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MeisterMacher

Der Staat als Investor: Wie viel Staat braucht das Risikokapital?

Länder investieren Milliarden in Tech, die Schweiz zögert. Doch ohne staatliches Engagement bleibt sie bei Start-up-Innovation auf der Strecke.

Max Meister

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Die Kolumne «MeisterMacher» von Max Meister, General Partner von Koyo Capital, beleuchtet internationale Entwicklungen in der VC/Start-up-Szene und deren Auswirkungen auf die Schweiz. Daniel Karrer

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Die Schweiz gilt seit Jahren als Innovationsweltmeister. Hochschulen wie die ETH Zürich und die EPFL bringen regelmässig neue Technologien hervor, und internationale Rankings führen das Land zuverlässig auf den vorderen Plätzen. Doch Innovation endet nicht im Labor. Entscheidend ist der Schritt von der Idee zum Produkt, und genau dort wird Kapital zur Schlüsselressource. Gerade wachstumsstarke Start-ups benötigen in ihrer Expansionsphase grosse Mengen Risikokapital. Während andere Länder dieses gezielt mobilisieren, stellt sich in der Schweiz zunehmend die Frage: Kann der Markt es allein richten, oder braucht es den Staat, respektive: In welcher Form ist staatliche Hilfe sinnvoll?

Was eine neue Studie über den Schweizer Risikokapitalmarkt zeigt

Die Frage nach der Rolle des Staates ist nicht neu. Eine kürzlich veröffentlichte Studie von Avenir Suisse nimmt den Schweizer Risikokapitalmarkt deshalb genauer unter die Lupe und versucht, die oft emotional geführte Debatte mit Daten zu unterlegen.
Die Studie kommt zum Schluss, dass der Schweizer Risikokapitalmarkt grundsätzlich funktioniert und kein staatliches Eingreifen als direkter Investor notwendig ist. Statt selbst Venture Capital bereitzustellen, sollte der Staat vor allem die Rahmenbedingungen für Innovation verbessern. Der Staat soll somit primär als Rahmengeber für Innovation wirken, nicht als zentraler Kapitalgeber. Roland Siegwart, ETH-Professor für Autonomous Systems meint hierzu: «Es ist nicht Aufgabe des Staates, Risikokapital bereitzustellen. Wichtiger sind Start-up-freundliche Rahmenbedingungen, etwa einfachere Bewilligungsverfahren und mehr Freiräume, um neue Technologien wie autonome Lieferroboter oder Drohnen zu testen.»

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Die Studie enthält zweifellos wichtige und zutreffende Aspekte. Tatsächlich hat sich der Risikokapitalmarkt in den letzten Jahren dynamisch entwickelt. Auch der Hinweis der Studie, dass staatliche Venture-Capital-Fonds nicht automatisch zu besseren Ergebnissen führen, ist berechtigt. Internationale Forschung zeigt immer wieder, dass staatliche Investoren häufig weniger erfolgreich sind als private Fondsmanager und dass politische Vorgaben Investitionsentscheidungen verzerren können.
Max Meister ist General Partner von Koyo Capital mit Sitz in Baar ZG.
Gleichzeitig greift die Schlussfolgerung der Studie an einigen Stellen zu kurz. Denn sie fokussiert stark auf die Risiken staatlicher Beteiligung, unterschätzt aber die Rolle, die staatliche Akteure in vielen erfolgreichen Innovationsökosystemen tatsächlich spielen. Gerade ein Blick ins Ausland zeigt, dass der Staat selten vollständig abseitssteht. Vielmehr übernimmt er häufig eine katalytische Funktion: Er mobilisiert Kapital, reduziert Risiken für private Investoren oder baut Fondsstrukturen auf, die sonst nicht entstehen würden.

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Zahlreiche Studien zur Innovationsökonomie zeigen, dass solche staatlichen Impulse gerade in frühen Entwicklungsphasen von Märkten entscheidend sein können. Venture-Capital-Märkte entstehen selten vollständig von selbst, sie entwickeln sich oft erst durch eine Kombination aus staatlicher Förderung, privatem Kapital und institutionellen Investoren. Gaetano Zanon, Managing Partner bei Schweizer-Frühphasen-VC VI Partners meint: «Der Staat sollte eine Rolle bei der Entwicklung des Start-up-Ökosystems spielen. Die Schweiz könnte durchaus ein eigenes Pendant zu Institutionen wie dem European Investment Fund oder Bpifrance schaffen, allerdings mit dem Anspruch, aus den Erfahrungen anderer Länder zu lernen und bestehende Modelle zu verbessern.»
Eine Schwäche der Avenir-Suisse-Studie liegt in der Gewichtung der Standortfrage. Die Studie betont, dass nur rund fünf Prozent der Start-ups ihren Hauptsitz ins Ausland verlegen. Diese Zahl relativiert die häufig geäusserte Sorge einer massiven Abwanderung nur auf den ersten Blick. denn entscheidend ist eine andere Entwicklung: Gerade in späteren Finanzierungsrunden stammt ein grosser Teil des Kapitals von internationalen Investoren.
Laut einer Studie werden rund 75 Prozent der Investitionen in der Spätphase von ausländischen Kapitalgebern getragen. Das ist zunächst nicht ungewöhnlich. Venture-Capital-Märkte sind global, und internationale Investoren bringen wertvolle Erfahrung und Netzwerke mit. Dennoch wirft diese Struktur eine grundsätzliche Frage auf: Wem gehört am Ende der wirtschaftliche Erfolg dieser Unternehmen?

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Denn bei einem späteren Börsengang oder Unternehmensverkauf profitieren in erster Linie jene Investoren, die in den grossen Wachstumsrunden beteiligt sind. Wenn diese Investoren überwiegend aus dem Ausland stammen, fliesst ein bedeutender Teil der Wertschöpfung ebenfalls dorthin, selbst dann, wenn das Unternehmen weiterhin seinen Sitz in der Schweiz hat. Gerade für ein Land mit grossem Kapitalstock ist das eine suboptimale Konstellation. Die Schweiz bildet hochqualifizierte Fachkräfte aus, finanziert Forschung an Spitzenuniversitäten und bringt technologisch anspruchsvolle Start-ups hervor. In der Frühphase werden diese Unternehmen häufig von lokalen Investoren unterstützt. Doch wenn sie in die entscheidende Wachstumsphase eintreten, übernehmen zunehmend internationale Kapitalgeber die Finanzierung.
Dabei mangelt es in der Schweiz kaum an Kapital. Pensionskassen, Versicherungen und Vermögensverwalter verfügen über enorme Anlagevolumen. Investor Gaetano Zanon meint: «Heute fliesst ein grosser Teil des Risikokapitals aus dem Schweizer Vorsorgesystem über Fund-of-Fund-Strukturen in die USA, statt Innovation im eigenen Land zu finanzieren. Wenn wir wollen, dass mehr Wachstumsunternehmen in der Schweiz entstehen, müssen Pensionskassen stärker in den lokalen Venture-Capital-Markt eingebunden werden.»

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Ein Teil dieses Kapitals könnte durchaus stärker in innovationsgetriebene Wachstumsunternehmen investiert werden, nicht aus industriepolitischen Gründen, sondern weil solche Investitionen langfristig auch attraktive Renditen versprechen.

Bpifrance und der High-Tech Gründerfonds: zwei erfolgreiche europäische Modelle für staatliches Risikokapital

Gerade in Europa gibt es Beispiele dafür, wie staatliche Impulse erfolgreich zur Entwicklung eines Venture-Capital-Ökosystems beitragen können. Neben dem deutschen High-Tech Gründerfonds gilt insbesondere die französische Investitionsbank Bpifrance als zentraler Motor der Start-up-Finanzierung. Beide Modelle verfolgen unterschiedliche Ansätze, zeigen aber, wie staatliche Akteure gezielt Finanzierungslücken schliessen und privates Kapital mobilisieren können.
Frankreich setzt mit Bpifrance auf einen breiten Ansatz entlang des gesamten Innovationszyklus. Die staatliche Investitionsbank finanziert Forschung und Entwicklung, investiert direkt in Start-ups, beteiligt sich an Venture-Capital-Fonds und stellt Kapital für spätere Wachstumsphasen bereit. Mit einem Innovationsportfolio von mehreren Dutzend Milliarden Euro gehört Bpifrance heute zu den grössten institutionellen Start-up-Investoren Europas und spielt eine zentrale Rolle im Aufbau des französischen Start-up-Ökosystems.

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Der deutsche High-Tech Gründerfonds (HTGF) verfolgt hingegen eine gezieltere Strategie. Als Public-Private-Partnership zwischen Staat, Förderbank und Industrieunternehmen investiert er in technologieorientierte Start-ups in der Seed-Phase, genau dort, wo private Investoren oft zurückhaltend sind. Seit seiner Gründung hat der Fonds in über 700 Unternehmen investiert und damit umfangreiche Folgefinanzierungen durch private Venture-Capital-Investoren ausgelöst.
«Entscheidend ist der Hebel», sagt Romy Schnelle, Geschäftsführerin des HGTF. «Jeder Euro, den wir investieren, mobilisiert ein Vielfaches an privatem Kapital. Wir schaffen eine Plattform, um Tech-Unternehmen auch in der Wachstumsphase mit öffentlichem und privatem Kapital zu skalieren.»
Trotz ihrer unterschiedlichen Ausrichtung beruhen beide Modelle auf einem gemeinsamen Prinzip: Der Staat ersetzt den Markt nicht, sondern wirkt als Katalysator. Indem er als Ankerinvestor auftritt, Risiken mitträgt und neue Fondsstrukturen ermöglicht, kann er privates Kapital mobilisieren und Innovationsmärkte anschieben.

Eine mögliche Lösung für die Schweiz

Eine mögliche Antwort auf diese Herausforderung wäre ein Schweizer Wachstumsfonds, der gezielt die Finanzierungslücke in späteren Entwicklungsphasen von Technologieunternehmen schliesst. Als Vorbild könnte der deutsche High-Tech Gründerfonds dienen, allerdings mit einem klaren Fokus auf Wachstumsfinanzierungen statt auf die Seed-Phase.

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Sabrina Badir, Gründerin und CEO des Schweizer Medtech Start-ups Pregnolia meint: «Bei Technologien mit langen Entwicklungszyklen dauert der Weg von der wissenschaftlichen Entdeckung bis zum marktfähigen Produkt oft viele Jahre, insbesondere im Gesundheitsbereich. Ein staatlicher Risikokapitalgeber könnte hier helfen, auch Innovationen mit längeren Zeithorizonten und hohem gesellschaftlichem Nutzen zu fördern.»
Roger Wüthrich-Hasenböhler, der Swisscom Ventures mit aufgebaut hat und heute als Unternehmer und Profi-Verwaltungsrat bei Scale-ups fungiert, meint: «Gerade im Bereich Defense bin ich dezidiert der Meinung, dass der Staat über die entsprechenden Organisationen eigene Fonds aufsetzen sollte, wie zum Beispiel durch Armasuisse oder die Ruag, um schneller und zielführender Innovationen, auch im Sinne der Souveränität, voranzutreiben.»
Die Idee eines solchen Wachstums-Fonds ist nicht neu. Bereits in den vergangenen Jahren wurden in der Schweiz verschiedene Vorschläge für einen staatlich unterstützten Innovations- oder Wachstumsfonds diskutiert. Politisch scheiterten sie bislang vor allem an finanzpolitischen Vorbehalten. «Ein staatlicher Innovationsfonds geniesst aktuell politisch keine Priorität, da er im Rahmen der aktuellen Budgetkürzungen kaum Chancen hätte», sagt Thomas Dübendorfer, Präsident des Angel-Investment-Netzwerks SICTIC und Board Advisor bei Deep Tech Nation Switzerland: «Was hingegen an Schwung gewinnt, ist ein risikoreduziertes da breit diversifiziertes ‹Semi-liquid fund of fund venture capital›-Vehikel für Pensionskassen, wie es Deep Tech Nation Switzerland vorantreibt und wie es noch in diesem Jahr lanciert werden soll.»

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Ein Schweizer Wachstumsfonds könnte als Public-Private-Partnership ausgestaltet werden: Rund die Hälfte des Kapitals würde vom Staat bereitgestellt, die andere Hälfte von institutionellen Investoren wie Pensionskassen, Versicherungen oder Family Offices. Damit würden staatliche Mittel mit privatem Kapital kombiniert, während Investitionsentscheidungen weiterhin marktorientiert getroffen würden.
Entscheidend wäre dabei die Struktur. Der Fonds würde nicht direkt in einzelne Start-ups investieren, sondern als indirektes Instrument funktionieren. Das Kapital würde ausgewählten Venture-Capital-Fonds zur Verfügung gestellt, die bereits Erfahrung im Aufbau wachstumsstarker Technologieunternehmen haben. Der Staat würde damit nicht zum Venture Capitalist, sondern zum Ankerinvestor, der zusätzliche private Mittel mobilisiert.
Ein solcher Wachstumsfonds könnte dazu beitragen, grössere Finanzierungsrunden verstärkt aus der Schweiz heraus zu ermöglichen. Damit würde nicht nur mehr Kapital für Scale-ups bereitstehen, auch ein grösserer Teil der wirtschaftlichen Wertschöpfung erfolgreicher Technologieunternehmen könnte langfristig im Land verankert bleiben. Der entscheidende Punkt ist dabei nicht die Höhe staatlicher Mittel, sondern ihre Hebelwirkung. Richtig ausgestaltet, kann staatliches Kapital privates Engagement verstärken, neue Fondsstrukturen ermöglichen und dazu beitragen, dass erfolgreiche Technologieunternehmen ihre Wachstumsphase stärker aus der Schweiz heraus finanzieren können.

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