Digital Commerce Award 2026 – die Gewinner

Quo vadis – Handel im digitalen Zeitalter

Schweizer Handel: Wie aus dem Onlinekauf wieder ein echtes Erlebnis werden kann. Der Handel muss die Lücke zwischen Klick und Gefühl schliessen.

Wilma Fasola

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Auf der SCORE! (Swiss Conference for Retail and E-Commerce) geht nicht nur, darum die Branche zu feiern, sondern auch, wohin die Reise gehen wird. SCORE! / Tristan Salvo

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Wenn sich die wichtigsten Akteure des Schweizer Handels an der Score! in der Zürcher Stage One versammeln, ist eine ganz eigene Energie im Raum spürbar. Es ist ein Mix aus Aufbruchstimmung, technologischem Know-how und einer Prise Nervosität. Man spricht, man «scored», man feiert die Digital Commerce Awards und diskutiert über aktuelle Trends. Bei all dem steht jedoch eine Frage im Raum: Wohin führt die Reise eigentlich, wenn der Mensch als emotionales Wesen in der digitalen Welt auf der Strecke bleibt? Und alle wollen wissen, wie man es schaffen kann, das reale Shoppingerlebnis in die digitale Welt zu übertragen.

Wenn Algorithmen das Herz ersetzen

Der aktuelle Diskurs im E-Commerce wird von zwei Themen dominiert. Es muss schneller gehen und günstiger sein. Angetrieben durch den massiven Druck asiatischer Plattformen wie Temu oder Shein, die den Schweizer Markt mit aggressiven Preisen fluten, scheint die Antwort der hier ansässigen Händler oft nur in einer radikalen technologischen Aufrüstung zu liegen. Der Check-out-Prozess wird so weit optimiert, dass er fast unsichtbar wird, und Chatbots teilen mit künstlicher Freundlichkeit den Paketstatus mit. Doch diese Fixierung auf Effizienz führt zu einem paradoxen Verhalten: Kunden suchen zwar weiterhin die haptische Erfahrung im Laden, probieren die Schuhe an oder lassen sich die neue Kamera erklären, nur um das Produkt anschliessend per Smartphone-Klick beim günstigsten Online-Anbieter zu bestellen. Das physische Geschäft wird so zum Showroom degradiert, während die Wertschöpfung ins Netz abwandert. Dennoch geht die Strategie nicht auf, Einkaufen als rein mathematische Gleichung zu begreifen, bei der Zufriedenheit lediglich das Ergebnis von niedrigstem Preis und minimaler Lieferzeit ist. Genau deshalb forschen Unternehmen zunehmend im Bereich Digital Commerce nach neuen Wegen. Ein digitaler Warenkorb ist und bleibt kein Ort der Begegnung, und ein anonymes Paket vor der Haustür ersetzt niemals die soziale Wärme eines echten Austauschs.

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Immer öfter besinnen sich Unternehmen daher wieder auf das, was die Shoppingtour mit den besten Freundinnen und Freunden einmal war: ein soziales Event. Der klassische Shoppingtag ist ein Urbedürfnis nach Gemeinschaft. Es geht dabei nie nur um den Erwerb einer neuen Hose oder eines Parfüms. Es geht um die ehrliche, oft entwaffnende Beratung durch einen Verkäufer, der den Mut hat zu sagen, dass ein Schnitt nicht zur Figur passt. Es geht um das gemeinsame Lachen in der Umkleidekabine, die haptische Erfahrung von Stoffen und einen Kaffee oder Apéro danach. In Familien ist es mit zunehmendem Alter sogar der Kitt, der Mama und Tochter oder Sohn und Papa zusammenschweisst.Studien wie der Handelsverband‑Consumer‑Check belegen dieses Bedürfnis eindrücklich: Über 60 Prozent der Konsumenten würden den stationären Laden bevorzugen, wenn der Preis identisch wäre. Der Grund dafür ist schlicht die soziale Komponente und die Sicherheit einer echten, menschlichen Beratung. Online hingegen agiert in aller Regel der «einsame Jäger». Menschen scrollen nachts allein im Bett durch endlose Feeds, getrieben von Algorithmen, die zwar Produkte vorschlagen, aber niemals verstehen, ob man gerade einen schlechten Tag hatte und eigentlich ein aufmunterndes Wort oder eine echte Inspiration bräuchte. Die digitale Welt ist heute oft ein Ort der funktionalen Perfektion, aber der emotionalen Kälte.

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Vom Klick zur echten Interaktion

Die Herausforderung, die auch auf der Score! 2026 im Zentrum steht, ist die Frage, wie sich die «echte Welt» in den digitalen Code übersetzen lässt. Die Antwort geht hier in eine klare Richtung: Die Reise muss weg von der reinen Transaktion und hin zu einer neuen Form der digitalen Interaktion führen. Es braucht technologische Lösungen, die keine Barrieren bauen, sondern soziale Brücken schlagen. Social Commerce darf keine blosse Werbeanzeige auf Social Media sein, sondern muss als virtueller Raum verstanden werden, in dem Freunde gleichzeitig und in Echtzeit durch einen Webshop wandern können. Co-Browsing-Tools mit integriertem Video-Chat könnten es ermöglichen, dass man sich gegenseitig Outfits zeigt, gemeinsam entscheidet und lacht – genau wie am Samstagnachmittag auf der Bahnhofstrasse. Das ist die digitale Antwort auf den Shoppingausflug.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Score! zeigt jedes Jahr die Werkzeuge, aber die Seele müssen die Händler selbst einhauchen. Günstiger und schneller sind im Jahr 2026 keine Alleinstellungsmerkmale mehr, sondern schlichte Basisanforderungen. Der wahre Sieg im Handel der Zukunft wird davon abhängen, wer die emotionale Lücke zwischen dem Klick und dem Klingeln an der Haustür schliesst. Technologie sollte genutzt werden, um Menschen wieder zusammenzubringen, statt sie vor ihren Bildschirmen zu isolieren. Handel ist Wandel, ja, aber der Mensch bleibt ein zutiefst soziales Wesen. Wer das begreift, macht Onlineshopping zu mehr als nur einer Bestellung – es wird wieder zu einem Erlebnis, das diesen Namen auch wirklich verdient.

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