Kaum hat Novartis sich eine neue Struktur gegeben, könnten schon bald wieder Veränderungen anstehen. So ist der Pharmakonzern laut Nachrichtenagentur Bloomberg derzeit in Übernahmegesprächen mit dem US-Generikahersteller Amneal Pharmaceuticals. Gleichzeitig erklärt Verwaltungsratspräsident Jörg Reinhardt in der Wochenend-Presse, man halte sich bei der kriselnden Augensparte Alcon alle Optionen offen. An der Börse werden die Fragezeichen der Investoren grösser.
Wie Bloomberg am Montagmorgen unter Bezug auf mit der Angelegenheit vertraute Quellen berichtet, könnte Novartis mit dem Zukauf des US-Unternehmens seine eigene Generika-Tochter Sandoz stärken. Die beiden Unternehmen könnten schon bald zu einer Einigung kommen, heisst es in dem Bericht weiter. Allerdings seien noch keine endgültigen Entscheidungen getroffen worden.
Novartis gibt sich bedeckt
Ein Verkauf der nicht gelisteten Amneal könnte das Unternehmen mit bis zu 8 Milliarden Dollar bewerten. Das US-Unternehmen arbeite derzeit mit einem Berater, um mögliche Optionen auszuloten. Bei Novartis hiess es auf Anfrage von AWP, man kommentiere keine Marktgerüchte.
Die Nachricht kommt etwas überraschend. Immerhin hatte Novartis-CEO Joseph Jimenez erst bei der Vorlage der Quartalszahlen im Oktober erneut betont, dass man nicht an grösseren Übernahmen interessiert sei, sondern vielmehr an sogenannten «bold-on aquisitions», also Zukäufen, die das bereits bestehende Portfolio optimal ergänzen oder abrunden. Sollte man tatsächlich eine grössere Übernahme in Betracht ziehen, dann müsse sie für die Aktionäre des Pharmakonzern auf den ersten Blick nachvollziehbar sein, hatte der Manager seinerzeit noch angefügt.
Ein Trump-Effekt?
Gleichzeitig hatten sich Analysten seit der Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten vergangene Woche gerade zum Thema Fusionen und Übernahmen in der Branche geäussert und erklärt, dass durch Trump und seine angedachten Programme die Aktivitäten hier wieder etwas ansteigen dürften, da beispielsweise die angedachten Steuererleichterungen für Unternehmen ihre Spuren in deren Kriegskassen hinterlassen dürften.
Während das Unternehmen also angeblich über eine Vitaminspritze für seine Generika-Tochter nachdenkt, wird bei der Augentochter Alcon klar, dass die Geduld des Managements nicht unendlich ist. Man denke über die Zukunft der Sparte nach, sagte VRP Reinhardt im Interview mit der «SonntagsZeitung».
Reinhardt zweifelt am Alcon-Engagement
Novartis konzentriere sich darauf, die Wende voranzutreiben. «In Zukunft halten wir uns aber alle Optionen offen. Da stellt sich auf lange Sicht die Frage, ob wir der beste Eigentümer für Alcon sind», sagte Reinhardt.
Der VR-Präsident wiederholt damit letztendlich Aussagen, die das Management ebenfalls schon gemacht hat. Immer wieder hatte zuletzt auch Jimenez erklärt, Ziel sei es, Alcon zunächst beim Umsatz wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Was danach komme, sei dann zu entscheiden. Allerdings lässt auch diese Wende länger als bislang gedacht auf sich warten. Ursprünglich sollte Alcon ab der zweiten Jahreshälfte 2016 eine allmähliche Besserung aufweisen – dieses Ziel wurde nun auf das frühe 2017 verschoben.
Sinkender Kurs
An der Börse haben sich die zunehmenden Fragen am Montag eins zu eins im Kurs gespiegelt. Starteten die Aktien noch mit Kursgewinnen von mehr als einem Prozent in den Handel, steht bis etwa 13.30 Uhr ein Minus von rund 0,8 Prozent – bei einem stabilen SMI. Sehen Sie in der Bildergalerie, das «Who is who» der Pharmaindustrie:
«Bilanz» hat das «Who is who» der Schweizer Wirtschaft ermittelt. Die wichtigsten Personen im Bereich Pharma und Chemie:Jörg Reinhardt:Drei Jahre führte er Bayer HealthCare, seit zwei Jahren räumt er nun bei Novartis auf. Seine ruhige, überlegte, kompetente und verbindliche Art kommt auch da gut an. RMS Jean-Paul Clozel:Mit seiner Pharmafirma Actelion verabschiedete er sich 1997 von Roche und nahm das Risiko auf sich das Lungenmedikament Tracleer zusammen mit Freunden zu entwicklen. Er hatte Erfolg, doch für das künftige Überleben von Actelion braucht er mehr davon. RMS Michel Demaré:Mit seinem Abschied als Finanzchef von ABB wollte er sich mehr Zeit zum Vorausdenken, Planen, Informieren gewinnen. Heute, gut zwei Jahre später, hat sich Demaré seinen Arbeitsplan wieder vollgepackt. Als Präsident des Agrochemiekonzerns Syngenta muss Demaré gerade die Aktionärskritik an der Strategie des Unternehmens ausbügeln. Keystone Magdalena Martullo-Blocher:Ihr Ehrgeiz ist kaum zu bremsen. Die Ems-Chemie, deren Führung sie 2003 vom Vater übernahm, läuft gut. Seit kurzem erklimmt Magdalena Martullo-Blocher auch die politische Karriereleiter. Nun muss sie ihr politisches Amt und die Interessen als Firmenchefin kombinieren. RMS Thomas Meier:Er besitzt Durchhaltewillen. Fast wäre seine Pharmafirma Santhera vor zwei Jahren ins finanzielle Aus geraten. Nun ist ihm der Durchbruch gelungen: Santheras Medikament Raxone, das Menschen mit einer seltenen, vererbbaren Augenkrankheit hilft, erhielt im Spätsommer die EU-Zulassung. Die Aktie reagierte mit einem Höhenflug. RMS Severin Schwan:Der CEO von Roche nutzt die Erfolge des Unternehmens und schafft ein fehlertolerantes Umfeld. Schlagen Ideen fehl, belohnt er die Urheber dennoch. Denn es geht ihm nicht um den schnellen Erfolg, sondern um hohe Kreativität – ohne Angst, zu versagen. So schafft er die Chance zu mehr Innovation. . Rudolf Wehrli:In letzter Zeit ist es etwas ruhiger geworden um den Verwaltungsratspräsidenten von Clariant. Lediglich die Avancen von Auslandskonzernen für Clariant treiben Wehrli in die Öffentlichkeit. Dort wehrt er aber mögliche Käufer wie den Konzern Evonik vehemment ab. Clariant bleibe selbständig. RMS Jürg Witmer:Auf seiner Position verharren bis er aus den Firmen herausgedrängt wird? Das will Jürg Witmer nicht. Vielmehr geht er, wenn seine Mission vollendet ist. Beim Riech- und Duftstoffhersteller Givaudan, den Witmer in die Selbständigkeit führte und heute präsidiert, bereite er intensiv seine Nachfolge vor. RMS Hansjörg Wyss:Vorwürfe der sexuellen Nötigung durch eine Ex-Mitarbeiterin kratzen am Image vom Gründer von Synthes und Grossaktionär Johnson & Johnson. Ungewohnt für den Erfolgsverwöhnten Manager. Als Mäzen bleibt er aber weiterhin grosszügig. Keystone Christian Zahnd:Vor elf Jahren gründete der Molekularbiologe mit ETH-Diplom und Doktortitel frisch von der Universität Zürich mit anderen Wissenschaftlern das Unternehmen Molecular Partners. Dank eines Börsengangs besitzen sie ein gutes Finanzpolster, doch Roche sprang jüngst als wichtiger Partner ab. Bilder: Keystone RMS