Die Regeln des (digitalen) Marketings verändern sich. Immer mehr Nutzerinnen und Nutzer verstehen, wie Algorithmen ihr Verhalten registrieren, bewerten und lenken. Und sie beginnen, das Spiel bewusst zu stören. Mit falschen Klicks und manipulierten Eingaben sabotieren sie genau jene Daten, auf denen Marken ihre Strategien aufbauen.
Lange galten User als passive Empfänger von Empfehlungssystemen – und das waren sie oft auch tatsächlich. Doch nun findet hier ein Umdenken statt, nicht zuletzt, weil sich immer mehr Menschen dafür interessieren, wie Algorithmen und KI funktionieren. Und wer merkt, dass das eigene Verhalten mitgelesen, sortiert und in Profile übersetzt wird, bleibt selten ganz tatenlos. Diese Gegenwehr äussert sich meist nicht offen, sondern subtil: Die Nutzer liken selektiv, überspringen bewusst, suchen manuell oder füttern Systeme mit Signalen, die nicht zum eigentlichen Interesse passen. So überspringen Spotify-User mitunter Songs, die sie im Grunde mögen, um ihr Profil nicht zu verengen. Tiktok-User liken bestimmte Videos absichtlich nicht. Und auch manche Youtube-Nutzer suchen Inhalte lieber manuell, statt sich von Empfehlungen führen zu lassen. Was wie individuelles Taktieren wirkt, ist längst ein breiteres Muster: die Algorithmenrebellion.
Es geht um digitale Souveränität
Hinter dieser Verhaltenssabotage steckt eine Art kalkulierter Selbstverteidigung. Die treibenden Kräfte sind der Wunsch nach Privatsphäre und der Schutz vor kommerzieller Überwachung. Zugleich geht es um Qualität: Die Nutzerinnen und Nutzer täuschen das System, um nicht in monotonen Filterblasen zu landen. Es wird also digitale Souveränität angestrebt und versucht, die Kontrolle über die eigene Onlineerfahrung zurückzuerlangen. Verstärkt wird dies durch ein tiefes Misstrauen, da immer mehr Konsumentinnen und Konsumenten KI-Inhalte als unauthentisch oder manipulativ empfinden.
Für das moderne Marketing ist diese Entwicklung ein Warnsignal. Über Jahre hinweg beruhte die digitale Personalisierung auf der Grundannahme, dass Klicks, Verweildauer und Likes verlässliche Signale für echtes Interesse sind. Doch die Realität zeigt ein sich veränderndes Bild. Die Konsumenten reagieren längst nicht mehr nur passiv. Und genau das macht die Lage für Marken und ihre Marketingverantwortlichen heikel: Wenn Interaktionen nicht mehr blosse Präferenzen ausdrücken, sondern kalkulierte Taktik sind, geraten klassische Segmentierungen, Buyer-Personas und automatisierte Empfehlungssysteme unter Druck. Was in den Analytics als klares Interesse gelesen wird, ist in Wahrheit oft nur eine bewusste Irreführung. Die Konsequenzen für Werbetreibende sind verheerend.
Die Nutzerinnen und Nutzer speisen durch ihr Verhalten den Datenstrom mit künstlichem Rauschen. Die gesammelten Daten reflektieren nicht mehr die tatsächlichen Bedürfnisse, die Algorithmen werden mit den verzerrten Datensätzen trainiert und liefern somit zunehmend ungenaue Empfehlungen. In der Folge gerät das Targeting völlig aus der Bahn: Werbeanzeigen werden an falsche Zielgruppen ausgespielt, die Marketer treffen auf der Basis fehlerhafter Dashboards kostspielige Fehlentscheidungen, die Performance bricht ein. Je invasiver und manipulativer KI-gesteuerte Werbung von der Kundschaft wahrgenommen wird, desto drastischer reduzieren sich Engagement und Kaufbereitschaft. Immer öfter schenken die Konsumenten und Konsumentinnen KI-generierten Werbeanzeigen keinen Glauben mehr und hinterfragen sogar Inhalte, die ohne Unterstützung der Wundertechnologie konzipiert wurden.
Wenn Daten zur Waffe werden
Zu guter Letzt stellt diese strategische Sabotage auch die Tech-Plattformen vor unlösbare Aufgaben. Weil die Trainingsdaten durch das kalkulierte Nutzerverhalten massiv verrauscht sind, wird es für Entwickler schwerer, präzise Empfehlungssysteme zu bauen. Das Zeitalter, in dem sich die Konsumentin naiv ablesen und algorithmisch steuern liess, ist somit endgültig vorbei. Dass diese Gegenwehr längst über das intuitive Taktieren im Feed hinausgeht, zeigt ein Blick auf die technischen Angriffsflächen. Zu den besonders anspruchsvollen Methoden zählt das sogenannte Data Poisoning. Dabei schleusen Angreifer gezielt manipulierte oder falsch gekennzeichnete Daten in Trainingsdatensätze ein, um das spätere Verhalten eines Modells zu verfälschen. Ziel kann es sein, die Zuverlässigkeit eines Systems insgesamt zu schwächen oder bestimmte Ergebnisse und Fehlklassifikationen zu provozieren. Die Methode erinnert in ihrer Logik an SEO Poisoning, ist technisch jedoch etwas anderes. Nicht die Sichtbarkeit in Suchmaschinen wird direkt manipuliert, sondern der Lernprozess eines KI-Modells. Davon zu unterscheiden sind sogenannte Adversarial Examples. Hier werden Eingaben wie Bilder, Texte oder Sensorsignale so geringfügig verändert, dass sie für Menschen oft unauffällig bleiben, ein bereits trainiertes KI-System aber zu einer falschen Einschätzung bringen. So wird das Datenökosystem zunehmend zum Austragungsort eines Wettrüstens zwischen Angreifern und den Entwicklern robusterer Modelle.
Die nächste Phase des Marketings
Für Marketingexperten stellt sich deshalb eine zentrale Frage: Was kommt nach der SEO-Ära? Lange folgte die Kundengewinnung einem vergleichsweise klaren Spielbuch: Keywords, Backlinks, Ladezeiten und Nutzersignale bestimmten, wie sichtbar eine Marke bei Google und Co. wurde. Die klassische Trefferliste bot Nutzern eine Auswahl, die sie selbst vergleichen konnten. Diese Logik verändert sich nun durch KI-gestützte Suchfunktionen und Chatbots wie Chat GPT, Perplexity oder Claude. Die Nutzer erhalten zunehmend direkt formulierte Antworten, ohne mehrere Websites aufrufen zu müssen. Verschiedene Analysen erwarten deshalb, dass der organische Suchtraffic abnimmt – Bain beziffert den möglichen Rückgang auf 15 bis 25 Prozent, während eine häufig zitierte Prognose des Marktforschungsunternehmens Gartner von einer Verringerung des klassischen Suchvolumens um rund 25 Prozent bis 2026 ausgeht. Aber: Das bedeutet nicht das Ende von SEO. Sichtbarkeit wird vielmehr neu definiert. Marken müssen nicht nur in Suchergebnissen auftauchen, sondern auch als verlässliche Quelle in KI-generierten Antworten berücksichtigt werden.
Was Marken jetzt tun können
Die Algorithmenrebellion ist kein vorübergehendes Phänomen, sondern Ausdruck eines strukturellen Wandels im Verhältnis zwischen Konsumenten, Marken und Plattformen. Ein unverändertes «Weiter so» im datengetriebenen Marketing wird deshalb nicht reichen. Die Unternehmen müssen Vertrauen schaffen – vor allem durch Transparenz beim Einsatz von KI und durch einen nachvollziehbaren Umgang mit Nutzerdaten. Im EU-Raum gelten für bestimmte KI-generierte Inhalte und direkte Interaktionen zudem Transparenzpflichten.
Gefragt ist ein hybrider Ansatz. KI kann Daten analysieren und Prozesse automatisieren, während Menschen dort Verantwortung übernehmen, wo Empathie, Kreativität und Urteilskraft gefragt sind. Auch die Personalisierung muss datensparsamer werden. Synthetische Zielgruppen können dabei helfen, Kampagnen und Botschaften auf der Basis aggregierter Muster zu testen, ohne einzelne User direkt zu profilieren. Sie sind jedoch kein Freipass, sondern müssen transparent, fair und mit Blick auf mögliche Verzerrungen eingesetzt werden. Weil die Daten unvollständig, falsch oder manipuliert sein können, dürfen die Unternehmen Nutzersignale nicht mehr ungeprüft übernehmen. Eine verlässliche Data-Governance und nachvollziehbare Data-Lineage helfen, die Herkunft und Qualität der Daten zu kontrollieren und vergiftete Datensätze früh zu erkennen.
Das Marketing gerät damit von zwei Seiten unter Druck: Die User schränken Tracking zunehmend ein, während KI-gestützte Suchsysteme den direkten Website-Traffic verändern. Tracking, Retargeting und SEO bleiben aktuell noch wichtige Instrumente, reichen allein aber nicht mehr aus. Es braucht deshalb klare Einwilligungen, transparente Prozesse und einen verantwortungsvollen Umgang mit Daten. KI kann analysieren und automatisieren – Vertrauen und Markenbindung kann sie jedoch nicht erzwingen. Erfolgreich werden jene Marken und Unternehmen sein, die so relevant und glaubwürdig sind, dass Menschen gezielt nach ihnen suchen, sie wiedererkennen und sich mit ihnen identifizieren. Am Ende setzt sich nicht die Marke mit den meisten Daten durch, sondern jene mit der stärksten Beziehung zu ihren Kundinnen und Kunden. Daran hat sich auch in digitalen Zeiten nichts geändert.