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Bill Gates: Der Kopf eines Jahrhunderts

Seit fast 30 Jahren dominiert Bill Gates, Chef von Microsoft, den Softwaremarkt. Heute ist er so erfolgreich wie nie zuvor. Wie das Bill-Gates-Prinzip funktioniert.

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Bill Gates RMS

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Die rechte Hand liegt ruhig auf dem Tisch, die Finger der linken, sauber manikΓΌrt, trommeln auf die schwere Edelholzplatte. Der Blick ruht starr auf der Visitenkarte, die vor ihm liegt. Heute Vormittag, bei den KundengesprΓ€chen, soll er gut drauf gewesen sein. Aber eben gerade, als er fΓΌr das GesprΓ€ch gebrieft und gekΓ€mmt wurde, hatte er wieder seine autistische Phase. Sass still da. Starrte ins Leere. Reagierte kaum auf Ansprache.
Β«Bill Gates, wenn Sie die GrΓΌnde fΓΌr Ihren Erfolg auf drei Punkte reduzieren mΓΌssten: Welche wΓ€ren es?Β»
Die linke Hand macht eine knappe Bewegung. Bestimmt hat er das schon hunderttausendmal beantwortet. Bestimmt beschΓ€ftigt so ein langweiliges GesprΓ€ch nur einen Promillebruchteil seiner angeblich exorbitanten GehirnkapazitΓ€t. Idle Time nennt man es bei einem Prozessor, wenn RechenkapazitΓ€t brachliegt. Computersysteme nutzen sie, um Funksignale aus dem All zu dechiffrieren, Klimaentwicklungen vorherzuberechnen oder Genome zu entschlΓΌsseln. Vermutlich macht sein Gehirn im Moment genau das Gleiche.
Der Blick hebt sich von der Tischkante, die dunkelblauen Augen schauen ernst durch das ungeputzte Brillenglas. Β«Erstens hatten wir immer die Vision, wie wichtig Software ist, und nur darauf haben wir uns fokussiertΒ», sagt die nasale Stimme. Β«Zweitens verfolgen wir einen sehr langfristigen Ansatz. Und drittens haben wir hochintelligente Leute auf der ganzen Welt dazu angestellt.Β»

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Die Softwarebranche steckt in einer tiefen Krise. Microsoft geht es besser denn je. Umsatz 32,2 Milliarden Dollar. Gewinn 9,99 Milliarden. Barmittelbestand ΓΌber 50 Milliarden. BΓΆrsenkapitalisierung 280 Milliarden, zusammen mit General Electric die hΓΆchste der Welt und so viel wie das Bruttoinlandprodukt der Schweiz. Das Unternehmen, das Bill Gates 1975 mit dem spΓ€ter ausgeschiedenen Studienkollegen Paul Allan in einem Hotelzimmer in Albuquerque gegrΓΌndet hat, ist heute das erfolgreichste der Welt. Von den normalen Wirtschaftszyklen hat es sich lΓ€ngst abgekoppelt.
Seit Jahrzehnten personifiziert Bill Gates Microsoft wie kein anderer Chef sein Unternehmen. Als in den Achtzigerjahren die ersten PCs auf den Markt kamen, fΓΌhrte er mit seiner Vision Β«Ein Computer auf jedem SchreibtischΒ» die technische Revolution an. Als die Kurse der Technologieaktien in den Neunzigern explodierten, wurde er zum reichsten Mann der Welt. Als Microsoft um den Millenniumswechsel ins Visier der KartellbehΓΆrden geriet, verkΓΆrperte er den hab- und machtgierigen BΓΆsewicht.
Bill Gates ist Microsoft. Und Microsoft ist Bill Gates. Kaum ein Konzern wird heute noch so sehr von seinem GrΓΌnder geprΓ€gt. Dies ist der wahre Grund fΓΌr den Erfolg der Softwareschmiede aus Redmond. Denn ΓΌber Jahrzehnte bewies Gates (48) ein einzigartiges GespΓΌr fΓΌr sich anbahnende VerΓ€nderungen. Β«Er kann Dinge voraussehen, die Normalsterbliche einfach nicht sehenΒ», sagt Neil Thompson, Europa-Chef fΓΌr Home Entertainment bei Microsoft.

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Das operative TagesgeschΓ€ft hat Gates vor drei Jahren an seinen Studienfreund und langjΓ€hrigen Vertrauten Steve Ballmer abgegeben. Β«Chairman, Chief Software ArchitectΒ» steht heute auf Bill Gates’ Visitenkarte.
Β«Bill Gates, wie hΓ€ufig kommt es vor, dass Steve Ballmer etwas gegen Ihren Willen entscheidet?Β»
Unter dem Tisch kann man das Tappen der FΓΌsse hΓΆren. Gleich wird er die Arme vor der Brust verschrΓ€nken und anfangen zu schaukeln wie ein ekstatischer Rabbi, jene GebΓ€rde, die zu seinem Markenzeichen wurde und von zahllosen Microsoft-Mitarbeitern imitiert wird.
Das Tappen hΓΆrt auf. Β«Eher selten.Β»
Β«Warum haben sich die ersten zwΓΆlf Monate nach dem Stabswechsel denn als so schwierig fΓΌr Sie beide erwiesen?Β»
Der Blick wandert jetzt nicht mehr nach jeder Frage auf die Tischkante zurΓΌck, sondern ruht auf dem GegenΓΌber. Β«Steve und ich haben ΓΌber zwanzig Jahre lang zusammengearbeitet. Wir haben unterschiedliche StΓ€rken und SchwΓ€chen, also war die Rollenverteilung klar, und wir hatten ein sehr effizientes Entscheidungssystem. Als wir die Rollen tauschten, war plΓΆtzlich nicht mehr klar, wer was zu entscheiden hatte. Es brauchte mehr als ein Jahr, bis wir die alte Effizienz wiedergefunden haben.Β»

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Ballmer (47) ist Gates’ Alter Ego. Energisch, laut, mitreissend. Das Gegenteil vom technologieverliebten, introvertierten, emotional zurΓΌckhaltenden Gates. Gates ist das Gehirn von Microsoft. Ballmer ist der Muskel. Er strukturiert die Organisation, definiert die AblΓ€ufe, verteilt die Ressourcen. Und als Marketingmann sorgt er dafΓΌr, dass Microsoft nicht das Schicksal anderer Computerunternehmen erleidet, die von technologieverliebten Ingenieuren geleitet wurden. Deswegen wirft Microsoft lieber ein unausgereiftes Produkt auf den Markt, um von Anfang an prΓ€sent zu sein und den ersten Return zu erzielen, als es zur Perfektion zu entwickeln und den Markt zu verpassen. Entsprechend hΓ€ufig sind Microsoft-Produkte, wie Kritiker bemΓ€ngeln, erst in der dritten Version richtig brauchbar.
FΓΌr die Umsetzung von Gates’ Strategie sind die sieben Leiter der Business-Units zustΓ€ndig, die in ihrem Bereich als CEOs funktionieren. Gates hat in den letzten Jahren viel Zeit und Energie darauf verwendet, dieses eigentliche RΓΌckgrat des Unternehmens zu stΓ€rken, um mehr Entscheidungen nach unten delegieren zu kΓΆnnen. Einen Β«dramatischen WandelΒ» nennt Kevin Johnson, Marketingchef von Microsoft, die Abkehr von der bisherigen, fast ausschliesslich auf Gates und Ballmer zugeschnittenen FΓΌhrungsmaschinerie. Β»Aber bis das Unternehmen wirklich dezentral ist, haben wir noch einen weiten Weg zu gehenΒ», sagt er.

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Bill Gates ist ein Workaholic und extrem – viele sagen: krankhaft – ehrgeizig. Wer fΓΌr ihn arbeitet, muss einem ungeheuren Druck gewachsen sein. Β«Microsoft ist nie zufrieden. Das Unternehmen sagt jedes Mal: Das kΓΆnnen wir noch besserΒ», sagt Thompson. Es gilt das Prinzip des Darvinismus. Β«Wer mit Gates ΓΆffentlich auftreten will, muss sich mit Dutzenden anderer Produktegruppen um den Platz streitenΒ», sagt Balz Wyss, gebΓΌrtiger Basler, der seit zwei Jahren in Redmond als Product-Manager arbeitet.
Trotzdem ist Microsoft einer der beliebtesten Arbeitgeber. Dieses Jahr stellte sie 5000 Mitarbeiter ein – mehr als jedes andere Technologieunternehmen. Der Auswahlprozess ist rigoros: FΓΌr eine offene Stelle prΓΌft das Unternehmen im Schnitt 28 Bewerbungen; jeder Kandidat muss durch ein Dutzend BewerbungsgesprΓ€che. Nicht der Lebenslauf oder Referenzen zΓ€hlen, sondern nur die Ergebnisse von Fallstudien und Verhaltenstests. GΓ©rard Cattin des Bois, ein gebΓΌrtiger Lausanner, personalisiert den Archetypus der Redmonder Arbeitsbiene: Er sitzt 55 bis 60 Stunden pro Woche im BΓΌro, hat mit seiner ebenfalls voll berufstΓ€tigen Frau sechs Kinder und findet nebenher trotzdem noch die Zeit, den Pilotenschein zu machen. Β«Ich habe bei der Arbeit immer meinen Vater vor Augen und versuche, ihm den Umgang mit dem Computer zu erleichternΒ», sagt er. Dass ihre Produkte von 400 Millionen Menschen benutzt werden, ist fΓΌr die Angestellten (Durchschnittsalter 34,5 Jahre) die grΓΆsste Motivation. Zudem ist Microsoft fΓΌr amerikanische VerhΓ€ltnisse grosszΓΌgig: drei Wochen Urlaub statt der ΓΌblichen zwei, kostenlose Krankenversicherung und bis vor kurzem reichlich Stock-Options.

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Das Resultat sieht man an den feudalen Villen, die an den Ufern in und um Seattle thronen. Über 10 000 DollarmillionÀre hat Microsoft im Lauf der Jahre allein im Grossraum Seattle hervorgebracht, wo das Unternehmen 27 000 Mitarbeiter beschÀftigt. Das prunkvollste Domizil gehârt Gates selber: ein Villenkomplex auf 3700 Quadratmetern, unter dem HauptgebÀude eine 30-plÀtzige Garage. Kosten des 100-Zimmer-Baus: 57 Millionen Dollar plus 40 Millionen für den darin aufbewahrten Codex Leicester, eine Handschrift Leonardo da Vincis. Peanuts für den reichsten Mann der Welt. 33 Milliarden Dollar sind die 12 Prozent an Microsoft wert, die Gates heute noch hÀlt (bei der Gründung waren es 55 Prozent). Zusammen mit seinen inzwischen zahllosen anderen Beteiligungen (die prominentesten an den Bildagenturen Bettman, Corbis und Sygma) betrÀgt sein geschÀtztes Nettovermâgen derzeit 46 Milliarden Dollar. Einen grossen Teil davon hat er seiner Stiftung zur Verfügung gestellt (siehe «Mega-Philanthrop» rechts).
Β«Bill Gates, wie teilen Sie sich heute Ihre Zeit ein?Β»
Die linke Hand mit dem goldenen, fΓΌnffach gerillten Ehering spielt mit der Visitenkarte.
Β«Ein Sechstel der Zeit diskutiere ich mit unseren Forschern. Ein Drittel verbringe ich damit, die Entwicklung unserer Produkte zu begleiten. Die andere HΓ€lfte der Zeit verbringe ich mit Kunden, kontrolliere das GeschΓ€ft und kΓΌmmere mich um das Management.Β» Zum ersten Mal huscht der Ansatz eines LΓ€chelns ΓΌber das blasse Gesicht.

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Technologie ist Gates’ Lieblingsthema – eines der wenigen, bei denen er sich in Fahrt reden kann. Β«Wenn Bill uns im Forschungslabor besucht, bekommt er Augen wie ein Kind im SpielzeugladenΒ», sagt Kevin Schofield, Technischer Strategiedirektor. 6,9 Milliarden Dollar gibt Microsoft fΓΌr Forschung und Entwicklung aus, mehr als jedes andere Softwareunternehmen. 26 000 Mitarbeiter sitzen an der Produktentwicklung, 750 weitere dΓΌrfen erforschen, was sie wollen, ohne dass es sich in Produkten niederschlagen muss. Bill Gates selber stellt die Teams zusammen, definiert ihre Grenzen und die Zusammenarbeit, kontrolliert und korrigiert ihre Ausrichtung.
Mitarbeiter quer durch alle Hierarchiestufen fΓΌrchten diesen Β«BillG-ReviewΒ». UnterstΓΌtzt von zwei technischen Assistenten, stellt Gates in hohem Tempo sehr dezidiert Fragen. Das Ergebnis des KreuzverhΓΆrs, eine Note zwischen eins und fΓΌnf, fliesst direkt in den Bonus ein (20 bis 30 Prozent des Gehaltes sind variabel). Die Bestnote erhalten pro Jahr nur ein paar Dutzend Mitarbeiter. Beat Stamm, ein Schweizer, der am Microsoft-Hauptsitz an der Lesbarkeit von Computerschriften tΓΌftelt, erinnert sich, wie er fΓΌr sein jΓΌngstes Forschungsprojekt kΓΌrzlich bei Bill Gates antraben musste: Β«Es war erschreckend, wie er sich in den technischen Details auskennt und Schwachstellen sofort erkannte.Β» Giorgio Vanzini, ebenfalls Schweizer und in Redmond mit der Entwicklung von Grafiktools beschΓ€ftigt, beschreibt seine Begegnung schlicht als Β«coming to JesusΒ». Mit Gottes Sohn debattiert man nicht; Gates ist fΓΌr sein hitziges Temperament bekannt, und wenn es ihm zu lange geht, beendet er Diskussionen auch im Topmanagement mit der BegrΓΌndung Β«Ich weiss, dass ich Recht habeΒ».

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Bill Gates war sein ganzes Leben lang so. In der Schule rebellierte der Sohn wohlhabender AnwΓ€lte gegen das System, indem er sich vornahm, in allen FΓ€chern Bestnoten zu erreichen, ohne dabei je ein Buch in die Hand zu nehmen. Auf diese Weise schaffte er es in Mathematik unter die zehn Besten des Landes. Β«Er hat ein Gehirn, so gross wie ein PlanetΒ», sagt Neil Thompson und reiht sich damit in die Kette von Gates’ WeggefΓ€hrten ein, die alle dasselbe sagen.
Β«Bill Gates, was war der grΓΆsste Fehler, den Sie begangen haben?Β»
Er nimmt die rechte Hand von der Tischplatte und beginnt zu gestikulieren.
Β«Manchmal sind wir zu spΓ€t gekommen. Wir haben nicht rechtzeitig vorhergesehen, wie wichtig Netzwerk-Software wΓΌrde oder E-Mail. Da ist uns die Konkurrenz davongelaufen. Die meisten dieser Fehler konnten wir aber korrigieren.Β»
Seine Gesten werden grΓΆsser.
Β«Manchmal sind wir auch zu frΓΌh. Im interaktiven Fernsehen haben wir 300 oder 400 Millionen Dollar versenkt. Aber das stΓΆrt mich nicht.Β»
Dann lehnt er sich zurΓΌck und lacht. Der Bann ist gebrochen.
54 000 Mitarbeiter beschΓ€ftigt Gates heute. Da das FΓΌhrungssystem so sehr auf ihn zugeschnitten war, konnte er das Unternehmen trotzdem bis vor wenigen Jahren wie ein Start-up fΓΌhren. Das erlaubt dramatische Kurswechsel in kΓΌrzester Zeit. Jeder der Angestellten weiss: Wenn oben etwas entschieden wurde, wird mitgezogen. Diskussionslos. UnbΓΌrokratisch. Und sofort. Mitte der Neunzigerjahre beging Gates seinen wohl grΓΆssten Fehler als Unternehmer: Er verkannte die Bedeutung des aufkommenden Internets. Konkurrent Netscape wurde mit seinem Browser zur grΓΆssten Bedrohung fΓΌr Microsoft. Im Dezember 1995 korrigierte Gates seine EinschΓ€tzung und setzte alle verfΓΌgbaren Ressourcen ein, um das Unternehmen internetkompatibel zu machen und den Konkurrenten abzudrΓ€ngen. 36 Monate spΓ€ter war Netscape Geschichte.

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Als Kind konnte Bill Gates beim Spielen nie verlieren. Das hat sich bis heute nicht geΓ€ndert. Deswegen agiert Microsoft im Markt mit einer beispiellosen AggressivitΓ€t. Die Art, wie sie Netscape aus dem Markt boxte, war der eklatanteste Fall, und die Folgen beschΓ€ftigen die Justiz bis heute. Doch die Liste der VorwΓΌrfe, die Konkurrenten, Staatsanwaltschaften, ehemalige Partner und sogar Kunden gegen Microsoft erheben, ist lang. Dass Microsoft ihr Windows-Monopol ausnutzt, um die Konkurrenz auch bei anderen Produkten auszuschalten. Dass sie Kunden zum Kauf neuer Produktversionen zwingt, indem die alten vom Kundendienst nicht mehr unterstΓΌtzt werden. Dass sie die Technologie von Partnern kopiert, um auf deren Basis eigene Produkte herauszubringen. Und so weiter.
Gates, in dessen privater Porsche-Sammlung sich auch ein Gruppe-3-Rennwagen befindet, den er mangels Strassenzulassung in den USA gar nicht fahren darf, steuert das Unternehmen seit Jahrzehnten konsequent am Limit und manchmal etwas darΓΌber hinaus. Das machte ihn zum meistgehassten Manager der Welt. Niemand sonst kommt auf so viele Hatesites im Internet (www.killbillgates.com usw.) wie er. Er hat die Aggressionen immer stoisch erduldet. Schliesslich ist er davon ΓΌberzeugt, der Menschheit nur Gutes zu tun. Β«Unser Eigen- und das Fremdbild klaffen dramatisch auseinander!Β», erkennt Alexander StΓΌger, Chef von Microsoft Schweiz.

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Erst in letzter Zeit haben die Anfeindungen etwas nachgelassen. Vor der TΓΌr stehen drei Bodyguards, noch einmal drei sitzen, als GeschΓ€ftsleute getarnt, im Foyer. FrΓΌher, als ihm seine Gegner noch Torten ins Gesicht schmissen, liessen die LeibwΓ€chter Gates nicht aus den Augen, standen selbst bei ΓΆffentlichen Auftritten dicht an seiner Seite. Β«Jetzt ist er entspannter gewordenΒ», sagt Holger Rungwerth, PR-Manager Microsoft Schweiz. Auch weil Gates nach der Hochzeit mit seiner Frau Melinda (eine ehemalige Microsoft-Mitarbeiterin) am Neujahrstag 1994 und der Geburt der Kinder Jennifer (1996), Rory (1999) und Phoebe (2002) entdeckt hat, dass es auch ein Leben ausserhalb Microsofts gibt.
Mit ihm Γ€ndert sich auch die Politik des Unternehmens. Seit MΓ€rz gilt eine neue Doktrin, wonach Micro tatsΓ€chlich soft werden soll. Zu gross ist bei Bill Gates die Angst, dass ihn das gleiche Schicksal ereilt wie J.D. Rockefeller, dessen Γ–limperium Anfang des letzten Jahrhunderts von der Politik zerschlagen wurde, weil er mit seinem Monopol zu mΓ€chtig geworden war. Nun hat Gates die Parteienfinanzierung in Washington massiv erhΓΆht und bemΓΌht sich intensiv um ein sauberes Image, sowohl als Unternehmer wie auch ΓΌber seine Stiftung.

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Die 600 Mitarbeiter starke Rechtsabteilung in Redmond versucht, die Dutzende hΓ€ngiger Klagen gegen Microsoft schnellstmΓΆglich aussergerichtlich zu regeln. Im wichtigsten Prozess mit den amerikanischen KartellbehΓΆrden, der zur Zerschlagung Microsofts hΓ€tte fΓΌhren kΓΆnnen, einigte man sich gegen Zahlung einer Milliardenstrafe. Nur in Europa lΓ€sst es Bill Gates auf ein KrΓ€ftemessen mit Wettbewerbskommissar Mario Monti ankommen. Unter dem Schlagwort Β«trustworthy computingΒ» versucht Microsoft zugleich mit grossem Aufwand, SicherheitslΓΌcken in ihren Programmen zu schliessen und sie so vertrauenswΓΌrdiger zu machen. AusgewΓ€hlte Grosskunden, Regierungen und UniversitΓ€ten dΓΌrfen als Geste des guten Willens sogar den Source-Code von Windows einsehen – ein bis vor kurzem undenkbarer Schritt.
Bill Gates, der neue Microsoftie. Aus hehren Motiven? Nur zum Teil. Kaum ein Computerbenutzer kommt an Microsoft vorbei, der Marktanteil mit Windows betrΓ€gt 93 Prozent. Doch der PC-Absatz stagniert. Deshalb drΓ€ngt Bill Gates mit Macht in neue MΓ€rkte: ERP-Software fΓΌr Unternehmen, Handy-Betriebssysteme, demnΓ€chst Musik via Internet. Eine halbe Milliarde Dollar liess er sich allein die EinfΓΌhrungskampagne fΓΌr die Videospielkonsole Xbox kosten. Eine unglaubliche Summe. Und doch weniger als ein Prozent des Barmittelbestandes von Microsoft, der ausreichen wΓΌrde, die Mehrheit an der gesamten deutschen Autoindustrie zu erwerben. Aber Geld allein reicht nicht: In den neuen MΓ€rkten ist Microsoft auf Partner angewiesen. Wegen seiner Ellbogentaktik ist Gates alles andere als willkommen. Auch daher fΓ€hrt er den neuen Schmusekurs: Β«Wir mΓΌssen berechenbarer werdenΒ», sagt Marketingchef Johnson.

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Vor allem wegen jenes Feindes, der Bill Gates derzeit am meisten schlaflose NΓ€chte bereitet: Linux, ein Betriebssystem, das Microsofts Windows zunehmend bedrΓ€ngt. Es gehΓΆrt keinem Unternehmen, keinem Konkurrenten, keinem Anti-Bill-Gates. Der Quellcode liegt offen im Internet. Jeder darf ihn kostenlos verwenden und weiterentwickeln, die Verbesserungen kommen der gesamten Benutzergemeinde zugute. Open Source nennt sich das System, und es gewinnt zunehmend an PopularitΓ€t. Bis 2007 wird jedes vierte Unternehmen derartige Software einsetzen, schΓ€tzt das Marktforschungsunternehmen Soreon.
Dieser Feind ist nicht greifbar. Bill Gates kann ihn nicht wie alle anderen mit dem Ellbogen wegdrΓΌcken. Er muss nach dessen Regeln spielen. Das ist die grΓΆsste Herausforderung fΓΌr den erfolgreichsten Unternehmer dieser Generation. Aber Microsofts neuer Kurs zeigt, wie schnell und konsequent Bill Gates das Ruder herumreissen kann.
Nach einer Dreiviertelstunde hat sich Bill Gates richtig in Fahrt geredet. Schliesslich verabschiedet er sich gut gelaunt und eilt zum nΓ€chsten Meeting. Β«Das Interview hat richtig Spass gemachtΒ», wird er spΓ€ter ausrichten lassen.
Vermutlich, weil er nebenher, in seiner Idle Time, noch ein paar hundertstellige Primzahlen berechnet hat.

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