Abo
Interview

«Wir brauchen mehr Mut zum Mut»

Die Unternehmerin Antonia Albert spricht über die Schweizer Innovationskraft und das Lernen aus Fehlern.

Wilma Fasola

file855pv162ss01dvdwn34y
Antonia Albert ist Investorin beim Zürcher Risikokapitalgeber Founderful. Daniel Kunz

Werbung

Sie blicken auf eine bewegte Karriere zurück. Mit 25 Jahren gründeten Sie Ihr erstes Unternehmen mit dem Namen Careship. Was sind die fundamentalen oder schlichtweg einfachsten Lektionen, die Sie aus dieser Zeit für Ihr heutiges Ich und Ihre Funktion als Investorin mitgenommen haben?

Es gibt drei Kernpunkte, die mein Verständnis von Führung und Business nachhaltig geprägt haben. Der erste Punkt ist die Erkenntnis, dass es eine absolute Stärke ist, nach Hilfe zu fragen. Zu Beginn meiner Laufbahn hatte ich das Gefühl, auf jede Herausforderung sofort die perfekte Antwort parat haben zu müssen. Heute weiss ich, dass niemand alles allein lösen kann und dass wahre Professionalität darin liegt, sich Expertise von aussen zu holen. Zweitens habe ich gelernt, wie essenziell ein eiserner Fokus ist. Man muss als Gründer lernen, konsequent zu priorisieren und vor allem Nein zu sagen, da ständig verschiedenste Anforderungen von allen Seiten auf einen einströmen. Und die dritte, vielleicht beruhigendste Lektion: Alle kochen nur mit Wasser. Niemand besitzt das ultimative Geheimrezept. Erfolg bedeutet oft einfach, Dinge auszuprobieren, zu scheitern, daraus zu lernen und den Prozess zu wiederholen.

Sie sprechen das Scheitern an. In Europa, und speziell in der Schweiz, scheint die Akzeptanz dafür im Vergleich zu den USA noch gering zu sein. Wie haben Sie den Prozess der Insolvenz und die Abgabe Ihres Unternehmens Careship erlebt?

Es war eine extrem prägende und harte Phase. Wir haben in Europa und in der Schweiz leider immer noch eine sehr mangelhafte Fehlerkultur. Es wird zwar oft behauptet, dass Fehler zum Lernen dazugehören, aber sobald ein Projekt wirklich scheitert, sind die Reaktionen oft harsch und stigmatisierend. Dabei ist genau dieses Durch-die-Tiefen-Gehen das, was einen als Unternehmer reifen lässt. Ich bin überzeugt, dass man nach einem solchen Prozess beim nächsten Mal eine viel reflektiertere und bessere Führungspersönlichkeit ist. Wir müssen weg von der Glorifizierung des reinen Erfolgs und hin zu einem offeneren Umgang mit dem Scheitern, denn das macht ein Ökosystem langfristig widerstandsfähiger.

Partner-Inhalte

Antonia Albert ist Investorin beim Zürcher Risikokapitalgeber Founderful. Vor ihrer Karriere als Investorin gründete die BWL-Absolventin mit 25 Jahren gemeinsam mit ihrem Bruder das Start-up Careship in Berlin.

Sie selbst sind von der Gründer- auf die Investorenseite gewechselt. Was passiert bei Founderful, wenn ein Investment nicht aufgeht? Müssen die Gründer das Geld zurückzahlen?

Das ist ein wichtiger Punkt, um das Wesen von Wagniskapital zu verstehen. Venturecapital ist kein Kredit von einer Bank. Wenn wir investieren, tun wir das mit der Überzeugung, dass wir gemeinsam ein erfolgreiches Unternehmen bauen. Geht der Plan nicht auf, müssen die Gründer das Geld nicht zurückzahlen. Scheitern gehört zum Jobprofil eines Investors. In solchen Fällen ist das Wichtigste für uns, dass das Team reflektiert und aus der Situation lernt. Ein starkes Team findet oft einen neuen Weg, auch wenn das ursprüngliche Produkt scheitert. Aber klar: Das Ziel ist immer der gemeinsame Erfolg, und wenn es schiefgeht, verlieren wir als Investoren unser eingesetztes Kapital.

Sind Investoren heute bereits mutig genug, in jemanden zu investieren, der schon mal ein Unternehmen «an die Wand gefahren» hat, oder herrscht in den Chefetagen der Venturecapital-Gesellschaften immer noch das Primat der makellosen Vita?

Das ändert sich langsam, aber stetig. Bei Founderful achten wir extrem auf das Team. Wenn wir sehen, dass Gründer aus Fehlern der Vergangenheit fundierte Lehren gezogen haben, ist das für uns ein Qualitätsmerkmal. Ein Team, das nur Höhen kennt, hat oft noch nicht die nötige Resilienz für die wirklich schweren Phasen entwickelt.

Werbung

Sie haben Careship damals gemeinsam mit Ihrem Bruder gegründet. Wie wichtig ist diese tiefe Vertrauensbasis?

Die Entscheidung, mit wem man gründet, ist wohl die wichtigste überhaupt. Mit meinem Bruder zu gründen, war eine sehr intensive Erfahrung. Der grosse Vorteil war das blinde Grundvertrauen. Man kann voreinander nichts verstecken, man kennt die Stärken und Schwächen des anderen in- und auswendig. Für uns war das in den schwierigen Phasen ein entscheidender Anker.

Braucht es zwingend ein Team, oder kann man auch als Einzelgründer erfolgreich sein? Was ist hier Ihre persönliche Erfahrung – Sie kennen beide Seiten ...

Grundsätzlich bin ich eine grosse Verfechterin von Gründerteams. Allein zu gründen, bedeutet eine enorme psychische Belastung. Ein Team kann sich gegenseitig auffangen, man ergänzt sich in den Kompetenzen und kann die Last der Verantwortung teilen. Wir bei Founderful investieren fast ausschliesslich in Teams. Wir wollen sehen, wie die Dynamik zwischen den Personen ist – ob sie sich blind vertrauen, sich gegenseitig die Wahrheit sagen können und trotzdem füreinander einstehen. Das macht ein Unternehmen langfristig stark.

Founderful investiert ausschliesslich in Teams, die in der Schweiz ansässig sind. Warum diese Beschränkung auf ein vergleichsweise kleines Land?

Die Schweiz wird als Start-up-Standort massiv unterschätzt. Ein Grund dafür ist unsere kulturelle Bescheidenheit; wir bauen hier zwar exzellente Firmen mit hoher Substanz, aber wir posaunen es nicht so laut in die Welt hinaus wie andere Standorte. Doch der eigentliche Schatz der Schweiz ist die technologische Tiefe, die wir hier vorfinden. Das verdanken wir primär unseren Weltklassehochschulen.

Werbung

Sie beziehen sich vermutlich auf den aktuellen «European Deep Tech Report 2026». Wie schneidet der Standort dort ab?

Der Bericht ist eindeutig: Die ETH Zürich belegt Platz eins als europaweit führende Universität für Deep-Tech-Spin-offs. Auf Platz zwei folgt Oxford, und den dritten Platz sichert sich die EPFL in Lausanne. Das bedeutet, dass zwei der drei besten Forschungsstandorte für technologische Innovationen in Europa in der Schweiz liegen. Das ist im Verhältnis zur Grösse unseres Landes absolut beeindruckend und bietet ein enormes Potenzial für Investitionen in bahnbrechende Technologien.

Welche Sektoren stechen für Sie momentan besonders hervor?

Wir sehen unglaubliche Entwicklungen an der Schnittstelle von künstlicher Intelligenz und physischer Anwendung. Das umfasst die Robotik, die Materialwissenschaften, die Raumfahrttechnologie und das Quantencomputing. In unserem Portfolio haben wir beispielsweise eine Firma wie Mimic mit ihren KI-gesteuerten Roboterhänden, die manuelle Arbeit in der Industrie und Logistik automatisieren. Dazu Oxyle, das innovative Lösungen im Abwasserrecycling anbietet, oder ein Unternehmen wie Ethon AI, das KI direkt in industrielle Prozesse integriert. Diese Deep-Tech-Ansätze sind oft viel nachhaltiger als reine Software-Copycats.

Werbung

Wenn ein solches Team nun vor Ihnen steht: Was muss in den ersten Momenten passieren, um Sie und Ihr Team davon zu überzeugen, dass das ein Case für Sie ist?

Wir möchten innerhalb der ersten 60 Sekunden verstehen, welches reale Problem gelöst wird und warum genau dieses Team die besten Voraussetzungen dafür mitbringt. Viele hochintelligente Teams scheitern paradoxerweise daran, ihre komplexe Technologie einfach und visionär zu erklären. Wer seine Vision nicht klar kommunizieren kann, wird es später schwer haben, Toptalente zu rekrutieren oder Kunden zu überzeugen.

Das Team scheint für Sie das alles entscheidende Kriterium zu sein. Gibt es spezifische Warnsignale, also sogenannte Red Flags, auf die Sie achten?

Ja, sehr klare sogar. Ein Alarmsignal ist für mich eine auffallend langsame Entscheidungsfindung im Team. Als Unternehmer muss man in der Lage sein, bei Unsicherheit schnell zu agieren. Ein weiteres Warnsignal ist, wenn ich spüre, dass Konflikte innerhalb der Gründergruppe nicht offen ausgetragen, sondern umschifft werden. Wenn es den Individuen wichtiger ist, persönlich recht zu behalten, als gemeinsam die beste Lösung für das Unternehmen zu finden, dann ist das Fundament brüchig. Deshalb investieren wir bei Founderful viel Zeit darin, die menschliche Dynamik hinter der Technologie zu verstehen.

Werbung

Ihre persönliche Einschätzung: Was ist heute der beste Grund, ein Unternehmen zu gründen?

Man sollte niemals gründen, nur um ein Unternehmen zu haben oder weil es gerade schick ist. Der einzige wirklich tragfähige Grund ist Leidenschaft für ein spezifisches Problem. Es muss ein Thema sein, das einen nicht mehr loslässt, für das man brennt und für das man bereit ist, durch alle Höhen und Tiefen zu gehen. Wenn man diese Leidenschaft spürt und ein Problem sieht, das man unbedingt lösen will, dann gibt es keinen besseren Zeitpunkt als jetzt. Alles andere wäre Zeitverschwendung.

Was braucht die Schweiz, um erfolgreiche Start-ups langfristig hier zu halten?

Wir brauchen mutigeres Kapital in den späteren Phasen. Wir haben exzellente Voraussetzungen für die Gründung, aber wir verlieren zu viele Unternehmen in den Wachstumsphasen an ausländische Investoren, weil das hiesige Kapital oft zu risikoscheu ist. Wir müssen lernen, unsere eigenen Champions hier in der Schweiz grosszuziehen. Das erfordert mehr Risikobereitschaft von institutionellen Anlegern und eine mutigere Investmentkultur, die gross denkt.
Über die Autoren

Werbung