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Bürokratische Hürden

Kleine E-Autos, grosse Hürden: Kampf um Förderung

Der Microlino ist ein effizientes, elektrisches Schweizer Kleinfahrzeug, das jedoch in Europa kaum gefördert wird.

Wilma Fasola

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Familienbande: Oliver, Wim und Merlin Ouboter (von links nach rechts) und der Microlino. Andrea Zahler

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Brüssel trommelt lautstark für die Klimawende, doch wer wirklich radikal umdenkt, landet im Abseits. Es ist ein bizarres Bild, das sich auf Europas Strassen abzeichnet: Während tonnenschwere Elektropanzer mit üppigen Prämien subventioniert und als ökologische Heilsbringer gefeiert werden, lässt man den Microlino im bürokratischen Regen stehen. Dabei ist die kleine E-Knutschkugel aus der Schweiz eigentlich genau das, wovon Stadtplaner für die City von morgen träumen: platzsparend, leicht und hocheffizient. Doch die Logik der Behörden folgt ihren eigenen, oft schwer nachvollziehbaren Gesetzen.
Anstatt den Microlino als Teil der Lösung für überlastete Innenstädte zu feiern, hat Brüssel eine neue Schublade gezimmert: den M1e. Die Kategorie erlaubt eine Fahrzeuglänge von bis zu 4,20 Metern, was eher Modellen wie dem Jeep Avenger entspricht. «Das ist doch kein Kleinwagen, das ist ein SUV», sagt Merlin Ouboter über die Rahmenbedingungen. Wer profitieren will, unterliegt zudem einem «Made in Europe»-Zwang. Besonders brisant ist das Sicherheitsschlupfloch: Um die Preise künstlich unter 20'000 Euro zu halten, will die EU die Standards für zehn Jahre einfrieren. Experten warnen bereits vor einem gefährlichen Zweiklassensystem beim Insassenschutz. Der wahre Clou für die Autoriesen sind jedoch die Supercredits: Jedes verkaufte M1e-Fahrzeug zählt in der CO₂-Bilanz so viel wie 1,3 Autos. Während die Konzerne so ihre Bilanzen schönrechnen, bleibt das Micromobil weiterhin ein «schweres Vierradleichtkraftfahrzeug» (L7e) ohne Prämien, ohne Support, ohne Zertifikate.

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Es reicht

In Küsnacht hat man nun genug von der «netten Tour». Wim Ouboter und seine Söhne Merlin und Oliver nehmen den Kampf gegen diese Ungerechtigkeit auf, und das auf juristischem Parkett. Unterstützt werden sie von einer Frau, die weiss, wie man Giganten ins Wanken bringt. Die Anwältin Cordelia Bähr zog für die Schweizer «Klima-Seniorinnen» bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) und wurde vom «Time»-Magazin zu den hundert einflussreichsten Personen der Welt gekürt. «Wir werden diskriminiert», stellt Wim Ouboter fest. Er rechnet vor: Die Realität der täglichen Mobilität sind 35 Kilometer Arbeitsweg bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 32 Stundenkilometern, meist allein im Wagen. «Da braucht es keinen SUV mit einer Person.» Doch in den Amtsstuben erntete er nur Kopfschütteln. Dreimal suchte die Familie das Gespräch mit Bundesrat Albert Rösti und den zuständigen Leuten beim Bund, doch man prallte stets an derselben Stelle ab. Ouboters Urteil über die politische Riege in Bern und Brüssel ist daher unverblümt und deutlich. Er hält die Entscheidungsträger für überfordert oder von der mächtigen Industrielobby ferngesteuert. Besonders absurd wird es beim Blick auf das Milliardengeschäft mit der sauberen Luft. Tesla hat durch den Verkauf von CO₂-Zertifikaten allein 11 Milliarden Dollar eingestrichen, was etwa einem Drittel des gesamten Gewinns der Firmengeschichte entspricht. Dem Microlino bleibt dieser Marktzugang verwehrt, weil er in keine PKW-Schublade passt. Wie grotesk das System ist, illustriert ein Anruf aus Italien. Der CEO von Ferrari wollte Ouboter persönlich 100'000 CO₂-Kredite abkaufen, um nicht länger bei Elon Musk Kunde sein zu müssen. «Er hat nicht verstanden, dass wir mit unserem Auto einfach nichts kriegen», erzählt Ouboter. Würde man dem Kleinen die gleichen Rechte zugestehen wie den Grossen, könnte der Preis massiv sinken und die Wettbewerbsfähigkeit steigen. Doch statt Innovation zu fördern, baut man Hürden.

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Produktion nun in China

Die Blockadehaltung in Europa hat einen hohen Preis. Während man in Italien zwar das Know-how für Kleinwagen findet, fehlt das politische Rückgrat für echte Förderung. In China hingegen wird das Projekt mit offenen Armen und prall gefüllten Fördertöpfen empfangen. Die Konsequenz ist daher für Ouboters klar: Eine zweite Fertigung für ein neues Modell ist in Fernost geplant, um den Preis auf 12'000 bis 13'000 Euro zu drücken. «Man muss aufpassen, dass man nicht in Schönheit stirbt», sagt Merlin Ouboter. Denn es geht der Familie um mehr als nur um Verkaufszahlen; es geht um einen Lifestylewandel. Der Microlino ist für sie die «wettergeschützte Vespa». Ein Statement gegen den Ressourcenwahn und den massiven Feinstaub, den schwere Elektropanzer allein durch ihren Reifenabrieb produzieren. Und daran glauben auch andere – so hat sich gerade Martin Eberhard, der eigentliche Gründer von Tesla, als interessierter Gast in Küsnacht angemeldet.
Am Ende des Gesprächs zeigt Wim Ouboter den dreissigseitigen Schriftsatz der Anwältin: «Mir ist es scheissegal, ich lasse mir das nicht bieten.» Am Ende geht es um die fundamentale Frage: Ist der Green Deal ein ehrliches Klimaversprechen oder nur ein Schutzschirm für die alte Automobilwelt? Der Microlino ist längst mehr als ein Stadtflitzer – er ist zum Lackmustest für die klimapolitische Glaubwürdigkeit eines ganzen Kontinents geworden.

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