Gus Wüstemann Architects versteht sich als interdisziplinäres Netzwerk in Architektur und Städtebau. Wie äussert sich das in der Praxis?
Gus Wüstemann: Jeder Bau ist eingebettet in einen städtebaulichen Kontext und wir erachten diesen Faktor als sehr relevant. Da geht es zum Beispiel um Fragen der Bauvolumen, der Umgebung, der Grünflächen und der Bespielung des Erdgeschosses. Wir arbeiten gerne mit Elementen, die im halböffentlichen Raum stattfinden, also mit Loggien, Balkonen, eingeschnittenen Höfen, Patios und schaffen somit trotz geschlossener Aussenhüllen überraschend helle und grosszügig wirkende Innenräume.
Sie haben auch Studios in Barcelona und in Mallorca. War Ihnen die Schweiz zu eng?
Ich wollte immer schon im mediterranen Raum leben. Die Welt interessiert mich, neue Kulturen, neue Orte. Ich wollte dort arbeiten, wo ich auch leben will. Architektur entsteht im Austausch – deshalb sind mehrere Studios für mich kein Geschäftsmodell, sondern ein natürlicher Weg, um mich weiterzuentwickeln.
Zur Person
Gus Wüstemann, 59, studierte Architektur an der ETH Zürich, lebte und arbeitete anschliessend in Australien, Indien, England und in den USA. 1997 gründete er sein eigenes Architekturbüro in Zürich, 2004 eröffnete er eine zusätzliche Niederlassung in Barcelona, seit 2019 eine weitere in Mallorca. Gus Wüstemann engagiert sich auch in Forschung und Lehre und im Städtebau. Seit 2017 berät er die Stadt Barcelon in Raumplanungsfragen.
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Sie setzen sich schon lange mit heute hochaktuellen Themen wie leistbares Wohnen und eine ressourceneffiziente Bauweise auseinander. Damit waren Sie Ihrer Zeit voraus.
Ja, für mich stand als Architekt immer schon die Gesellschaft im Vordergrund. Uns geht es um die Aufwertung des öffentlichen Raumes und mehr Wohnqualität für alle. Wir möchten hochwertig mit weniger Ressourcen bauen. Mit dem Mehrfamilienhaus in Zürich Albisrieden für die I+B Bächli Stiftung haben wir ein Projekt geschaffen, das exemplarisch zeigt, wie man mit gezielten Interventionen in Licht und Raum bei gleichzeitiger Reduktion des Standards ohne wirtschaftlichen Mehraufwand grosszügige und lebenswerte Wohnräume schaffen kann. Das Gebäude beweist zudem, dass man auch mit weniger Mitteln gute Architektur schaffen kann – roh, klar, unverstellt. Sie steht einer klassischen High-End-Architektur in nichts nach, im Gegenteil: Sie hat mehr Inhalt, mehr Relevanz.
Ein visionäres Projekt in Zürich Albisrieden
Die I+B Bächi Stiftung, gegründet vom Maler und Designer Balz Bächi und seiner Frau Isabel Pardo de Leygonier, erteilte dem Studio von Gus Wüstemann den Auftrag, ein Mehrfamilienhaus zu bauen, das einen Beitrag zum bezahlbaren Wohnen für alle leisten sollte. Entstanden ist ein Gebäude mit neun Wohnungen zwischen 53 und 90 Quadratmetern mit einer nach Süden ausgerichteten Dachterrasse, die allen Mietern zur Verfügung steht.
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Mit dem 2020 fertiggestellten Projekt im Zürcher Quartier Albisrieden konnte Wüstemann beweisen, dass man mit gezielten Interventionen in Licht und Raum einen Mehrwert fürs Wohnen schaffen kann, ohne dass Mehrkosten entstehen. Für diesen intelligenten Beitrag zu leistbarem Wohnen wurde das Studio Wüstemann mehrfach ausgezeichnet, der visionäre Ansatz fand international grosse Beachtung. Der Bau wurde als massiver Betonblock konzipiert, aus dem zwei Höfe herausgeschnitten wurden.
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Die Wohnräume schweben wie Brücken und sorgen durch ihre Ausrichtung von Ost nach West für eine maximale Besonnung und eine grosszügige Raumwirkung weit über die tatsächliche Grösse hinaus. Als Baumaterialien dominieren Beton, Glas und rohes Holz. Dank der Kombination aus Betonfassaden und den berühmten Holzlamellen aus Barcelona zur Beschattung der Balkone wirkt das Gebäude auch von aussen warm und sinnlich.
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Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?
Authentisch und geerdet. Sinnlichkeit aus dem Wesentlichen heraus. Wenig Mittel, starke Wirkung. Sehr direkt. Wir haben mal eine Ausstellung in Zürich, Hamburg und Paris unter dem Titel «Total Recall» gemacht. Wir wollten zeigen, dass Architektur über die visuellen Elemente hinausgeht. Die meisten Betrachter kategorisieren ja Gebäude nach den ihnen bekannten Mustern, zum Beispiel modern oder historisch. Aber es gibt eine Betrachtungsebene, die mehr auf der Basis von subkutanen Empfindungen funktioniert, also mit einer sinnlichen und oft schwer zu beschreibenden Wirkung. Da ist eine Referenz zu spüren was wirklich ist, eine plötzliche Klarheit, unabhängig vom Programm, ohne Hierarchie oder Status, nur ein Hauch von kulturellem Kontext, wie eine Ruine in der Landschaft.
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Was zeichnet Ihre Raumkonzepte und die Materialisierung aus?
Wir setzen nicht Zimmer an Zimmer, sondern arbeiten mit fliessenden Übergängen und Blickachsen. Wir konzipieren Grundrisse mit multifunktionialen, nicht normierten Räumen, so dass sie je nach Bedarf verschiedenen Zwecken dienen können. Wir arbeiten mit wenigen ausgewählten Materialien, vor allem Sichtbeton, Holz und Naturstein wie Travertin,die wir roh belassen oder nur minimal verarbeiten.
Woher kommen Ihre Inspirationen?
Aus der Natur, aus dem Alltag, überall auf der Welt, aus der Arbeit anderer Kreativer oder aus Situationen, die mich emotional berühren oder irritieren. Inspiration entsteht im Leben.
Welche Auftraggeber kommen zu Ihnen?
Sehr unterschiedliche. Zu unserer Kundenliste gehören sowohl die SBB, mit der wir einen neuen Bahnhof samt Wohnbauten planen wie auch Demna, der seit kurzem Creative Director von Gucci ist. Dazu kommen private Bauherren wie die Bächli Stiftung, die bezahlbarem Wohnraum für Familien in Zürich schaffen wollte, und Investoren, die mit uns hochwertige, klare, innovative Architektur im angemessenen wirtschaftlichen Rahmen umsetzen wollen.
Was ist das schönste Kompliment, das Sie als Architekt je bekommen haben?
Wenn Bewohner und Benutzer sagen, dass sie in und um unsere Bauten glücklich sind. Dann erfüllt Architektur ihren Zweck.
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Im Zürcher Seefeld hat Gus Wüstemann mit seinem Team ein Mehrfamilienhaus aus dem Jahr 1850 mit spannenden Kontrasten aus Alt und Neu umgebaut.zVg
Im Zürcher Seefeld hat Gus Wüstemann mit seinem Team ein Mehrfamilienhaus aus dem Jahr 1850 mit spannenden Kontrasten aus Alt und Neu umgebaut.zVg
Sie sind seit 2017 im Beraterstab der Stadt Barcelona. Was war die Aufgabe, was wurde erreicht?
Barcelona befand sich damals in einer komplexen Situation: Übertourismus, zu viel Verkehr, Belastung des öffentlichen Raumes, bis hin zu Defiziten bei der Bildung und der sozialen Infrastruktur. Wir haben Konzepte entwickelt, wie man die Quartiere ruhiger, sicherer, grüner, sozialer und insgesamt deutlich lebenswerter machen könnte. Wir haben beispielsweise Metro, Stadtbusse und Veloinfrastruktur so verknüpft, dass das Auto zur Nebensache wird. Die typischen Hofgruppen Barcelonas, die sogenannten «Supermanzanas», haben wir zu grünen Inseln mit Sitzbänken umgewandelt. Dieses Konzept wurde dann auch zum Vorbild für andere Städte, zum Beispiel in Wien mit den «Supergrätzl». Wir haben bewiesen, dass gute Stadtplanung direkt auf die Lebensqualität wirkt – und das ist letztlich der Massstab.
Paris macht ja auch grosse Anstrengungen in eine ähnliche Richtung. Wie sehen Sie die grossen Schweizer Städte hinsichtlich raumplanerischer Intelligenz und Weitsicht?
Wir haben in der Schweiz ähnliche Herausforderungen wie viele europäische Städte. Es passiert aber viel Gutes, der öffentliche Raum wird kontinuierlich aufgewertet. Wo wir wirklich hinten sind, ist die Sicherheit für Velofahrer. Zürich hat keine durchgängig sicheren Velospuren – das ist unzeitgemäss.
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Woran liegt es?
Städte wie Paris und Barcelona tun sich bei Reformen leichter, weil die Regierungen mehr Macht haben und ihren politischen Willen leichter durchsetzen können. In der Schweiz sind wir aufgrund direktdemokratischer Strukturen und vielen Einsprachemöglichkeiten viel langsamer. Wir müssen darauf hinarbeiten, dass private und öffentliche Interessen besser zusammenspielen.
Sie engagieren sich auch in Forschung und Lehre. Worin besteht Ihr Beitrag?
Ich beteilige mich aktiv an der internationalen Diskussion darüber, was Architektur für die Gesellschaft leisten kann – nicht parteipolitisch, sondern in Kommissionen und Gremien, in Jurys, in öffentlichen Debatten und im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen weltweit. Die eigentliche Forschung passiert bei uns im Atelier: beim Arbeiten an konstruktiven Details, im Dialog mit Ingenieuren, im Testen von Materialien und Bauprozessen. Wir untersuchen, wie man mit weniger Mitteln mehr Qualität schafft und wie Räume wirklich wirken. Diese Praxis ist für mich die relevanteste Form von Forschung.
Wohin geht die Entwicklung im Wohnungsbau in den nächsten zwanzig Jahren?
Wir werden einfacher, klarer und präziser bauen müssen. Die Ressourcen werden knapper, die Anforderungen steigen. Das bedeutet: weniger Technik, weniger Komplexität, robustere Materialien, flexiblere Grundrisse. Wir werden auch weniger Fläche pro Person haben – das ist eine Realität. Entscheidend ist, dass wir die Qualität erhöhen – bessere Proportionen, mehr Licht, stärkere räumliche Bezüge, klare Konstruktionen. Wenn der Raum gut ist, muss er nicht gross sein. Kurz: wir müssen die Mittel reduzieren, aber die Architektur stärken.
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Typische Bauten von Gus Wüstemann
Haus über einem Hof in Andalusien
Das Einfamilienhaus in der Nähe von Marbella hat das Studio Gus Wüstemann für einen Schweizer Unternehmer gebaut, der dort mit seiner Familie rund die Hälfte des Jahres verbringt und gerne Freunde um sich schart. Das Grundstück liegt in einer dicht besiedelten Urbanisación an einem Golfplatz, aber die Eigentümer wünschten sich eine grosszügige Anlage mit viel Privatsphäre.
Bruno Helbling
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So entstand die Idee eines Hofhauses über einem Garten. Das Konzept leitet sich ab von der lokalen maurischen Bautradition mit Gebäuden, die um einen schattigen Innenhof angelegt sind. Diese Art der Bebauung sorgt für maximale Privatsphäre und schützt die Bewohner gegen fremde Blicke.
Bruno Helbling
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Der Wohnraum ist offen gestaltet und dient als Ort der Begegnung. Innen und Aussen verschmelzen durch grosse Glasschiebetüren, raffinierte Lichteinfälle an der Fassade brechen die skulpturale Struktur, und teilweise überdachte Aussenräume sorgen für schattige Plätzchen unter der andalusischen Sonne. Auf 480 Quadratmetern Wohnfläche gibt es genug Platz für mehrere Schlafzimmer, jedes mit eigenem Bad und privatem Patio.
Bruno Helbling
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Auf dem Grundstück wurden möglichst viele der alten Bäume belassen, dazu wurden ein Teich mit einem Wasserfall und ein Pool mit einer Barbeque-Lounge angelegt. Die Anlage wirkt modern, aber nicht steril, sondern verspielt, sinnlich und leicht.
Bruno Helbling
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Ein Refugium aus Beton und Holz am Zürichsee
In Erlenbach an der Zürcher Goldküste hat Gus Wüstemann für eine junge südafrikanische Familie ein Wohndomizil gebaut. Das Grundstück an Hanglage befindet sich in einem eng bebauten Einfamilienhausquartier. Die Auftraggeber wünschten nicht die klassische Bebauung mit einem Hilltop-Haus am obersten Teil des Hangs und einem vorgelagerten Garten, sondern eine Lösung, die das Grundstück ausfüllen sollte.
Bruno Helbling
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Gus Wüstemann schuf darum zwei Baukörper. Am oberen Rand des Grundstücks steht das zweistöckige Haupthaus aus rohem Beton und Holz. Am unteren Grundstücksrand platzierte der Architekt ein Poolhaus und verband die beiden Bauten mit einer steinernen Promenade. Im Obergeschoss des Haupthauses befindet sich ein offener Wohnraum, in dem die Familie gerne Gäste empfängt. Vorne rahmt die Glasfront den Blick auf den See und die Sonnenuntergänge ein. Zur Rückseite hin wird der Raum – einer Haifischflosse gleich – immer höher.
Bruno Helbling
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Dank der weit oben platzierten Fenster kommt viel zusätzliches Licht in den Raum, ohne dass die Privatsphäre leidet. Im Untergeschoss befinden sich der Familientrakt fürs Schlafen und Leben und ein Patio im Freien, der dank Schiebetüren in der warmen Jahreszeit mit der Familienlounge zu einem Begegnungsort mit fliessenden Grenzen zwischen innen und aussen wird. Dank der grossen Glasfronten und der fensterlosen Wände hat man im Hausinneren den Eindruck, man befinde sich in einem überdachten Aussenraum, ein Effekt, der durch die grossen Oberlichter noch verstärkt wird.
Bruno Helbling
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Neues Leben für einen Altbau im Zürcher Seefeld
Im Zürcher Seefeldquartier hat das Studio Gus Wüstemann ein bestehendes Mehrfamilienhaus mit Werkstätten aus dem Jahr 1850 unter Einbezug der Denkmalpflege ausgebaut und renoviert. Die Fassade des klassizistischen Hauses blieb unverändert, im Inneren entstanden fünf kleine Apartments mit einer modernen Stilistik und spannenden Kontrasten aus Alt und Neu. Man entfernte den Verputz an den einen Meter breiten 170-jährigen Steinmauern und machte so die Historie und die Bauweise des Gebäudes sichtbar.
Bruno Helbling
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Beim Innenausbau setzte Wüstemann auf schlichte neue Elemente aus rohem Beton und Holz und liess 20 Zentimeter breite Fenster- und Türrahmen aus Holz direkt auf die Natursteinwände montieren. Damit schuf er eine zeitgemässe Antwort auf die lange Zeit eher bürgerlich dominierte Geschichte des Hauses. In den vorgelagerten ehemaligen Werkstätten entstanden vier Wohnateliers mit offenen Grundrissen, zum Teil auf zwei Etagen und mit Balkon oder Garten. Zur Strasse hin bringen grosse holzgerahmte Tür- und Fensterkombinationen mehr Tageslicht ins Innere. Bei den lang gezogenen ebenerdig ausgerichteten Ateliers wurden Dachöffnungen eingebaut, um die seitlich fensterlosen Räume zu erhellen.
Bruno Helbling
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Für die Küchenfronten schlug Wüstemann Holzfaserplatten vor. Diese sind nicht nur günstig, sondern mit ihren aus dem Zufall entstandenen Mustern auch ein spezieller Hingucker – ein weiteres Beispiel dafür, dass Ästhetik nicht teuer sein muss.
Bruno Helbling
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Dieser Artikel ist im HOMES, einem Magazin der BILANZ, erschienen (Frühling 2026).
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