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MeisterMacher

Wo sind all die VC-Gelder hin?

Die breite Masse der Venture-Capital-Fonds ist erstarrt. Trotzdem bietet die aktuelle Lage viele Chancen.

Max Meister

Daniel Ka
Die Kolumne Β«MeisterMacherΒ» von Max Meister von BigMont Ventures beleuchtet internationale Entwicklungen in der VC/Startup-Szene und deren Auswirkungen auf die Schweiz. Daniel Karrer

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Es waren strube Zeiten: Um satte elf Prozent ist der Nasdaq, der wichtigste BΓΆrsenindex fΓΌr Technologiewerte, in den letzten 24 Monaten gesunken, trotz der deutlichen Kursrally im November. Klar, dass diese VolatilitΓ€t irgendwann auch ΓΌberschwappt auf die privaten MΓ€rkte, denn innerhalb des Anlagespektrums ist dieser Sektor einer der risikoreichsten.
Wir erlebten das Ende des jahrzehntelangen Technologie-Bullenmarktes: Steigende Inflation, und als Konsequenz davon steigende Leitzinsen, gekoppelt mit sinkender Nachfrage von Investoren und allgemeiner Verunsicherung an den KapitalmΓ€rkten, liessen den Boom 2022 abrupt zu einem Halt kommen.
In der Folge flohen Investoren aus ihren Anlagen. Sie suchten etwa vermehrt LiquditΓ€t durch Secondaries, also Transaktionen, in denen Anteile an VC Fonds nach kurzer Zeit wieder verkauft werden, was wiederum einen Einfluss auf das fΓΌr VCs verfΓΌgbare Kapital hat. JΓΌngst machte der Investor Lukasz Gadowski damit Schlagzeilen, dass er ΓΌber LinkedIn versuchte, seine Anteile an dem renommierten Venture Capital Fonds 468 Capital zu verkaufen. Vielen Investoren in Fonds sind zwar nicht so direkt, versuchen aber dennoch, aus ihren Positionen herauszukommen.

Wie reagiert die Schweizer VC-Szene auf das hΓ€rteste Marktumfeld der letzten zehn Jahre?

Β«Der Down-Turn folgt in der Schweiz mit etwas VerzΓΆgerung gegenΓΌber dem AuslandΒ», sagt David Hug, Investor vom Schweizer VC Macau Partners. Β«Es ist davon auszugehen, dass das Schlimmste noch nicht ΓΌberstanden ist, da jetzt viele Firmen aus dem absoluten Top-Finanzierungsjahr 2021 schon bald wieder Fundraisen mΓΌssenΒ». TatsΓ€chlich zeigen aktuelle Zahlen: Der Modus Operandi fΓΌr Venture Capital Firmen weltweit und auch in der Schweiz ist derzeit, sich hinter den eigenen Burgmauern zu verschanzen und darauf zu hoffen, dass der Sturm bald vorbeizieht. FΓΌr das Γ–kosystem fatal: Seit der Implosion der Silicon Valley Bank im MΓ€rz haben VC-Gesellschaften schlagartig und systematisch den Grossteil der Finanzierungen in Startups eingestellt und investieren stattdessen vermehrt in ihr bestehendes Portfolio. Vielerorts wurden laufende Finanzierungen gestoppt, aus diversen, teilweise erfundenen GrΓΌnden abgesagt oder bereits unterschriebene Termsheets nicht bedient.

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Max Meister ist Founding Partner von Bigmont Ventures mit Sitz Baar, ZG.
So steuert laut Pitchbook die Anzahl der Erstfinanzierungen durch VC Fonds mit 1β€˜619 bis Q3 2023 auf den Tiefstand des letzten Jahrzehnts hin. Dies steht in starkem Gegensatz zu 4β€˜397 Erstfinanzierungen auf dem HΓΆhepunkt in 2021. Die Tatsache, dass hauptsΓ€chlich die bestehenden Portfolio-Firmen von VC-Gesellschaften nun vermehrt Aufmerksamkeit und Kapital erhalten, hat natΓΌrlich auch einen positiven Effekt: Die Anzahl der europaweiten Insolvenzen von Startups, die von professionellen VC-Firmen Kapital erhalten haben, sank mit 156 Insolvenzen bis Q3 2023 deutlich unter den Vorjahreswert.
Schweizer Startups, die aktuell ihren Kapitalbedarf planen, wachen in einer neuen RealitΓ€t auf: Ihre Chancen auf VC-Funding sind gesunken. Zwar wurden im ersten halben Jahr 2023 in der Schweiz fast 1.2 Milliarden Franken in 154 Startups investiert, wobei sich etwa 690 Millionen Franken davon auf die grΓΆssten 10 Transaktionen konzentrieren. Aber die HΓΌrde, mit VC-Firmen Finanzierungen abzuschliessen, ist fΓΌr Schweizer Startups spΓΌrbar gestiegen – selbst fΓΌr die Besten der Besten.
Β«Auf Grund des Marktumfeldes waren unsere beiden primΓ€ren Fundingziele, ein genΓΌgendes LiquiditΓ€tspolster fΓΌr die nΓ€chsten 24 Monate zu schaffen und Kapital mit aufgeschobener Bewertung aufzunehmenΒ», sagt Andreas Zimmermann, CFO des Fintech-Startups Instimatch: Β«Das so wichtige positive Momentum, um dann auch neue Investoren zu gewinnen, konnten wir nur dank des Kommitments der bestehenden Stakeholder kreieren.Β»

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Instimatch hat kΓΌrzlich in ihrer Series-A Runde 11.5 Millionen Franken aufgenommen.
Die breite Unsicherheit ist deutlich spΓΌrbar im Markt. Konditioniert durch das Verhalten der letzten Jahre, haben viele stark wachsende Firmen einen Kapitalpuffer, der noch hΓΆchstens fΓΌr sechs bis zwΓΆlf Monate ausreicht. Vor der Zinswende im Juli 2022 war nΓ€mlich eine Kapitalrunde in jedem Jahr zu einer hΓΆheren Bewertung das Vorzeigebild einer Β«Equity-StoryΒ», dem Idealbild fΓΌr viele Unternehmer.
Nun, da die OpportunitΓ€tskosten fΓΌr Geld substantiell gestiegen sind und es sich so anfΓΌhlt, als wΓ€ren VCs entweder noch immer im verlΓ€ngerten SpΓ€tsommerurlaub oder im Winterschlaf, haben viele Firmen ein Problem, das fΓΌr nur wenige lΓΆsbar sein wird. Die Auswirkungen in Form von NotverkΓ€ufen oder Insolvenzen werden wir wahrscheinlich erst Anfang 2024 spΓΌren, denn die harten Einschnitte vieler Firmen, um ihre Kostenbasis zu senken, verzΓΆgern das schwerlich Vermeidbare.

Trotz dieser aktuell Γ€usserst herausfordernden Situation sieht man vereinzelt Lichter am Horizont in Form von mutigen Investoren, die gerade jetzt in die VolatilitΓ€t hinein investieren. Diese Transaktionen sind erste Indikatoren dafΓΌr, dass kompetente VCs den initialen Schock ΓΌberwunden haben und wir in den nΓ€chsten Monaten ein Β«Risk-onΒ» Sentiment, also den Bedarf nach mehr Risiko im Portfolio und somit auch mehr Renditechancen, auch im breiteren Markt beobachten kΓΆnnten.

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Michael Sidler, Partner beim Schweizer VC Redalpine, grenzt ein: Β«Die Anzahl an aufgelegten VC-Fonds hat in den letzten 12 Monaten verglichen mit der Vorperiode signifikant abgenommen. Gleichzeitig sind die verfΓΌgbaren Mittel fΓΌr Startups in der Seed Stage weiterhin hoch, zumindest fΓΌr die vielversprechendsten Unternehmen und TechnologienΒ». Er schlussfolgert: Β«Wir erachten das aktuelle Marktumfeld als attraktiv!Β»

Die Schweizer Fintech Platform GenTwo nahm jΓΌngst eine 15 Millionen Dollar Series A Runde auf, angefΓΌhrt von dem amerikanischen Investor Point72 Ventures, das VC Vehikel des berΓΌhmten Hedge-Fonds Financiers Steven Cohen. Das Schweizer Startup Terralyr sammelte kΓΌrzlich 20 Millionen Euro ein, angefΓΌhrt von der schwedischen VC Firma Creandum.
Und das Arbeitsplatzmanagement-Startup Deskbird nahm jΓΌngst 13 Millionen Dollar in ihrer Series A auf. Insgesamt zeigen diese vergleichsweise grossen Series A-Runden, dass die DisparitΓ€t zwischen den Firmen mit den allerbesten Resultaten und dem grΓΆssten Potential einerseits und dem Median aller Startups andererseits in den letzten beiden Quartalen dramatisch angestiegen ist. Auf Deutsch: The winner take it all.

Quo Vadis VC?

Es gibt viele Signale, die eine positive Entwicklung des weltweiten wie auch des Schweizer Venture Capital Marktes andeuten, und ich bin davon ΓΌberzeugt, dass die nΓ€chsten drei Jahre die besten Vintages werden, also die optimalen Zeitpunkte fΓΌr VC-Gesellschaften, ihre Fonds zu lancieren.

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Eines ist sicher: Der Appell fΓΌhrender Schweizer Entrepreneure an VCs, aufgrund der grossen Chancen gerade jetzt nicht unterzutauchen wird zunehmend lauter. Auf Investorenseite ist es seit langem kein Geheimnis mehr, dass ΓΌber die meisten Anlageklassen hinweg in Zeiten von VolatilitΓ€t mutige Investoren mit aussergewΓΆhnlichen Renditen belohnt werden kΓΆnnen.
Warren Buffet investierte auf dem Hâhepunkt der Finanzkrise in 2008 etwa 5 Milliarden Dollar in Goldman Sachs mittels Kreditinstrumenten und Aktien und verdiente damit etwa 3 Milliarden. Übertragen auf den Venture Capital Markt machen es auslÀndische VCs bereits vor: Venture Capital Pionier Sequoia hat im August einen neuen Fonds aufgesetzt, der aus den tiefen Bewertungen Kapital schlagen soll. Hierzulande sehen wir AktivitÀten bei renommierten Venture Capital Firmen mit Schweizer Wurzeln wie Lakestar und b2venture.
Dies ist auch verstΓ€ndlich, denn die langjΓ€hrige Innovationsweltmeisterin Schweiz produziert in wegweisenden Bereichen wie AI, Cybersecurity, Software Infrastructure, Fintech und Healthcare laufend bahnbrechende Ideen, die nur darauf warten, professionell skaliert zu werden. Der Geist der Entrepreneure ist ungebrochen: So war die Anzahl der angemeldeten Patente 2022 sogar auf dem absoluten HΓΆchststand.

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Innovation ist denn auch die treibende Kraft, die den Schweizer Venture Capital Markt die nΓ€chsten Jahre prΓ€gen wird. Die Ideen und das Fachwissen der Entrepreneure, die Produkte, das Team und deren Potential werden wieder stΓ€rker in den Vordergrund rΓΌcken. Schon lΓ€ngst sind Schweizer Firmen bei internationalen Top-VCs auf dem Radar. Β«Es ist sehr erfreulich, dass eine Venture-Capital-Gesellschaft wie Point72 Ventures ΓΌber den Ozean kommt und uns fΓΌr ihre erste Investition in der Schweiz ausgewΓ€hlt hatΒ», sagt Philippe Naegeli, CEO und MitgrΓΌnder der B2B-Fintech-Plattform GenTwo.
Wie steht es um die in den letzten Jahren in der Schweiz stark gewachsene Zunft der VCs?
In der Schweiz zeigt sich ein durchzogenes Bild. Diejenigen VCs, die schon lΓ€nger mit dabei sind und in vergangehen Krisen (wie z.B. der weltweiten Finanzkrise im 2007-2008) wertvolle Erfahrungen sammeln konnten, werden die vorhandenen MΓΆglichkeiten nutzen, die der Markt aktuell bietet. Andere Risikokapitalfirmen werden hingegen MΓΌhe bekunden, erstens Kapital zu finden und zweitens das Kapital gewinnbringend zu investieren.
Insbesondere in Zeiten, in denen ein einjΓ€hriges, theoretisch risikofreies Investment in US-amerikanische Staatsanleihen mit ΓΌber fΓΌnf Prozent rentiert, braucht es sehr gute GrΓΌnde, um sein Geld fΓΌr zehn Jahre in einen Venture Capital Fonds zu investieren (TMUBMUSD01Y | U.S. 1 Year Treasury Bill Price & News – WSJ). Auch hier ist der SchlΓΌssel die Kompetenz.

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Diejenigen Fonds, die es verstehen, in einer disziplinierten und professionellen Art und Weise eine Handvoll der besten GrΓΌnderteams mit den besten Ideen zu entdecken und ihnen bei der Skalierung zu helfen, werden gerade in den nΓ€chsten zehn Jahren erfolgreicher sein denn je.
Michael Sidler meint: Β«Die EuropΓ€ischen VC-Renditen sind mittlerweile mindestens auf gleichem Niveau wie die der US-amerikanischen Fonds. Aufgrund dieser Ausgangslage bieten Europa und die Schweiz deshalb aktuell sehr attraktive Einstiegschancen.Β»
Ideen gibt es jedenfalls genug, und solange es mutige Entrepreneure gibt, die grosse Risiken eingehen, um ihre Ideen in die Tat umzusetzen, wird es geschΓ€ftstΓΌchtige Venture Capital Investoren geben, die ihre finanziellen Mittel und Expertise zur VerfΓΌgung stellen, um die Ideen zur internationalen Relevanz zu skalieren. Der Erfolg wird ihnen Recht geben. Denn wenn starker Gegenwind weht, bauen manche Mauern und andere eben WindmΓΌhlen.

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