Adieu Freixe
Was gibt es Schöneres, als Franzose zu sein? Der geschasste
Nestlé-Chef Laurent Freixe wuchs in Paris auf, und natürlich hat man in der Stadt der Liebe wenig Verständnis für einen Rausschmiss wegen einer Affäre mit einer Untergebenen. Dem glücklosen Präsidenten Hollande wurde nie seine Affäre vorgehalten – nur dass er sich nachts zu ihr auf dem Motorroller klandestin aus dem Elysee stahl: Das ging gar nicht. Der Rausschmiss des Nestlé-Chefs werfe viele Fragen auf, befindet dann auch das Pariser Nachrichtenmagazin Le Point – er sei eine «Attacke auf Intimität und Privatleben» und ein «Eindringen des Aktionärs in das Schlafzimmer des Managers». Dass Freixe gegen den von ihm unterschriebenen Code of Conduct verstossen und den Verwaltungsrat belogen hat: Aus Pariser Optik Petitessen - macht doch jeder. Die calvinistischen Schweizer: Sinnenfeindliche Moralapostel. Und dass ein derartiges Verhalten auch bei den entscheidenden angelsächsischen Grossanlegern auf dem Index steht und schon deshalb dem Verwaltungsrat keine Wahl blieb: In Paris nicht so relevant.
Aber natürlich: Die Investoren-Optik lieferte zusätzliche Argumente. Unter dem glücklosen Minimal-Dynamiker Freixe war der Kurs um 20 Prozent gesunken – hätte der Verwaltungsrat bei einer Verdoppelung ähnlich rüde gehandelt? Wir werden es nie erfahren. Der 63-jährige war nach Kurssturz und ernüchternden Halbjahreszahlen ein Mann auf Abruf, nur sollte der Abschied eher einige Monate nach Antritt des neuen Präsidenten Pablo Isla im nächsten April kommen. Der Kurs lag gestern schon wieder ordentlich über der Delle nach der Rausschmiss-Verkündung. In seiner Heimat bleibt Freixe voll vermittelbar. «L'amour n'a jamais, jamais connu de loi»: Die Liedzeile aus Bizets Carmen ist de facto ein französisches Grundrecht. Die Liebe steht eben immer, immer über dem Gesetz. La France…