Basel erlebt derzeit eine Transformation, die Sie als «Jahrhundertchance» bezeichnen. Areale wie Dreispitz Nord, das Areal Wolf oder Klybeckplus werden neu erfunden. Wie wichtig sind diese Gebiete für die wirtschaftliche Zukunft des Kantons?
Beat Aeberhard: Für den Kanton sind das riesige Chancen. Ich würde sogar sagen, wir befinden uns in einer Art zweiter Gründerzeit, vergleichbar mit der Epoche zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg. Das hat massiv mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel zu tun. Die Industrie ist «stadtverträglich» geworden. Sie lärmt nicht mehr, sie verschmutzt den Rhein und die Luft nicht mehr. Dadurch werden Flächen frei, die mitten in der Stadt liegen: Logistikflächen, Hafenareale, ehemalige Industrieareale der Chemie. Das ist eine enorme Chance, neue, gemischt genutzte Quartiere zu schaffen, in denen gewohnt, gearbeitet und gelebt wird.
Beat Aeberhard ist seit 2015 Kantonsbaumeister des Kantons Basel-Stadt und leitet dort die Dienststelle Städtebau & Architektur. Zuvor war der diplomierte Architekt (ETH) sieben Jahre lang als Stadtarchitekt von Zug tätig. Er hält überdies einen Master of Science in Architecture and Urban Design der Columbia University in New York.
Dabei geht es auch um ökologische Aspekte. Welchen Stellenwert haben die Solaroffensive und Anpassungen an den Klimawandel in Ihrer Arbeit?
Einen zentralen. Unsere Abteilung für Gebäudemanagement ist in den letzten Jahren stark gewachsen, primär im Zuge der Solaroffensive und der Anpassung des städtischen Gebäudeparks an die Bauwende. Wir nutzen die Transformation für eine klimaangepasste Stadt. Ein Stichwort ist die «Schwammstadt»: Wir versuchen, das Regenwassermanagement komplett neu aufzugleisen, sodass Wasser in Parks und auf Dächern zurückgehalten wird, statt es in die Kanalisation zu leiten. Zudem finden wir auf diesen Brachen oft eine wertvolle Flora und Fauna vor, die über Jahrzehnte ungestört wachsen konnte. Diese ökologische Infrastruktur vernetzen wir nun über Quartiersgrenzen hinweg bis nach Deutschland und Frankreich.
Ein besonders faszinierendes Beispiel für kreative Umnutzung ist ein kontaminiertes Gebäude im Klybeck-Areal. Wie macht man daraus ein Parkhaus?
Das ist ein Paradebeispiel. Das Haus ist aufgrund von siebzig Jahren Industrienutzung belastet, steht aber gleichzeitig unter höchstem Denkmalschutz (Stufe A im ISOS). Abreissen ist also keine Option. Gemeinsam mit dem Investor Swiss Life planen wir dort ein Quartierparking. Für Autos spielt es keine Rolle, ob Stoffe in der Luft sind, die für uns Menschen bei einem dauernden Aufenthalt problematisch sein könnten. Wir nutzen die Struktur, sparen die graue Energie eines Neubaus, und in fünfzig Jahren, wenn das Gebäude quasi «ausgelüftet» ist, kann die nächste Generation über eine neue Nutzung entscheiden. Das erfordert Mut zur Innovation und den Willen, alle Stakeholder – vom Denkmalschutz bis zum Investor – an einen Tisch zu bringen.
Sie betonen oft, dass Städtebau eine «lernende Planung» sein muss. Warum ist Flexibilität wichtiger als ein starrer Masterplan?
Weil sich die Bedürfnisse rasant ändern. Städtebau ist kein Endzustand. Der ideale Masterplan der 90er-Jahre als herrschendes Dogma funktioniert heute nicht mehr. Nehmen Sie das Areal Volta Nord: Wir haben dort eine Schule in ein bestehendes Gewerbehaus eingebaut, um bereit zu sein, wenn die Familien kommen. Und obwohl erst ein Bruchteil der Wohnungen steht, ist die Schule bereits voll. Wir müssen aus solchen Entwicklungen lernen und die Typologien in Hochhäusern oder Quartieren ständig hinterfragen. Was gestern galt, kann heute durch einen neuen CEO eines Grossunternehmens oder neue Wohnformen hinfällig sein.
Wie wichtig sind Zwischennutzungen, um diese ehemals geschlossenen Areale für die Basler Bevölkerung zu öffnen?
Ich spreche lieber von Pionier- oder Initialnutzungen. Es geht darum, Areale, die 150 Jahre lang abgeschottet waren, zurück ins kollektive Gedächtnis der Bevölkerung zu bringen. Wir haben im Klybeck-Areal Führungen gemacht und Pioniernutzungen wie den Club Humbug oder Kreativwirtschaft ermöglicht. Wenn die Menschen den Ort erst einmal emotional besetzen, steigt die Akzeptanz für die spätere bauliche Dichte. Es ist ein gegenseitiger Lernprozess zwischen Fachleuten und der Bevölkerung. Ich lerne oft am meisten, wenn mir Anwohnende von den Geschichten ihrer Grosseltern erzählen, die dort gearbeitet haben.
Die Zusammenarbeit zwischen Behörden und Investoren gilt oft als schwierig. Wie erleben Sie das in Basel?
Es sind unterschiedliche Kulturen, das stimmt. Investoren haben oft einen Anlagestau und wollen Tempo, während wir als Stadt langfristige Qualität und soziale Verträglichkeit sicherstellen müssen. Das kann manchmal unangenehm sein, wenn Projekte durch neue Anforderungen länger dauern oder teurer werden. Aber wir sitzen alle im selben Boot. Ob wir für den Staat bauen, mit privaten Investoren oder mit Stiftungen zusammenarbeiten – das Ziel ist überall dasselbe: ein lebenswertes Basel.
Zum Schluss: Wenn Sie die bauliche Dynamik in Basel mit anderen Städten vergleichen – wo steht die Stadt 2026?
Wir haben den Vorteil, dass wir von den Fehlern anderer lernen konnten. In Zürich-Nord wurden vor Jahren Quartiere «hingeklopft», die lange brauchten, um eine Seele zu entwickeln. Wir versuchen in Basel, die Identität und die Tradition der Orte zu bewahren, während wir sie transformieren. Guter Städtebau braucht Zeit. Wir bauen hier keine Renditeobjekte, sondern eine Bühne für Bedeutung. Wenn uns das gelingt, wird Basel auch in Zukunft eine Stadt sein, die man nicht nur besucht, sondern in der man Wurzeln schlägt.