Sie sitzen in zu grossen Wohnungen und geben sie nicht her: Ältere Menschen kommen in vielen Untersuchungen zum Schweizer Wohnungsmarkt nicht gut weg. Der Grund: Altersgruppen ab 55 Jahren sind grundsätzlich sehr zufrieden mit ihrer Wohnsituation. Sie haben keinen Anreiz, das traute Eigenheim zu verkaufen oder aus ihren grossen Mietwohnungen auszuziehen – selbst im fortgeschrittenen Alter nicht. Ganz zum Leid der Jüngeren, für die Wohnraum mehr und mehr zum Luxus wird.
Zu diesem Schluss kam beispielsweise eine Raiffeisen-Studie aus 2025. Die Studienautoren fanden klare Worte: «Überspitzt formuliert kann nur der Tod oder der Gang in ein Altersheim den typischen Wohneigentümer von seinem geliebten Eigenheim trennen.» Ein düsterer Ausblick für junge Familien, die auf eine baldige Verkaufswelle der Babyboomer-Generation und damit einbrechende Immobilienpreise hoffen.
Jetzt zeigt der neue Wohnreport der Helvetia-Versicherung die Problematik aber in einem anderen Licht. In bisherigen Untersuchungen sei vor allem auf die Sesshaftigkeit von Älteren fokussiert worden, schreiben die Autoren. «Doch stimmt das wirklich?», fragt die Studie. Nicht ganz, lautet der Befund. Denn die 55- bis 74-Jährigen in der Schweiz sind umzugsfreudiger als gedacht. Ihr Anteil an der Gesamtheit aller Umzüge in der Schweiz ist demnach in den letzten zehn Jahren von 9 auf 12 Prozent gestiegen.
Die Generation wird wichtiger für den Wohnungsmarkt
Auch wenn es sich dabei «nur» um einen Anstieg von drei Prozentpunkten handelt, ist er dennoch relevant: Denn die Generation der 55- bis 74-Jährigen – die Studie nennt sie «Best Ager» – wird für den Immobilienmarkt immer wichtiger. Aufgrund des demografischen Wandels gibt es hierzulande immer mehr Ältere. Und diese beanspruchen vergleichsweise viel Wohnfläche und viele Zimmer pro Kopf für sich. Heisst: «Ziehen Best Ager um, können sie einen wichtigen Beitrag für die Verbesserung der Wohnraumallokation in einem angespannten Wohnungsmarkt leisten», so die Studie. In die frei werdenden Wohnungen ziehen grösstenteils junge Erwachsene und Familien ein. Was Jüngere ebenfalls freuen dürfte: Es zieht immer mehr Best Ager ins Ausland – der Anteil an Personen dieser Altersgruppe, die aus der Schweiz ausziehen, ist in zehn Jahren um die Hälfte gewachsen. Diese Umzüge sind für den überhitzten Wohnungsmarkt besonders günstig. Der Wohnraum wird dadurch komplett frei, weil die Vorbesitzer ja das Land verlassen.
Trotzdem wohnen viele nach wie vor zu gross
Es gibt jedoch ein grosses Aber: Auch die Helvetia-Studie zeigt, dass insbesondere ältere Menschen in ihren Wohnungen oder Eigenheimen verharren – man spricht dabei vom «Lock-in-Effekt». Je länger eine Person bereits in einem bestimmten Zuhause lebt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie überhaupt umzieht. Besonders beim Eigenheim kommt dieser Effekt zum Vorschein – auch wegen tiefer Zinsen für die Hypothek. Als langjährige Mieter profitieren Best Ager aber auch von tiefen Bestandsmieten. Im Schnitt zahlen sie 10 Prozent weniger Miete als ihre Nachzügler. Die Generation 55+ ist ein unterschätzter Schlüssel für den Schweizer Wohnungsmarkt. Sie könnte enorm viel Wohnraum freisetzen. Eine ältere Raiffeisen-Studie beziffert die frei werdende Wohnfläche auf 17 Millionen Quadratmeter! Dies entspricht rund 170'000 zusätzlichen Wohnungen à 100 Quadratmeter oder Wohnraum für fast 450'000 Menschen. Die gestiegene Umzugsbereitschaft der älteren Generation ermöglicht vielen jüngeren Familien den Traum vom Eigenheim.