Die Frage, ob die Schweiz wieder auf Atomkraftwerke setzen soll, ist emotional und spaltet tief. Einerseits, weil es der Branche bis heute nicht gelungen ist, die Entsorgung der radioaktiv strahlenden Abfälle zu organisieren – geschweige denn, Kraftwerke ohne diesen Sondermüll zu bauen. Andererseits, weil Unfälle wie Fukushima noch immer nachhallen und der Krieg in der Ukraine uns die gefährliche Hinterlassenschaft von Tschernobyl wieder vor Augen geführt hat. Doch es gibt auch wirtschaftliche Gründe, die gegen Atomkraftwerke sprechen.
AKW, wie sie in Europa gebaut werden, sind für den Schweizer Markt eigentlich «too big to fail». Zwar ist es verlockend, mit einem Kraftwerk so viel Strom produzieren zu können wie mit allen Photovoltaikanlagen zusammen. Und ja, ein Kraftwerk, das unabhängig von den Launen der Natur Strom produziert, hat Vorteile. Doch die Grösse bringt auch Nachteile mit sich. Solche AKW produzieren systembedingt oft am Markt vorbei. Und sie bilden ein Klumpenrisiko. Es braucht Back-ups für den Fall, dass – wie 2025 – ein Kraftwerk länger ausfällt. Solange die Schweiz in den europäischen Strommarkt integriert ist, ist das kein Problem. Doch gerade das wird derzeit heftig hinterfragt. Das EU-Stromabkommen hat schlechte Karten.
Lange Amortisationszeiten inkompatibel mit dem Strommarkt
Neue AKW passen zudem schlecht in den Strommarkt. Dieser erschwert mit seinen durch Grenzkosten definierten Preisen die Amortisation der teuren Anlagen. Investitionsdauern von sechzig Jahren schrecken jeden Investor ab. Kein Wunder, ist fast überall der Staat involviert, wo solche Kraftwerke gebaut werden. Firmen wie Alpiq und Axpo setzen lieber auf Solar oder Wind, wo das Kapital schneller zurückfliesst. Selbst ohne Subventionen. Keine Frage: Würden Gösgen und Leibstadt von heute auf morgen abgestellt, hätte die Schweiz ein Versorgungsproblem. Aber darum geht es nicht. Wir müssen uns fragen, wo die Schweiz in dreissig Jahren stehen soll. Wer hätte noch vor kurzem gedacht, dass schon im Jahr 2025 Solarwärme so viel Energie produzieren würde wie ein AKW? Das grösste Problem für die Schweiz ist der Winter, denn da schwächelt auch die bei uns so dominante Wasserkraft. Hierfür braucht es Lösungen. Doch das müssen nicht zwingend AKW sein. Wind, neue Saisonspeicher oder schlicht Import sind vielleicht die ökonomischeren Lösungen.
Sollen AKW subventioniert werden?
Zentral ist: Was spricht dafür, nicht mehr dagegen zu sein? Oder Atomstrom sogar aktiv zu subventionieren? Das – und nicht das Neubauverbot – wird die grosse Frage der kommenden Jahre sein. Vielleicht braucht es eine Überbrückung vom Heute ins Morgen. Entweder bis neue Kapazitäten aus Wind und Solar gebaut und Saisonspeicher für den Winter erstellt sind. Oder bis neue Nukleartechnik ein echtes Überdenken der Atompolitik ermöglicht. An der Nase nehmen müssen sich all jene Umwelt- und Landschaftsschützer, die AKW bekämpfen und Gaskraftwerke verhindern wollen, aber gegen jede Windkraftbewilligung und Staumauererhöhung eine Einsprache machen. An Mässigung zu appellieren und auf sinkenden Verbrauch zu hoffen, ist blauäugig und ebnet nur den Weg zu wenig nachhaltigen Notlösungen.