauch Rechnung zu tragen. FΓΌr die Schweizer Kunden wird dies wiederum ein spΓΌrbarer RΓΌckschritt sein: Das einzige Modell in Libertys Produktpalette, das den hiesigen Energievorschriften GenΓΌge tut, hat nur zwei Tuner statt der bisherigen drei β damit ist es nicht mehr mΓΆglich, zwei Sendungen aufzunehmen und gleichzeitig eine dritte anzuschauen. Β«Ein adΓ€quates AngebotΒ» nennt Tveter die funktionsreduzierten GerΓ€te trotzig und verspricht fΓΌr nΓ€chstes Jahr verbesserte Features.
Das Hauptproblem freilich wird Tveter nicht selber lΓΆsen kΓΆnnen. Es ist die Finanzpolitik des Mutterkonzerns Liberty Global: Β«Der agiert wie ein FinanzinvestorΒ», sagt ein ehemaliger Kadermann, Β«die Manager dort denken von Quartal zu Quartal, es gibt keine langfristige Strategie.Β» Liberty hat nach einer aggressiven Wachstumsstrategie rund 21 Milliarden Schulden (bei einem Umsatz von 10,6 Milliarden Dollar), ist defizitΓ€r und muss sich stΓ€ndig refinanzieren. Gerade erst hat der Konzern weitere fΓΌnf Milliarden Dollar fΓΌr den deutschen Kabelanbieter Unitymedia ausgegeben. Um neues Kapital zu bekommen, muss Liberty Wachstum nachweisen. Jedes Jahr 13 Prozent Ebitda-Wachstum erwartet man am Hauptsitz in Denver daher von der Cablecom. Um die Vorgabe zu erreichen, griff das ZΓΌrcher Management in den letzten Jahren zu teilweise harten Massnahmen: 2008 wurden zehn Prozent der Belegschaft abgebaut. Um die Kunden zum Umstieg auf den deutlich teureren HD-Recorder zu bringen, wurde der normale Recorder aus dem Programm genommen. Letztes und dieses Jahr erhΓΆhte die Cablecom die Telefoniepreise, obwohl die Tarife in diesem Markt sonst seit der Liberalisierung nur eine Richtung kennen: nach unten. Doch trotz allem wird die Cablecom das 13-Prozent-Ziel heuer verfehlen, berichten interne Quellen.
Hohe Margen. Mit ihren hohen Margen jenseits der 40 Prozent kΓΆnnte sich Cablecom eigentlich bequem selbst finanzieren. WΓ€re da nicht die kapitalhungrige Mutter in Denver. Er sei nicht gekommen, um die Kuh zu melken, sagt zwar Tveter und verweist darauf, dass Liberty eine Milliarde ins Schweizer Netz investiert habe, gemessen am Cablecom-Umsatz mehr als die Swisscom. Doch das ist normal fΓΌr einen Kabelbetreiber, dessen Netze aufwendiger sind als ein Telefonnetz. Und was soll Tveter auch anderes sagen?
Wohin die AbschΓΆpfstrategie fΓΌhren kann, zeigte sich bereits kurz nach der Γbernahme. Damals brauchte Cablecom zusΓ€tzliche NetzkapazitΓ€t fΓΌr die Digitalprogramme. Doch Liberty wollte die nΓΆtigen Investitionen nicht tΓ€tigen und wies Cablecom stattdessen an, im Netz Platz zu schaffen durch die Abschaltung von Analogprogrammen. Bei den Konsumenten entfachte das einen monatelangen Sturm der EntrΓΌstung. Erst als sich gar der Bundesrat einschaltete, gab Liberty klein bei und sprach das Geld fΓΌr eine ErhΓΆhung der KapazitΓ€t doch noch. Unter dem damals erlittenen Imageschaden leidet die Cablecom bis heute.
Auch das Desaster beim Kundendienst im Sommer letzten Jahres ist auf den kurzen Atem von Liberty zurΓΌckzufΓΌhren. Nach der Akquisition drΓ€ngte sie die Cablecom dazu, auf die eigene CRM-Software Derby zu wechseln. Warnungen der Projektgruppe in ZΓΌrich, das System sei noch nicht ausreichend an Schweizer VerhΓ€ltnisse angepasst, ignorierte man am Europa-Sitz in Amsterdam. Β«Es musste schnell gehen, schliesslich waren die damit beauftragten IT-Berater von Accenture sehr teuerΒ», erinnert sich ein Kadermann. Die EinfΓΌhrung endete im Debakel. Falsche Rechnungen wurden verschickt, die bisherigen Kunden konnten teilweise nicht mehr richtig bedient, neue Kunden monatelang nicht aufgeschaltet werden. Β«Man hΓ€tte sich ein Jahr mehr Zeit lassen mΓΌssenΒ», sagt der Kadermann rΓΌckblickend.
Nun stehen neue Investitionen an, fΓΌr den netzwerkweiten Roll-out des leistungsfΓ€higen Dienstes Fiber Power, fΓΌr die neuen Angebote Video on Demand und Catchup TV. Vorerst kann Tveter sie stemmen. Doch in ein paar Jahren wird fΓΌr Cablecom eine viel grΓΆssere Aufgabe anstehen. Bis dann nΓ€mlich werden die ElektrizitΓ€tswerke und die Swisscom ihren Glasfaserausbau vorangetrieben haben. Dann ist das Kupfernetz der Cablecom β es bedient 1,5 Millionen Haushalte in der Schweiz β nicht mehr wie im Moment das leistungsfΓ€higste der Schweiz, sondern droht langfristig den Anschluss zu verlieren. Tveter wird sich die Grundsatzfrage stellen mΓΌssen: Milliarden dafΓΌr ausgeben, um auch den Glasfaser-Backbone immer nΓ€her an den Kunden zu bringen und so die KapazitΓ€t zu erhΓΆhen? Oder auf den Wettbewerbsvorteil einer eigenen Infrastruktur verzichten und auf den existierenden Glasfasernetzen ein Serviceprovider unter vielen werden? NaturgemΓ€ss plΓ€diert Tveter fΓΌr die erste Variante: Β«Wir haben das Potenzial, Fiber to the Home auszurollen, wenn es wirtschaftlich Sinn ergibtΒ», sagt er. Nur ist fraglich, ob Liberty bei einem solchen Jahrzehntprojekt mitspielt. Β«Das Problem der Kurzfristigkeit wird sich nicht grundlegend Γ€ndernΒ», sagt ein Kadermann. Β«Projekte mit einem Payback jenseits von drei Jahren kann man bei Liberty vergessen.Β»
Die Fusion von Sunrise und Orange macht Tveters Aufgabe nicht leichter β die Rolle der klaren Nummer zwei auf dem Markt spielt nun nicht mehr er. Vor allem wenn Sunrise weiterhin die EntbΓΌndelung der letzten Meile vorantreibt und so selber Zugang zu den Haushalten bekommt. Und wenn Orange und Swisscom demnΓ€chst kombinierte Flatrates fΓΌr Fix- und Mobilfunk auf den Markt bringen. Β«In fΓΌnf Jahren werden 10 bis 20 Prozent der Kunden solche All-inclusive-Angebote habenΒ», schΓ€tzt JΓΆrg Halter von der Telekomberatung Ocha. Tveter wird mit einem deutlich besseren Mobilfunkangebot parieren mΓΌssen. Ein Fokusgebiet ist dies fΓΌr Tveter, er will es Β«massiv neu gestaltenΒ» und prΓΌft Bundling-Angebote fΓΌr Mobilfunk, Internet, Telefonie und TV. Dass er dafΓΌr in grossem Stil Antennen bei Sunrise und Orange einkauft, die nun deren zu viele haben, ist nicht zu erwarten; es wΓΌrde der Cablecom auch wenig bringen. Viel wahrscheinlicher ist eine Vereinbarung als Mobile Virtual Network Operator (MVNO) mit der Swisscom als Partner. Swisscom-Chef Schloter hat entsprechende Flirtsignale bereits ausgesendet. Da trifft es sich gut, dass der bisherige Vertrag mit Sunrise nΓ€chstes Jahr auslΓ€uft.Und last but not least wird Tveter auch das Distributionsnetz massiv erweitern mΓΌssen, will er im Markt nicht den Anschluss verlieren. Mit gerade mal sieben Servicepoints liegt Cablecom deutlich hinter Swisscom (150) und der fusionierten Orange-Sunrise (derzeit 160).
Es ist eine wahrlich herkulische Aufgabe, die der ehemalige Eishockey-FlΓΌgelstΓΌrmer Tveter da vor sich hat. Zumal er sich nicht bloss einen Turnaround vorgenommen hat: Nichts weniger als Β«best in classΒ» soll die Cablecom in drei Jahren sein. Doch es wird ein sehr langer und beschwerlicher Weg sein, bis Eric Tveter nicht nur daheim in KΓΌsnacht perfektes Fernsehen erleben kann.