Die Schweizer Politik hat mit der Revision des Umweltschutzgesetzes einen zentralen Rahmen beschlossen. Wo stehen wir aktuell bei der konkreten Umsetzung?
Das Schweizer Umweltschutzgesetz war historisch stark auf den Schutz vor Schadstoffen ausgerichtet. Die Revision verankert nun grundlegend Ressourceneffizienz und zirkuläre Wertschöpfung. Kernstück ist die neue Abfallhierarchie: Wiederverwendung und stoffliche Verwertung erhalten Vorrang vor der Verbrennung – sofern dies ökologisch sinnvoll, technisch machbar und wirtschaftlich tragbar ist.
Welche konkreten Massnahmen folgen nun?
Die meisten Gesetzesbestimmungen gelten seit Anfang 2025. Inzwischen hat der Bundesrat auch wichtige Ausführungsbestimmungen beschlossen: Die revidierte Abfallverordnung und die national einheitlichen Littering-Bussen gelten seit August 2026; die neue Verpackungsverordnung tritt Anfang 2027 in Kraft. Weitere Umsetzungsarbeiten betreffen unter anderem ausländische Onlinehändler und digitale Plattformen, Branchenlösungen sowie einzelne Regeln zum Siedlungsabfallmonopol. Bei Verbrennungsrückständen wurden zudem die rechtlichen Voraussetzungen für die Rückgewinnung von Zink und anderen verwertbaren Metallen präzisiert.
Zur Person
Bastien Girod ist Partner für Strategie und Nachhaltigkeit bei Deloitte Schweiz und berät Unternehmen bei der zirkulären Transformation und der Dekarbonisierung. Zuvor vertrat der promovierte Umweltnaturwissenschafter von 2007 bis 2024 die Grünen im Schweizer Nationalrat und war in der Forschung und Lehre an der ETH Zürich tätig.
Vor rund zehn Jahren wurde die Volksinitiative «Grüne Wirtschaft» abgelehnt. Was hat sich seither verändert?
Nach dem Nein unternahm das Parlament mit der Initiative «Schweizer Kreislaufwirtschaft stärken» einen erfolgreichen, parteiübergreifenden Anlauf für die wenig bestrittenen Kernelemente. Gleichzeitig hat sich das globale Umfeld drastisch gewandelt. Geopolitische Verwerfungen und Lieferkettenunterbrüche zeigen Wirtschaft und Politik die Verwundbarkeit einer linearen Wirtschaft auf. Kreislaufwirtschaft gilt heute nicht mehr als reines Umweltthema, sondern als strategisches Instrument zur Rohstoffsicherung, Versorgungssicherheit und wirtschaftlichen Resilienz.
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In der Praxis prallen gesetzliche Ambitionen und reale Umsetzung oft aufeinander. Wo zeigen sich derzeit die grössten Zielkonflikte?
Eine grosse Herausforderung ist die Wirtschaftlichkeit, weil Primärrohstoffe und neue Produkte häufig noch günstiger sind als Reparatur und Recycling. Doch es gibt auch beachtliche wirtschaftliche Potenziale. Dabei kann es aber an der heutigen Regulierung harzen. Ein Spannungsfeld sehen wir beim Abfallmonopol der Gemeinden. Dort, wo die Privatwirtschaft bereits effiziente Recyclinglösungen anbieten könnte, stellt sich die Frage, wie stark man diese Märkte öffnet. Städte und Gemeinden reagieren hier teils zurückhaltend, da sie befürchten, final die Entsorgungssicherheit und Kosten übernehmen zu müssen, falls ein privates Modell nicht dauerhaft funktioniert oder unrentable Reststoffe übrig bleiben.
Was gilt es nun zu tun?
Es braucht klare Prioritäten und gemeinsame, gut austarierte Lösungen. Wir müssen uns auf jene Abfallströme konzentrieren, bei denen das Recycling sowohl ökologisch den grössten Hebel hat als auch ökonomisch attraktiv gestaltbar ist. Initiativen aus der Wirtschaft wie die Branchenorganisation Recypac für die erweiterte Plastiksammlung zeigen, dass branchenspezifische Lösungen sehr erfolgreich sein können, wenn die beteiligten Akteure und ihr Know-how zusammenkommen.
Wer trägt dabei welche Verantwortung?
Es ist ein Dreiecksverhältnis: Die Wirtschaft muss zirkuläre Angebote und Geschäftsmodelle marktreif entwickeln. Die Konsumenten müssen langlebige Produkte wählen und diese auch reparieren lassen. Die Politik muss mit klaren Anreizen und Standards für faire Wettbewerbsbedingungen sorgen, damit nachhaltig handelnde Unternehmen nicht benachteiligt werden.
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Wie kann die öffentliche Hand als Vorbild vorangehen?
Grosses Potenzial liegt bei öffentlichen Beschaffungen. Die Herausforderung ist die verlässliche Messbarkeit. Protokolle wie das Global Circularity Protocol können die Grundlage für standardisierte, transparente Kennzahlen bei Ausschreibungen schaffen. Ausschreibungskriterien funktionieren eben nur, wenn die verschiedenen Unternehmen dieselben Messgrössen verwenden. Musterausschreibungen könnten hier helfen.
Werden Kehrichtverbrennungsanlagen durch eine Kreislaufwirtschaft überflüssig?
Keineswegs. Auch in einer ausgereiften Kreislaufwirtschaft bleiben nicht rezyklierbare oder schadstoffbelastete Abfälle zurück. Kehrichtverbrennungsanlagen (KVA) zerstören organische Schadstoffe und schleusen andere kontrolliert aus den Stoffkreisläufen aus. Gleichzeitig erzeugen sie Strom und Wärme. Aus den Verbrennungsrückständen werden zudem Metalle wie Stahl, Aluminium, Kupfer und Gold zurückgewonnen. Kreislaufwirtschaft macht KVA daher nicht überflüssig.
Wann schlägt sinnvolles Plastikrecycling in ökologisch unrentables Alibi-Recycling um?
Sinnvolles Recycling setzt voraus, dass ein grosser Anteil des gesammelten Materials tatsächlich stofflich und möglichst hochwertig verwertet wird. Werden Abfälle gesammelt, aber mangels Sortiermöglichkeiten oder ausreichender Qualität überwiegend verbrannt, entsteht lediglich der Eindruck eines geschlossenen Kreislaufs. Ab 2027 müssen in der Schweiz mindestens 55 Prozent der Kunststoffverpackungen stofflich verwertet werden. Das PET-System zeigt, wie hochwertiges Recycling funktionieren kann: Das Rezyklat wird wieder für Lebensmittelverpackungen eingesetzt, statt im Downcycling zu enden. Verpackungen können zudem helfen, Lebensmittel länger haltbar zu machen und Foodwaste zu reduzieren.
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Warum setzt sich der Ansatz «Product-as-a-Service» bei den Konsumgütern noch nicht auf breiter Front durch?
Im B2B-Sektor sind nutzungsbasierte Servicemodelle längst etabliert. Bei den Konsumgütern fehlte bis anhin die nötige Transparenz für einen funktionierenden Sekundärmarkt. Für gewisse Produkte kann hier der digitale Produktpass Abhilfe schaffen: Ähnlich wie der Kilometerstand beim Auto dokumentiert er die tatsächliche Nutzung sowie Reparaturen von E-Bikes, Batterien oder Wärmepumpen. Diese Transparenz kann den Wiederverkaufswert erhöhen und den Secondhandmarkt stärken.
Was ist in den Führungsetagen von Unternehmen derzeit die grösste Hürde beim Thema Nachhaltigkeit?
Lange fehlte die Übersetzung in die Finanzsprache. Nachhaltigkeit wurde primär unter dem Gesichtspunkt von Umweltwirkung und Regulierung betrachtet. Genau hier setzt das Sustainability Fusion Framework an, indem es nachhaltige Initiativen in finanzielle Kennzahlen übersetzt. Das Modell ruht auf vier Säulen. Zirkuläre Geschäftsmodelle wie Miet- oder Reparaturservices schaffen neue Einnahmen. Parallel sichert die Einhaltung von Umwelt- und Regulierungsstandards bestehende Umsätze und den Marktzugang. Zudem senken Materialeinsparungen und ein geringerer Energieverbrauch direkt die Kosten, während die Risiken bei Lieferengpässen und Rohstoffpreisen spürbar minimiert werden.
Unterscheidet sich die Motivation der Firmen heute von der vor zehn Jahren?
Vor zehn Jahren waren Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft noch abstrakte Ziele, heute geht es viel stärker um die Umsetzung, und entsprechend haben sich die Herausforderungen gewandelt. In der aktuellen geopolitischen Situation ist die betriebswirtschaftliche Resilienz sicher ein wichtiger Faktor. Wenn Rohstoffpreise stark steigen, Klimafolgen Ernten gefährden oder geopolitische Krisen die Zulieferung blockieren, geraten lineare Geschäftsmodelle unter Druck. Unternehmen müssen heute genauer wissen, welche kritischen Materialien ihre Produkte enthalten, woher diese stammen und wie sie diese Wertstoffe im eigenen Kreislauf halten können.
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Gibt es Zahlen, die zeigen, wie zirkulär die Schweiz heute tatsächlich arbeitet?
Der «Circularity Gap Report» zeigt Ernüchterndes: Nur 6,9 Prozent der in der Schweiz verwendeten Materialien stammen aus Sekundärrohstoffen. Eine globale Studie schätzt die jährlichen Wertverluste der linearen Wirtschaftsweise auf rund 25 Billionen Euro. Abfall geht meist mit erheblichem Wertverlust einher. Ist im Lebensmittelsektor erst Foodwaste entstanden, lässt sich der ursprüngliche Wert kaum zurückgewinnen. Werden Produkte, Abläufe und Portionsgrössen dagegen von Beginn an ressourcenschonend geplant, können Abfälle vermieden und wirtschaftliche Werte länger erhalten werden.
Gibt es Branchen, die hier bereits eine ausgeprägte Vorreiterrolle einnehmen?
Der Bausektor bietet beim Recycling von Beton und Abbruchmaterial besonders grosses Potenzial, und es wird hier bereits viel gemacht. Entscheidend wird nun konsequentes Eco-Design: Gebäude sollten von Anfang an so geplant und digital dokumentiert werden, dass Bauteile und Materialien später möglichst gut getrennt und wiederverwertet werden können. Ebenfalls weit vorne liegen Hersteller hochwertiger B2B-Investitionsgüter, bei denen die Betreuung über die gesamte Lebensdauer von jeher zum Geschäftsmodell gehört. Bei günstiger Konsumelektronik aus dem Onlinehandel ist die Integration der Anbieter in die Schweizer Entsorgungs- und Finanzierungssysteme ein wichtiger Schritt. Mehr Transparenz zu Qualität, Umwelt- und Gesundheitsbelastung hilft den Konsumentinnen und Konsumenten, die Nachfrage besser zu steuern.
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