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Interview

«Echte Innovation entsteht erst in der Praxis»

SAP-COO Sebastian Steinhäuser erklärt, warum der Standard eines Grosskonzerns oft sicherer ist als der schnelle Eigenbau.

Wilma Fasola von Handelszeitung

Sebastian Steinhäuser leitet als COO bei SAP den Bereich Strategy & Operations.
Sebastian Steinhäuser leitet als COO bei SAP den Bereich Strategy & Operations.SAP

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SAP wurde 1972 als Startup mit Enterprise-Fokus gegründet und entwickelte sich zu einem DAX-Konzern mit 112'000 Mitarbeitenden und 31 Milliarden Euro Umsatz. Die Kundenbasis ist heute dennoch mehrheitlich mittelständisch geprägt. 80 Prozent der Kunden sind KMU. Hier zeigt sich die Schnittstelle zur Praxis, denn technologische Innovationen entstehen laut Sebastian Steinhäuser, COO von SAP, erst durch die konkrete Anwendung im Betrieb. Für Mittelständler bedeutet diese Konstellation das Aufeinandertreffen zweier Welten: Sie nutzen die technologische Infrastruktur eines Grosskonzerns, die sich jedoch in den oft pragmatischen und agilen Prozessen des Mittelstands bewähren muss.

Wie zentral ist KI für die Vereinfachung von Unternehmensabläufen im Jahr 2026?

Sebastian Steinhäuser: Für uns ist die KI heute ein zentraler Bestandteil dessen, wie wir intern arbeiten und Innovationen vorantreiben. Darüber hinaus sehen wir KI als einen fundamentalen Wandel in der Art, wie Unternehmen gesteuert und Entscheidungen getroffen werden. Nur wenn KI intern funktioniert, funktioniert sie auch für Kunden. Unsere Grundregel lautet daher, dass SAP der erste und anspruchsvollste Anwender der eigenen Lösungen sein muss. Nur wenn wir den Nutzen selbst spüren, können wir ihn glaubhaft nach aussen tragen. Unser Ziel ist, dass in Zukunft jeder zentrale Geschäftsprozess durch KI unterstützt und optimiert wird.

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Wie darf man sich das in der Praxis vorstellen?

Wir bewegen uns in einer neuen Dimension: Wir arbeiten aktuell mit einer grossen Zahl autonomer KI-Agenten und spezialisierter Assistenten im Markt. Das Entscheidende ist, dass wir alle Lösungen für unsere Kernbereiche intern selbst nutzen im Live-Betrieb. Wir setzen unsere Technologien konsequent im eigenen Produktivbetrieb ein und entwickeln sie entlang realer Anwendungsszenarien weiter. Natürlich sind wir nicht in allen Nischen aktiv, aber in unseren Kernprozessen gehen wir voran und setzen die Technologien produktiv ein.

Zur Person

Sebastian Steinhäuser ist seit September 2024 Mitglied des Vorstands und Chief Operating Officer (COO) der SAP SE. In dieser Rolle verantwortet er die globale Unternehmensstrategie, die operative Umsetzung sowie die interne Transformation des Softwarekonzerns. Steinhäuser kam 2020 zu SAP und leitete zunächst die Konzernstrategie (Chief Strategy Officer). Vor seinem Wechsel zu SAP war er viele Jahre bei der Boston Consulting Group (BCG) tätig, wo er als Partner Unternehmen bei der digitalen und strategischen Transformation beriet. Bei SAP treibt er vor allem die Ausrichtung auf Cloud-Lösungen, künstliche Intelligenz und effiziente operative Prozesse voran.

Sie verordnen Ihrem eigenen Teams also das, was Sie Ihren Kunden verkaufen?

Es ist eine klare Voraussetzung, dass wir diese Technologien im täglichen Workflow selbst einsetzen. Dafür haben wir die interne Transformation «Let’s work the AI way» gestartet. Das Change-Management ist dabei ein wichtiger Faktor. Entscheidend ist aber: Wir steuern das klar «outcome-based», also ergebnisorientiert. Hinter jedem Assistenten und Agenten steht ein klares Wertversprechen für messbare Produktivität und höhere Entscheidungsqualität. Wir validieren das intern, um Kunden genau sagen zu können, was sie erwarten dürfen.

In Ihrer Position als COO betonen Sie stark den Praxisbezug. Wie sieht das in der Entwicklung aus?

Das ist unsere DNA. Vor über fünfzig Jahren haben unsere Gründer die erste ERP-Software direkt vor Ort in einem Chemieunternehmen entwickelt. Bei KI machen wir es genauso. Jede Innovation entsteht mit Co-Innovationskunden. Über wöchentliche Sprint-Reviews spiegeln wir jeden Schritt – von der ersten Vision eines KI-Agenten bis zum finalen Test –, um sicherzustellen, dass die Richtung für reale Anwender stimmt.

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Spüren Sie aufgrund der wirtschaftlich angespannten Lage eine Zurückhaltung im Markt?

Unsere Wahrnehmung ist aktuell eine andere. Gerade in Europa – und auch in der Schweiz – sehen wir, dass Unternehmen sehr gezielt in produktive KI-Anwendungen investieren, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Wir erleben eine sehr starke Nachfrage aus dem Markt. Das ist das Ergebnis der intensiven Arbeit, die unsere Teams weltweit in den letzten Monaten geleistet haben.

Wie stellen Sie bei diesem Tempo die Flexibilität für völlig unterschiedliche Branchen sicher?

Deshalb setzen wir die technologische Plattform in den Mittelpunkt. Ein Prozess wie die Cash Collection läuft in der Chemiebranche völlig anders ab als im Einzelhandel oder in der Pharmaindustrie. Wir investieren massiv in eine erweiterbare Plattformarchitektur und unterstützen die Kunden direkt bei der Implementierung. Zudem nutzen wir unsere Digital-Adoptions-Lösung Walkme, die Anwender im laufenden Betrieb Schritt für Schritt direkt auf dem Bildschirm schult.

Wo lauern die grössten Stolpersteine bei der flächendeckenden KI-Einführung?

Es gibt zwei Seiten. Für uns als Anbieter liegt die Herausforderung darin, das enorme Tempo im Plattform-Engineering zu koordinieren. Auf Kundenseite sehe ich eine Herausforderung, die ich die Custom-Build-Falle nenne.

Was meinen Sie damit?

IT-Verantwortliche stehen unter massivem Druck, schnell Ergebnisse zu liefern. Die Reaktion besteht oft darin, schnell eigene Tools auf Basis von Technologien anderer KI-Anbieter zu entwickeln. Das hilft zwar für ein erstes Gefühl, aber man übersieht dabei den riesigen Aufwand unterhalb der Wasseroberfläche.

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Also der Betriebsaufwand?

Genau. Es ist leicht, schnell Codes zu schreiben. Aber was ist mit dem Betrieb, der Datensicherheit, der SOX-Compliance, der Lokalisierung für zwanzig Länder und dem Support über fünf Jahre? Wenn man KI nur als Schicht über veraltete Prozesse pflastert, gewinnt man nichts ausser einem kurzen Show-Effekt. Unternehmen müssen sich fragen: Wo lohnt sich Eigenbau wirklich, weil es um die Kernwertschöpfung geht? Und wo ist der Standard eines grossen Herstellers günstiger und sicherer, weil er diese Hintergrundthemen automatisch löst?

Viele Unternehmen ziehen gerade in die Cloud. Kann man in dieser Übergangsphase überhaupt schon sinnvoll über KI nachdenken?

Das ist eine Herausforderung, da die Versuchung gross ist, aus Ungeduld KI-Silos zu bauen. Deshalb verfolgen wir bewusst einen Ansatz, bei dem wir nicht warten, bis die Core-Architektur vollständig modernisiert ist. Wir stellen KI-Assistenten und autonome Agenten bereits während der Transformation bereit. Die Fachbereiche erwarten heute sofortige Ergebnisse und können nicht warten, bis das Cloud-ERP in einigen Jahren fertig ist. Mit diesem Ansatz erhalten sie Unterstützung direkt aus dem Standard.

KI im Finanz- oder HR-Bereich erfordert eine extrem geringe Fehlertoleranz. Wie passt das mit einer Technologie zusammen, die halluziniert?

Ein Sprachmodell allein bringt im Unternehmen nichts. Erst der Kontext durch die Verknüpfung mit realen Stammdaten, Prozessen und historischem Wissen macht die KI sicher. Um diese enge Verzahnung zwischen Plattform und Applikation zu garantieren, haben wir unsere Organisation angepasst und interne Silos aufgebrochen. Die Teams arbeiten heute agil entlang der KI-Architektur zusammen, die alten Trennungen zwischen den Entwicklungsbereichen sind vorbei.

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Der erste KI-Hype flacht ab, Unternehmen verlangen harte Zahlen. Wie messbar ist KI-Erfolg in der Praxis?

Der initiale Hype, bei dem Budgets ohne klaren ROI freigegeben wurden, ist vorbei. Das Bewusstsein für Kosten und Effizienz ist zurück. Deshalb haben wir für jeden KI-Agenten gemeinsam mit externen Partnern messbare KPIs definiert. Mit Tools wie dem AI Agent Hub und Signavio tracken wir Prozessverbesserungen im Live-Betrieb. Der Kunde kann transparent nachvollziehen, ob sich Durchlaufzeiten in der Angebotserstellung verkürzen, manuelle Ausnahmen sinken oder der Finanzabschluss schneller läuft. Das sind genau die Effekte, an denen sich Investitionsentscheidungen heute messen lassen.

SAP und KMU

Mittelständler im Fokus Trotz dem hartnäckigen Vorurteil, SAP sei ein starres System für träge Grosskonzerne, prägen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) den Alltag des Softwareanbieters in der Schweiz gewaltig. Rund 3000 Schweizer KMU nutzen bereits die ERP-Lösungen aus dem deutschen Walldorf. Denn der Druck zur Digitalisierung ist längst auch in Nischenbranchen angekommen. Statt starrer Standardsoftware läuft der Schweizer Mittelstand vor allem über Partner: Rund 95 Prozent aller KMU-Projekte wickeln lokale Systemhäuser ab. Diese kennen die regionalen Besonderheiten genau und passen die Cloud-Systeme an die Praxis an. SAP liefert im Grunde nur den Motor – die Feinarbeit machen Spezialisten und Spezialistinnen vor Ort. Ein Knackpunkt bleibt jedoch die jüngere Führungsschicht: Steht ein Generationenwechsel an, greifen neue Chefs rasch zu hippen Cloud-Tools. SAP muss deshalb beweisen, dass die eigenen Systeme schlanker und flexibler geworden sind – weg vom verstaubten Image, hin zu praxisnahen Branchenlösungen für den Alltag.

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