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Serie: Die Kleinsten

«Das grösste Risiko sind ich und mein Stellvertreter»

Die kleinste Schadensversicherung der Schweiz ist der Beweis, dass im Versicherungsgeschäft Grösse allein nicht alles ist.

Peter Rohner

HZ-Artikel A<<die KleinstenA>>
Roman Kunz, Geschäftsleiter der Appenzeller Versicherungen, setzt auf den persönlichen Kontakt mit den Versicherten statt auf anonyme Formulare. Kim Niederhauser
Grösse ist in der Assekuranz ein Vorteil: Die Risiken können besser gestreut und die Fixkosten auf viele Prämien verteilt werden. Kein Wunder, schliessen sich immer mehr Versicherungen zusammen – die Fusion der Helvetia mit der Baloise ist das jüngste Beispiel für diesen Trend. Doch es geht auch anders: Das beweisen die Appenzeller Versicherungen (AV). Sie sind mit einem Prämienvolumen von knapp 4 Millionen Franken und vier Angestellten die kleinste Versicherung der Schweiz. «Zusammen kommen wir auf 320 Stellenprozent», präzisiert Roman Kunz. Er ist seit 2015 Geschäftsführer der Genossenschaft, die vor über 150 Jahren als Feuerversicherungsgesellschaft gegründet wurde.
Big is beautiful. Der Satz gilt in der Wirtschaft im Allgemeinen: Grosse, wirtschaftlich potente Staaten können kleineren Ländern ihren Willen aufzwingen, wie die Schweiz in diesen Tagen leidvoll erfahren musste. Und auch bei Unternehmen gilt die Formel «gross = gut». Etwa bei Banken und Versicherungen. Wenn die Firmen hier eine gewisse Grösse haben, gerne verbunden mit Geschäften im Ausland, können sie ihre Risiken besser und breiter diversifizieren – zum Beispiel im Kreditgeschäft. Und Versicherer können Verluste in einem Land – etwa wegen einer Naturkatastrophe – mit Gewinnen aus einer anderen Region ausgleichen.
Wer gross ist, hat zudem Vorteile beim Einkauf und profitiert von Skaleneffekten. Ein Paradebeispiel dafür ist die Strombranche, vor allem Anbieter mit einer eigenen Produktion. Hohe Fixkosten, beispielsweise für eigene Kraftwerke oder die Netzsteuerung, verlangen nach einer grossen Kundenbasis. Und erst recht gilt «Gross ist gut» im Bahnverkehr. Denn der Schienenstrang behauptet sich gar als natürliches Monopol – was bedeutet: Es ist für einen Anbieter nicht sinnvoll, neben den Schienen des Konkurrenten sein eigenes Bahnnetz zu bauen.
Und doch gibt es gerade in den oben genannten Branchen Firmen, die diesen ökonomischen Grundsätzen trotzen, und das mit Erfolg. Die Handelszeitung hat sich für diese Serie auf die Suche gemacht und die kleinste Bank, den kleinsten Versicherer, den kleinsten Stromanbieter mit vollem Angebot aus eigener Hand sowie jenen Bahnbetreiber, der über das kürzeste eigene Netz verfügt, ausfindig gemacht. Diese Unternehmen gibt es teilweise schon seit über hundert Jahren, und sie halten sich erfolgreich in einem Markt, der sonst eigentlich Grösse belohnt.
Wie schaffen sie das? Warum gibt es diese Firmen überhaupt noch? Wie funktioniert ihr Geschäftsmodell? Und womit haben sie zu kämpfen? Die Recherche zeigt: Selbst in Branchen mit Grössenvorteilen kann es zuweilen ein Pluspunkt sein, klein und flexibel zu sein.
Über die Autoren
Peter Rohner
Peter Rohner
ist Chefökonom der Handelszeitung.

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