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Bauwerk

Gotthard-Basistunnel: Aus dem Leben eines Mineurs

Sie schwitzten und schufteten unter Tage – 17 Jahre lang: 2000 Mineure schafften am Gotthard-Basistunnel. Es war eine Arbeit unter Extrembedingungen, die zu Freundschaften und grossem Leid fΓΌhrte.

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Rene Kaufmann arbeitete 14 Jahre lang am Gotthard-Basistunnel. Keystone RMS

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Sie schwitzten und schufteten unter Tage – 17 Jahre lang, rund um die Uhr, an 360 Tagen. Doch heute, wo der Gotthard-Basistunnel feierlich erΓΆffnet wird, sind viele von ihnen bereits weitergezogen. Die 2000 Mineure sind Namenlose geblieben, obwohl sie ein Jahrhundertwerk erschaffen haben.

Wehmut, Stolz und Genugtuung empfindet Rene Kaufmann, wenn er an den Tunnel denkt. Β«Es ist seltsam, dass die Arbeit auf einmal zu Ende ist.Β» Kaufmann, ein HΓΌne, leuchtende Weste, fester HΓ€ndedruck hat in den vergangenen 14 Jahren im Gotthard-Basistunnel gearbeitet. Zuerst in der Grubenwehr, dann als Disponent und spΓ€ter als LokfΓΌhrer in Sedrun GR, wo wegen der schwierigen geologischen VerhΓ€ltnisse nur Sprengstoff zum Einsatz kam.

Arbeit unter Extrembedingungen

Sprengen ist die KΓΆnigsdisziplin im Tunnel. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Der Sprengmeister macht den letzten Kontrollgang, dann wird gezΓΌndet.

Die Detonation ist ohrenbetΓ€ubend, die Druckwelle gewaltig, und es ist unmΓΆglich ihr auszuweichen. Beissender Ammoniakgeruch steigt den Mineuren in die Nase. Es ist feucht, staubig und bis zu 50 Grad heiss. So schildert der 46-JΓ€hrige seinen damaligen Arbeitsalltag. Β«Ich musste Kollegen aus dem Tunnel tragen, weil sie kollabiert sind.Β»

Die Schichtarbeit im Herzen des Berges ist hart: Zehn Tage schuften, vier Tage frei. Nicht selten wechselt jemand rasch den Job. Β«Entweder du bist gemacht fΓΌr den Tunnel oder nicht.Β» Kaufmann macht den Job seit 30 Jahren. Er wurde ihm in die Wiege gelegt. Schon der Urgrossvater und Opa haben in der Esse geschuftet. In Sangerhausen sei das Tradition. Die ostdeutsche Kleinstadt war jahrzehntelang fΓΌr ihr reines Kupfererz bekannt - bis nach der Wende der Niedergang einsetzte. Und Kaufmann in die Schweiz kam.



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Menschliche Dramen

Seit er 16 Jahre alt ist, arbeitet er im Bergbau. Dabei hat sich der Arbeitsalltag dramatisch verΓ€ndert: WΓ€hrend er das Handwerk von der Pike auf erlernt hat, ΓΌbernehmen heute satellitengestΓΌtzte Maschinen viele Aufgaben. Die ersten Arbeiter rΓΌckten dem Gestein gar noch mit Pickel und Schaufel zu Leibe. FΓΌr Kaufmann ist die Herausforderung aber dieselbe geblieben: dem Berg einen Tunnel abzutrotzen.

Was bleibt ist das Risiko: Trotz modernster Technologie fΓ€hrt die Angst mit, wenn bei Sedrun der Lift 800 Meter in die Tiefe fΓ€llt und ein neuer Arbeitstag beginnt. Lose FelsblΓΆcke, Chemikalien, BrΓ€nde oder UnfΓ€lle mit Maschinen: Im Berg lauern viele Gefahren.

Das musste Kaufmann auch schmerzlich erfahren. Im Tunnel verloren zwei Kollegen ihr Leben. In Erinnerung bleibt ihm vor allem der 28-jΓ€hrige Deutsche, der kurz zuvor Vater geworden war, und zwischen zwei Schotterwagen eingequetscht wurde.

Β«Es waren schwere Momente, auch weil die UnfΓ€lle vermeidbar gewesen wΓ€renΒ», sagt Kaufmann. Sein Landsmann hatte vergessen, den Notknopf zu drΓΌcken, um den Betrieb zu unterbrechen. Ein Mineur mΓΌsse nicht nur Respekt haben vor dem Berg, sondern auch vor der Maschine. Bergleute zΓ€hlen aber auch auf die Heilige Barbara. So gibt es keine Tunnelbaustelle, bei der nicht am Eingang eine Statue der Schutzpatronin wacht.





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Einsames Leben

Es sind nicht nur SchicksalsschlΓ€ge, welche die Tunnelarbeiter zusammenschweissen. So unsichtbar die Schufterei im Berg, so abgeschieden leben die MΓ€nner. Am Dorfrand von Sedrun wohnte Kaufmann in einem Containerdorf oberhalb der Baustelle. Jeder hatte Anrecht auf ein Einzelzimmer, WC und Bad waren auf der Etage. Gegessen wurde in der Kantine, in den Zimmern war Kochen verboten.

Die Mineure stammen allesamt aus dem Ausland: Es sind vorwiegend Deutsche, Γ–sterreicher, Portugiesen und Italiener. Kameradschaft wird gross geschrieben. Β«Wir sind eine kleine FamilieΒ», sagt Kaufmann. Und so lΓ€dt man sich zur Grillade ein, spielt gemeinsam Fussball oder Karten. Noch heute steht er mit einigen Kollegen in Kontakt - Β«Facebook sei dankΒ».

Pendeln zwischen Schweiz und Heimat

Erst der Schichtbetrieb ermΓΆglicht ein wirkliches Familienleben. Nach acht Arbeitstagen setzt sich Kaufmann ins Auto und fΓ€hrt 800 Kilometer weit. FΓΌnf Tage verbringt er mit seiner Frau und den zwei SΓΆhnen, dann geht es zurΓΌck in die Schweiz.

Es sei ein merkwΓΌrdiges GefΓΌhl, Gast im eigenen Haus zu sein, sagt Kaufmann. In einem Streit sagte sein Sohn einmal: Β«Du bist ja nie da, wenn wir dich brauchen.Β» Ein Umzug war fΓΌr die Familie aber keine Option. Er hΓ€tte ja nicht wissen kΓΆnnen, dass er 14 Jahre in der Schweiz bleiben werde.

Wie es nun fΓΌr den Mineur weitergeht, ist offen. Kaufmann ist etwas konsterniert. Er hΓ€tte hierzulande mehr WertschΓ€tzung erwartet. Β«Ist der Tunnel fertig, lassen sie dich wie eine heisse Kartoffel fallen.Β»

Die letzten Tage fΓΌhrte er die letzten Unterhaltsarbeiten im Tunnel durch. Nun ist es vorbei: Sein Arbeitsvertrag lief gestern, einen Tag vor der feierlichen ErΓΆffnung des Basistunnels aus. Er hat sich bereits beim RAV angemeldet. Dass er etwas anderes als Bergarbeit machen wird, ist schwer vorstellbar. In der Schweiz ist er an der Gotthardstrasse in Schattdorf UR gemeldet. Einmal Tunnel, immer Tunnel.





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(sda/ccr)
Alles Wichtige - Zahlen, Fakten und Hintergrundgeschichten - zur ErΓΆffnung des Gotthard-Basistunnels lesen Sie hier.
Mit dem Fahrplanwechsel am 11. Dezember wird der Gotthard-Basistunnel in Betrieb genommen. Wie er sich im Eisenbahnnetz bewΓ€hrt, wird sich nun zeigen. Bereits am 1. Juni 2016 wurde der lΓ€ngste Eisenbahn-Tunnel der Welt feierlich erΓΆffnet. Ein Mammutprojekt sondergleichen findet damit seinen Abschluss.
Das neue Vorzeigebauwerk der Schweiz im Überblick:
1992 gab das Schweizer Volk seine Zustimmung zur NEAT-Vorlage und machte damit auch den Weg frei fΓΌr Bau des Gotthard-Basistunnel. Drei Jahre spΓ€ter wurde entschieden, wie die LinienfΓΌhrung des neuen Gotthard-Tunnels aussehen wΓΌrde. Mit dem Ja der Schweiz 1998 zur LSVA und der Vorlage zur Modernisierung der Bahn war auch die Finanzierung gesichert, so dass...
... am 4. Dezember 1999 der Tessiner RegierungsprΓ€sident Marco Borradori in Faido die erste Sprengung auslΓΆsen konnte. Damit begann die 17 Jahre lange Bauzeit des Gotthard-Basistunnels.
Mit seiner LΓ€nge von 57 Kilometern ist der vollendete Gotthard-Basistunnel der lΓ€ngste Eisenbahntunnel der Welt. Der bisherige Rekordhalter, der Seikan-Tunnel in Japan, wird um drei Kilometer ΓΌbertroffen.
Den Rekord wird das Bauwerk allerdings nicht lange halten kΓΆnnen. Am Brenner-Basistunnel zwischen Γ–sterreich und Italien wird bereits gebaut. Am Ende wird dieser zwar nur 55 Kilometer lang werden, mit der bestehenden Umfahrung von Innsbruck zusammen, kommt er aber auf eine LΓ€nge von 64 Kilometern.library_mistress
Die Fahrt durch den Gotthard wird fΓΌr PersonenzΓΌge knapp 20 Minuten dauern. Insgesamt werden Reisende dank dem neuen Tunnel zwischen ZΓΌrich und Lugano 25 Minuten Reisezeit einsparen. Ab 2020 nach ErΓΆffnung des Ceneri-Tunnels dauert die Fahrt gar 45 Minuten weniger lang.
Die beiden einspurigen RΓΆhren des Basistunnels sind alle 325 Meter durch QuerschlΓ€ge verbunden. Insgesamt betrΓ€gt die GesamtlΓ€nge aller RΓΆhren, inklusive Sicherheits-, LΓΌftungs- und Querstollen, 152 Kilometer.
Das Schema des Tunnels zeigt, welche Gipfel der neue Tunnel unterquert. Die maximale FelsΓΌberdeckung betrΓ€gt 2300 Meter. Der Scheitelpunkt des Tunnels liegt bei 550 Meter ΓΌber Meer, damit...
... weist er praktisch keine Steigung auf. Die PersonenzΓΌge kΓΆnnen schneller fahren als heute und GΓΌterzΓΌge brauchen weniger Lokomotiven. Die Strecke zwischen Altdorf (UR) im Norden und Bellinzona (TI) im SΓΌden verkΓΌrzt sich zudem um 30 Kilometer.
In Spitzenzeiten waren rund 2400 Arbeiter mit dem Bau des Tunnels beschΓ€ftigt. In drei Schichten wurde rund um die Uhr und an verschiedenen Abschnitten gebaut.
Teilweise betrugen die Temperaturen im Berg bis zu 50 Grad. Neun Menschen verloren bei den Arbeiten ihr Leben.
Die Tunnelbohrmaschine mass 410 Meter, war also so lang wie vier aneinandergereihte Fussballfelder.
Insgesamt wurden 28,2 Millionen Tonnen Material aus dem neugebauten Basistunnel befΓΆrdert und damit ein kΓΌnstlicher HΓΌgel aufgeschΓΌttet. Im Urnersee entstand ein kleines Insel-Archipel mit drei Naturschutz- und drei Badeinseln.
Die Kosten fΓΌr den Gotthard-Basistunnel betragen 12,2 Milliarden Franken. Die gesamte NEAT, inklusive der LΓΆtschberg- und Ceneri-Basistunnels, kommt auf Gesamtkosten von gut 23 Milliarden Franken.
Nach Inbetriebnahme werden pro Tag bis zu 260 GΓΌterzΓΌge sowie 65 PersonenzΓΌge den Tunnel befahren kΓΆnnen. WΓ€hrend die GΓΌterzΓΌge nach Fahrplan mit 100 Kilometern pro Stunde unterwegs sein werden (Maximum: 160 Kilometer pro Stunde), werden PersonenzΓΌge mit einer Geschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde ins Tessin oder zurΓΌck brausen (Maximum: 250 Kilometer pro Stunde).
Bevor der Gotthard-Basistunnel Passagier-bereit ist, wurden bis Ende Mai 2016 insgesamt 5000 Testfahrten durchgefΓΌhrt. Getestet wurden...
... mittels Übungen auch die Sicherheitskonzepte.SBB/Glan Valti
Am 4. und 5. Juni 2016 erΓΆffnete der Gotthard-Basistunnel mit einem Volksfest. Wer die Chance nicht gepackt hat und bei einer der Erstfahrten dabei war,...
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Die Crème de la Crème der europÀischen Nachbarschaft war an der Erâffnung anwesend. Angela Merkel, Matteo Renzi und François Hollande gaben Bundesrat Johann Schneider-Ammann die Ehre.
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