Seit drei Monaten ist die Strasse von Hormus für den Grossteil des Handels gesperrt. Für die Weltwirtschaft ist das ein Worst-Case-Szenario. Ein erheblicher Teil des weltweiten Angebots von Erdgas, Rohöl, Düngemitteln, Helium und Schwefel fehlt dadurch. Müssten Versorgungsengpässe bei solch grundlegenden Gütern nicht weltweit Chaos auslösen?
Ein Zentralplaner wäre mit einer solchen Situation komplett überfordert. Millionen von Entscheidungen müssten gleichzeitig getroffen werden, um angemessen zu reagieren. Dafür wäre ein unvorstellbares Ausmass an Wissen nötig. Das Geniale an der Marktwirtschaft ist jedoch, dass niemand alles wissen muss. Weltweit übernehmen Wirtschaftsakteure Verantwortung, antizipieren Entwicklungen, passen ihr Verhalten an und suchen nach Alternativen.
Adriel Jost ist Ex-SNB-Mitarbeiter, Fellow am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) in Luzern und Präsident des Thinktanks Liberethica.
In China werden Kohlekraftwerke später gewartet, damit sie einen Teil der fehlenden Energie kompensieren können. US-amerikanische Firmen erhöhen ihre Ölexporte. Strategische Energiereserven werden angezapft, Flüge vorsorglich gestrichen. Unternehmen und Haushalte suchen nach Alternativen und reduzieren ihren Verbrauch. Orientierung geben dabei Preise und Preiserwartungen.
Selbst eine lang anhaltende Sperrung der Strasse würde nicht zu Chaos führen. Es wird kaum so sein, dass eines Morgens ein Flughafen feststellt, dass kein Treibstoff mehr vorhanden ist und Passagiere stranden. Verantwortliche würden frühzeitig Massnahmen ergreifen, Ersatz organisieren, Pläne anpassen und Preise erhöhen. Genau dafür sind Märkte da: Sie koordinieren Knappheit.
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Hat eine Sperrung der Strasse von Hormus Auswirkungen? Ja, selbstverständlich – und je länger sie dauert, desto grösser werden diese. Die notwendigen Ausweichmassnahmen können dazu führen, dass die Wirtschaftsleistung sinkt oder sogar eine Rezession entsteht. Schon heute leiden gewisse Bevölkerungsgruppen stark darunter. Doch führt das zu Chaos? Nein. Die Marktwirtschaft ist eine erstaunlich robuste Maschine.
Das zeigte sich auch während der globalen Finanzkrise. Trotz der dramatischen Schlagzeilen funktionierten rund 99 Prozent der Weltwirtschaft weiterhin. Die globale Wirtschaftsleistung lag 2009 lediglich etwa 1 Prozent tiefer als im Vorjahr. Wenn Unternehmen scheitern oder einzelne Länder in Schwierigkeiten geraten, springen oft andere ein. Das System ist flexibel und anpassungsfähig.
Diese Zusammenhänge gelten auch für die aktuelle Zuwanderungsdebatte in der Schweiz. Es gibt gute Gründe, die Nachhaltigkeitsinitiative abzulehnen, welche die Schweizer Bevölkerung auf zehn Millionen Menschen begrenzen will. Dass ihre Annahme jedoch ein «Chaos» auslösen würde, wie die Gegenkampagne suggeriert, ist auszuschliessen.
Löhne würden sich aufgrund des geringeren Angebots an Arbeitskräften anpassen, die Preise bestimmter Dienstleistungen könnten steigen, Konsumgewohnheiten würden sich verändern. Gewisse Arbeiten – zum Beispiel Gartenarbeit oder Kinderbetreuung – müssten wieder häufiger selbst übernommen werden. Ja, die Initiative könnte durchaus vieles verändern, und man kann diese Veränderungen gut oder schlecht finden. Aber ein Chaos würde deshalb nicht ausbrechen.
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Von aussen wirkt die Marktwirtschaft oft chaotisch. Tatsächlich funktioniert sie aber gerade unter widrigen Umständen erstaunlich gut. Wirklich gravierende Folgen entstehen nur, wenn der Staat Eigentumsrechte, Sicherheit und Geldstabilität nicht garantieren kann, oder umgekehrt, wenn der Staat wie in sozialistischen Systemen massiv in die Wirtschaft eingreift. Das sind die Entwicklungen, die es zu verhindern gilt.
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