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Kommentar zu Teilzeitarbeit

Ein Hoch auf die Lifestyle-Freizeit

In einer freien Gesellschaft soll jeder für sich selber entscheiden können, wie viel er arbeiten möchte. Alles andere wäre Planwirtschaft.

Michael Heim Handelszeitung

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«Dass wir uns Freizeit leisten können, ist etwas Gutes», schreibt Handelszeitungs-Redaktor Michael Heim. HZ

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Er wolle nicht «mit dem moralischen Zeigefinger» auf Menschen zeigen, schreibt der Arbeitgeberverband. Und giesst dann doch Öl ins Feuer in einer bereits heiss geführten Diskussion um die sogenannte Lifestyle-Teilzeit. Einer Diskussion, die einem vorkommen muss wie aus planwirtschaftlichen Zeiten. Einer Diskussion, die indirekt allen, die Freizeit höher gewichten als zusätzliches Einkommen, einen Landesverrätervorwurf macht. Einer Diskussion, die im Kern unliberal ist und nur dazu dient, von anderen Problemen abzulenken.
Worum geht es? Schon seit längerem wird – in Medien, Politik und Social Media – mit viel Leidenschaft diskutiert, warum es Menschen gibt, die freiwillig weniger als 100 Prozent arbeiten, weil sie offenbar Rücksicht auf ihre «vermeintliche Work-Life-Balance» (so der Arbeitgeberverband) nehmen wollen. Auch das ein weiteres Schlagwort, das mittlerweile zum Schimpfwort mutiert ist. Denn implizit steht der Vorwurf im Raum: Wer weniger arbeitet, als er eigentlich könnte, ist faul und begeht Verrat am Bruttoinlandprodukt.
Ja, die Schweiz hat das Problem, dass in gewissen Branchen die Fachkräfte fehlen. Weil es nicht gelingt, junge Leute von den entsprechenden Ausbildungen zu überzeugen. Oder weil die Anstellungsbedingungen in diesen Branchen schlicht nicht attraktiv genug sind. Oder weil Migranten in die falschen Branchen einwandern.

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Doch dass immer mehr Leute Teilzeit arbeiten, hat andere – gute – Gründe. Zum Beispiel, weil sich Eltern Arbeit und Erziehung aufteilen. Oder weil der Druck in gewissen Branchen dermassen zugenommen hat, dass Leute mit einem 100-Prozent-Pensum Gefahr laufen, nach ein paar Jahren ausgebrannt zu sein. Vielleicht auch, weil sie sich nebenher in Vereinen oder Gemeinden engagieren. Oder einfach nur deshalb, weil sie es sich leisten können, von weniger Arbeitsstunden zu leben. Ja, nicht 100 Prozent zu arbeiten, ist ein Luxus, den man sich leisten können muss. So wie ein schickes Auto oder die Reise auf die Malediven.
Der Trend zu mehr Freizeit ist nichts Neues. Auch die Fünftagewoche und die 42-Stunden-Woche existieren nicht von jeher. Freizeit war für unsere Ururgrosseltern noch ein Fremdwort. Unsere Väter und Grossväter kamen von der Arbeit nach Hause und machten dann nicht mehr viel. Dass wir uns Freizeit leisten können, ist etwas Gutes. Und kein Verrat am Kollektiv. Letztlich beruht eine Marktwirtschaft darauf, dass Arbeit gegen Geld getauscht wird und dass jeder für sich entscheiden kann, wie viel er dabei einsetzen will.
Worum es eben auch geht, zeigt das Fazit, das der Arbeitgeberverband im Anschluss an seine Studie zieht. Würden alle diese Lebensgeniesserinnen und Work-Life-Balancierer voll arbeiten, entspräche das einem Plus von 86’000 Vollzeitstellen, rechnet er vor. Das entspreche «der Nettozuwanderung in die Schweiz in einem hohen Einwanderungsjahr». Wir müssten uns nur alle ein wenig in den Po kneifen, dann bräuchten wir diese ganzen Ausländer nicht. So einfach sei das.

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Diese Meinung kann man ja durchaus haben. Mit einer freiheitlich geprägten Vorstellung des Zusammenlebens hat das aber nichts zu tun.
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