Bjørn Sibbern ist ein Flachländer. Der Møllehøj, die höchste Erhebung in seiner Heimat Dänemark, misst gerade mal gut 170 Meter. Die Schweizer Bergwelt mit ihren Viertausendern beeindruckt ihn entsprechend. In diesem Winter ist er bereits in drei Skigebiete gereist; weitere sollen folgen. Viel Freizeit dürfte ihm das Amt aber nicht lassen. Seit gut einem Jahr leitet der 52-Jährige die SIX – Schweizer Börsenbetreiberin, Finanzmarktinfrastruktur, systemrelevant. Übernommen hat er nicht nur das Eckbüro in Zürich West mit Blick auf den Autobahnzubringer, sondern auch Altlasten. Und eine Machtstruktur, die zum Bremsklotz werden könnte.
Sibbern hat in seiner Karriere grosse Teams geführt, zuletzt bei der Nasdaq in Stockholm und New York. Sein Know-how im Börsengeschäft ist unbestritten. Er gibt sich ehrgeizig und zielstrebig. Mantraartig wiederholt er, dass bei der SIX jede strategische Entscheidung mit Blick auf die Kunden getroffen werde. Wenn man bedenkt, dass die Kunden zugleich die Eigentümer sind, überrascht das nicht. Die zentrale Frage ist daher nicht, ob Sibbern die richtige Strategie hat, sondern ob er sie auch durchsetzen kann.
Banken haben das Sagen
Fast alle Börsenbetreiber rund um den Globus – von der Nasdaq über die London Stock Exchange bis zur Moskauer Börse – sind selbst kotiert. Nicht so die SIX Group: Sie gehört rund 120 Banken und ist gleichzeitig deren zentraler Dienstleister. Daraus entstehen strukturelle Konsequenzen. Der Verwaltungsrat ist traditionell mächtiger als anderswo. Diese Konstellation führt dazu, dass die SIX Innovationen vorantreiben will, die Eigentümer aber bremsen. Gerade bei neuen Geschäftsfeldern ist der Verwaltungsrat stark involviert. Beispiel SDX: Die Digitalbörse wurde 2018 angekündigt. Vollständig Blockchain-basiert sollten Handel, Settlement und Verwahrung in ein einziges System übergeführt werden. Doch die Banken nutzten die Plattform nicht. Zudem legten sie dem Projekt früh Fesseln an, indem sie den Handel mit Kryptowährungen untersagten. Der Wertpapierhandel über Blockchain wurde schliesslich eingestellt.
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Dan Cermak für BILANZ
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Nach der Übernahme der Credit Suisse hat sich das Kräfteverhältnis weiter verschoben. «Die UBS hält nun 35 Prozent an der SIX und kann die Strategie entsprechend beeinflussen. Sie unterstützt Geschäftsfelder der SIX, wenn es für sie von Vorteil ist, oder eben nicht, wenn sie selber im Wettbewerb ist, wie zum Beispiel International Custody oder OTC-Märkte», weiss ein Kenner der Branche. Ob UBS-Chef Sergio Ermotti persönlich die Strategie der SIX dirigiert oder einer seiner Mitstreiter, ist Thema für Spekulationen; dass die grösste Aktionärin präsent ist, ist gewiss. Einen Satz hört man seit Jahren in der Finanzbranche: «Das Unternehmen wäre viel erfolgreicher, wenn es selbst kotiert wäre.» Die SIX ist eine Börsenbetreiberin, die nicht an der Börse ist, weil ihre Eigentümer ein Interesse daran haben, die strategischen Fäden in der Hand zu behalten.
In dieses Machtgefüge tritt André Helfenstein als neuer Verwaltungsratspräsident. Anfang des Jahres löste er Thomas Wellauer ab, unter dessen Führung neun der zehn aktuellen Konzernleitungsmitglieder ernannt wurden; darunter Sibbern selbst. Helfenstein ist in der Schweizer Wirtschaftswelt bestens vernetzt. Er war CEO der Credit Suisse Schweiz, zuvor über ein Jahrzehnt Partner bei der Boston Consulting Group. Dank dieser Karriere und prestigeträchtiger Ämter wie im Vorstand von Economiesuisse oder der Tonhalle-Gesellschaft Zürich hat er Zugang zu den gehobenen Netzwerken der Schweizer Wirtschaft und Kultur. Viele CEOs und Unternehmer in der Schweiz kennt er persönlich.
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Zu wenig entschlossen
Sein Standing schwankt zwischen «Fels in der Brandung» und zu wenig entschlossen. UBS-Schweiz-Chefin Sabine Keller-Busse kritisierte zwischen den Zeilen, er sei zu grosse unternehmerische Risiken eingegangen. So endete mit der Löschung der Credit Suisse Schweiz AG aus dem Handelsregister auch Helfensteins Zeit bei der Grossbank. Die UBS hatte keine Verwendung für ihn. Bereits seit 2020 ist Helfenstein Mitglied des SIX-Verwaltungsrats. Viele Entscheidungen, die jetzt als Hypothek die Gruppe belasten, hat er mitgetragen. Grosse Richtungswechsel werden mit dieser Vorgeschichte zur Herausforderung.
Das neue Büro von Helfenstein an der Pfingstweidstrasse liegt genau gegenüber von Sibberns. «Wir stehen mehrmals pro Woche in Kontakt. Es ist eine gute und intensive Zusammenarbeit», sagt Sibbern. Was der CEO nicht hat – gewachsene Verbindungen in die Chefetagen der Schweizer Wirtschaft –, bringt Helfenstein ein. Dieser schaltet beim «Spazieren und Wandern» ab, wie er einmal sagte. Sibbern beim Ski- und Velofahren. Ob das Duo eine perfekte Ergänzung ist oder ein Dauerkonflikt mit Ansage, bleibt offen.
Anfang 2024 holt der damalige VR-Präsident Thomas Wellauer Sibbern als Leiter des internationalen Börsengeschäfts nach Zürich. Nur ein Jahr später übernimmt er den Chefposten von Jos Dijsselhof, der das Unternehmen nach sieben Jahren überraschend abrupt verlässt. Offiziell, um eine neue Herausforderung im Nahen Osten anzunehmen. Auf LinkedIn bezeichnet er sich heute als CEO einer ADQ-Portfoliofirma; eine offizielle Ernennung blieb aus. Sibbern bringt operative Substanz. Von Stockholm aus verantwortete er bei der Nasdaq die Märkte der nordischen Länder und des Baltikums. Seine Themen: Handel, Listings, Daten, Technologie, Post-Trade.
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Sein Amtsantritt als CEO beginnt mit Krisenmanagement. Zwei Monate nach Start präsentiert er «Scale Up 2027», ein Transformationsprogramm mit klaren Zielen bis Ende 2027: mittleres einstelliges Ertragswachstum, die Ebitda-Marge von 28 auf über 40 Prozent erhöhen, über 120 Millionen Franken einsparen. Ein Teil sind Stellenstreichungen. «Wir haben angekündigt, rund 150 Stellen zu reduzieren. Das haben wir getan», sagt Sibbern und betont, dass in vielen Fällen Pensionierungen und Fluktuation genutzt wurden, aber nicht in allen.
Starker Ausgangspunkt
Krisenstimmung lässt er nicht aufkommen: «SIX ist ein grossartiges Unternehmen. Wir haben einen sehr starken Ausgangspunkt.» Das mag stimmen. Nicht so grossartig ist nach wie vor der Status quo der Integration der Börse Madrid. Auf dem Organigramm gilt die Integration der spanischen Börsenbetreiberin BME als abgeschlossen. In der Realität ist sie es nicht. Fünf Jahre nach der Übernahme für rund 2,8 Milliarden Euro bestehen noch immer kostspielige Doppelspurigkeiten. Die erhofften Skaleneffekte liegen bislang unter Plan.
Der Kern des Problems liegt in der IT-Infrastruktur. Die ursprüngliche Idee, die Schweizer und die spanische Börse auf einer Plattform zusammenzuführen mit dem Ziel, Synergien über Ländergrenzen hinweg und Skaleneffekte zu schaffen, erwies sich als komplexer und teurer als angenommen. Der Plan wurde daher angepasst. Neu soll die im vergangenen Jahr übernommene britische Handelsplattform Aquis zur technologischen Klammer werden. Schweizer, spanische und Aquis-Systeme sollen auf eine gemeinsame Infrastruktur migriert werden. Das Zieldatum: 2027. Dann sollen die vollen Effizienzgewinne sichtbar werden. Das Risiko ist offensichtlich. Die grösste Plattform, die Aquis bisher baute, ist die eigene – für einen überschaubaren Markt. Die Dimension einer integrierten schweizerisch-spanischen Börseninfrastruktur ist eine andere. Und Aquis ist nicht Nasdaq.
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Dan Cermak für BILANZ
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«Der Kauf der BME war ein strategisch sinnvoller Zug. Wir hätten allerdings beim Integrationsplan etwas klarer und schneller sein können», räumt Sibbern in klassischer CEO-Rhetorik ein und fügt hinzu: «Wir sind aber auf gutem Weg, dies erfolgreich nachzuholen.»
Noch kostspieliger als die Integration in Spanien ist das Kapitel Worldline. Was einst als strategischer Coup gefeiert wurde, gilt heute als Lehrstück in Sachen Klumpenrisiko. 2018 verkaufte die SIX ihr Kreditkartengeschäft an den französischen Zahlungsdienstleister und erhielt einen Grossteil des Kaufpreises von 2,7 Milliarden Franken in Aktien. Die Idee: eine enge Partnerschaft, kombiniert mit erheblichem Wertsteigerungspotenzial. Es kam anders.
Teurer Fehlentscheid
Gewinnwarnungen erschütterten das Vertrauen der Investoren, hinzu kamen Berichte über Geschäftsbeziehungen mit zweifelhaften Firmen sowie Mängel bei der Geldwäschereikontrolle. Die Aktie verlor in der Folge mehr als 95 Prozent. Für die SIX bedeutete das milliardenschwere Abschreiber. Sibbern zog die Reissleine. Seit Ende November gilt Worldline nicht mehr als strategisches, sondern nur noch als finanzielles Investment. Die Partnerschaft im operativen Geschäft bleibt bestehen; finanziell geht die Distanzierung weiter. «Wir unterstützen den Plan von Worldline, Kapital aufzunehmen und zahlreiche Anpassungen an der Organisation oder der Produktpalette vorzunehmen. Wir haben uns aber entschlossen, bei der Kapitalerhöhung vom letzten Jahr nicht mitzuziehen», erklärt Sibbern die neue Situation und zieht den bilanziellen Schlussstrich: «Wir haben grosse Abschreibungen vorgenommen – das liegt jetzt hinter uns.»
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Weder er noch Helfenstein waren in den Deal involviert. Die Architekten hiessen Romeo Lacher und Jos Dijsselhof. Die Konsequenzen tragen ihre Nachfolger. Ganz abschütteln lässt sich das Engagement nicht. Die SIX hält noch 10,5 Prozent an Worldline. Das genügt, um auch das Ergebnis 2025 zu belasten. Zugleich bleibt der Konzern ein Schlüsselpartner: Worldline wickelt die Debitkartenzahlungen der meisten Schweizer Banken ab. Ein Kapitel, das strategisch nachwirkt.
Parallel zur operativen Agenda hat Sibbern die Führungsetage neu aufgestellt. «Innerhalb eines Jahres haben wir mehr oder weniger die Hälfte des Führungsteams ausgewechselt», sagt er. «Wir brauchten diese Veränderungen und haben sie umgesetzt.» Mehrere Architekten früherer strategischer Entscheide sind nicht mehr an Bord. Javier Hernani, der als CEO von BME nach der Übernahme eine zentrale Rolle in der Integration spielte, ist ausgeschieden. Auch CFO Daniel Schmucki wird nach neun Jahren im Amt gehen. Er war Finanzchef als der Worldline-Deal eingefädelt wurde. Einen Nachfolger gibt es noch nicht, Schmucki bleibt übergangsweise im Amt.
Rückenwind vom Markt
Gleichzeitig hat Sibbern Schlüsselpositionen neu besetzt und Kompetenzen verschoben. Tomas Kindler übernahm im Juni die Rolle des Global Head Exchanges. Er verantwortet damit das gesamte Börsengeschäft der Gruppe. Ebenfalls seit Juni amtet Rafael Moral Santiago als Head Securities Services; er führt damit jenes Geschäft, das Verwahrung, Abwicklung und Post-Trade-Services bündelt – ein zentraler Ertragspfeiler. Markus Gumpfer komplettiert als Chief Risk Officer die Konzernleitung. Der Umbau sendet ein Signal nach innen: Die Phase der Strategieankündigungen ist vorbei, nun folgt die Umsetzung.
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Das Timing von Sibberns Amtsantritt hätte schlechter sein können. Die Marktlage spielt ihm in die Karten. Die Volatilität treibt die Handelsaktivität und spült zusätzliche Erträge in die Kassen der SIX. In der Schweiz und Spanien erzielte die Gruppe 2025 einen Handelsumsatz von 1627 Milliarden Franken – ein Plus von 15,5 Prozent. Rückenwind, der Transformationskosten leichter absorbierbar macht.
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Auch der IPO-Markt zeigt wieder Leben. Zwanzig Unternehmen wagten 2025 den Gang an die Börse in Spanien und der Schweiz. Rekordzahlen lieferte auch das Anleihensegment. 558 neue Obligationen wurden platziert, mit einem Gesamtvolumen von 124 Milliarden Franken. Der Schweizer Kapitalmarkt boomt – auch das spielt der SIX in die Hände. Sibbern weiss, dass dieser Rückenwind zyklisch ist. Entsprechend offensiv bearbeitet er die Kunden. Den Wettbewerb um Neuemissionen nimmt er persönlich. «Ich hasse es zu verlieren», sagt er und meint IPO-Kandidaten, um die andere Börsenbetreiber genauso buhlen wie die SIX. «Die grossen Player wie Nasdaq, London Stock Exchange oder die Deutsche Börse besuchen regelmässig die grossen Firmen in der Schweiz, um sie davon zu überzeugen, ihren Sitz zu wechseln und das Listing an ihren Standort zu bringen», sagt ein Branchenkenner. Intensive Kundenpflege steht bei Sibbern daher zu Recht oben auf der To-do-Liste. Klinkenputzen, wenn es sein muss drei Mal am Tag bei verschiedenen Kunden, ist nichts Ungewöhnliches für den ehrgeizigen Dänen.
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Konstante Strategie
Eine strategische Kehrtwende wird es nicht geben. «Unser bisheriges diversifiziertes Geschäftsmodell hat sich sehr bewährt. Wir brauchen keinen fünften Bereich. Wir werden also nicht plötzlich eine Rohstoffbörse in Asien kaufen. Auch werden wir keinen Bereich abstossen», sagt Sibbern und dementiert damit Gerüchte, wonach die Division Financial Information verkauft werden soll. Dies sei ein wichtiger Wachstumsbereich und Teil der Strategie.
Sobald es wärmer wird, will Sibbern sein Rennvelo aus dem Keller holen. Mit einem SIX-Team fuhr er bereits am «Chasing Cancellara» von Zürich nach Andermatt. Dass Radfahren in der Schweiz mehr verlangt als im dänischen Flachland, weiss er inzwischen. Manche Steigungen sieht man kommen. Andere bemerkt man erst, wenn man schon mittendrin ist.