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Das riskante Solo des Clariant-Chefs

Hariolf Kottmann: Der Clariant-Retter will das Unternehmen vermählen.  Gian Marco Castelberg

Clariant-Chef Hariolf Kottmann will die Fusion mit Huntsman um jeden Preis durchpeitschen – und sich damit den Präsidententhron sichern. Doch der 
Widerstand wächst. Es droht eine schmutzige Schlacht.

Von Dirk Schütz
25.07.2017

Es hätte für Hariolf Kottmann ein richtig ruhiger Sommer werden sollen. Die grosse Zukunftsfrage hatte er geklärt und seine Clariant in Sicherheit gebracht. Seit Monaten hatte der Basler Chemiekonzern an der Börse als Übernahmeziel gegolten. Ende Mai hatte Kottmann den Zusammenschluss mit der texanischen Huntsman verkündet und die Botschaft gesendet: Der Präsident bin ich. Erst im September, so der Plan, wollten sich die Teams wieder treffen, um die Feinheiten zu besprechen. Jetzt hiess es: Durchatmen.

Doch es kam anders. Am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, trat ein gewisser Keith Meister aus New York mit einer speziellen Unabhängigkeitsforderung an die Öffentlichkeit: Mr. Kottmann, blasen Sie diese Fusion ab! Der Wall-Street-Aktivist hatte über seine Firma Corvex Capital zusammen mit dem Vermögensverwalter 40 North in kurzer Zeit 7,2 Prozent der Clariant-Aktien gekauft, am 20. Juli gab 
er sogar das Überschreiten der Zehn-Prozent-Marke bekannt.

Als «schüchtern und demütig» bezeichnete sich der 44-jährige Meister einst in einem Interview, doch so klang er nicht wirklich: Der Merger führe zu einer «signifikanten Unterbewertung» der Clariant-Aktien, habe «keine strategische Logik» und sei «destruktiv» – ein Frontalangriff auf Kottmann. Ruiniert war damit nicht nur dessen Sommerruhe, sondern womöglich auch die Fusion. «Die Wahrscheinlichkeit liegt bei fünfzig zu fünfzig, dass der Merger kommt», schätzt Baader-Helvea-Analyst Markus Mayer.

Motto: Ich, Hariolf

Es ist ein böses Erwachen für den erfolgsverwöhnten Kottmann. Denn dieser Merger: Das ist er. Wohl selten hat ein Konzernlenker in der Schweiz so eigenmächtig ein derart grosses Geschäft durchgezogen wie der Deutsche aus dem schwäbischen Göppingen. Die Krönung zelebrierte er sogar – wohl einmalig – im Fern­sehen. Er liess sich von einem Kamerateam der 
SRF-Wirtschaftssendung «Eco» filmen, wie er die ­Verhandlungen führte, notabene einen Tag vor der offiziellen Verkündung. «Was zur Hölle sollte das?», ätzte das sonst kaum zu Gefühlsausbrüchen neigende Börsenblatt «Finanz und Wirtschaft» und kritisierte Kottmanns Auftritt als «Ego-Show». Motto: Ich, Hariolf.

Gerade im Kampf um die Aktionäre könnte dieses Video noch negative Folgen haben. Den Kottmann-Gegnern ist der Film bester Beweis für den Vorwurf, dass es dem Firmenchef mehr um sich als ums Aktionärswohl gehe. An der Börse stiess die Fusion von Anfang an auf Skepsis, die Aktie fiel in den drei Wochen nach der Bekanntgabe um mehr als fünf Prozent, erst die Attacke aus New York zog den Kurs über den Wert nach der Verkündung.

Kottmann ging direkt nach der Bekanntgabe zehn Tage auf Roadshow und konnte dort die Skeptiker etwas besänftigen. Fast 
40 Prozent der internationalen Kapitaleigner habe er getroffen und Gratulationen erhalten, verkündete er stolz. Doch offenbar nicht von allen. Clariant sei es nicht wirklich gelungen, «einen spezifischen Grund für diesen Merger zu nennen», befand Morgan Stanley. «Besser wäre es gewesen, auf eine Erholung zu warten oder einen Käufer zu suchen, der eine Prämie bezahlt», schreibt Baader-Helvea-Mann Mayer.

Gespräch mit dem CEO

Den US-Investoren David Millstone und David Winter stiess Kottmanns Vorgehen besonders auf. Sie waren mit ihrer Investmentfirma 40 North im letzten Jahr mit einer kleineren Beteiligung eingestiegen. Nach der Fusionsverkündung teilten sie Kottmann mit, dass sie gegen den Zusammenschluss seien, und baten um ein persönliches Gespräch. Aus ihrem Lager ist zu hören, dass Kottmann dieses ablehnte. Das bestreitet die Clariant-Seite.

Fakt ist: Die beiden Investoren, im Hauptberuf Co-Chefs der Industriefirma Standard Industries, suchten sich mit dem New Yorker Corvex-Chef Meister einen Spezialisten für Unternehmens­attacken und gründeten mit ihm zusammen zu 
gleichen Teilen die Firma White Tale, welche die Clariant-Beteiligung hält. Jetzt kann Kottmann sie nicht ignorieren. Es wurde vereinbart, «ein persön­liches Gespräch mit dem CEO zu führen», bestätigt eine Clariant-Sprecherin. «Dieses Gespräch wird demnächst stattfinden.»

Buhlen um die Aktionäre

Das Buhlen um die Aktionäre läuft bereits. Grösste Aktionärsgruppe ist der sogenannte «bayerische Zirkel» – die Vertreter der 2012 übernommenen Münchner Süd-Chemie, die 13,9 Prozent halten [Im September ist White Tale mit 15,1 Prozent zum grössten Aktionär geworden, Anmerkung der Redaktion].  Sie haben sich nach der Attacke sofort hinter Kottmann gestellt. Der Kampf um die restlichen Aktionäre ist dagegen offen. Dabei sind die üblichen Angelsachsen wie Citadel, BlackRock oder Vanguard, aber auch die grossen Schweizer wie UBS, CS oder ZKB. Die Aktien eines höhermargigen Spezialchemieherstellers in ein schlechter rentierendes Chemiekonglomerat zu tauschen, ohne Prämie, ohne Cash-Anteil und mit nur wenig Sparpotenzial: Euphorie entsteht da kaum.

Der Showdown kommt im Herbst. Auf einer ausserordentlichen Generalversammlung, geplant im vierten Quartal, braucht Kottmann eine Zweidrittelmehrheit. Bei einer Beteiligung von 75 Prozent reichen 25 Prozent an Nein-Stimmen, so das Kalkül der Gegner, um den Deal zu killen. Mehr als 10 Prozent halten sie bereits, gerüchteweise soll ihr Lager schon auf 20 Prozent zählen können. Bestätigen lässt sich das nicht – dazu ist der Kampf noch zu frisch.

Doch gerade die Schweizer Investoren dürften das grossspurige Auftreten Kottmanns wenig goutieren, und genüsslich verweisen die Fusionsgegner auf das Video. «Wir nehmen die Interessen aller unserer Aktionäre ernst und bleiben auch weiterhin bei unserer langjährigen Praxis eines offenen und engagierten Austauschs mit ihnen», teilt ein Clariant-Sprecher pflichtschuldig mit. Kottmann selbst wolle sich nicht mehr äussern: «Ein Gespräch ist nicht möglich.» Die Nervosität steigt.

Die Aura eines Grandseigneurs

Das war vor der Attacke noch anders. Mehr als eine Stunde nimmt sich der Konzernlenker im Juni Zeit für BILANZ. Bedächtig, besonnen, beredt – der 61-Jährige verströmt die Aura eines Grandseigneurs, dem Anfeindungen von ahnungsfreien Analysten oder Journalisten schon lange keine Wallungen mehr verursachen. Wie ein ruhiger Fluss strömen seine Antworten in leicht schwäbischem Tonfall dahin, eingängig, aber zuweilen doch etwas konstruiert.

«Ich wollte dem Vorgang das Elitäre nehmen», verteidigt er etwa den umstrittenen TV-Beitrag. Aufgenommen hatte ihn das «Eco»-Team am Sonntag, 21. Mai, die offizielle Fusionsverkündung kam am Montagmorgen, die Ausstrahlung am Montagabend, begleitet von einem ausführ­lichen Interview Kottmanns. Die Idee dazu sei von ihm gekommen, bekennt er freimütig, vier Tage vor der Verkündung des Deals, als die Spezialistenteams ­beider Seiten in der Huntsman-Kanzlei in New York die letzten Details besprachen und die Frage der Kommunikation aufkam. Widersprochen habe niemand – weder die Anwälte noch die Kommunikationsleute.

Krönungsmesse im «Widder»

Anti-elitär? Nun ja: Abgeholt wurde der Mann mit dem Sechs-Millionen-Salär vor seiner Villa in Rüsch­likon mit bestem Blick auf den Zürichsee, in der schwarzen Limousine mit Chauffeur ging es ins Fünf­sternehotel Widder in der Zürcher Innenstadt, wo üppig entlöhnte Experten hochkomplexe Fusions­fragen verhandelten – wenn das anti-elitär sein soll, dann hat der Clariant-Chef, immerhin Sohn eines Schreiners, hier eine ganz spezielle Wahrnehmung.

Zwar betont Kottmann, dass es keine Insiderverstösse gegeben habe und zumindest die verantwortliche «Eco»-Journalistin eine Geheimhaltungserklärung unterschrieben habe. Doch es bleibt ein Beigeschmack der Unprofessionalität. Und dass ausgerechnet ein Chemiekonzern mit seinen wenig massentauglichen Produkten – bekanntes Clariant-Produkt ist ein Ent­eisungsmittel für Flugzeuge – durch eine Fusion zur Imageverbesserung der Wirtschaft beitragen soll, klingt doch weit hergeholt. Vielmehr wirkte der Auftritt wie die Krönungsmesse für einen Manager, der bisher wenig im Mittelpunkt stand – und jetzt mit seinem grössten Deal das Scheinwerferlicht sucht.

Fusion als Probefall

Auch Kottmanns Aussagen zu der kritischen Börsen­reaktion überzeugen nicht wirklich. Die Reaktion sei zunächst euphorisch gewesen, dann sei es zu Gewinn­mit­nahmen gekommen. Das waren sehr flinke Gewinnmitnahmen: Am Tag der Bekanntgabe fiel der Kurs um zwei Prozent. Auch sein Mantra vom «Merger of Equals» dringt nicht so richtig durch, und diese Skepsis befeuert Kottmann sogar noch selbst. «Ich bin 30 Jahre in der Chemie tätig. So einen richtigen Merger of Equals habe ich noch nicht erlebt. Warum sollen wir das nicht mal probieren?»

Eine Fusion als Probefall? Na ja. Kommt erschwerend hinzu: Es sieht nicht einmal wie eine Fusion unter Gleichen aus. Denn von den «Big Three» jeder Fusion, so scheint es, hat er zweieinhalb verloren: Der CEO kommt von Huntsman, beim Namen steht Huntsman zuerst, und der Sitz befindet sich zwar in Pratteln, operativ jedoch in The Woodlands bei Houston.

«Der Deal übergibt Huntsman die operative Kontrolle, ohne für die eigenen Aktionäre eine Kontrollprämie zu erzielen», kritisiert Meister. In der Tat: Das Austauschverhältnis von nur 52 zu 48 Prozent für Clariant widerspiegelt vor allem den kurzfristigen Aufschwung der Amerikaner – vor 18 Monaten war Clariant mehr als doppelt so viel wert. Milde formuliert: Die doppelt so hoch verschuldeten, aber fast ein Drittel weniger rentablen Amerikaner haben sehr viel herausgeholt.

Die Schlammschlacht beginnt

Doch für Kottmann lohnt sich der Deal: Er wird «Präsident eines Weltkonzerns», wie der «Eco»-Beitrag ehrfürchtig wiederholt. «Er wollte unbedingt Prä­sident werden, und weil sich in der Spezialitäten­chemie kein passender Fusionspartner für diesen Plan fand, hat er sich eben mit einem Commodity-Player zusammengetan», heisst es aus dem Lager der Fusionsgegner – die Schlammschlacht beginnt.

Fakt ist: Kottmann war die treibende Kraft hinter dem Zusammenschluss. Kennengelernt hatte er Peter Huntsman vor neun Jahren bei einem Treffen in Genf. Der Kontakt intensivierte sich, und vor fünf Jahren trafen sich die heutigen Partner zu einem sehr intensiven Abendessen in Chicago. Peter Huntsman hatte seinen Vater dabei, den legendären Unternehmensgründer Jon Huntsman, der als Executive Chairman noch immer das Machtzentrum der Firma bildet, Kottmann seinen Finanzchef Patrick Jany. Der Tenor: Wir müssen erst unsere Hausaufgaben machen.

Angst vor feindlicher Übernahme

Doch das Band wurde enger, Kottmann spricht von einer «sehr vertrauensvollen, kollegialen Freundschaft» mit Peter Huntsman. Spätestens als sich die Übernahmespirale letztes Jahr immer schneller zu drehen begann, suchte er intensiv nach einem Partner. Seine Horrorvorstellung: feindlich übernommen zu werden.

Im Oktober wurden die Gespräche zum ersten Mal konkret. Doch Huntsman plante gerade den Börsengang seines Pigmentgeschäfts, um Schulden abzubauen. Kottmann war der Deal daher zu unsicher. «Wir waren damals auch sehr engagiert bei zwei anderen Projekten, die eine hohe Realisierungschance hatten. Das eine war ein mit dem jetzigen Deal vergleichbarer Merger of Equals, das andere ein Merger mit einer Kapitaleinlage durch die andere Seite», betont er.

Mit dem Gegenüber allein

Beide Projekte zerschlugen sich, und so schrieb Kottmann Huntsman im Februar aus den Skiferien eine Mail und bat um die Wiederaufnahme der Gespräche. Huntsman signalisierte Interesse und schlug ein Treffen vor. Die ersten Gerüchte kursierten an den Finanzmärkten. Als Kottmann an der Generalversammlung vom 20. März nach angeblichen Verhandlungen mit Huntsman gefragt wurde, blockte er noch: Beide Parteien seien bis dato der Meinung, dass ein Zu­sam­mengehen nicht wertschaffend sei. Doch ­wenige Tage später fand das entscheidende Gespräch mit Huntsman in Zürich statt.

Am Tisch sassen nur zwei Männer: Hariolf Kottmann und Peter Huntsman. «Ich ­mache das immer so: Wenn man etwas Grösseres ernsthaft verfolgt, muss man das mit dem Gegenüber allein klären, da müssen die acht, neun Punkte mit Handschlag entschieden sein.» An diesem Meeting fielen die grossen Entscheidungen über CEO (Huntsman), Chairman (Kottmann), Konzernleitung (zwei von jeder Seite), Verwaltungsrat (sechs von jeder Seite).

Schwierig wurde es nur bei zwei Punkten, die am Schluss besprochen wurden: Namen und Sitz. Kottmann gab beim Namen nach, weil der für die Familienfirma Huntsman essenziell war. Beim Sitz gab es einen Kompromiss: Huntsman erklärte, dass er den Merger in seinem Verwaltungsrat nicht durchbekäme, wenn nicht The Woodlands als operativer Sitz de­klariert würde. Kottmann wiederum bestand auf Schweizer Hauptsitz und Schweizer Corporate Governance – seinem entscheidenden Machtmittel: strate­gische Oberleitung und das Recht, Huntsman feuern zu können. Das Austauschverhältnis war noch kein Thema, das legten später die Investment Banker fest.

Verhandlungen in Rekordzeit

Die Verhandlungen wurden in Rekordzeit durchgepeitscht, man wartete nicht einmal den Börsengang der Pigmentsparte ab, der im September kommen soll. Kottmann wirkte wie ein Getriebener. Denn er wollte partout nicht enden wie sein – gerade zurückgetretener – Kollege Ton Büchner von Akzo Nobel, mit dem er einen engen Austausch pflegt: Der niederländische Konzern befand sich genau in diesen Wochen in einem dramatischen Abwehrkampf gegen die amerikanische PPG, die mit dem New Yorker Investor Elliott ebenfalls einen aktivistischen Investor als Speerspitze einsetzte. «Widerlich» und «erbärmlich» nannte Kottmann den Angriff. Die Gefahr war für ­Clariant akut.

«Übernahmeziel Nummer eins der ­Chemiebranche» nennt Baader-Helvea-Mann Mayer die Basler: gut verdauliche Grösse, spannender Produktemix, keine Stimmrechtsbeschränkung. Kottmann drückte massiv aufs Tempo. Nach dem Handschlag informierten beide Chefs ihre Verwaltungsräte, dann trafen sie sich mit je sechs Mitarbeitern für zwei Tage in einem Hotel in Wiesbaden. Erst dann, gerade drei Wochen vor der Bekanntgabe, gingen grössere Teams in den Nahkampf. Projektzentrale war die Huntsman-Kanzlei in New York. Beide Chefs waren stets zwei bis drei Tage dabei, am Ende waren von jeder Seite etwa 200 Mitarbeiter informiert. Am Sonntag in Zürich, von TV-Kameras bestens dokumentiert, wurde der Kottmann-Parforceritt dann besiegelt.

Mächtiger Retter

Die gewaltige Machtfülle hat sich der Deutsche über die Jahre erarbeitet. Als Geschäftsleitungsmitglied der deutschen SGL Carbon kam der promovierte Chemiker 2008 in den Verwaltungsrat von Clariant. Geholt hatte ihn der damalige Vize und heutige Präsident Rudolf Wehrli. Als in dem Kontrollgremium die Erkenntnis reifte, dass der damalige Chef Jan Secher den Sanierungsfall nicht retten konnte, brachte sich Kottmann selbst ins Spiel: «Ich kann das machen.» Er bot zwar an, aus dem Verwaltungsrat auszutreten, doch das wollten seine Mitstreiter nicht.

So schuf er sich 
als De-facto-Doppelmandatsträger eine ausgeprägte Machtbasis. Er zeigte sofort die Härte, die ­Secher fehlte. Vier Konzernleitungsmitglieder schickte er in die Wüste und besetzte die Führung mit Gefolgsleuten aus Deutschland. «Er hat die Clariant gerettet», erinnert sich ein Verwaltungsrat. Schnell senkte Kottmann die Kosten, vereinfachte die Strukturen, und mit der Übernahme der deutschen Süd-Chemie verbreiterte er geschickt das Portfolio. Die Profitabilität steigerte er beständig – die Ebitda-Marge stieg von 7,5 Prozent 2009 auf 15,2 Prozent im letzten Jahr. Allerdings: Den Zielwert von 16 bis 19 Prozent erreichte er nicht.

Geschlagener Hund Wehrli

Im Verwaltungsrat kann Kottmann unangefochten herrschen. VR-Präsident Wehrli ist mehr Fan als Kontrolleur und wurde von Kottmann in dem «Eco»-Beitrag sogar noch als Claqueur missbraucht – er huschte wie ein geschlagener Hund durchs Bild und liess nur verlauten, er habe «ein gutes Gefühl». Gestoppt hat er das skurrile TV-Projekt nicht. Nach der Süd-Chemie-Übernahme liess er Kottmann einen Sonderbonus von drei Millionen Franken zukommen. Das war selbst dem CEO zu viel: Nach Protesten von Aktionären verzichtete er auf die Hälfte.

Wehrli, der während der Minder-Abstimmung als glückloser Economiesuisse-Kurzzeitpräsident gegen zu hohe Boni kämpfte, entlöhnte Kottmann dennoch üppig – das Chefsalär von sechs Millionen für einen Nicht-SMI-Konzern liegt deutlich über dem Branchenschnitt. Sein Vize ist der frühere Süd-Chemie-Chef Günter von Au. Dessen Aktionärspool mit 29 Mitgliedern wäre auch nach der Fusion der grösste Einzelaktionär und ist vor allem an hohen Dividenden interessiert – diese sollen, so Kottmanns Versprechen, nach der Fusion steigen.

«Projekt Sturm»

Doch sollte der Merger kommen, so wird die zentrale Frage bleiben, wie belastungsfähig die so beschworene Freundschaft zwischen Kottmann und Huntsman wirklich ist. Denn sehr viel ist noch offen: die ­finale Zusammensetzung des Verwaltungsrats, das Salär von Präsident und CEO, die genaue Aufgabenverteilung zwischen den beiden.

Bei den Verhand­lungen in New York mussten die Clariant-Anwälte 
den Huntsman-Leuten die Feinheiten der Schweizer ­Corporate Governance ausführlich erklären. «Peter Huntsman ist sich vollkommen bewusst, welche ­Regeln in der Schweiz herrschen», betont Kottmann. «Er wird einen Schweizer Vertrag bekommen mit Schweizer ­Gehaltsniveau.» Bisher bezog er zwölf 
Millionen Franken, sein Vater als VR-Präsident sechs Millionen. «Beide werden das nicht mehr verdienen», so Kottmann.

Ein Salärverzicht der Ameri­kaner bei einem Zusammenschluss mit Europäern? Das wäre Neuland. Dazu kommt das Gerangel um den Hauptsitz. Peter Huntsman hat erklärt, dass er in die Schweiz ziehen und den Konzern aus Pratteln steuern werde, die Haussuche hat er offenbar schon begonnen. Doch dass der operative Sitz weiter in Texas ist, sät Zweifel, trotz aller Beschwichtigungen Kottmanns. Immerhin ist der formale Sitz von Huntsman heute auch getrennt vom operativen Sitz – er befindet sich in Salt Lake City im Mormonenstaat Utah, geführt wird das Unternehmen von Peter Huntsman aber aus The Woodlands in Texas – und dort bleibt laut SEC-Eingabe auch der operative Sitz des Fusionskonzerns.

Die Chefs sind wir

Das Misstrauen nährt sich auch aus der DNA von Huntsman. Jon Huntsman, geboren in ärmlichen Verhältnissen in Idaho und zu den Mormonen konvertiert, hatte die Firma 1970 gegründet und mit unzimperlichen Methoden nach oben gepeitscht, wie er in seinem Bestseller «Winners Never Cheat» voll amerikanischem Pathos beschreibt. Vier Krebsoperationen hat der 80-Jährige hinter sich, und den Börsengang von Huntsman 2005 zog er vor allem durch, um Geld für seine Krebsstiftung zu bekommen.

Er wird ebenfalls in den Verwaltungsrat einziehen, geschmückt mit dem Titel des Chairman Emeritus. Zu den Verhandlungen nach Wiesbaden flog er extra ein, und Peter Huntsman stimmte jeden wichtigen Schritt telefonisch mit ihm ab. Am 28. März, kurz nachdem sich sein Sohn mit Kottmann über den Merger geeinigt hatte, gab er via «Bloomberg» den Tarif durch: Huntsman prüfe eine Fusion, aber Grundvoraussetzung sei, dass Huntsman den Namen behalte und das Management stelle. So kam es dann auch. Aus der Sicht des Gründers steht fest: Die Chefs sind wir.

Auf Clariant-Seite verweist man dagegen darauf, dass der Gründer sehr krank sei. Die Kompromisse auf dem Papier gegenüber der Schweiz wirken fast wie ein Abkommen, das Kottmann und Peter Huntsman für die Zeit nach dem Ableben des Übervaters geschlossen haben. Kottmann hat damit aber auch seine ­Unverzichtbarkeit gesteigert: Er ist das Bollwerk gegen ein vollständiges Abwandern des Konzerns in die USA.

Doch auch das politische Klima ist derzeit kaum auf seiner Seite: Ein Auszug amerikanischer Konzerne ins Ausland ist politisch höchst inkorrekt, und da ist der Huntsman-Clan besonders exponiert: Jon Huntsman jr., Bruder von Peter Huntsman und Präsidentschaftskandidat 2012, ist gerade von Donald Trump als Botschafter auf den Schlüsselposten Moskau nominiert worden. Hämische Presse über einen Abzug der Firma ins Ausland braucht er sicher nicht.

Doch erst einmal muss Kottmann den Angriff von Keith Meister und dessen Mitstreitern abwehren. Noch ist unklar, was die Invasoren wollen: einen Brückenkopf für einen Käufer wie PPG oder BASF? Eine Zerschlagung und Auktionierung der Einzelteile? Oder einfach nur ein besseres Austauschverhältnis mit Huntsman?

Kottmann wiederum wird die Heimatkarte spielen. HuntsmanClariant bliebe eine Firma nach Schweizer Recht und verschwände nicht wie so viele heimische Perlen im grossen Bauch eines fremden Multis: Ciba, Actelion, Nobel Biocare. Die Frage ist, ob die Aktionäre für diesen Heimatschutz auf ihre Prämie verzichten. Denn dass ein Verkauf oder eine Zerschlagung Clariants für sie lukrativer wäre, ist unbestritten. In diese Kerbe schlagen die Angreifer.

Der Codename des Fusionspojekts war «Sturm». Clariant war «Zyklon», Huntsman «Hurrikan». So viel steht fest: Der wahre Sturm steht Kottmann noch bevor. Er könnte für ihn zum Hurrikan werden.

Dieser Text erschien zuerst im August in der Ausgabe 8 der «Bilanz».

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