Man kennt es vom Autofahren: Wenn innerorts die Tempolimite bei 50 km/h liegt, fahren die Leute ein paar Stundenkilometer schneller – leicht unter der Bussengrenze. Erhöht sich die Limite auf 60 km/h, fahren viele 64 km/h. Man nennt das den «Default»- oder Ankereffekt. Eine neue Vorgabe führt zur Verhaltensänderung: Man orientiert sich an der staatlichen Vorgabe und weicht ein wenig davon ab. Ähnliches passiert beim Rentenalter. Alle orientieren sich am Referenzalter von 65 Jahren. Darüber hinaus arbeiten die wenigsten, obwohl es finanzielle Anreize gibt, die Rente aufzubessern.
Doch die bürgerlichen Parteien monieren zu Recht, dass die Anreize zur Arbeit über das Pensionsalter hinaus schwach sind; wer heute die Vor- und Nachteile durchrechnet, hat zumindest finanziell kaum einen Grund, bis siebzig zu arbeiten. Es ist tendenziell ein Verlustgeschäft für Arbeitswillige, aber ein Vorteil für die AHV. AHV-Reform 2030 verbessert Anreize zum Weiterarbeiten ab 65 kaum
Zwar macht es der Bundesrat richtig, wenn er im Rahmen der angelaufenen AHV-Reform 2030 diese finanziellen Anreize verstärken will. Aber insgesamt sind sie zu schwach ausgestaltet. Ein Beispiel: Wenn eine 65-Jährige nach fünf Jahren Weiterarbeiten mit 70 bloss 22 Franken pro Monat mehr bekommt im Vergleich zur heutigen Regelung, ist das keine Verstärkung des Anreizes – und keine Reform. Hier lügt sich Sozialministerin Elisabeth Baume-Schneider in die Tasche.
Andere Länder machen das energischer, so etwa Portugal. Das Land belohnt diejenigen, die länger arbeiten, extrem stark. Solche Modelle wären «ein wesentlicher Anreiz für einen aufgeschobenen Bezug» der AHV-Rente, weiss auch Baume-Schneider. Doch wie alles hat eine starke Förderung einen Nachteil: Sie würde die AHV im Vergleich zu heute deutlich verteuern. Geldwerte Anreize zum Weiterarbeiten sind das Feindbild der Linken
Deshalb sind linke Parteien in der Schweiz gegen verstärkte Anreize, die Besserverdienenden mehr zugutekommen als Leuten mit kleinem Einkommen. Der Grund dafür liegt in der AHV als Umverteilungsmaschine. Und so sind stärkere finanzielle Anreize ein Steckenpferd der bürgerlichen Parteien, aber ein Feindbild der Linken. Die Debatte um Anreize ist ein ideologischer Krampf.
Denn beide Seiten machen den Fehler, dass sie sich am Referenzalter 65 orientieren. Würde man das Referenzalter auf 66 oder 67 erhöhen, würden viele, sofern sie fit sind, einfach weiterarbeiten. Ihre Arbeitgeberinnen könnten sie nicht einfach mit der Begründung loswerden, das Pensionsalter sei erreicht. Der Ankerpunkt läge dann bei 66 oder 67.
Die Vorteile: Erstens könnte man sich die teuren finanziellen Anreize ersparen. Zweitens würde die AHV finanziell saniert werden. Drittens würden die Arbeitsverträge, die heute mit 65 enden, bis zum Alter von 66 oder 67 Jahren weiterlaufen. Und viertens wäre die Lösung ohne jede Ausnahme am fairsten. Wir kommen um eine Erhöhung des Rentenalters nicht herum.