Normalerweise ist die Geburt einer Automarke ein langer Prozess aus Hoffen, Bangen und dem Verbrennen von Investorengeld. Es beginnt mit ersten Skizzen, gefolgt von der Suche nach Kapital und jahrelangen Testphasen. Nicht so bei Ceer Motors. In Saudi-Arabien wurde der Fortschritt per Dekret verordnet. Als Kronprinz Mohammed bin Salman (MBS) Ende 2022 den Startschuss für den Autokonzern gab, ging es nicht um Mobilität, sondern um eine Machtdemonstration. «Wir bauen nicht nur eine neue Automarke, wir entzünden eine neue Industrie», tönte es bei der Vorstellung. Während Pioniere wie Tesla fast ein Jahrzehnt brauchten, um aus der Garage zu rollen, will Ceer das Unmögliche erzwingen: Gründung 2022, Markteintritt 2026.
McLaren-DNA für den Wüstensand
Die ersten Erlkönig-Fotos eines SUV-Prototyps sorgten nun im Januar 2026 für Diskussionen. Das Design erinnert an einen futuristischen Keil, irgendwo zwischen Science-Fiction und architektonischer Provokation. Federführend war dabei kein Unbekannter in der Branche: Chief Design Officer Robert «Rob» Melville war viele Jahre Design Director bei McLaren und hat unter anderem den P1 entwickelt. Finanziert wird dabei nicht nur seine Arbeit, sondern das gesamte Projekt durch den Staatsfonds PIF. Der Zugriff auf die schier unbegrenzten Mittel des Staatsfonds macht es möglich, sich das globale Know-how einfach einzukaufen. So agiert der weltweit grösste Elektronikfertiger Foxconn als technologisches Rückgrat. Die Taiwaner bringen ihre Expertise in der Massenfertigung von Hochtechnologie ein und liefern die komplette digitale Architektur; vom Infotainment über die Cloud-Anbindung bis hin zu den Systemen für das autonome Fahren. Im Januar 2026 bestätigte Ceer ausserdem die Partnerschaft mit dem deutschen Konzern Dürr, der in der King Abdullah Economic City (Kaec) eine der weltweit fortschrittlichsten Lackierereien hochzieht. Weiter setzt man auf Ingenieurskunst von FEV und auf Siemens-Software, um die Produktion digital zu simulieren, bevor der erste Wagen echten Asphalt berührt. Erst vor ein paar Wochen flossen umgerechnet rund 117 Millionen Franken in eine Partnerschaft mit dem italienischen Spezialisten Sabelt für das Interieur. Für den technologischen Kern sorgt Rimac Technology. Mate Rimac, der kroatische Visionär hinter den schnellsten Elektro-Hypercars der Welt, liefert die Antriebssysteme. Er kommentierte den Deal fast schon unterkühlt: «Die Zusammenarbeit festigt unsere globalen Ambitionen als Grossserienlieferant.»
Grosse Ziele fürs eigene Land
Doch trotz dieser Liste hochklassiger Partner bleibt die lokale Wertschöpfung die grösste Hürde. Erst vor wenigen Tagen unterzeichnete Ceer Verträge über 3,7 Milliarden Riyal (765 Millionen Franken), um Zulieferer für Stahl und Chemie zu binden. Bis 2034 sollen 45 Prozent des Autos «made in KSA» sein. Ob dieser Plan aufgeht, wird sich Ende 2026 mit der anvisierten Auslieferung erahnen lassen. Ceer ist nämlich kein Selbstzweck oder eine Spielzeugfabrik für die Scheichfamilie; es ist nicht mehr und nicht weniger als die Rettung der saudischen Wirtschaft. Man will nicht länger die Tankstelle der Welt sein, deren Wohlstand am seidenen Faden des Ölpreises hängt. Aktiv will man verhindern, dass das Kapital abfliesst, und selbst an der Spitze der Evolution in Bezug auf Zukunftstechnologien stehen. Das zeigt sich bereits im Logo: Das weltweit erste bilinguale Markenemblem vereint arabische Kalligrafie und lateinische Lettern. Die Botschaft: Wir produzieren für uns, aber wir verkaufen an alle. Hinter den Kulissen herrscht jedoch massiver Druck. Während Milliarden in die Montage von Luxusstromern investiert werden, soll Ceer den Mainstream-Premiummarkt erobern. Und das ist ein gefährlicher Balanceakt. Kann ein Land ohne industrielle Tradition gegen Giganten aus China und den USA wirklich bestehen?
Die Wette gegen die Ölabhängigkeit
Fakt ist, dass die technischen Hürden gross sind. Batterien sind nicht gemacht für die Wüstenhitze von 50 Grad. Und während Hersteller wie BYD regelmässig neue Modelle ausspucken, ist die Verschiebung des Marktstarts des ersten Modells von Ceer auf 2026 ein erstes Warnsignal. Man hat lernen müssen, dass Softwareintegration kein Produkt ist, das man kauft; es ist ein Prozess, den man mit Geld allein eben nicht beschleunigen kann. Dennoch soll die Fabrik in der Kaec bis 2030 jährlich 150'000 Einheiten ausspucken – ein mörderisches Tempo für einen Neueinsteiger. Am Ende ist Ceer die Versicherungspolice des Königreichs für die Ära nach dem Öl. Oder vielleicht doch einfach eine kühne Wette eines Kronprinzen gegen die Endlichkeit des schwarzen Goldes. Ob sie aufgeht, entscheidet sich nicht in den Designerstudios von Riad, sondern an den Ladesäulen in Berlin, London und Dubai. Fazit: Wenn der Plan scheitert, bleibt Ceer als eines der teuersten Denkmäler der Industriegeschichte im Wüstensand stehen.