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Ascom: Januskopf

Ascom scheint unter dem neuen Chef Juhani Anttila endlich voranzukommen. Doch im Konzern brodelt es: Der bullige Finne ist ein Mann mit zwei Gesichtern.

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Ein Leuchtturm – oder bloss eine Finnenkerze? Ascom-Chef Juhani Anttila. RMS

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Neben ihm mΓΆchte man im Flugzeug nicht sitzen – aus PlatzgrΓΌnden. GrΓΆsse 1,94 Meter, KΓΆrperumfang Γ€hnlich, Gewicht, wie er selbst sagt, Β«zu schwerΒ». Trotzdem fliegt Juhani Anttila, CEO und VR-PrΓ€sident von Ascom, derzeit nur Economy. Schliesslich befindet sich sein Unternehmen in einer Turnaround-Situation.
Er spart auch anderswo, mit Erfolg: Der Berner Telekom-Konzern, über dem Anfang des Jahres noch die Pleitegeier kreisten, fÀngt sich. Vier GrossauftrÀge konnte Ascom in den letzten Wochen vermelden. Gegenüber dem Tiefststand vor acht Monaten hat sich der Aktienkurs knapp verfünffacht. Der Wert der Obligationen, Gradmesser für die Überlebenswahrscheinlichkeit eines Unternehmens, ist von 39 auf 91 Prozent gestiegen. «Der Turnaround kommt voran», meldet Anttila zufrieden.
Feierstimmung bei Ascom? Mitnichten. In einem Grossteil des Kaders herrschen Frustration und Verbitterung ΓΌber den neuen Chef: Anttila ist ein Mann mit zwei Gesichtern. Β«Wenn es gut lΓ€uft, ist es fantastisch, fΓΌr ihn zu arbeitenΒ», sagt ein langjΓ€hriger Mitstreiter. Β«Wenn er unter Druck ist, ist er eine Katastrophe.Β»
Das eine Gesicht gehΓΆrt einem gutmΓΌtigen, aber entschlossenen Macher. Juhani Anttila, geboren 1954 in Helsinki, Sohn eines Bankdirektors, wirkt sympathisch, charmant, eloquent. Β«Ein sehr angenehmer MenschΒ», sagt Lauri Kivinnen, einstiger WeggefΓ€hrte und heute Konzernsprecher bei Nokia. Freunde beschreiben Anttila (drei Kinder, die Frau gelernte Apothekenhelferin aus Schweden) als rΓΌhrenden Familienvater.

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Sein anderes Gesicht sehen die Mitarbeiter. Wenn er ihre VorschlΓ€ge in lauten, manchmal groben Worten abkanzelt. Wenn er ihnen ohne Umschweife sagt, dass ihre Leistungen nichts taugen. Β«Da gibt es manchmal SchrammenΒ», beschreibt ein Verwaltungsrat den harten skandinavischen Stil, der jetzt bei Ascom herrscht. Als Kind wollte Anttila Diplomat werden. Diesen Wunsch hat er bald fallen lassen. Β«Ich kommuniziere oft zu direkt und bin zu ungeduldigΒ», weiss er.
Anttila, Liebhaber von klassischer Musik und Oper, teilt gerne aus. Selber ist er nur Γ€usserlich dickhΓ€utig. Β«Wird er kritisiert, flippt er aus und schlΓ€gt noch hΓ€rter zurΓΌckΒ», sagt einer, der das mehrere Male erlebt hat (und der sich aus diesem Grund wie die meisten anderen nur anonym Γ€ussert). Β«Ich bin fΓΌr eine offene StreitkulturΒ», entgegnet Anttila. Β«Es ist der Normalzustand, dass man verschiedene Meinungen hat.Β»
Fast alle, die mit ihm zusammengearbeitet haben, rΓΌhmen Anttilas Entscheidungsfreude. Das hohe Tempo lernte er in seiner Zeit bei Nokia, als er Ende der Achtzigerjahre in der Schweiz und in Deutschland mithalf, den damaligen Mischkonzern auf Mobilfunk zu fokussieren. Doch seine Entscheide, und das ist wieder die dunkle Seite des Januskopfes, fΓ€llt der Chef meist im Alleingang. Von einer Β«finnischen One-Man-ShowΒ» spricht ein Ascom-Konzernleitungsmitglied. Seine Einzelentscheide zieht der CEO Β«ohne RΓΌcksicht auf Verluste in den eigenen ReihenΒ» durch, sagt ein Verwaltungsrat. Wenigstens noch etwas Einfluss auf den Haudegen haben Finanzchef Rudolf Hadorn und zum Teil GeneralsekretΓ€r Daniel Lack. Β«Aber es gibt nur eine Person auf der Welt, die ihn wirklich managen kannΒ», sagt einer der wenigen, die Anttila sowohl privat als auch beruflich kennen: Β«Seine Frau!Β»

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Anttila weist darauf hin, dass die Konzernleitung und der VR etwa alle 14 Tage zusammenkommen, und verteidigt seinen Stil mit der Krisensituation bei Ascom: Β«Es musste in den letzten neun Monaten sehr viel sehr schnell entschieden werden.Β» Doch bei Swisslog, jenem Aargauer Logistikkonzern, den Anttila wΓ€hrend fast sieben Jahren leitete, herrschte keine permanente Krisensituation. Und trotzdem klingen die Stimmen gleich: Β«Er ist kein TeamplayerΒ», heisst es unisono.
Als EinzelkΓ€mpfer mag man ein KMU fΓΌhren kΓΆnnen, aber nicht einen Konzern mit 5500 Mitarbeitern in 23 LΓ€ndern. Anttila entscheidet viel und redet wenig. Anders als sein charismatischer VorgΓ€nger Urs Fischer lΓ€sst er sich auch nie in den Fabrikhallen blicken. Dabei wΓ€re er ein begnadeter Kommunikator, der vor Kunden, Investoren und Analysten mitreissende PrΓ€sentationen geben kann. Auch im persΓΆnlichen GesprΓ€ch ist er verbindlich, spricht trotz seiner Herkunft fast druckreif Deutsch, strukturiert seine Antworten sauber und weicht unangenehmen Fragen nicht aus. Urs Birrer, ehemaliger Softwarechef bei Swisslog, sagt: Β«Wenn er will, kann er brillant sein.Β»
Bei seinen Mitarbeitern will er selten. Selbst fΓΌr die Konzernleitungskollegen ist Anttila kaum erreichbar. Telefonanrufe und E-Mails bleiben hΓ€ufig unbeantwortet. GesprΓ€che werden von der SekretΓ€rin abgeblockt. ZugΓ€nglicher zeigt sich Anttila, wenn ihm sein GegenΓΌber wichtig ist. Β«Dann kann er aus dem Nichts einen Termin herbeizaubernΒ», sagt ein ehemaliger Verwaltungsrat.

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In jedem Meeting bildet Anttila kraft seiner Γ„mter, aber auch kraft seiner PersΓΆnlichkeit den Gravitationspunkt. Dabei springt er von Thema zu Thema. Β«Er kann keiner Agenda folgenΒ», sagt ein ehemaliger Swisslog-Mitstreiter und erinnert sich an die mehrstΓΌndigen, teilweise monologischen Sitzungen als Β«chaotische ZeitverschwendungΒ». Einer, der bis vor kurzem mit Anttila zusammengearbeitet hat, sagt: Β«Man muss die pendenten Tagesordnungspunkte spΓ€ter irgendwie selbst abbauen.Β»
Zu reden am Ascom-Sitz an der Berner Belpstrasse gibt auch Anttilas FΓΌhrungsstil. Es ist weniger Systematik als BauchgefΓΌhl, mit dem Anttila die Probleme erkennt. Β«Er legt den Finger instinktiv auf die wunden PunkteΒ», sagt ein Mitarbeiter. Da er dann zwar allerlei Gegenmassnahmen, aber keine klaren Ziele definiert, sind Erfolg und Fortschritt nicht messbar. Β«Es bleibt das komische GefΓΌhl, dass zwar viel unternommen, das Problem aber vermutlich nur teilweise gelΓΆst wurdeΒ», sagt ein Kadermann. KreativitΓ€t ist Anttilas StΓ€rke – und seine SchwΓ€che. Β«Wir konnten seine letzte Idee noch gar nicht implementieren, da kam er schon wieder mit zehn neuenΒ», klagt ein langjΓ€hriger Mitstreiter bei Swisslog. Die Folge: stΓ€ndig wechselnde PrioritΓ€ten. Β«Mit operativer FΓΌhrung hat das nichts zu tun!Β», stΓΆhnt ein Konzernleitungsmitglied.

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Entsprechend geniessen die Ascom-Manager viele Freiheiten. Kontrolliert werden allenfalls Finanzkennzahlen. Β«Wenn jemand die Erwartungen nicht erfΓΌllt, nehme ich ihn an die kurze LeineΒ», sagt Anttila. So scheut er auch nicht davor zurΓΌck, sich an nachrangigen Projektsitzungen zu beteiligen und dort die Entscheide zu fΓ€llen. Β«Er muss seine Finger ΓΌberall drin habenΒ», sagt ein Mitarbeiter.
Β«Wie Anttila fΓΌhrt und kommuniziert, entspricht nicht so ganz dem LehrbuchΒ», fasst es ein Betroffener diplomatisch zusammen. Inwieweit also sind, wie ein Verwaltungsrat sagt, Β«die guten News hauptsΓ€chlich Anttilas VerdienstΒ»? Die nun abgeschlossenen GrossauftrΓ€ge mit einem Gesamtvolumen von 225 Millionen Franken Β«waren die Arbeit von vielen Teams teilweise ΓΌber mehrere JahreΒ», sagt Anttila selber.
Auch der Verkauf der Sparte Telefonzentralen ist dem Finnen in den Schoss gefallen, hatte er die VerkaufsplΓ€ne mangels Interessenten doch schon begraben. Anttilas Verdienst ist es, dass er das ΓΌberraschende Angebot der kanadischen Aastra-Gruppe ohne langes ZΓΆgern annahm. Er selber sieht seine grΓΆsste Leistung im Verkauf von Energy Systems. Β«Die Sparte hΓ€tte schon letztes Jahr zu einem besseren Preis abgestossen werden kΓΆnnenΒ», sagt Anttila. Eine klare Attacke gegen den damaligen CEO Urs Fischer. Doch der ehemalige Chef der Energy-Sparte, Beat MΓΌller, widerspricht: Β«Im Herbst gab es gar keinen Interessenten. Der Verkauf wΓ€re gar nicht schneller mΓΆglich gewesen.Β» Einen Strategiewechsel hat der Finne nicht eingelΓ€utet. Β«Ich sehe nichts, was er anders macht als Fischer oder ichΒ», sagt der ehemalige VR-PrΓ€sident Fred RΓΌssli. Noch weiter geht Urs Diethelm, Analyst bei Sal. Oppenheim: Β«Es macht den Anschein, als ob Juhani Anttila die tief hΓ€ngenden FrΓΌchte gepflΓΌckt hat.Β»

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Dieser Verdacht steht bis heute auch bezΓΌglich seiner AmtsΓΌbernahme im Raum. Am 13. Dezember letzten Jahres setzte VR-PrΓ€sident Anttila den bisherigen CEO Urs Fischer ΓΌberraschend vor die TΓΌr und sich selbst auf den Chefsessel. Konkrete GrΓΌnde dafΓΌr hat er bis heute nicht genannt. Er deutet lediglich an, dass der von ihm geleitete VR aus Angst, die Bankenverpflichtungen nicht mehr einhalten zu kΓΆnnen, die Restrukturierung beschleunigen wollte. Anttila selbst war dafΓΌr der naheliegendste Kandidat: Bereits 1999 bot ihm Ascom-GrossaktionΓ€r Ernst MΓΌller-MΓΆhl den CEO-Job an. Als Carolina MΓΌller-MΓΆhl nach dem Tod ihres Mannes das Aktienpaket erbte, war auch sie vom Tempomacher Anttila angetan und hievte ihn auf den Chefsessel.
Was Carolina MΓΌller-MΓΆhl und der Verwaltungsrat nicht wussten: Seinen Posten bei Swisslog hatte der entschlossene Finne bei der Wahl zum Ascom-CEO bereits verloren. Konrad Peter, VR-PrΓ€sident des Logistikkonzerns, suchte mit Wissen Anttilas seit MΓ€rz einen Nachfolger. Β«Anttila hat der Hintern gebranntΒ», beschreibt ein Headhunter die Situation. Ein Profi-VR klassifiziert ihn gar als Β«mit diesem Track-Record unvermittelbarΒ». Anttila weist den Vorwurf, Urs Fischer zu seinem eigenen Vorteil aus dem Job geboxt zu haben, von sich. Β«Weiter weg von der Wahrheit kann man nicht seinΒ», sagt er, will sich aber zu den Details wegen einer Schweigeklausel im AuflΓΆsungsvertrag mit Urs Fischer nicht Γ€ussern. Dass er unmittelbar nach AmtsΓΌbernahme gleich ein grosszΓΌgiges Optionenprogramm fΓΌr sich und das Management einfΓΌhrte (siehe Β«Millionen fΓΌr AnttilaΒ» auf Seite 78), mag Zufall oder schlechtes Timing gewesen sein – hilfreich fΓΌr die eigene GlaubwΓΌrdigkeit ist es in einer solchen Situation nicht.

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Dabei gibt es genug zu tun fΓΌr Anttila. Um die massive Nettoverschuldung von 206 Millionen Franken zu drΓΌcken, muss Ascom ihre Immobilien loswerden. Im Mai nΓ€chsten Jahres sind Bankkredite von 125 Millionen Franken fΓ€llig, neun Monate spΓ€ter eine Obligation von 200 Millionen. Woher das Geld kommen soll, ist unklar.
Vor allem muss Anttila eine schlΓΌssige Gesamtstrategie fΓΌr Ascom finden. Bisher hat er sie nicht. Nur die Hoffnung, die Margen zu stΓ€rken und dereinst organisch von einer auf 1,5 Milliarden Franken Umsatz zu wachsen. Β«Wir entwickeln jeden einzelnen BereichΒ», sagt er. Β«Aber wir kΓΆnnen nicht per Entscheid Synergien befehlen.Β» Ascom bleibt auch unter Anttila ein Nischenkonglomerat.
Dabei war die Vision seine grosse StΓ€rke bei Swisslog: Er diversifizierte den unbedeutenden Hersteller von Hochregallagern in die Bereiche Software und Dienstleistungen. Durch eine Reihe von Akquisitionen wurde Swisslog zum Milliardenkonzern mit einer einzigartigen Stellung in der Branche. Β«Er sieht schnell das grosse BildΒ», sagt einer, der ihn zum Ascom-CEO gewΓ€hlt hat. Der Jurist Anttila liebt die grossen Deals. Β«Aber die HΓ€nde macht er sich selber nicht dreckigΒ», sagt ein WeggefΓ€hrte. An der Knochenarbeit, dem Kostenmanagement und der Integration der zugekauften Firmen, ist er gescheitert. Deshalb muss Swisslog heute wieder massiv zurΓΌckrudern. Β«Wir sind sehr enttΓ€uscht ΓΌber das ResultatΒ», desavouierte der sonst so zurΓΌckhaltende Swisslog-PrΓ€sident Konrad Peter den Finnen ΓΆffentlich nach dessen Abgang.

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Es ist selten, dass ein Manager in derartiger Position so viele negative und zum Teil hochemotionale Voten bei seinen Mitarbeitern hervorruft. Anttila hat seine eigene ErklΓ€rung dafΓΌr: Β«In der gegenwΓ€rtigen Situation ist Ascom kein Platz fΓΌr eine Happy Family – im Moment ist jeder hart gefordertΒ», sagt er. Β«Und solange ich bei Swisslog war, war die Stimmung ausser in den Sanierungsbereichen gut.Β» Ebenso selten ruft ein Manager so stark gegensΓ€tzliche Voten hervor. Β»Ich wΓΌrde ihn nicht mehr anstellenΒ», sagt einer, unter dem Anttila als CEO gearbeitet hat. Β«Als VR hat er keine SchwΓ€chen gezeigt. Ich wΓΌrde ihn wieder holenΒ», sagt Fred RΓΌssli.
Anttila, der Januskopf: Als Chairman bekommt er Lob. Als CEO PrΓΌgel. Bei Ascom ist er beides in einer Person.

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