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MeisterMacher

Der Schweizer Innovationsschmiede fehlt der Biss

Ohne die Verbesserung des systematischen Technologietransfers wird die Schweiz weiterhin bloss Weltmeisterin in der Ideengebung bleiben.

Max Meister

Daniel Ka
Die Kolumne ยซMeisterMacherยป von Max Meister, Founding Partner des Schweizer VC Bigmont, beleuchtet internationale Entwicklungen in der VC/Startup-Szene und deren Auswirkungen auf die Schweiz. Daniel Karrer

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Bereits ein Jahr nach der Seed-Runde kommt fรผr das ETH-Spin-off LatticeFlow der Ruf aus dem Silicon Valley: Atlantic Bridge und FPV Ventures, zwei amerikanische Schwergewichte in Sachen Wachstumskapital, wollen einen Deal mit dem KI-Start-up.
Ebenso ist der Londoner Investor OpenOcean interessiert. Man findet sich, sodass Atlantic Bridge und OpenOcean die zwรถlf Millionen Dollar schwere Series-A-Runde leiten werden mit einem Follow-on vom Schweizer Seed-Investor Btov. Rund ein Jahr spรคter wird die Zweitniederlassung in den USA gegrรผndet, um die internationale Expansion zu befeuern.
Es ist das oft typische Vorgehen fรผr die besten Schweizer Start-ups: Seed-Runde hierzulande, internationale Series A, dann auf und davon. Das ist nicht nur ein kurzer Trend. Und dies, obwohl doch die Innovationsweltmeisterin Schweiz das Land der Erfinder ist.
Max Meister ist Founding Partner von Bigmont Ventures mit Sitz Baar, ZG.
Sie ist die Schmiede fรผr bahnbrechende Technologien, und ihre Universitรคten, insbesondere die ETH, fรผhren die europรคischen Spin-off-Listen an. Problematisch ist jedoch, dass die Transformation der Innovationen in ein langfristiges Unternehmertum nicht gut funktioniert. Selbst bei der ETH liegt die Quote derjenigen Projekte, die es schliesslich zum Spin-off schaffen, bei unter fรผnf Prozent.

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ยซWir รผbersehen oft, dass europรคische Forscher Weltspitze sind. Sie sind jedoch schlecht darin, ihre Forschung zu kommerzialisierenยป, meint auch Jeannette zu Fรผrstenberg, Grรผnderin des Berliner VC La Famiglia, der jรผngst mit dem amerikanischen VC-Schwergewicht General Catalyst fusionierte. Was fehlt also, um den Technologietransfer in funktionierende Geschรคftsmodelle zu ermรถglichen und frische Top-Start-ups zu grรผnden?

Verbesserter Zugang zu Wachstumskapital

Was den Wachstumskapitalmarkt anbelangt, ist noch immer รผber die Hรคlfte der VC-Investments in der Schweiz internationales Kapital. Die Schweizer Investoren nach der Series-A-Runde sind hier an einer Hand abzuzรคhlen, sodass sich ein Death Valley um Series B herum gebildet hat.
Schweizer Grรผnder lernen also schnell, dass es รผberlebensnotwendig ist, bei Kapitalrunden internationale Investoren in das Aktionariat aufzunehmen. Die erfolgreichsten Schweizer Start-ups aus dem Jahr 2023 wie Climeworks (Finanzierungsrunde รผber 600 Millionen Franken), Scandit (138 Millionen), MindMaze (96 Millionen) oder Anybotics (50 Millionen) haben allesamt die Gemeinsamkeit eines internationalen Aktionariats, und zwar schon seit frรผhesten Phasen.
Um das Problem des Death Valley zu beheben, sind zwei Bestandteile unentbehrlich: institutionelle und private Kapitalgeber, die Vermรถgenswerte in Venture Capital anlegen, sowie fรคhige Manager, die dieses richtig investieren und Wert schaffen. Dies hat der Staat erkannt. Der Bundesrat ermรถglichte es Pensionskassen bereits 2022, bis zu fรผnf Prozent ihres Kapitals in VC-Fonds zu investieren.

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Zwar sind uns die USA diesbezรผglich 50 Jahre voraus, denn dortige Pensionskassen dรผrfen bereits seit 1974 bis zu zehn Prozent in Venture Capital investieren, doch die Initiative ist ein Lichtblick fรผr den Berufsstand des Schweizer VC-Investors โ€“ besser spรคt als nie.
ยซEs gibt zwei Punkte, an denen wir in der Schweiz in Bezug auf Wachstumskapital arbeiten mรผssen, um in den Driverโ€™s Seat zu gelangenยป, meint Philipp Stauffer, Schweizer Grรผnder und Managing Partner des renommierten VC Fyrfly Venture Partners in San Francisco: ยซDer eine ist das Angebot. Es gibt schlichtweg nicht genรผgend Wachstumsfonds, die dann auch in der Lage sind, die Distributions- und Kapitalmรคrkte fรผr Scale-ups in der Zukunft auf die richtige Weise zu รถffnenยป, fรผhrt Stauffer aus.
ยซDer zweite Punkt ist der Mut. Oft positionieren sich Schweizer Wachstumsfonds nicht fรผr den sogenannten Lead der Kapitalrunde, sondern fรผr eine passive Beteiligung als Teil eines Konsortiums. Das treibt den Unternehmer in die Arme internationaler, oft US-amerikanischer Wachstumsinvestoren, die dann die Verhandlungen leiten.ยป
Auch seien die Wachstumsfinanzierungen fรผr die besten Start-ups nach der Series B ein grosses Problem, so Jeanette zu Fรผrstenberg jรผngst in der ยซNZZยป. Derzeit wรผrden viele Unternehmen fรผr eine Bรถrsenkotierung in die USA gehen, weil sie nur dort die institutionelle Sachkenntnis und das nรถtige Kapital fรคnden.

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Ausweitung des Zugangs zu den besten Talenten

Um zu รผberzeugen, benรถtigen junge Firmen neben einer marktfรคhigen Idee mutige Grรผndungsteams und talentierte Mitarbeiter der ersten und zweiten Stunde. Dabei geben satte 46 Prozent der Start-ups an, Schwierigkeiten bei der Suche nach geeigneten Kandidaten im Schweizer Arbeitsmarkt zu haben.
ยซLeider wandern fรผhrende Talente im KI-Engineering oft ins Ausland ab, sodass die Mitarbeitersuche ein echter Flaschenhals fรผr innovative Start-ups wie unseres istยป, meint Amin Amini, CEO und Co-Founder von Loxo, dessen autonome Fahrzeuge fรผr Partner wie Migros oder Schindler auf Schweizer Strassen rollen.
Der internationale Vergleich zeigt: Der wesentliche Katalysator fรผr die Entstehung von Talenthochburgen ist das universitรคre ร–kosystem mit herausragender Forschung und dem Einbezug der Praxis. Mit ihren fรผhrenden Universitรคten hat die Schweiz bereits hoch spezialisierte ร–kosysteme um Healthtech, Pharma, Engineering & Robotics, Crypto und KI gebildet, die international auf hohem Niveau agieren.
Der Erfolg der nรคchsten zehn Jahre wird von einer systemischen Ausweitung der ร–kosysteme um das universitรคre Umfeld herum abhรคngen.

Verbesserung der steuerlichen Situation fรผr Grรผnder und Mitarbeiter

Engmaschig verwoben mit der Notwendigkeit fรผr junge Firmen, Zugriff auf die besten Talente weltweit zu haben, ist die Kompensation. Mitarbeiter der ersten Stunde verzichten oft auf einen Grossteil des potenziell mรถglichen Fixgehaltes fรผr eine Chance auf den grossen Wurf durch Mitarbeiteroptionen oder -aktien.

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Leider sind die steuerlichen Rahmenbedingungen hierzulande im internationalen Vergleich noch immer nicht grรผnder- und mitarbeiterfreundlich. Michael Baier, Anwalt bei Wenger Vieli, sagt hierzu: ยซDie Entlastung der steuerlichen Konsequenzen bei Mitarbeiteraktien ist wichtig.ยป Nur so liessen sich bei fortgeschrittenen Jungfirmen grรถssere Aktienpakete betriebswirtschaftlich sinnvoll ausgestalten, ยซetwa fรผr die signifikante Beteiligung von Schlรผsselmitarbeiternยป.

Verfรผgbarkeit von staatlichen und privaten Accelerator-Programmen

Die Teilnahme am prestigetrรคchtigen ยซY Combinatorยป im Silicon Valley gilt unter Grรผndern als Ritterschlag. In der Schweiz sind die wichtigen Fรถrderprogramme fragmentiert und meist um die Universitรคten herum gebaut. Das fรผr Start-ups so wichtige Pioneer Fellowship Program der ETH ist ein Teil des Erfolgsgeheimnisses. Ebenso replizieren die lokalen Organisationen Venture Kick und Venturelab die amerikanischen Vorbilder.
Akteure wie das Wyss Zurich Translational Center liefern einen wertvollen Beitrag: ยซDie Unterstรผtzung fรผr die in das Programm aufgenommenen Start-ups ist enormยป, sagt Dr. Greta Preatoni, CEO und Mitbegrรผnderin von Mynerva, deren KI-basierte Technologie zur Neurostimulation fรผr Patienten mit diabetischer Neuropathie dient: ยซDie einzigartige Umgebung ermรถglicht es uns, von anderen Projekten zu lernen und unschรคtzbare Erfahrungen mit Innovatoren auszutauschen.ยป Die Wertschรถpfung in diesen Programmen ist wichtig โ€“ doch eine volle Verlagerung auf private oder philanthropische Akteure ist nicht der Schlรผssel.

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Quo vadis?

Echte Verรคnderungen resultieren nur aus einem stรคrkeren Fokus der Schweizer Institutionen auf die Umsetzung des Technologietransfers. Diejenigen internationalen ร–kosysteme sind fรผhrend, die ein umfangreiches Unterstรผtzungssystem entwickelt haben, um schnellstmรถglich Ideen umzusetzen, zu professionalisieren und auf den Markt zu bringen.
Das internationale Vorbild fรผr den Technologietransfer ist Israel. Dort hat man bereits in den Jahren nach 1960 Einrichtungen wie das Yeda Technology Transfer Institute geschaffen, deren Zweck die รœbersetzung der Innovationen ins Unternehmertum sind. Gekoppelt an tiefgreifende staatliche Unterstรผtzung durch Accelerator-Programme sowie weitreichende staatliche
Finanzierungsoptionen fรผr Start-ups, findet ein erstklassiger Transfer statt. Israel ist weltweit als Schmiede fรผr Einhรถrner etabliert und fรผhrend in der Region EMEA, was das investierte VC-Kapital pro Kopf anbelangt.
Denn hierzulande zeigt sich zwar ein Bild aus starkem technischem Know-how, dem nรถtigen Wissen und der Befรคhigung, jahrelang die Grenzen der Forschung zu verschieben und bahnbrechende Innovationen zu entwickeln. Jedoch auch von mangelndem finanziellem Pulver lokaler Investoren, langwierigen bรผrokratischen Prozessen, steuerlichen Unklarheiten und nur vereinzelten Pionieren im Accelerator-Bereich, sodass der Technologietransfer unter seinem Potenzial bleibt.

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Ohne die Ausweitung der systematischen Unterstรผtzung von Start-ups durch staatliche und private Akteure werden wir weiterhin nur Weltmeisterin in der Ideengebung bleiben.
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