Abo
Kommentar zu KI-Rechenzentren

Die Debatte um den Wasserverbrauch ist fehlgeleitet

Die Wasserkrise spitzt sich zu, und künstliche Intelligenz gerät ins Visier. Das ist aber der falsche Sündenbock.

Olivia Ruffiner

file85fc7fuc1uq39kqhrjj
«Ginge es in dieser Debatte wirklich um Umweltschutz, stünden Textil- und Viehwirtschaft längst höher auf der Agenda», schreibt Handelszeitung-Autorin Olivia Ruffiner. HZ

Werbung

Der europäische Kontinent ächzt unter einer nie dagewesenen Hitzewelle. Die Trockenheitskarte der Schweiz zeigt nur noch gelbe Warnzeichen an. Und just in dem Moment wird hitzig über Wasser diskutiert. Der kollektive Zeigefinger richtet sich wieder einmal auf das Thema der Stunde: künstliche Intelligenz.
Rechenzentren benötigen Unmengen von Wasser, vor allem um die Server zu kühlen. Das war schon immer so. Der Unterschied heute: KI-Rechenzentren sind dichter mit Chips bestückt, was deutlich mehr Wärme produziert und mehr Kühlung braucht. Gekühlt wird meistens mit Wasser. Amazon entnahm im Jahr 2025 weltweit 9,5 Milliarden Liter Wasser für seine Rechenzentren. Open-AI-CEO Sam Altman sagt, eine Anfrage bei Chat GPT brauche 0,32 Milliliter Wasser. Und die UNO warnt, KI könnte bis 2030 so viel Wasser verbrauchen wie 1,3 Milliarden Menschen zusammen.
Das ist durchaus ein Problem. Aber was bei dieser Debatte aus den Augen gerät, ist die Relation. Verglichen mit anderen Branchen fällt der Wasserverbrauch von Rechenzentren verschwindend gering aus. Die Textilindustrie verbraucht jedes Jahr rund 215 Billionen Liter Wasser. Die Landwirtschaft beansprucht 70 Prozent aller globalen Süsswasserentnahmen. Allein die Viehwirtschaft verbraucht 228 Kubikkilometer Wasser pro Jahr. KI-Rechenzentren sollen bis 2028 gerade einmal auf rund einen Kubikkilometer kommen.

Partner-Inhalte

KI nährt Job-Ängste

Die Unverhältnismässigkeit der Empörung hat einen Grund, der wenig mit Umweltschutz zu tun hat. Landwirtschaft und Fast Fashion produzieren Konsumgüter, die unser Leben schöner und schmackhafter machen. KI hingegen weckt Ängste, etwa vor dem grossen Jobverlust. Das grosse Fingerzeigen auf den Wasserverbrauch ist ein dankbares Ventil für diese Angst. Ginge es in dieser Debatte wirklich um Umweltschutz, stünden Textil- und Viehwirtschaft längst höher auf der Agenda.
Das soll nicht heissen, dass Rechenzentren grün sind. Im Gegenteil: Eine aktuelle Studie der Allianz zeigt, dass Rechenzentren sogar umweltschädlicher sein könnten als bisher angenommen. Die CO2-Emissionen liegen 57 Prozent höher als in früheren Schätzungen; für 2025 belaufen sie sich auf 286 Millionen Tonnen, bis 2030 möglicherweise gar auf 643 Millionen Tonnen. Ein Viertel davon geht auf Hardware und Infrastruktur zurück. Ressourcen wie seltene Erden für die Chipproduktion belasten die Umwelt, noch bevor der Server im Rechenzentrum überhaupt läuft. Die Wasserdebatte lenkt aber genau von diesen Zahlen ab, die wirklich zählen.
Über die Autoren

Werbung