Die steilen, terrassierten Rebberge des Lavaux gehören seit 2007 zum Unesco-Weltkulturerbe. Die 10'000 Rebterrassen werden von Rebmauern gestützt, die aneinandergereiht rund 450 Kilometer lang wären. Schweiz Tourismus
Die Region Lavaux, zwischen Lausanne und Vevey gelegen, ist unbestritten eine der grossartigsten Landschaften der Schweiz. Sie zieht jedes Jahr Touristen von nah und fern an. Der Blick auf die steil abfallenden, terrassierten Lavaux-Rebberge, übereinander geschachtelt wie Bauklötze, da und dort von einem behäbigen alten Winzerhaus durchbrochen, ist jedes Mal wieder atemberaubend. Still liegt der Genfersee den Reben zu Füssen, vom jenseitigen Ufer grüssen Walliser und Waadtländer Alpen.
Diese einzigartige Kulturlandschaft wurde von Menschenhand erschaffen. Oder eher: der Natur abgetrotzt. 1141 erteilte der Bischof von Lausanne den Zisterziensermönchen der Abteien Haut-Crêt und Montheron den Auftrag, die Steilhänge am Genfersee urbar zu machen und zu roden. Damit bei dem massiven Gefälle Reben angepflanzt werden konnten, mussten die Mönche kleine, von Steinmauern gestützte Terrassen anlegen.
Von Menschen erschaffen
Aneinandergereiht wären die Mauern, die 10’000 Rebterrassen stützen, 450 Kilometer lang. Dieses monumentale Werk beeindruckt heute wie damals. Ebenso wie die Weine, die hier gedeihen, allen voran die Grands Crus Dézaley und Calamin aus der Sorte Chasselas. Doch die Rebmauern, die Eidechsen und Vögeln Unterschlupf bieten und den Hang vor dem Abrutschen bewahren, sind nicht nur Segen, sondern auch Fluch.
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Weinbau wäre ohne die Stützmauern an diesen Steillagen nicht möglich, aber der Unterhalt kostet viel Arbeit und Geld.Getty Images
Weinbau wäre ohne die Stützmauern an diesen Steillagen nicht möglich, aber der Unterhalt kostet viel Arbeit und Geld.Getty Images
Bergdruck durch schwere, lehmige Mergelböden, Unwetter, Erosion oder schlicht der Zahn der Zeit bringen die ehrwürdigen Mauern zum Bröckeln oder gar zum Einstürzen. So ist jeder Lavaux-Winzer im Nebenberuf auch noch Steinmetz und Maurer – oder er muss für teures Geld Fachleute engagieren, die diese Arbeit für ihn übernehmen. Dazu kommen die Kosten für den Helikopter, der das Material in das unwegsame Gebiet transportiert.
Kulturelles Erbe und finanzielle Last
«Diese alten Mauern sind unser kulturelles Erbe», betont ein alteingesessener Lavaux-Winzer, «ihr Unterhalt ist Teil unseres Berufs. Und dient immer dem Ziel, gute Weine zu produzieren.» Kunstvoll gebaut werden diese Mauern aus lokalen Steinen und aus Mörtel (keinesfalls aus Beton oder Zement!), der aus gebranntem Kalk und Sand angerührt wird.
Ein Quadratmeter einer solchen Rebmauer kommt schnell auf gegen 1500 Franken zu stehen, wenn sie von einem Profi gebaut wird.Eva Zwahlen
Ein Quadratmeter einer solchen Rebmauer kommt schnell auf gegen 1500 Franken zu stehen, wenn sie von einem Profi gebaut wird.Eva Zwahlen
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Wer die Mauer von Fachkräften aufbauen lässt, muss pro Quadratmeter mit Kosten von rund 1500 Franken rechnen – für eine drei Meter hohe und sechs Meter lange Mauer beläuft sich das also schnell auf stolze 27'000 Franken. Man darf gerne hochrechnen, wie viele Flaschen Wein verkauft werden müssen, um diesen Betrag aufbringen zu können… Mit Glück erhält der Winzer für den Wiederaufbau vom Kanton eine Subvention von höchstens 35%, normale Unterhaltsarbeiten dagegen werden nicht unterstützt.
Sein oder nicht sein…
Ohne die Mauern wäre im steilen Lavaux kein Rebbau möglich. Und ohne den Verdienst aus dem Rebbau könnten die Winzer ihre Mauern nicht unterhalten. Das ist die Krux. In einer Zeit der Absatzkrise, da viele Konsumenten lieber den billigeren als den besseren Wein kaufen (oder ganz auf alkoholische Getränke verzichten), haben es Produkte aus kaum mechanisierbaren Steillagen schwer. Die Produktionskosten für einen Wein aus dem Dézaley beispielsweise sind dreimal höher als diejenigen für einen aus ebenem Gelände.
Die vielen Touristen, die im Sommer durch das Lavaux flanieren, um das Weltkulturerbe zu bestaunen, sind begeistert von der Landschaft, kaufen aber in der Regel keine einzige Flasche Wein. «Wenn wir allerdings nicht mehr von unserer Arbeit leben können, dann wird es auch diese Landschaft bald nicht mehr geben», meint unser Winzer nachdenklich. Wir Konsumenten haben es also in der Hand!