Wenn die baltischen Staaten derzeit in den Medien auftauchen, geht es – leider – meistens um Krieg. Kaum irgendwo in Europa fürchtet man eine weitere Grenzüberschreitung Russlands stärker als im Nordosten Europas. Das wurde mir nicht zuletzt bewusst, als ich im Sommer durch Litauen und Lettland reiste und dabei so viele Ukraine-Fahnen sah wie lange nicht.
Ich würde das hier nicht erwähnen, hätte das Baltikum nicht auch einen Bezug zum Bier. Und da gilt es erst mal, eine uneingeschränkte Empfehlung auszusprechen: Für Bierliebhaber gibt es an der Ostsee so einiges zu entdecken. So viel, dass ich in meinen zwei Wochen nicht über ein zufälliges Kosten hinausgekommen bin. Fahren Sie dorthin, wenn Sie können!
Napoleon und Zölle
In Litauen und Lettland, wo ich war, treffen bäuerliche Traditionen auf Einflüsse der Hanse und des Handels mit England. Da gibt es handwerkliche Landbiere oder dunkle Biere, für die das Malz zuerst im Ofen gebacken wird. Es gibt das Brotgetränk Kwass – in Litauen «Gira» –, das wenig bis keinen Alkohol hat und mal erfrischend süffig, mal schauerlich süss schmeckt. Und wie in vielen Bierländern gibt es eine putzmuntere Craft-Beer-Szene mit sympathischen Kleinbrauereien (Grüsse an die Duna Brewery in Kuldiga!), die auf Grossbrauereien mit erstaunlich vielfältigen Sortimenten treffen.
Im globalen Bierkanon hinterliess das Baltikum Spuren, weil hier einer der historisch wichtigsten Bierstile, das Porter, quasi eingebürgert wurde. Ursprünglich stammt das malzige, dunkle Bier aus London, wo sich einst die Hafenarbeiter daran stärkten. Doch von dort aus wurde es auch über die Ostsee bis nach Russland und in die heutigen baltischen Staaten exportiert. Und dann bald auch mal vor Ort gebraut. Zum Baltic Porter nationalisiert wurde es nicht zuletzt, weil der Handel immer mal wieder unterbunden wurde – sei es durch die Kontinentalsperre Napoleons oder durch prohibitive Einfuhrzölle – und so lokale Brauereien die Gunst der Stunde nutzen konnten, um das hochpreisige Starkbier selbst herzustellen.
Viel Alkohol
Dabei entfernte sich das baltische «Porteris» inhaltlich vom Original. Während britisches Porter traditionell mit einer obergärigen Ale-Hefe gebraut wird, was ihm fruchtige und etwas wildere Aromen verleihen kann, übernahmen die Brauer im Baltikum teilweise die untergärige Lagerbier-Brauweise aus Böhmen und Bayern. So entstand ein etwas malzigeres und straighteres Bier. Ein Teil dessen, was man heute Baltic Porter nennt, könnte daher auch als dunkles Bockbier durchgehen.
Doch egal, auf welche Hefe die Brauereien setzen: Gemein ist dem Baltic Porter seine intensive und elegante Art. Und ein Alkoholgehalt, der oft die Durstlöscherzone hinter sich lässt. Gerade jetzt, da es wieder kälter wird, passt so ein Bier wunderbar in die Saison. Man muss dafür ja nicht unbedingt an die Ostsee fahren.
In dieser Kolumne schreiben HZ-Redaktor Michael Heim, HZ-Redaktorin Olivia Ruffiner und Autorin Tina Fischer alternierend über Bier, Wein und Drinks. Heim ist an einer kleinen Vereinsbrauerei beteiligt.