Künstliche Intelligenz wird längst nicht nur in Fabriken und Büros eingesetzt, sondern rückt in den intimsten Raum unseres Lebens vor: in Liebe, Bindung und Einsamkeit. Wer heute datet, wird von Algorithmen mit potenziellen Partnern zusammengeführt. Wer unter Beziehungsspannungen leidet, konsultiert zunehmend zuerst einen Chatbot statt einen Freund, Therapeuten oder den Partner. Sätze wie «ChatGPT sagt, dass mein Freund ganz klar narzisstisch sei, wieso sehen Sie das nicht ein?» tauchen in psychotherapeutischen Sitzungen vermehrt auf; ein Signal dafür, dass KI sich zunehmend in unsere menschlichsten Beziehungen einzuschaltet, als Schiedsrichterin und vermeintlich objektive Instanz.
Psychologisch sind Beziehungen Orte von Zuflucht, Wünschen, Reibung, Aushandlung und persönlicher Reifung. Wenn eine Maschine in diese Sphäre eintritt, jederzeit verfügbar, sprachlich eloquent und emotional validierend, verändert sich unsere Erwartung daran, was Nähe überhaupt ist und leisten soll.
KI-Chatbots als Beziehungsratgeber
Psychotherapeutin Felizitas Ambauen: «Ich beobachte es in meiner Praxis klar: Bei Unsicherheiten oder Konflikten wird heute zuerst eine KI konsultiert, statt das Gespräch mit dem menschlichen Gegenüber zu suchen.»
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Nicht jede Nutzung von KI sei hierbei problematisch. In akuten Situationen kann sie entlasten. Wer in einem emotionalen Ausnahmezustand Gedanken sortiert, bevor ein Gespräch eskaliert, nutzt Technologie sinnvoll. Auffällig ist jedoch, wie schnell Menschen beginnen, nicht nur Informationen, sondern Beziehungsarbeit selbst auszulagern. «Chatbots bedienen zentrale psychologische Bedürfnisse elegant», so Ambauen. «Sie sind jederzeit verfügbar, liefern emotionale Struktur und reagieren validierend. Das ist verlockend.»
Gut 43 Ptozent der Generation Z geben an, dass sie AI für Beziehungs- oder Datingratschläge nutzen. Doch wenn Maschinen die Ambivalenz menschlicher Beziehungen glätten, droht etwas verloren zu gehen, das für emotionale Reife zentral ist: die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten, Widersprüche zu ertragen und durch aktive Selbstarbeit als Mensch zu wachsen. Eine Gesellschaft, die emotionales Unbehagen an Maschinen delegiert, wird bequemer und so menschlich unreifer.
KI und Dating: Wie entsteht ein guter Match?
Auch im Dating ist KI längst präsent. Mark Brooks, Pionier der Dating-App-Industrie, beschreibt drei Vorteile des digitalen Matchmakings: vereinfachte Partnersuche, optimierte Kommunikation und höhere Kompatibilität.
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Onlinedating erlaubte zunächst gezieltes Filtern nach Faktoren wie Ort, Alter, Lebensstil, Kinderwunsch, Religion und Sexualität. Zugleich wird KI intensiv zur Sicherheit eingesetzt; sie erkennt Fake-Profile, Betrug und übergriffige Inhalte und entdeckt Muster, die Menschen kaum sehen. «KI kann Kompatibilität erkennen, die Menschen oder einfache Algorithmen übersehen», sagt Brooks. «Sie kann den Nutzer tiefgehend verstehen und so mit Leuten vernetzen, die optimal zueinanderpassen. Sowohl Psychologie- und Persönlichkeitstests als auch Matching auf Basis von genetischen Informationen, um herauszufinden, mit wem man am besten Kinder haben sollte, sind heute bereits möglich.»
Transparenz statt Black Box
Neben klassischen Datingplattformen zwischen Menschen tritt KI zunehmend auch selbst als Datingpartner auf. Gut 19 Prozent der Generation Alpha geben an, dass sie schon einmal mit einer romantischen Beziehung zu einer AI experimentiert haben.
Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass hinter der Diskussion über digitale oder robotische Partner ein reales gesellschaftliches Problem steht. Gut 63 Prozent der Männer unter 30 sind heute single, fast doppelt so viele wie Frauen in derselben Altersgruppe. Parallel wächst weltweit die Einsamkeit: Rund 23 Prozent der Menschen berichten, häufig einsam zu sein, und gerade in Europa fühlen sich etwa 35 Prozent zumindest gelegentlich einsam. Unter jungen Europäern liegt der Anteil sogar deutlich höher: Umfragen sprechen von über der Hälfte der 18- bis 35-Jährigen. Vor diesem Hintergrund erscheint es weniger überraschend, dass technologische Alternativen zur menschlichen Beziehung zunehmend als mögliche Antwort auf soziale Isolation diskutiert werden.
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Anthony Masure von der HEAD Genève und Saul Pandelakis von der Universität Toulouse Jean Jaurès beschäftigen sich intensiv mit diesen Formen digitaler Intimität. Ihr Forschungsprojekt «Fucking Tech!» entwirft bewusst Alternativen zu heutigen KI-Interfaces.
«Systeme, die jede Erwartung erfüllen und niemals echte Gegenwehr leisten, trainieren keine Beziehungsfähigkeit, sondern eine sexuelle Konsumhaltung», so Masure. «Unsere KI-Personas setzen ihrem menschlichen Gegenüber emotionale Grenzen, unterbrechen toxische Dialoge und verweigern sklavische Anpassung», führt Pandelakis weiter. «Wir wollen keine fügsamen digitalen Partner kreieren, sondern einen Spiegel, der den Nutzer mit seiner eigenen Intimität konfrontiert.»
Intime Beziehungen waren schliesslich schon immer medial vermittelt; einst durch romantische Briefe, Literatur, Filme – und nun durch KI. Entscheidend sei daher weniger, wie Technik unsere Intimität verändert oder erweitert, sondern welche Werte und Menschenbilder sie transportiert.
Warum KI einen Körper braucht
Der japanische Robotikpionier Hiroshi Ishiguro denkt die Beziehung zwischen Mensch und Maschine entsprechend dieser Gedanken weiter. Für ihn bleibt Intelligenz ohne Körper unvollständig. Als Schöpfer des humanoiden Roboters Geminoid versteht er verkörperte KI als Medium, an dem Präsenz, Empathie und Identität untersucht werden können.
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Das sogenannte Uncanny Valley, jenes emotionale Unbehagen, das Menschen fühlen, wenn Maschinen fast, aber nicht ganz menschlich wirken, offenbart viel über unsere Konzepte von Anziehung. Das Gehirn reagiert extrem sensibel auf minimale Abweichungen in Mimik, Timing oder Blickkontakt. Unser Nervensystem ist evolutionär auf andere Menschen trainiert, nicht nur auf ihre Sprache, sondern auf ihre physische Präsenz und primäre soziale Signale.
Ishiguro stellt so eine provokante Gegenfrage: «Warum vertrauen wir Menschen mehr als Maschinen? Menschen lügen, manipulieren und üben Gewalt in der Liebe aus; Maschinen nicht.» Er glaubt, dass viele ältere Menschen in einem Altersheim beispielsweise respektvoller und sanfter von einem humanoiden Roboter behandelt werden könnten, als es heute teilweise der Fall ist. Neurologisch scheint es absehbar, dass der Hunger nach echter menschlicher Nähe parallel zum Aufstieg des Angebots künstlicher Nähe wachsen wird. Wir isolieren uns immer mehr von realen Menschen, dabei suchen wir oft nichts mehr als echte Nähe.
Die wichtigste Frage des KI- und Roboter-Zeitalters lautet daher, ob wir unter dem Dauerkomfort algorithmischer Spiegel zu verlernen beginnen, was uns überhaupt beziehungsfähig macht. Neurobiologisch entstehen gereifte Emotionen und eine stabile Identität erst in Wechselwirkung mit anderen Menschen.
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Wenn KI oder Robotik diese Funktion zunehmend simulieren, entsteht ein Vakuum im innersten Raum des Menschseins. Denn Maschinen bieten etwas, das reale Menschen nie bieten können: vollumfängliche Verfügbarkeit, unbegrenzte Geduld, perfekte künstliche Schönheit und keinerlei Eigenbedürfnisse.
So wie Instagram und TikTok heute die Erwartungshaltungen von Menschen an ihr soziales und berufliches Leben verzerren und damit zu Unzufriedenheit beitragen, könnte eine Gesellschaft, die sich zu stark an künstliche Reibungslosigkeit und Stimulation gewöhnt, reale Beziehungen bald als zu langsam, zu kompliziert oder zu anstrengend empfinden. Wie es der dänische Philosoph Søren Kierkegaard treffend beschrieb: «Der Anfang allen Unglücks ist der Vergleich.»
Doch gerade im Widerstand, im Aushalten des anderen, im gemeinsamen Wachsen, im Kommunizieren, im Wütend-Werden und Sich-wieder-Versöhnen formt sich der gereifte Mensch mit Selbstregulation und einer Tiefe, die sich weder prompten noch programmieren lässt. KI wird deshalb nicht nur testen, welche ethischen Grenzen Datingtechnologie noch sprengen kann, sondern auch, wie viel Mensch der Mensch der Zukunft noch sein will – und wie viel menschliche Liebe er noch sucht.
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