Die rechte Hand liegt ruhig auf dem Tisch, die Finger der linken, sauber manikรผrt, trommeln auf die schwere Edelholzplatte. Der Blick ruht starr auf der Visitenkarte, die vor ihm liegt. Heute Vormittag, bei den Kundengesprรคchen, soll er gut drauf gewesen sein. Aber eben gerade, als er fรผr das Gesprรคch gebrieft und gekรคmmt wurde, hatte er wieder seine autistische Phase. Sass still da. Starrte ins Leere. Reagierte kaum auf Ansprache.
ยซBill Gates, wenn Sie die Grรผnde fรผr Ihren Erfolg auf drei Punkte reduzieren mรผssten: Welche wรคren es?ยป
Die linke Hand macht eine knappe Bewegung. Bestimmt hat er das schon hunderttausendmal beantwortet. Bestimmt beschรคftigt so ein langweiliges Gesprรคch nur einen Promillebruchteil seiner angeblich exorbitanten Gehirnkapazitรคt. Idle Time nennt man es bei einem Prozessor, wenn Rechenkapazitรคt brachliegt. Computersysteme nutzen sie, um Funksignale aus dem All zu dechiffrieren, Klimaentwicklungen vorherzuberechnen oder Genome zu entschlรผsseln. Vermutlich macht sein Gehirn im Moment genau das Gleiche.
Der Blick hebt sich von der Tischkante, die dunkelblauen Augen schauen ernst durch das ungeputzte Brillenglas. ยซErstens hatten wir immer die Vision, wie wichtig Software ist, und nur darauf haben wir uns fokussiertยป, sagt die nasale Stimme. ยซZweitens verfolgen wir einen sehr langfristigen Ansatz. Und drittens haben wir hochintelligente Leute auf der ganzen Welt dazu angestellt.ยป
Die Softwarebranche steckt in einer tiefen Krise. Microsoft geht es besser denn je. Umsatz 32,2 Milliarden Dollar. Gewinn 9,99 Milliarden. Barmittelbestand รผber 50 Milliarden. Bรถrsenkapitalisierung 280 Milliarden, zusammen mit General Electric die hรถchste der Welt und so viel wie das Bruttoinlandprodukt der Schweiz. Das Unternehmen, das Bill Gates 1975 mit dem spรคter ausgeschiedenen Studienkollegen Paul Allan in einem Hotelzimmer in Albuquerque gegrรผndet hat, ist heute das erfolgreichste der Welt. Von den normalen Wirtschaftszyklen hat es sich lรคngst abgekoppelt.
Seit Jahrzehnten personifiziert Bill Gates Microsoft wie kein anderer Chef sein Unternehmen. Als in den Achtzigerjahren die ersten PCs auf den Markt kamen, fรผhrte er mit seiner Vision ยซEin Computer auf jedem Schreibtischยป die technische Revolution an. Als die Kurse der Technologieaktien in den Neunzigern explodierten, wurde er zum reichsten Mann der Welt. Als Microsoft um den Millenniumswechsel ins Visier der Kartellbehรถrden geriet, verkรถrperte er den hab- und machtgierigen Bรถsewicht.
Bill Gates ist Microsoft. Und Microsoft ist Bill Gates. Kaum ein Konzern wird heute noch so sehr von seinem Grรผnder geprรคgt. Dies ist der wahre Grund fรผr den Erfolg der Softwareschmiede aus Redmond. Denn รผber Jahrzehnte bewies Gates (48) ein einzigartiges Gespรผr fรผr sich anbahnende Verรคnderungen. ยซEr kann Dinge voraussehen, die Normalsterbliche einfach nicht sehenยป, sagt Neil Thompson, Europa-Chef fรผr Home Entertainment bei Microsoft.
Das operative Tagesgeschรคft hat Gates vor drei Jahren an seinen Studienfreund und langjรคhrigen Vertrauten Steve Ballmer abgegeben. ยซChairman, Chief Software Architectยป steht heute auf Bill Gatesโ Visitenkarte.
ยซBill Gates, wie hรคufig kommt es vor, dass Steve Ballmer etwas gegen Ihren Willen entscheidet?ยป
Unter dem Tisch kann man das Tappen der Fรผsse hรถren. Gleich wird er die Arme vor der Brust verschrรคnken und anfangen zu schaukeln wie ein ekstatischer Rabbi, jene Gebรคrde, die zu seinem Markenzeichen wurde und von zahllosen Microsoft-Mitarbeitern imitiert wird.
Das Tappen hรถrt auf. ยซEher selten.ยป
ยซWarum haben sich die ersten zwรถlf Monate nach dem Stabswechsel denn als so schwierig fรผr Sie beide erwiesen?ยป
Der Blick wandert jetzt nicht mehr nach jeder Frage auf die Tischkante zurรผck, sondern ruht auf dem Gegenรผber. ยซSteve und ich haben รผber zwanzig Jahre lang zusammengearbeitet. Wir haben unterschiedliche Stรคrken und Schwรคchen, also war die Rollenverteilung klar, und wir hatten ein sehr effizientes Entscheidungssystem. Als wir die Rollen tauschten, war plรถtzlich nicht mehr klar, wer was zu entscheiden hatte. Es brauchte mehr als ein Jahr, bis wir die alte Effizienz wiedergefunden haben.ยป
Ballmer (47) ist Gatesโ Alter Ego. Energisch, laut, mitreissend. Das Gegenteil vom technologieverliebten, introvertierten, emotional zurรผckhaltenden Gates. Gates ist das Gehirn von Microsoft. Ballmer ist der Muskel. Er strukturiert die Organisation, definiert die Ablรคufe, verteilt die Ressourcen. Und als Marketingmann sorgt er dafรผr, dass Microsoft nicht das Schicksal anderer Computerunternehmen erleidet, die von technologieverliebten Ingenieuren geleitet wurden. Deswegen wirft Microsoft lieber ein unausgereiftes Produkt auf den Markt, um von Anfang an prรคsent zu sein und den ersten Return zu erzielen, als es zur Perfektion zu entwickeln und den Markt zu verpassen. Entsprechend hรคufig sind Microsoft-Produkte, wie Kritiker bemรคngeln, erst in der dritten Version richtig brauchbar.
Fรผr die Umsetzung von Gatesโ Strategie sind die sieben Leiter der Business-Units zustรคndig, die in ihrem Bereich als CEOs funktionieren. Gates hat in den letzten Jahren viel Zeit und Energie darauf verwendet, dieses eigentliche Rรผckgrat des Unternehmens zu stรคrken, um mehr Entscheidungen nach unten delegieren zu kรถnnen. Einen ยซdramatischen Wandelยป nennt Kevin Johnson, Marketingchef von Microsoft, die Abkehr von der bisherigen, fast ausschliesslich auf Gates und Ballmer zugeschnittenen Fรผhrungsmaschinerie. ยปAber bis das Unternehmen wirklich dezentral ist, haben wir noch einen weiten Weg zu gehenยป, sagt er.
Bill Gates ist ein Workaholic und extrem โ viele sagen: krankhaft โ ehrgeizig. Wer fรผr ihn arbeitet, muss einem ungeheuren Druck gewachsen sein. ยซMicrosoft ist nie zufrieden. Das Unternehmen sagt jedes Mal: Das kรถnnen wir noch besserยป, sagt Thompson. Es gilt das Prinzip des Darvinismus. ยซWer mit Gates รถffentlich auftreten will, muss sich mit Dutzenden anderer Produktegruppen um den Platz streitenยป, sagt Balz Wyss, gebรผrtiger Basler, der seit zwei Jahren in Redmond als Product-Manager arbeitet.
Trotzdem ist Microsoft einer der beliebtesten Arbeitgeber. Dieses Jahr stellte sie 5000 Mitarbeiter ein โ mehr als jedes andere Technologieunternehmen. Der Auswahlprozess ist rigoros: Fรผr eine offene Stelle prรผft das Unternehmen im Schnitt 28 Bewerbungen; jeder Kandidat muss durch ein Dutzend Bewerbungsgesprรคche. Nicht der Lebenslauf oder Referenzen zรคhlen, sondern nur die Ergebnisse von Fallstudien und Verhaltenstests. Gรฉrard Cattin des Bois, ein gebรผrtiger Lausanner, personalisiert den Archetypus der Redmonder Arbeitsbiene: Er sitzt 55 bis 60 Stunden pro Woche im Bรผro, hat mit seiner ebenfalls voll berufstรคtigen Frau sechs Kinder und findet nebenher trotzdem noch die Zeit, den Pilotenschein zu machen. ยซIch habe bei der Arbeit immer meinen Vater vor Augen und versuche, ihm den Umgang mit dem Computer zu erleichternยป, sagt er. Dass ihre Produkte von 400 Millionen Menschen benutzt werden, ist fรผr die Angestellten (Durchschnittsalter 34,5 Jahre) die grรถsste Motivation. Zudem ist Microsoft fรผr amerikanische Verhรคltnisse grosszรผgig: drei Wochen Urlaub statt der รผblichen zwei, kostenlose Krankenversicherung und bis vor kurzem reichlich Stock-Options.
Das Resultat sieht man an den feudalen Villen, die an den Ufern in und um Seattle thronen. รber 10 000 Dollarmillionรคre hat Microsoft im Lauf der Jahre allein im Grossraum Seattle hervorgebracht, wo das Unternehmen 27 000 Mitarbeiter beschรคftigt. Das prunkvollste Domizil gehรถrt Gates selber: ein Villenkomplex auf 3700 Quadratmetern, unter dem Hauptgebรคude eine 30-plรคtzige Garage. Kosten des 100-Zimmer-Baus: 57 Millionen Dollar plus 40 Millionen fรผr den darin aufbewahrten Codex Leicester, eine Handschrift Leonardo da Vincis. Peanuts fรผr den reichsten Mann der Welt. 33 Milliarden Dollar sind die 12 Prozent an Microsoft wert, die Gates heute noch hรคlt (bei der Grรผndung waren es 55 Prozent). Zusammen mit seinen inzwischen zahllosen anderen Beteiligungen (die prominentesten an den Bildagenturen Bettman, Corbis und Sygma) betrรคgt sein geschรคtztes Nettovermรถgen derzeit 46 Milliarden Dollar. Einen grossen Teil davon hat er seiner Stiftung zur Verfรผgung gestellt (siehe ยซMega-Philanthropยป rechts).
ยซBill Gates, wie teilen Sie sich heute Ihre Zeit ein?ยป
Die linke Hand mit dem goldenen, fรผnffach gerillten Ehering spielt mit der Visitenkarte.
ยซEin Sechstel der Zeit diskutiere ich mit unseren Forschern. Ein Drittel verbringe ich damit, die Entwicklung unserer Produkte zu begleiten. Die andere Hรคlfte der Zeit verbringe ich mit Kunden, kontrolliere das Geschรคft und kรผmmere mich um das Management.ยป Zum ersten Mal huscht der Ansatz eines Lรคchelns รผber das blasse Gesicht.
Technologie ist Gatesโ Lieblingsthema โ eines der wenigen, bei denen er sich in Fahrt reden kann. ยซWenn Bill uns im Forschungslabor besucht, bekommt er Augen wie ein Kind im Spielzeugladenยป, sagt Kevin Schofield, Technischer Strategiedirektor. 6,9 Milliarden Dollar gibt Microsoft fรผr Forschung und Entwicklung aus, mehr als jedes andere Softwareunternehmen. 26 000 Mitarbeiter sitzen an der Produktentwicklung, 750 weitere dรผrfen erforschen, was sie wollen, ohne dass es sich in Produkten niederschlagen muss. Bill Gates selber stellt die Teams zusammen, definiert ihre Grenzen und die Zusammenarbeit, kontrolliert und korrigiert ihre Ausrichtung.
Mitarbeiter quer durch alle Hierarchiestufen fรผrchten diesen ยซBillG-Reviewยป. Unterstรผtzt von zwei technischen Assistenten, stellt Gates in hohem Tempo sehr dezidiert Fragen. Das Ergebnis des Kreuzverhรถrs, eine Note zwischen eins und fรผnf, fliesst direkt in den Bonus ein (20 bis 30 Prozent des Gehaltes sind variabel). Die Bestnote erhalten pro Jahr nur ein paar Dutzend Mitarbeiter. Beat Stamm, ein Schweizer, der am Microsoft-Hauptsitz an der Lesbarkeit von Computerschriften tรผftelt, erinnert sich, wie er fรผr sein jรผngstes Forschungsprojekt kรผrzlich bei Bill Gates antraben musste: ยซEs war erschreckend, wie er sich in den technischen Details auskennt und Schwachstellen sofort erkannte.ยป Giorgio Vanzini, ebenfalls Schweizer und in Redmond mit der Entwicklung von Grafiktools beschรคftigt, beschreibt seine Begegnung schlicht als ยซcoming to Jesusยป. Mit Gottes Sohn debattiert man nicht; Gates ist fรผr sein hitziges Temperament bekannt, und wenn es ihm zu lange geht, beendet er Diskussionen auch im Topmanagement mit der Begrรผndung ยซIch weiss, dass ich Recht habeยป.
Bill Gates war sein ganzes Leben lang so. In der Schule rebellierte der Sohn wohlhabender Anwรคlte gegen das System, indem er sich vornahm, in allen Fรคchern Bestnoten zu erreichen, ohne dabei je ein Buch in die Hand zu nehmen. Auf diese Weise schaffte er es in Mathematik unter die zehn Besten des Landes. ยซEr hat ein Gehirn, so gross wie ein Planetยป, sagt Neil Thompson und reiht sich damit in die Kette von Gatesโ Weggefรคhrten ein, die alle dasselbe sagen.
ยซBill Gates, was war der grรถsste Fehler, den Sie begangen haben?ยป
Er nimmt die rechte Hand von der Tischplatte und beginnt zu gestikulieren.
ยซManchmal sind wir zu spรคt gekommen. Wir haben nicht rechtzeitig vorhergesehen, wie wichtig Netzwerk-Software wรผrde oder E-Mail. Da ist uns die Konkurrenz davongelaufen. Die meisten dieser Fehler konnten wir aber korrigieren.ยป
Seine Gesten werden grรถsser.
ยซManchmal sind wir auch zu frรผh. Im interaktiven Fernsehen haben wir 300 oder 400 Millionen Dollar versenkt. Aber das stรถrt mich nicht.ยป
Dann lehnt er sich zurรผck und lacht. Der Bann ist gebrochen.
54 000 Mitarbeiter beschรคftigt Gates heute. Da das Fรผhrungssystem so sehr auf ihn zugeschnitten war, konnte er das Unternehmen trotzdem bis vor wenigen Jahren wie ein Start-up fรผhren. Das erlaubt dramatische Kurswechsel in kรผrzester Zeit. Jeder der Angestellten weiss: Wenn oben etwas entschieden wurde, wird mitgezogen. Diskussionslos. Unbรผrokratisch. Und sofort. Mitte der Neunzigerjahre beging Gates seinen wohl grรถssten Fehler als Unternehmer: Er verkannte die Bedeutung des aufkommenden Internets. Konkurrent Netscape wurde mit seinem Browser zur grรถssten Bedrohung fรผr Microsoft. Im Dezember 1995 korrigierte Gates seine Einschรคtzung und setzte alle verfรผgbaren Ressourcen ein, um das Unternehmen internetkompatibel zu machen und den Konkurrenten abzudrรคngen. 36 Monate spรคter war Netscape Geschichte.
Als Kind konnte Bill Gates beim Spielen nie verlieren. Das hat sich bis heute nicht geรคndert. Deswegen agiert Microsoft im Markt mit einer beispiellosen Aggressivitรคt. Die Art, wie sie Netscape aus dem Markt boxte, war der eklatanteste Fall, und die Folgen beschรคftigen die Justiz bis heute. Doch die Liste der Vorwรผrfe, die Konkurrenten, Staatsanwaltschaften, ehemalige Partner und sogar Kunden gegen Microsoft erheben, ist lang. Dass Microsoft ihr Windows-Monopol ausnutzt, um die Konkurrenz auch bei anderen Produkten auszuschalten. Dass sie Kunden zum Kauf neuer Produktversionen zwingt, indem die alten vom Kundendienst nicht mehr unterstรผtzt werden. Dass sie die Technologie von Partnern kopiert, um auf deren Basis eigene Produkte herauszubringen. Und so weiter.
Gates, in dessen privater Porsche-Sammlung sich auch ein Gruppe-3-Rennwagen befindet, den er mangels Strassenzulassung in den USA gar nicht fahren darf, steuert das Unternehmen seit Jahrzehnten konsequent am Limit und manchmal etwas darรผber hinaus. Das machte ihn zum meistgehassten Manager der Welt. Niemand sonst kommt auf so viele Hatesites im Internet (www.killbillgates.com usw.) wie er. Er hat die Aggressionen immer stoisch erduldet. Schliesslich ist er davon รผberzeugt, der Menschheit nur Gutes zu tun. ยซUnser Eigen- und das Fremdbild klaffen dramatisch auseinander!ยป, erkennt Alexander Stรผger, Chef von Microsoft Schweiz.
Erst in letzter Zeit haben die Anfeindungen etwas nachgelassen. Vor der Tรผr stehen drei Bodyguards, noch einmal drei sitzen, als Geschรคftsleute getarnt, im Foyer. Frรผher, als ihm seine Gegner noch Torten ins Gesicht schmissen, liessen die Leibwรคchter Gates nicht aus den Augen, standen selbst bei รถffentlichen Auftritten dicht an seiner Seite. ยซJetzt ist er entspannter gewordenยป, sagt Holger Rungwerth, PR-Manager Microsoft Schweiz. Auch weil Gates nach der Hochzeit mit seiner Frau Melinda (eine ehemalige Microsoft-Mitarbeiterin) am Neujahrstag 1994 und der Geburt der Kinder Jennifer (1996), Rory (1999) und Phoebe (2002) entdeckt hat, dass es auch ein Leben ausserhalb Microsofts gibt.
Mit ihm รคndert sich auch die Politik des Unternehmens. Seit Mรคrz gilt eine neue Doktrin, wonach Micro tatsรคchlich soft werden soll. Zu gross ist bei Bill Gates die Angst, dass ihn das gleiche Schicksal ereilt wie J.D. Rockefeller, dessen รlimperium Anfang des letzten Jahrhunderts von der Politik zerschlagen wurde, weil er mit seinem Monopol zu mรคchtig geworden war. Nun hat Gates die Parteienfinanzierung in Washington massiv erhรถht und bemรผht sich intensiv um ein sauberes Image, sowohl als Unternehmer wie auch รผber seine Stiftung.
Die 600 Mitarbeiter starke Rechtsabteilung in Redmond versucht, die Dutzende hรคngiger Klagen gegen Microsoft schnellstmรถglich aussergerichtlich zu regeln. Im wichtigsten Prozess mit den amerikanischen Kartellbehรถrden, der zur Zerschlagung Microsofts hรคtte fรผhren kรถnnen, einigte man sich gegen Zahlung einer Milliardenstrafe. Nur in Europa lรคsst es Bill Gates auf ein Krรคftemessen mit Wettbewerbskommissar Mario Monti ankommen. Unter dem Schlagwort ยซtrustworthy computingยป versucht Microsoft zugleich mit grossem Aufwand, Sicherheitslรผcken in ihren Programmen zu schliessen und sie so vertrauenswรผrdiger zu machen. Ausgewรคhlte Grosskunden, Regierungen und Universitรคten dรผrfen als Geste des guten Willens sogar den Source-Code von Windows einsehen โ ein bis vor kurzem undenkbarer Schritt.
Bill Gates, der neue Microsoftie. Aus hehren Motiven? Nur zum Teil. Kaum ein Computerbenutzer kommt an Microsoft vorbei, der Marktanteil mit Windows betrรคgt 93 Prozent. Doch der PC-Absatz stagniert. Deshalb drรคngt Bill Gates mit Macht in neue Mรคrkte: ERP-Software fรผr Unternehmen, Handy-Betriebssysteme, demnรคchst Musik via Internet. Eine halbe Milliarde Dollar liess er sich allein die Einfรผhrungskampagne fรผr die Videospielkonsole Xbox kosten. Eine unglaubliche Summe. Und doch weniger als ein Prozent des Barmittelbestandes von Microsoft, der ausreichen wรผrde, die Mehrheit an der gesamten deutschen Autoindustrie zu erwerben. Aber Geld allein reicht nicht: In den neuen Mรคrkten ist Microsoft auf Partner angewiesen. Wegen seiner Ellbogentaktik ist Gates alles andere als willkommen. Auch daher fรคhrt er den neuen Schmusekurs: ยซWir mรผssen berechenbarer werdenยป, sagt Marketingchef Johnson.
Vor allem wegen jenes Feindes, der Bill Gates derzeit am meisten schlaflose Nรคchte bereitet: Linux, ein Betriebssystem, das Microsofts Windows zunehmend bedrรคngt. Es gehรถrt keinem Unternehmen, keinem Konkurrenten, keinem Anti-Bill-Gates. Der Quellcode liegt offen im Internet. Jeder darf ihn kostenlos verwenden und weiterentwickeln, die Verbesserungen kommen der gesamten Benutzergemeinde zugute. Open Source nennt sich das System, und es gewinnt zunehmend an Popularitรคt. Bis 2007 wird jedes vierte Unternehmen derartige Software einsetzen, schรคtzt das Marktforschungsunternehmen Soreon.
Dieser Feind ist nicht greifbar. Bill Gates kann ihn nicht wie alle anderen mit dem Ellbogen wegdrรผcken. Er muss nach dessen Regeln spielen. Das ist die grรถsste Herausforderung fรผr den erfolgreichsten Unternehmer dieser Generation. Aber Microsofts neuer Kurs zeigt, wie schnell und konsequent Bill Gates das Ruder herumreissen kann.
Nach einer Dreiviertelstunde hat sich Bill Gates richtig in Fahrt geredet. Schliesslich verabschiedet er sich gut gelaunt und eilt zum nรคchsten Meeting. ยซDas Interview hat richtig Spass gemachtยป, wird er spรคter ausrichten lassen.
Vermutlich, weil er nebenher, in seiner Idle Time, noch ein paar hundertstellige Primzahlen berechnet hat.