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Individualbesteuerung

Das grosse Job-Versprechen – eine Illusion?

Die getrennte Besteuerung in der Ehe soll Anreize schaffen, dass mehr Frauen selber Geld verdienen. Die offene Frage: Wie viele werden es sein?

Valda

Gelangen dank der Individualbesteuerung mehr verheiratete Frauen in die Erwerbsarbeit? Die grosse Frage.
Gelangen dank der Individualbesteuerung mehr verheiratete Frauen in die Erwerbsarbeit? Die grosse Frage.©RMS VISUALS / JULIE BODY

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Was müssen wir eigentlich tun? Diese Frage stellte sich Mitte-Nationalrat Leo Müller, als die Individualbesteuerung ins Parlament kam. Die Schweiz stimmt am 8. März darüber ab. Bei einer Annahme würden Verheiratete steuerlich einzeln veranlagt werden. Die Reform verspricht Doppelverdienerpaaren mit ähnlich hohen Gehältern Steuerreduktionen in stattlichem Umfang.
Die Befürworterinnen preisen die Vorlage als geeignet, um die Geschlechtergleichstellung zu fördern. Verheiratete Frauen ohne Erwerbsarbeit oder Angestellte mit tiefen Teilzeitpensen sollen steuerlich dazu motiviert werden, mehr eigenes Geld zu verdienen.

Das ist die persönliche Perspektive. Die volkswirtschaftliche ist, dass mehr Inländerinnen arbeiten gehen würden. Das Zusatzangebot könnte den Personalmangel in gewissen Branchen lindern – so das Versprechen.
Müller versteht, warum die Vorlage die steuerliche Heiratsstrafe abschaffen will – ein Kernanliegen seiner Partei. Doch hat er auch jüngere Studien gelesen, die zeigen, dass Teilzeitarbeit «enorm beliebt» ist, wie er es in einem Vorstoss im Parlament formulierte. «Dies mag nicht zuletzt Ausdruck eines gestiegenen Wohlstands sein und könnte dazu führen, dass politische Massnahmen ins Leere laufen», so der Wirtschaftspolitiker.

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Nationalrat Leo Müller, Wirtschaftspolitiker der Mitte-Partei.
Nationalrat Leo Müller, Wirtschaftspolitiker der Mitte-Partei.Keystone
Nationalrat Leo Müller, Wirtschaftspolitiker der Mitte-Partei.
Nationalrat Leo Müller, Wirtschaftspolitiker der Mitte-Partei.Keystone
Deshalb verlangte er 2023 eine fundierte Analyse darüber, welche Steuerpolitik zielführend sei. Das Parlament folgte ihm und überwies seinen Vorstoss. Doch leider liegt die Analyse nicht vor. Der Bundesrat wird sie im Sommer präsentieren. Und so fragt sich Müller, ob das Versprechen der Reform – eine stärkere Arbeitsintegration von Frauen – eine Illusion sein könnte.

Vielleicht nur 10'000 Vollzeitstellen

Die Befürworterseite schürt die Erwartungen. Die Steuerreform ist laut Kathrin Bertschy, Nationalrätin der Grünliberalen, «volkswirtschaftlich extrem sinnvoll». Man erwarte Beschäftigungseffekte «von bis zu 45'000 zusätzlichen Vollzeitbeschäftigten».
«Die Steuerreform ist volkswirtschaftlich extrem sinnvoll», sagt Kathrin Bertschy, Nationalrätin
«Die Steuerreform ist volkswirtschaftlich extrem sinnvoll», sagt Kathrin Bertschy, Nationalrätin.Urs Jaudas
«Die Steuerreform ist volkswirtschaftlich extrem sinnvoll», sagt Kathrin Bertschy, Nationalrätin
«Die Steuerreform ist volkswirtschaftlich extrem sinnvoll», sagt Kathrin Bertschy, Nationalrätin.Urs Jaudas
Der Präsident der Grünliberalen, Jürg Grossen, sprach von «bis zu 50'000 Vollzeitbeschäftigten». Und FDP-Politiker Beat Walti blies die Prognose auf «bis zu 60'000 Vollzeitstellen» auf. Was sie nicht sagten: Die Prognosen stehen auf wackeliger Grundlage; vielleicht generiert die Steuerreform nur einen Anstieg um 10'000 Vollzeitstellen – oder noch weniger.
Bertschys Quelle ist eine Analyse der federführenden Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV). Die von ihr genannte Zahl ist die Maximalvariante des geschätzten Beschäftigungseffekts an zusätzlichen Vollzeitstellen. Im mittleren Szenario sind es 27'000 und im minimalen Szenario nur 10'000 zusätzlich besetzte Vollzeitstellen. Das mittlere Szenario entspricht 0,6 Prozent der Vollzeitstellen in der Schweiz, das schlechte Szenario umfasst nur 0,22 Prozent. Das wären Einmaleffekte. Im Vergleich zur aktuellen Nettozuwanderung von jährlich rund 70'000 Personen wäre das Zusatzangebot ein Klacks.

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Darüber hinaus ist diese Schätzung problembehaftet. Erstens stützt sich das Amt bei der Berechnung der Erwerbsanreize fast nur auf ausländische Studien. Eine einzige Schweizer Studie befindet sich darunter, und diese behandelt steuerliche Verhaltensänderungen von Sozialhilfeabhängigen. Sie sind für diese Steuerreform beim Bund kaum relevant: Ein Viertel der Steuerpflichtigen zahlt keine direkte Bundessteuer.

Vermögende Paare nehmen lieber mehr Freizeit

Zweitens modellierte die ESTV steuerliche Verhaltensänderungen auch in Kantonen, ohne die effektiven Daten zu kennen. Sie sind gar nicht vorhanden. Die Umsetzung der Individualbesteuerung wird erst nach Inkrafttreten der Bundesreform erfolgen. Dort aber spielt die Musik, denn das Steuervolumen der Kantone ist viermal grösser als beim Bund, und die Steuerpflicht beginnt bei tiefen Einkommen. In armen Haushalten spielen steuerliche Anreize stärker als bei Gutverdienern – sie gehen eher arbeiten. Vermögende hingegen nehmen lieber Freizeit als Geld. Die Verhaltenseffekte sind nicht linear, das Schätzrisiko ist gross.
Dennoch glaubt die ESTV, richtig geschätzt zu haben. Die unterschiedliche Ausgestaltung der Reformparameter in den Kantonen hätte «wenig Einfluss auf den geschätzten Beschäftigungseffekt», sagt ein Sprecher. Die kantonalen Effekte würden sich dreimal stärker auswirken als beim Bund, egal wie die kantonalen Reformen ausfallen.

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Andere Ökonomen sind zurückhaltender. Das Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) von Christoph Schaltegger zum Beispiel hat die Folgen der Steuerreform nur beim Bund geschätzt. Der frühere Chef der Eidgenössischen Finanzverwaltung, Serge Gaillard, stellt allerdings die Schätzungen insgesamt infrage: «Andere Faktoren spielen eine viel wichtigere Rolle als steuerliche Erwerbsanreize. Beispielsweise die Möglichkeiten zur Kinderbetreuung, die Ausbildung der Partner, die Möglichkeiten, den Beruf mit der Kinderbetreuung in Einklang zu bringen, oder die Arbeitszeiten.» Studien zur beruflichen Integration stützen seine These.
Unter welchen Umständen würden Sie eine Erwerbsarbeit annehmen? Diese Frage stellte das Forschungsbüro Ecoplan tausend Frauen mit Kindern unter zwölf Jahren 2022 im Auftrag des Bundes. Die drei häufigsten Antworten waren: «familienfreundliche Arbeitsbedingungen» (47 Prozent der Befragten), «finanzielle Notwendigkeit» (45 Prozent) und «eine Stelle mit passenden Anforderungen» (40 Prozent). Erst an vierter Stelle folgte die Antwort «kein steuerlicher Nachteil» (28 Prozent).
Ähnlich war das Bild bei den erwerbstätigen Müttern – ihr Anteil unter den befragten Frauen betrug 77 Prozent. Auch bei ihnen stand der steuerliche Erwerbsanreiz erst an vierter Stelle. Zweck der Studie war, Grundlagen zu schaffen, damit Politik und Wirtschaft effiziente Massnahmen zum Wiedereinstieg von Müttern ins Erwerbsleben ergreifen können.
Die Ecoplan-Studie ist eine von mehreren Studien, die in den letzten Jahren zum Thema erschienen sind. Zu erwähnen sind auch die 2021 publizierte Studie von Sotomo «zum unausgeschöpften Potenzial hoch qualifizierter Frauen» und die Bundesstudie «Gesamtschau zur Förderung des inländischen Arbeitskräftepotenzials» von 2024. Fasst man die Erkenntnisse zusammen, ergibt sich folgendes Bild:

1. Die Einstellung

Frauen, die der Meinung sind, dass Kinder unter ausserfamiliärer Kinderbetreuung leiden, sind seltener erwerbstätig oder arbeiten in einem tiefen Pensum. Das Gleiche gilt für Mütter mit der Einstellung, dass das Kind sie als Hauptbezugsperson brauche. So steht es in der Ecoplan-Studie. Das Beratungsbüro hat neben Müttern auch Arbeitgeberverbände befragt. Aus deren Sicht ist die «Einstellung von Frauen gegenüber Erwerbsarbeit ein entscheidender Faktor», um sich beruflich stärker zu engagieren. Nur wenn diese sich verbessert oder die finanzielle Not gross ist, ergreifen Mütter einen Bezahljob oder erhöhen ihr Pensum. Westschweizerinnen haben weniger Bedenken, ihr Kind fremdbetreuen zu lassen, als Deutschschweizerinnen und Tessinerinnen. 42 Prozent der Befragten kündigten ihre Stelle für die Kinder.

2. Vereinbarkeit mit Job

Die Familienfreundlichkeit des Berufs steht weit oben als Kriterium zum frühen Wiedereinstieg oder zur Pensumserhöhung nach der Mutterschaft. «Frauen, die ihren Beruf als familienfreundlich einschätzen, sind eher erwerbstätig», so die Ecoplan-Studie. Frauen mit flexiblen Arbeitszeiten arbeiten häufiger mehr als solche, die sich die Zeiten nicht selber einteilen können. Als attraktiv gelten Jobs, die sich mit den Öffnungszeiten der Kindertagesstätten (Kita) vereinbaren lassen. Umgekehrt gilt das Arbeiten am Abend, in der Nacht und am Wochenende als unattraktiv. Dass im Detailhandel, im Gastgewerbe und im Gesundheits- und Sozialwesen viele Mütter arbeiten, hat mit dem hohen Angebot an Teilzeitstellen zu tun.

3. Richtiger Arbeitgeber

Seit dem Pandemieende verlangen immer mehr Arbeitgeber die Präsenz im Büro, nicht selten vier Tage in der Woche. Dieser Trend hindert Mütter mit jungen Kindern, sich beruflich stärker zu engagieren. Für Hochqualifizierte gilt Homeoffice als der wichtigste Faktor für die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie. 83 Prozent beurteilen das Arbeiten von zu Hause als positiv. Für viele hoch qualifizierte Frauen ist darüber hinaus wichtig, dass sie vom Arbeitgeber Verantwortung übertragen erhalten. 23 Prozent der Befragten der Sotomo-Studie gaben an, wegen fehlender Verantwortung wenig zu arbeiten.

4. Der richtige Beruf

Selbst wenn Mütter bereit sind, mehr zum Erwerb beizutragen, heisst das nicht, dass sie einen Job finden. Je mehr sie ein gesuchtes Berufsprofil haben, desto eher schaffen sie es. Sehr gesucht sind Spezialistinnen im Gesundheitswesen und in Mint-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Kaum gesucht sind Büro- und Sekretariatskräfte. Dies zeigt das «Indikatorensystem Arbeitskräftesituation» des Bundes. Um mehr Chancen zu haben, müssen sie sich in begehrten Berufsprofilen weiterbilden.

5. Der richtige Partner

Während Mütter hauptsächlich aus «familiären Gründen» weniger arbeiten, also wegen Kinder- oder Verwandtenbetreuung, reduzieren Väter ihr Pensum kaum. Die Beschäftigungsrate von Männern ist seit dreissig Jahren fast unverändert hoch. Wenn Väter das Pensum reduzieren, dann überwiegend für mehr Freizeit und Erholung. So steht es in der Sotomo-Studie. Im Vergleich zu Müttern sehen nur halb so viele Väter eine veränderte Rollenverteilung zu Hause positiv. Väter erkennen «deutlich weniger die Notwendigkeit für Veränderungen zugunsten einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie». Anders gesagt: Wenn Frauen später ein hohes Pensum anstreben, müssen sie einen Partner finden, der sich auf eine geteilte Verantwortung für Haushalt und Kind einlässt.

6. Bildung und Normen

Frauen mit tiefem Ausbildungsniveau und solche aus Drittstaaten sind besonders wenig erwerbstätig im Vergleich zu Gebildeten und Schweizerinnen. Gleichzeitig sagen viele dieser Gruppe, dass sie gerne mehr arbeiten würden. «Hier liegt viel ungenütztes Potenzial», schreibt Ecoplan – auch weil etliche Branchen Geringqualifizierte suchen. Je grösser der Wunsch von Frauen ist, finanziell unabhängig zu sein, desto eher werden sie nach der Mutterschaft in einem hohen Pensum weiterarbeiten. Zudem gibt es eine Korrelation zwischen Bildung und externer Kinderbetreuung: Je gebildeter, desto weniger konservativ, desto weniger sieht man in der Fremdbetreuung ein Problem, das von der Erwerbstätigkeit abhalten würde.

7. Problemlose Fremdbetreuung

Eine passende familienexterne Kinderbetreuung zu finden, um beruflich zu arbeiten, hat laut den Studien drei Facetten: der einfache Zugang (zeitlich wie örtlich), die finanzielle Tragbarkeit und die steuerliche Abzugsfähigkeit der Betreuungskosten. Insbesondere sticht die Unterstützung durch Verwandte und Freundinnen hervor. «Wer diese Unterstützung als gut bezeichnet, ist als Frau mit einer grösseren Wahrscheinlichkeit erwerbstätig», heisst es bei Ecoplan. Hingegen scheinen die «Verfügbarkeit, die Qualität oder die Kosten keinen signifikanten Einfluss darauf zu haben, ob eine Frau mit Kindern erwerbstätig ist», wie eine Erhebung zeigt. Bei Familien mit kleinen Einkommen ist die Bezahlbarkeit einer Kita ein wichtiges Kriterium, um ins Erwerbsleben zurückzukehren oder das Pensum aufzustocken, während dies bei hohen Einkommen kaum eine Rolle spielt. Dort wird Freizeit wichtiger.
«Andere Faktoren spielen eine viel wichtigere Rolle als steuerliche Erwerbsanreize», sagt Serge Gaillard, Ökonom und früherer langjähriger Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung.
«Andere Faktoren spielen eine viel wichtigere Rolle als steuerliche Erwerbsanreize», sagt Serge Gaillard, Ökonom und früherer langjähriger Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung.zVg
«Andere Faktoren spielen eine viel wichtigere Rolle als steuerliche Erwerbsanreize», sagt Serge Gaillard, Ökonom und früherer langjähriger Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung.
«Andere Faktoren spielen eine viel wichtigere Rolle als steuerliche Erwerbsanreize», sagt Serge Gaillard, Ökonom und früherer langjähriger Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung.zVg

Junge Mütter verbleiben heute schon im Job

Und selbst wenn mit dieser Reform die Bereitschaft steigen würde, sich beruflich einzugliedern, ist unklar, ob Frauen einen Job finden würden. Der Indikator der offenen Stellen des Bundes zeigt, dass eher männerdominierte Berufsprofile gesucht sind. Das Staatssekretariat für Wirtschaft dämpft die Erwartungen: «Da die Erwerbsbeteiligung in der Schweiz bereits hoch ist, ist es nicht sehr leicht, diese weiter zu erhöhen.» Überdies ist es eine Generationenfrage: Junge Mütter verbleiben eher im Beruf als ältere.

Deshalb ist das Versprechen einer hohen Arbeitsintegration spekulativ. Wie weit es zutrifft, hängt zudem von zwei weiteren Reformen ab, die bereits beschlossen sind: erstens vom hohen Kita-Abzug bei der direkten Bundessteuer und zweitens von der Betreuungszulage. Seit 2023 können Eltern bis zu 25'000 Franken für Kinderbetreuung steuerlich abziehen. Dies senkt die Steuerlast. Bereits damals gab es das Versprechen, dass dadurch zusätzliche 2500 Vollzeitpensen generiert würden. Die Wirkung dieser Steuerreform ist noch nicht evaluiert.

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Mit der Kinderbetreuungszulage des Bundes wird Eltern ab 2027 Geld für Kita-Kosten erstattet: 100 Franken pro Kind und Wochentag. Auch diese Wirkung ist nicht beziffert. Umso dringlicher ist die von Nationalrat Leo Müller eingangs gestellte Frage: Was müssen wir eigentlich tun?
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