Mit Ihren zwanzig Jahren Dienstzeit haben Sie das Astra massgeblich mitgeprägt. Was denken Sie angesichts der aktuellen Herausforderungen wie den Klimaschutzzielen, dem Ausstieg von fossilen Brennstoffen und dem rasanten technologischen Wandel: Sind wir auf dem richtigen Weg?
Veränderung war schon immer anspruchsvoll, aber sie ist nun mal die einzige Konstante. Meine Tochter hat mich neulich in ein Technikmuseum eingeladen – da sieht man diese alten Druckmaschinen. Faszinierende Feinmechanik, aber heute beherrscht das kein Mensch mehr. Die Vergangenheit zeigt uns: Wir haben das Morsen durch das Telefon ersetzt, den Drucker durch die Digitalisierung. Meine Erfahrung zeigt mir, dass wir am Ende besser dastehen als heute. Dafür aber müssen wir diesen Wandel aktiv mitgestalten. Das war immer so, und das wird auch dieses Mal so sein. Dennoch wird das Aus des Verbrenners oft als Ende der Freiheit inszeniert. Kein «Mitmachenkönnen» mehr, sondern ein «Mitmachenmüssen». Wie nehmen Sie diese Diskussion wahr? Ihnen wird ja Technologieoffenheit zugeschrieben.
In der Schweiz pflegen wir traditionellerweise eine hohe Technologieoffenheit. Der Wettbewerb sollte über die besten Technologien entscheiden, und nicht die Politik über Ideologien. Dennoch bin ich überzeugt, dass die Elektromobilität unumkehrbar ist. Es gibt viele gute Gründe dafür, doch der entscheidende Grund ist schlicht die Effizienz. Ein Elektroantrieb ist dreimal so energieeffizient wie ein herkömmlicher Verbrennungsmotor. Das ist weder Ideologie noch Dogma, sondern schlicht Physik. Natürlich wird es Nischen geben, für schwere Motorräder zum Beispiel oder für Oldtimer. Das ist Emotion, das sind «Good Vibrations», und das soll auch so bleiben, künftig wohl angetrieben von synthetischen Treibstoffen. Die breite Masse jedoch wird elektrisch fahren, weil es wirtschaftlich und energetisch schlicht vernünftig ist. Derzeit aber zögert die breite Masse in der Schweiz noch. Dies auch wegen der Infrastruktur. Hier werden immer wieder die Mieter ins Spiel gebracht.
Wir Menschen neigen dazu, Probleme zu bewirtschaften, statt Lösungen zu formulieren. Sie sprechen das «Recht auf Laden» an. Das ist politisch ein extrem starker Eingriff und ich bin nicht sicher, ob das der einzige oder eben richtige Weg ist. Wenn neue Technologien wie die Feststoffbatterie kommen, haben wir ganz andere Energiedichten. Wenn ein Kleinwagen 500 oder 600 Kilometer pro Ladung schafft, müssen Sie nicht mehr an jeder Ecke laden, und schon gar nicht zwingend daheim. Dann laden Sie einmal die Woche beim Einkaufen oder beim Arbeitgeber. Das ist am Ende eine Frage der Gewöhnung und der Organisation. Auffallend ist, basierend auf den neuesten Entwicklungen, dass das Astra den Hebel gar nicht primär beim PKW sieht, sondern beim Schwerverkehr. Täuscht das?
Beide sind uns wichtig. Mit dem LKW kommt das Profi-Geschäft hinzu. Ein Transportunternehmer rechnet knallhart, da zählt jeder Rappen. Ein LKW-Fahrer hat gesetzliche Ruhezeiten von 45 Minuten, im Grunde ein perfektes Zeitfenster, um unterwegs zu laden. Doch das braucht eine attraktive und verfügbare Infrastruktur. Anfang 2026 haben wir aus diesem Grund einen neuen Projektaufruf für Schnellladestationen für E-LKW gestartet. Geplant sind aktuell 32 Standorte, aufgebaut und bewirtschaftet durch private Betreiber. Wichtig ist, dass hier mit 350 Kilowatt geladen werden kann. Und das ist für die Logistikbranche ein absoluter Gamechanger. Während der Chauffeur die zwingend notwendige Pause macht, lädt der Lastwagen genug für die nächsten paar Hundert Kilometer. So entstehen Infrastrukturen und Standards, von denen am Ende auch die PKW-Welt profitiert. Standards sind sicher ein wichtiger Punkt, aber vielleicht auch mehr Transparenz und Wissensvermittlung?
Da bin ich absolut dabei, was das Thema Kundenfreundlichkeit angeht. Nehmen wir das «Billing». Man muss im Voraus genau wissen, was eine Ladung kostet. Auch ist es nicht optimal, dass man fünf verschiedene Ladekarten im Portemonnaie braucht. Doch ich sehe das nicht primär als Staatsaufgabe; das können Anbieter oder Verbände oft besser. Vor allem aber müssen wir positive Botschaften senden. Denn es zeigt sich: Wer einmal elektrisch gefahren ist, geht fast nie wieder zurück. Man muss die Menschen manchmal erst an das Thema heranführen, ihnen zeigen, wie die E-Mobilität funktioniert. Dann verschwinden die Vorbehalte gegenüber dem Neuen ganz von allein. Stichwort Vorbehalte: Ein Thema, bei dem die Emotionen zurzeit hochkochen, ist die geplante Ersatzabgabe für Elektroautos.
Dass die Industrie schimpft, zeigt mir vor allem, dass sie sich zur Elektrifizierung bekennt, und das freut mich sehr. Denn nur was einen wirklich betrifft, kann Schmerzen bereiten. Mit einer Abgabe auf E-Fahrzeuge sichern wir die Alimentierung des Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrsfonds und damit die Finanzierung des Baus, Betriebs und Unterhalts der Nationalstrassen. Das ist wichtig, denn Fahrzeuge, welcher Art auch immer, machen ohne gute Strassen keinen Sinn. Mir ist in diesem Kontext wichtig, dass die Menschen verstehen, dass wir nicht mehr Geld vom Bürger wollen. Ziel ist, das heutige Niveau der Strassenfinanzierung zu halten. Wenn die Verbrennerfahrer über die Benzinsteuer den Unterhalt bezahlen, können wir die E-Autos nicht ewig gratis mitlaufen lassen. Das ist auch eine Frage der Gerechtigkeit. Wir suchen nach einer Lösung, die so einfach wie möglich ist – vielleicht über eine Selbstdeklaration der Kilometer. Der Datenschutz ist heilig, das soll so bleiben, und der Staat muss nicht wissen, wo Sie waren, sondern nur, wie viele Kilometer Sie auf der Strasse gefahren sind. Das zweite Thema ist autonomes Fahren.
Wir haben jetzt zehn Jahre Versuch und Irrtum hinter uns und kommen in die nächste Geländekammer. Der Gesetzgeber ist hier weiter als die Industrie. Das Gesetz lässt beispielsweise den Autobahnpiloten zu. Nun müssen die Fahrzeughersteller die Zulassung für die entsprechenden Systeme beantragen. Der Gesetzgeber sagt: Wenn der Autobahnpilot übernimmt, liegt die Haftung beim Hersteller. Es ist möglich, dass dies bei der Industrie auf Respekt stösst. Dabei ist das Potenzial für die Sicherheit gewaltig! Allein 10 Prozent unserer Staus entstehen durch Unfälle. Wenn wir die menschliche Fehlerquote durch Technik senken, erhöhen wir die Sicherheit und gewinnen gleichzeitig Kapazität auf der Strasse, ohne einen einzigen Meter neuen Beton zu verbauen. Sie wirken erstaunlich ruhig bei all diesen Umbrüchen. Aber wir sprachen ja anfangs über Ihre Einstellung zu Veränderungen. Woher nehmen Sie derzeit das Vertrauen, dass wir das als Gesellschaft packen?
Weil die Gesellschaft immer wieder ihre Bereitschaft dazu gezeigt hat. Ein kleines, aber interessantes Beispiel dafür ist die Veränderung der Mechatronikerlehre: Lernende hatten früher nur die klassische Verbrennerwelt vor sich. Innerhalb von nur fünf Jahren wurde die E-Mobilität in ihre gesamte Ausbildung, in jedes Lehrmittel und jede Prüfung integriert. Das ist eine gigantische Leistung der Privatwirtschaft und Berufsbildung! Da wurde nicht jahrelang diskutiert, da wurde gehandelt. Chapeau! Wenn der Kunde heute in die Werkstatt kommt, kann er sich darauf verlassen, dass die Leute das können, egal, ob Verbrenner oder Stromer. Solche Beispiele geben mir Vertrauen. Und nun noch ein kurzes Schlusswort, bitte.
Wer sich nicht bewegt, wird bewegt. Und wenn man die Reise mitmacht, wenn man gestaltet, statt nur zu reagieren, dann ist das eine unglaublich spannende Zeit. Es geht weiter, und es kommt gut. Man muss einfach bereit sein, das Neue nicht sofort abzulehnen, nur weil es neu ist.