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Marc P. Bernegger

Zwischen Mut und Blauäugigkeit: Was der Investor über Erfolg gelernt hat

Der Schweizer Serial Entrepreneur Marc P. Bernegger über Mut, Blauäugigkeit, Langlebigkeit und die besten Investments in die Zukunft.

Wilma Fasola

Marc Bernegger
«Deine eigene Langlebigkeit ist das erste Investment, das du tätigen solltest» sagt Marc Bernegger zVg

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Blicken wir zurück ins Jahr 1999. Sie haben direkt nach dem Gymnasium Usgang.ch gegründet. Wenn Sie heute durch Zürich laufen, sehen Sie dort noch den jungen Marc, der den Status quo herausfordern wollte? Oder blicken Sie eher durch die analytische Investorenbrille?
Was sich bis heute durchzieht, ist meine Vorliebe, sehr früh Dinge zu machen, die mich persönlich interessieren. Damals war das Onlineportal Usgang.ch ein reines Eigenbedürfnis. Wir fanden es schade, dass es im Internet keinen Partykalender gab. Mein Mitgründer und ich hatten damals zudem als einige der sehr wenigen an unserem Gymnasium einen Internetanschluss zu Hause. Wir hatten früh das Potenzial erkannt, dass sich die Welt massiv ins Netz verlagern würde. Diese Neugier war der Auslöser für Usgang.ch. Und sie war es im Jahr 2012 auch bei Bitcoin oder seit einigen Jahren beim Thema Longevity. Als Unternehmer habe ich jedoch den Luxus, eine Firma um ein spannendes Thema herum zu bauen, anstatt nur ein Buch darüber zu lesen.

Im Jahr 2009 haben Sie Usgang.ch an Axel Springer verkauft. War das ein rein strategischer Schritt?

Das Jahr 2008 war ein spezielles Zeitfenster. Plattformen wie unsere wurden damals reihenweise von grossen Verlagen aufgekauft. Wir gingen an Springer, andere an Tamedia. Und sicher zog auch die Profitabilität – wir waren beim Verkauf sehr profitabel. Auch wenn es zuerst nicht um das Monetäre ging, ist natürlich das Ziel immer, dass das Projekt oder Unternehmen mehr Geld verdient, als man investiert hat. Was heute in der Start-up-Welt übrigens fast schon als «antistartuppig» gilt. Da ich zu der Zeit schon lange nicht mehr operativ im Geschäft war, war ich emotional nicht sehr involviert. Aber es freut einen natürlich, wenn ein grosser Player wie Springer die Ursprungsidee noch grösser machen kann und möchte.

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Marc P. Bernegger gründete unter anderem die Portale Usgang.ch (1999) und Amiando.ch (2006). Er war ein früher Investor in Bitcoin (2012) und ist heute Mitinitiant der Longevity Investors Conference und Mitgründer der Firma Maximon, worüber verschiedene Longevity-Start-ups gegründet wurden.

Was waren Ihre grössten Learnings aus dieser ersten Zeit?

Es gab sicher verschiedene Learnings. Aber eines der grössten war, dass man nicht aus rationalen Gründen ein Unternehmen aufbaut, um es dann teuer verkaufen zu können. Ich glaube, die wirklich spannenden Unternehmer sind nicht finanziell getrieben, sondern sie haben eine Mission und viel Passion. Deswegen verkaufen sie auch nicht, selbst wenn andere denken, dass das doch ein schöner Preis wäre. Usgang.ch haben wir wie gesagt aus reinem Eigeninteresse gegründet, mit 3000 Franken Startkapital, also all unserem ersparten Taschengeld. Wir hatten zudem keinen Businessplan, und ich kann bis heute nicht programmieren. Dennoch habe ich schon zwei Internetunternehmen aufgebaut und verkauft.

Wie viel Mut braucht es, um einer Passion so konsequent nachzugehen?

Ich würde weniger von Mut sprechen, in meinen Augen braucht es eine Portion Blauäugigkeit. Wenn viele Unternehmer im Voraus wüssten, welche Widerstände und Probleme auf sie zukommen, hätten sie wahrscheinlich gar nicht erst gegründet. Ein weiteres Learning ist daher, dass man den Fokus nicht darauf legen darf, was alles schiefgehen kann. Sie könnten dann nicht mehr schlafen. Sie müssen die Möglichkeiten sehen. Ich kenne fast keine Erfolgsgeschichte, die nicht phasenweise nahe am Abgrund stand. Wer in der Anfangsphase eines Start-ups nicht damit umgehen kann, dass man vielleicht nur noch für zwei Monate Geld hat, wird dort langfristig nicht glücklich.

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Sie sagten gerade, dass Sie selbst nicht programmieren können. Wie wichtig ist die Ergänzung durch Experten, wenn man – wie Sie erwähnt haben – selbst kein Techniker oder Mediziner ist?

Das ist zentral. Ohne Mediziner, Biologen und Stammzellenwissenschafter könnte ich meine aktuelle Firma und ihre Schwesterfirmen gar nicht führen. Ich versuche immer, Leute zu finden, die in ihren Fachbereichen viel smarter sind als ich. Mein Job ist, früher als andere zu sehen, was spannend wird, und dann die richtigen Leute zu suchen, um das Ganze «auf den Boden» zu bringen. Ob jemand wirklich Start-up-tauglich ist, merkt man übrigens meist erst in der ersten grossen Krise, nicht im Vorstellungsgespräch.

Sie sprechen von Ihrem Unternehmen Maximon, das sich auf Longevity konzentriert. Warum investieren Sie in diesem Bereich?

Zum ersten Mal bin ich im Jahr 2009 damit in Berührung gekommen. In Genf lernte ich Aubrey de Grey kennen, den «Godfather of Longevity». Er vertrat die damals verrückt klingende These, dass der erste Mensch, der tausend Jahre alt wird, bereits lebt. Das hat mein Verständnis von Altern und Sterben herausgefordert. 2020 haben wir dann unter dem Dach von Maximon verschiedene Aktivitäten gestartet, darunter die Longevity Investors Conference. Wir betreiben zudem heute eine Klinik in Zürich (Ayun) und ein Supplementbusiness namens Avea.

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Oft wird kritisiert, dass diese Forschung nur einer reichen Elite zugutekommt. Ist Longevity wirklich ein lohnendes Investmentfeld für alle?

Diese Frage höre ich aktuell oft. Mein Rat ist immer: Investiere zuerst in dich selbst. Das ist ein sehr persönliches Thema, bei dem der «Return» in Form der eigenen Gesundheit am spannendsten ist. Die geschäftliche Relevanz und die tatsächliche Wahrnehmung in der breiteren Bevölkerung sind derzeit noch nicht ganz deckungsgleich. Wenn Leute zu mir kommen und investieren wollen, sage ich: Deine eigene Langlebigkeit ist das erste Investment, das du tätigen solltest.

Wie sollten Investoren dieses komplexe Feld angehen?

Man muss realisieren, dass der Bereich zurzeit noch extrem fragmentiert ist. Es gibt kaum börsenkotierte Firmen; wenn man nach global relevanten Playern sucht, wird es sehr schnell ziemlich ruhig. Wir sehen zwar einzelne Finanzierungsrunden, aber grosse M&A-Transaktionen sind noch selten. Der Markt besteht aktuell aus einer Vielzahl von Nischen. Da gibt es Kliniken, die fast in jeder Stadt ein anderes Modell verfolgen, verschiedene Supplementfirmen oder Wearables. Dabei ist es verhältnismässig schwierig, abzugrenzen, wo Wellness aufhört und wo echte Longevity anfängt. Nur schon die Begrifflichkeit ist eine Herausforderung.

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Das klingt nach einer schwierigen Ausgangslage für klassische Anleger.

Es ist für den klassischen Anleger derzeit noch verhältnismässig komplex, dieses Thema wirklich sauber abzubilden. Wer zum Beispiel in grosse Pharmaunternehmen investiert, in der Hoffnung, Longevity abzudecken, landet bei einem Exposure von vielleicht 0,1 Prozent. Das ist vergleichbar mit jemandem, der Bankaktien kauft, weil er eigentlich in die Blockchaintechnologie investieren will. Wir stehen heute da, wo Bitcoin und Krypto im Jahr 2012 standen: Es ist alles noch sehr am Anfang. Es gibt zwar erste fokussierte Private-Equity- oder Venture-Capital-Fonds, aber für den typischen Handelszeitungs-Leser ist der Zugang über die öffentlichen Märkte im Moment noch eine grosse Challenge.

Und was ist Ihre nächste Challenge? Sie haben doch sicher schon ein neues Thema im Blick …

Ich beschäftige mich ausführlich mit der Zukunft. Spannend finde ich alles, was im Weltraum passiert – von Asteroid Mining bis zur Lunar Economy. Ein zweites grosses Thema ist der Robotics-Bereich, insbesondere Humanoid Robotics. Wir haben noch nicht ganz realisiert, welches Ausmass das annehmen wird. Wir sprechen hier nicht nur von Robotern in der Autoproduktion, sondern von humanoiden Robotern, die bereits in ersten Vorformen entstehen. In Davos haben wir dazu während des Weltwirtschaftsforums (WEF) den «Future Investments Circle» ins Leben gerufen, um uns spezifisch mit solchen Zukunftstechnologien auseinanderzusetzen.

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Das klingt, als würden wir da noch viel von Ihnen erwarten dürfen in den kommenden Jahrzehnten?

Unternehmer zu sein, ist kein Job, den man einfach ablegt, sondern ein Teil der Persönlichkeit. Die meisten Unternehmer bleiben aktiv, bis sie sterben. Es ist eine Charaktereigenschaft, gerne selbst etwas zu machen, anstatt für andere zu arbeiten. Für mich ist es gar keine Option, nicht als Unternehmer aktiv zu sein.

Und daher eine letzte persönliche Frage: Wie halten Sie es persönlich mit der Langlebigkeit?

Biologisch bin ich bereits ein paar Jahre jünger als chronologisch. Es wäre ja auch ein bisschen merkwürdig, wenn ich in diesem Bereich arbeite und nicht zumindest ein bisschen unter meinem chronologischen Alter wäre. Daher: Ja, ich kümmere mich aktiv darum und investiere in meine eigene Zukunft.
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