ZΓΌrich, Bahnhofstrasse. Die Confiserie Teuscher ist zur Adventszeit besonders reich geschmΓΌckt. Zwischen WeihnachtsmΓ€nnern, Christbaumschmuck und Seidenblumen drΓ€ngen sich die Kunden β mit zwΓΆlf Kilo pro Kopf sind die Schweizer die weltweit hungrigsten Schokoladennascher. Star in Teuschers Schaufenster ist ein weisser, 60 Zentimeter hoher Samichlaus. Lang ist die Geschichte, die er bereits hinter sich hat, bis er es zu einer ZΓΌrcher Weihnachtsattraktion gebracht hat. Sie beginnt in einem ganz anderen Teil der Welt.
Ghana, Westafrika. Schon zweieinhalb Stunden geht die Fahrt von der Hauptstadt Accra quer durch das hΓΌgelige Landesinnere. Roter Sandstaub wird von den vorausfahrenden GelΓ€ndewagen aufgewirbelt und senkt sich auf die ΓΌppigen Farne und Palmen am Rand der Holperpiste. PlΓΆtzlich hΓ€lt der Konvoi im Irgendwo. Β«Da muss es seinΒ», murmelt Emanuel Pepra-Omani und zeigt auf einen kaum sichtbaren Trampelpfad, der in den Regenwald fΓΌhrt.
Nach ein paar Metern ist man mitten im Kakao. Nicht in symmetrischen Plantagen, sondern wild wachsen jene BΓ€ume, aus den spΓ€ter ein Samichlaus entstehen wird. Am gleichen Ast hΓ€ngen FrΓΌchte in den verschiedensten Entwicklungsphasen. Β«Der Kakaobaum ist ein besonderer BaumΒ», sagt Emanuel und ΓΆffnet mit einem Buschmesser eine der gelben, ananasgrossen FrΓΌchte. Die zwei Dutzend Bohnen im Inneren sehen aus wie Litschis und schmecken auch fast so.
Nach zehn Minuten Fussmarsch ΓΆffnet sich eine Lichtung. Aus einer HΓΌtte aus Lehm und Holz kommen schreiende Kinder in zerfetzten T-Shirts gerannt. Acht Menschen hausen hier, ohne Strom und fliessendes Wasser. Die Familie lebt vom Kakaoanbau. Auf grossen Blechen liegt ihre Ernte: kiloweise Bohnen. Sieben Tage lang wurden sie unter BananenblΓ€ttern fermentiert, dann zehn Tage in der Tropensonne getrocknet. Jetzt schmecken sie nach Alkohol β und zum ersten Mal ein bisschen wie Kakao.
Einen Dollar zahlt die staatliche KakaobehΓΆrde den Bauern pro Kilo. Zwei Drittel des ErlΓΆses gehen an den Grundbesitzer, der in Accra wohnt. Bei einer AnbauflΓ€che von rund einem Hektar bleiben fΓΌr die Familie 150 Dollar pro Jahr. Das Durchschnittseinkommen in Ghana betrΓ€gt 270 Dollar.
Emanuel hat derweil am Rand der Lichtung eine Stelle mit Handyempfang gefunden und telefoniert in die Schweiz, um sich nach der Entwicklung der Kakaopreise in New York und London zu erkundigen. Mit einem zweiten Handy ruft er gleichzeitig die staatliche Kakaostelle in Accra an. Nach wenigen Minuten hat er 500 Tonnen des Rohstoffes im Wert von einer Million Dollar verschoben. Erste und Vierte Welt prallen aufeinander.
Auch Emanuel ist Ghanaer. Sein Geld verdient er als lokaler KakaoeinkΓ€ufer fΓΌr Barry Callebaut. Das Unternehmen verarbeitet jedes Jahr knapp ein Siebtel der globalen Kakaoernte. Denn Barry Callebaut ist der weltweit grΓΆsste Schokoladenhersteller (siehe Β«Die grΓΆssten HerstellerΒ» auf Seite 58). Jede fΓΌnfte Schokolade, die irgendwo auf der Welt gegessen wird, egal ob als Tafel, als PralinΓ© oder flΓΌssig, kommt ursprΓΌnglich von Barry Callebaut. Seinen Sitz hat das Unternehmen in DΓΌbendorf bei ZΓΌrich. Ausserhalb der Branche ist es kaum bekannt. Obwohl es dieses Jahr 4,1 Milliarden Franken umsetzen wird, zweieinhalbmal so viel wie Lindt & SprΓΌngli.
Accra, Industriehafen. Die Lagerhallen sind so gross wie ein Fussballfeld und so hoch wie eine Volleyballhalle. Bis unter die Decke stapeln sich hier die SΓ€cke mit den Kakaobohnen. In der Luft hΓ€ngt der sΓΌssliche, alkoholische Geruch der Fermentierung. Das Pestizid dagegen, mit dem die SΓ€cke hier fΓΌnf Tage lang besprΓΌht werden, um auch dem letzten Insekt den Garaus zu machen, ist geruchlos.
Ein Arbeiter zieht einen Jutesack aus einem der 38-Tonnen-Stapel, sticht ihn an und entnimmt eine Hand voll Bohnen, die er in ein NachbargebΓ€ude bringt. Ein BΓΌrolist nimmt sie wortlos entgegen, wiegt sie, schneidet sie mit dem Messer auf und legt sie auf dem Tisch aus. QualitΓ€tskontrolle β die Stunde der Wahrheit fΓΌr jenen Bauern, aus dessen Ernte der angestochene Sack stammt.
Nur die ersten beiden von vier QualitΓ€tsstufen sind fΓΌr den Export freigegeben, der Rest wird vor Ort weiterverarbeitet zu Seife, Pomaden, Butter, Marmelade, Gin, Brandy oder Wein. Kakao bringt 60 Prozent der Devisen ein und hat Ghana zu einem der wohlhabenderen Staaten Afrikas gemacht. Entsprechend penibel achtet das Land auf sein braunes Gold: Erntekontrolle, QualitΓ€tssicherung und Verkauf organisiert der Staat, der dafΓΌr die Differenz vom Weltmarkt- zum Bauernpreis (derzeit 50 Prozent) behΓ€lt. Β«Das funktioniert sehr gut, fΓΌr alle BeteiligtenΒ», sagt Rudolf Schwab, der seit 25 Jahren in der Industrie arbeitet und seit sieben Jahren oberster RohwareneinkΓ€ufer fΓΌr Barry Callebaut ist. Einen Grossteil seiner Zeit verbringt der Schweizer in den Anbaugebieten. Β«Ein paar Monate in Afrika zu arbeiten, ist manchmal lehrreicher, als vier Semester BWL zu studierenΒ», sagt er.
Der BΓΌrolist schreibt das Ergebnis seiner Messung auf ein StΓΌck Papier und reicht es seinem Vorgesetzten. Der kontrolliert die Kontrolleure, und weil er selber wieder kontrolliert wird, hΓ€lt auch er alles penibel in seinen Notizen fest. Sieben Γberwachungshierarchien gibt es insgesamt, die vor allem verhindern sollen, dass die Arbeiter die SΓ€cke aus den Hallen wieder herausschmuggeln und erneut verkaufen. Β«Hier kann man niemandem vertrauen, nicht mal seinen FreundenΒ», sagt Dominic Donkor, einer der staatlichen Aufpasser.
PlΓΆtzlich herrscht Hektik im HafengelΓ€nde. 16 Arbeiter rennen schwitzend und keuchend zwischen Lagerhalle und Verladerampe fΓΌr die Γberseecontainer hin und her, je einen 70-Kilo-Sack Kakao auf dem Kopf. Mit stΓ€ndigen Anfeuerungsrufen motivieren sich die Arbeiter gegenseitig. Sie werden fΓΌr das Verladen der SΓ€cke nach Gewicht bezahlt und organisieren sich selber. Also muss es schnell gehen: Wer im Weg steht, wird mit einem Bodycheck zur Seite gerΓ€umt. Die Hektik passt so gar nicht zur SchlΓ€frigkeit, mit der es im Land sonst meist zugeht. In dreieinhalb Stunden verladen die SacktrΓ€ger auf ihren KΓΆpfen einhundert Tonnen. Jetzt sind die Kakaobohnen bereit fΓΌr die Verschiffung nach Europa.
Wieze, Belgien. Hier, im friedlichen Ostflandern, eine knappe Autostunde hinter BrΓΌssel, steht die grΓΆsste Schokoladenfabrik der Welt. Im Minutentakt donnern Laster auf das WerksgelΓ€nde. An Bord: die KakaosΓ€cke aus Ghana, die sie im Hafen von Antwerpen aufgeladen haben. Mit 750 Mitarbeitern ist Barry Callebaut grΓΆsster Arbeitgeber der Region.
Auf 23 Produktionsstrassen produziert Barry Callebaut hier jΓ€hrlich 220 000 Tonnen SΓΌsses. Vor dem Fabrikeingang warnt ein Schild: Uhren und Schmuck ablegen. HΓ€nde desinfizieren. Weissen Kittel und MΓΌtze tragen. Nicht in der Nase bohren. Der Herstellungsprozess ist ziemlich komplex (siehe Β«Der lange Weg zur SchokoladeΒ» ab Seite 57). Nur das Grundrezept ist simpel: Milchschokolade besteht aus Kakaobutter, Kakaomasse, Milchpulver, Zucker und etwas Lecithin. Bei dunkler Schokolade fehlt das Milchpulver, bei weisser die Kakaomasse. Mit weiteren Zutaten kombiniert Barry Callebaut daraus 1500 verschiedene Schokoladensorten. Jedes Jahr wird ein Viertel der Rezepte ausgetauscht.
Viele der Innovationen entwickelt das Unternehmen im Auftrag seiner Kunden. Diese verkaufen sie meist unter eigenem Namen β Barry Callebaut selbst tritt so gut wie nie in Erscheinung. Β«Wir fΓΌhlen uns manchmal ein bisschen unterschΓ€tztΒ», sagt Patrick de Maeseneire, CEO des Unternehmens. Kein Wunder: Β«Die meisten grossen und guten Namen haben mit uns zu tunΒ», sagt Marc Nijssen, Werksleiter in Wieze. Wer das ist, verrΓ€t Barry nicht. Man muss sich in der Schokoladenbranche umhΓΆren, um Namen zu erfahren wie NestlΓ©, Unilever (Magnum-Eis), McDonaldβs (Pain au chocolat) oder auch die belgischen Edelmarken Neuhaus und Godiva. Besonders die kleinen Schokoladenhersteller, die sich die Investitionen in eigene MΓΌhlen und Verarbeitungsstrassen nicht leisten kΓΆnnen, kommen kaum an Barry Callebaut mit seinen weltweit 32 Werken vorbei. Β«Wir wollen die Microsoft oder die Intel der Schokoladenindustrie seinΒ», sagt de Maeseneire. Β«Unser Traum ist, dass es auf der Packung heisst: Barry Callebaut inside.Β» Es dΓΌrfte ein Traum bleiben. Denn aus ImagegrΓΌnden bekennt sich kaum ein Hersteller zur Industrieschokolade, egal, wie hochwertig diese sein mag.
Also versucht Barry selber, ins margenstarke EndkundengeschΓ€ft vorzustossen. Das Unternehmen, 1996 aus der Fusion der franzΓΆsischen Barry und der belgischen Callebaut hervorgegangen und heute zu 70 Prozent im Besitz von Klaus J. Jacobs, hat in den letzten beiden Jahren zwei grosse Akquisitionen getΓ€tigt: die deutsche Stollwerck-Gruppe (mit den Marken Sarotti, Alpia, Gubor) und den amerikanischen Candy-Hersteller Brachβs (bislang ebenfalls im Besitz von Jacobs). Doch Barry Callebaut hat kaum Erfahrung im EndkundengeschΓ€ft. In der Schweiz etwa ist das Unternehmen nur durch die CafΓ©-SchΓΆggeli Alprose bekannt. Diese Marke wird mΓΆglicherweise sogar aufgegeben. Der Produktionsstandort Caslano TI ist jedoch nicht in Gefahr. Β«Das Label βΉSwiss madeβΊ ist fΓΌr uns strategisch essenziellΒ», sagt Andreas Schmid, VR-PrΓ€sident von Barry Callebaut.
Stark ist Barry im RetailgeschΓ€ft: Das Unternehmen beliefert zehn der zwΓΆlf weltgrΓΆssten Supermarktketten, welche die Schokolade als ihre Handelsmarken vertreiben. Doch ausgerechnet der Heimmarkt bleibt Barry Callebaut verschlossen: In der Schweiz verfΓΌgen Coop und Migros mit Halba beziehungsweise Frey ΓΌber eigene Schokoladenfabriken. So machen die 300 Mitarbeiter hier zu Lande 70 Millionen Franken Umsatz.
DΓΌbendorf bei ZΓΌrich. Ein unscheinbares FabrikgebΓ€ude in der Industriezone. Kein Schild befindet sich an der TΓΌr, statt eines Empfangs gibt es nur eine Laderampe. Man wil keine Passanten. Denn auf vier Stockwerken fabriziert die Confiserie Teuscher hier ihre je nach Saison 200 bis 300 verschiedenen Produkte.
Rund alle zwei Wochen liefert ein Tanklaster zehn Tonnen Schokolade an. Teuscher ist einer der wenigen Confiseure, der bereit ist, sich zu outen: Ein Sechstel der verarbeiteten Menge, ausschliesslich weisse Schokolade, stammt aus dem Hause Barry Callebaut. Das ist seit 40 Jahren so. Und wird sich auch nicht Γ€ndern. Genauso wenig wie die Tatsache, dass die dunkle und Milchschokolade seit je von einem anderen Lieferanten Schweizer Provenienz stammt. Denn das 72-jΓ€hrige Familienunternehmen Teuscher ist konservativ. Β«Ich kann nicht einfach die Zutaten Γ€ndern, sonst beschweren sich die KundenΒ», sagt Dolf Teuscher, Sohn des gleichnamigen FirmengrΓΌnders. Auch neue Kreationen gibt es nur selten. Β«Wir sind stolz darauf, dass wir keine neuen Produkte machenΒ», sagt Teuscher.
So ist auch der Produktionsprozess seit Ewigkeiten der gleiche. Die Kupfer- und Gipsformen, aus denen die SamichlΓ€use gegossen werden, sind zum Teil hundertjΓ€hrig. Die 80 Mitarbeiter, davon ein Dutzend Chocolatiers, arbeiten fast ausschliesslich von Hand. Zuerst wird die flΓΌssige Schokolade im Wasserbad aufs Grad genau temperiert, dann auf einer Marmorplatte verstrichen, bis Konsistenz und Glanz genau stimmen. Mit einer Kelle schΓΆpft der Chocolatier die FlΓΌssigkeit in die Hohlform eines Samichlaus, schΓΌttelt sie und leert sie wieder aus. Was an den InnenwΓ€nden der Kupferform kleben bleibt, verhΓ€rtet sich. Dieser Vorgang wird zwei-, dreimal wiederholt, bis die Schokoladenwand dick genug ist. Um die Hohlfigur zu schliessen, wird sie auf eine mit flΓΌssiger Schokolade bestrichene Plastikfolie gestellt und in den KΓΌhlschrank geschoben. Nach ein paar Stunden lΓ€sst sich die Form lΓΆsen. Am Schluss rasiert der Chocolatier die Naht, an der die beiden HΓ€lften der Kupferfigur aufeinander lagen. Wenn alles perfekt gelaufen ist, erstrahlt die Figur in mattem Glanz. Β«Das ist die KunstΒ», sagt Teuscher.
Von DΓΌbendorf aus geht die Ware in die ganze Welt. Maximal eine Woche nach Bestellung stehen die WeihnachtsmΓ€nner in den Auslagen der insgesamt 30 Teuscher-Confiserien in New York, Singapur oder Tokio. Der weisse Samichlaus reist im Auto an die Bahnhofstrasse.
Dort kostet das Kilo 117 Franken. Die Kakaobohnen in Ghana brachten einen Dollar das Kilo. Warum nur sind wir bereit, fΓΌr gute Schokolade fast jeden Preis zu bezahlen? Es ist nicht der sΓΌsse Geschmack β die Β«XocolatlΒ», ums Jahr 600 von den Maya erfunden, wurde ΓΌber tausend Jahre lang scharf gewΓΌrzt konsumiert, bevor man sie zu ihrer heutigen Form weiterentwickelte. Das Erfolgsgeheimnis der Schokolade verrΓ€t Lieven De Visscher, belgischer Entwicklungschef bei Barry Callebaut: Β«Sie ist das einzige Nahrungsmittel, das genau bei KΓΆrpertemperatur schmilzt β im Mund.Β»