Emotionale Sache: ยซHier haben meine Eltern geheiratetยป: Jan Schoch in seinem Gasthaus Bรคren in Gonten bei Appenzell, wo er Millionen in den Umbau investierte. Jรผrg Waldmeier
Stolz klopft er an die Holzdecke รผber seinem Kopf: ยซ1601 gebaut und immer noch die Originalbalken von damals.ยป Es gebe eben noch Bestรคndigkeit: ยซDas hรคlt gut nochmals 500 Jahre.ยป Das Traditionsgasthaus Bรคren in Gonten bei Appenzell, in dem wir uns zum Gesprรคch treffen, gehรถrt ihm. Eingestiegen ist er 2014, zu einer Zeit, als er noch auf einer Welle des Erfolgs schwamm. ยซEine emotionale Sacheยป, sagt er, ยซmeine Eltern haben hier geheiratet.ยป Mehrere Millionen investierte er in Umbau und Renovation. Der ยซBรคrenยป ist ihm geblieben. Immerhin.
Viel hat er verloren: Verkauft sein Paket von Aktien am einstigen Bรถrsenhighflyer Leonteq, der Derivatefirma, die er 2007 erst 29-jรคhrig mit drei Freunden gegrรผndet hatte. Verloren den Job als CEO des Unternehmens, dabei schnรถde fallengelassen von seinen Mitgrรผndern. Weggeschmolzen die Dutzende von Millionen Franken, die er parallel zu seiner Leonteq-Tรคtigkeit als Privatinvestor in seine zweite Grรผndung, die Fintech-Bank Flynt, gepumpt hatte.
Vorbei die schรถne Zeit im Rampenlicht als allseits hofierter Vorzeigemanager, der 2013 gar den Preis von Ernst & Young als ยซUnternehmer des Jahresยป entgegennehmen durfte. Zerbrochen die Ehe mit seiner langjรคhrigen Partnerin und Mutter seiner vier Kinder. Verschwunden viele der Schulterklopfer der erfolgreichen Jahre.
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Heimat: Gasthaus Bรคren im Appenzellerland.Jรผrg Waldmeier
Heimat: Gasthaus Bรคren im Appenzellerland.Jรผrg Waldmeier
Dem Jubel der goldenen Zeit bis 2017 folgten Spott und Hรคme in der spรคteren Krise. Es wurde in der Presse eifrig draufgehauen auf den ยซIkarusยป der Finanzbranche, den Mann, der so schnell aufgestiegen war, dann aber abgehoben und sich mit seinen mannigfachen Aktivitรคten verzettelt hatte โ und zum grossen Teil verspielte, was er gewonnen hatte.
Nach seinem Rausschmiss als CEO bei Leonteq am 6.โOktober 2017 tauchte er lange ab. In den Zรผrcher Finanzkreisen sah man ihn nicht mehr, er zog sich zurรผck ins heimatliche Appenzell, die Gegend, wo er aufgewachsen ist und fรผr die bis heute sein Herz schlรคgt. ยซDas sind bodenstรคndige und nรผchterne Menschen hierยป, sagt er, ยซsie jubeln einen nicht gleich hoch, lassen einen aber in schwierigen Zeiten auch nicht hรคngen.ยป
Aus dem Scheinwerferlicht
Dann โ rund ein Jahr nach dem Abgang โ kam der erste Schritt zurรผck in die breite รffentlichkeit: Im vergangenen November trat er in Zรผrich an einem Podiumsgesprรคch der HSG-Alumni-Vereinigung auf, des Netzwerks ehemaliger Studenten der Hochschule St.โGallen, an der auch er studiert hatte. Das Thema lautete: ยซAus dem Scheinwerferlicht โ das Leben danachยป.
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Neben Schoch auf dem Podium: die ehemalige Eiskunstlรคuferin Denise Biellmann, der Sรคnger Ritschi und die Aargauer Stรคnderรคtin Pascale Bruderer. Sie alle berichteten freizรผgig รผber Hรถhen und Tiefen ihrer Karrieren, รผber das Loslassen und wie ihr Leben nach der (ersten) Karriere weiterging. Das Publikum durfte auch einen entspannten Jan Schoch erleben, der unverkrampft mitdiskutierte.
ยซDas sind bodenstรคndige und nรผchterne Menschen hier โย sie lassen einen in schwierigen Zeiten nicht hรคngenยป: Schoch รผber seinen Rรผckzug ins Appenzellerland.Jรผrg Waldmeier
ยซDas sind bodenstรคndige und nรผchterne Menschen hier โย sie lassen einen in schwierigen Zeiten nicht hรคngenยป: Schoch รผber seinen Rรผckzug ins Appenzellerland.Jรผrg Waldmeier
Manch ein Manager hat vergleichbare Anlรคsse genutzt, um erste zaghafte Schritte zurรผck ins Scheinwerferlicht zu machen, der im Januar 2012 als Nationalbank-Prรคsident zum Rรผcktritt gezwungene Philipp Hildebrand etwa mit seinem Auftritt am Swiss Economic Forum (SEF) von Juni 2012 (siehe Box auf Seite 57). War der Auftritt auf dem HSG-Alumni-Podium auch fรผr Schoch ein solch bewusst gewรคhlter erster Schritt zurรผck? ยซNeinยป, sagt er schmunzelnd, ยซich bin auch nicht gezielt abgetaucht. Es hatte mich bis dahin einfach niemand gefragt.ยป
Was hat er gemacht in den letzten eineinhalb Jahren?
ยซViel Zeit mit meinen Kindern verbrachtยป, sagt er. Er hat drei Sรถhne und eine Tochter im Alter von vier bis fรผnfzehn Jahren. Umgezogen ist er in eine schlichte Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung, nur wenige hundert Meter von der ehemals gemeinsam bewohnten Villa entfernt, die er kurz vor der Scheidung an seine Frau รผbertragen hat. Er habe viel Zeit mit Nachdenken und Reflektieren verbracht.
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Am Anfang sei er zudem stark damit beschรคftigt gewesen, seine Aktivitรคten aufzurรคumen. Finanzielle Verpflichtungen gab es einige, etwa den Kredit der Raiffeisenbank, laut Quellen aus dem Umfeld der Bank mit einer Linie bis zu 50 Millionen Franken. Mindestens 20 Millionen davon soll er gebraucht haben, vor allem fรผr Nachschรผsse in seine Bank Flynt, die sich als Fass ohne Boden erwies. Zu den Zahlen nimmt er keine Stellung. Nur so viel: ยซIch habe heute keine Kredite mehr. Weder privat noch geschรคftlich.ยป
Etwas Geld sollte auch noch in der Kasse sein. Rund 64 Millionen Franken lรถste er aus dem Verkauf seiner 6,6 Prozent an Leonteq, mit dem er sich nach seinem erzwungenen Abgang als CEO auch finanziell vom Unternehmen trennte. Sein Paket war allerdings schon mehr wert: Auf dem Hรถhepunkt des Kursfeuerwerks im Sommer 2015 stand es mit rund 250 Millionen Franken zu Buche. Doch dann kamen allerlei Probleme: Die Kosten liefen aus dem Ruder, ein Bankpartner sprang ab, dazu kam ein Finma-Busse โ der Kurs stรผrzte ab. Und mit ihm zuletzt auch CEO Schoch.
Nicht nur finanziell, auch unternehmerisch sieht er Leonteq unter dem Strich allerdings positiv. ยซIch bin stolz, eine Firma gegrรผndet zu haben, die es heute noch gibt und die fast 500 Mitarbeiter beschรคftigt. Mit vielen von ihnen bin ich immer noch im Herzen verbunden.ยป Man spรผrt aber: Es gibt ihm zu beissen, dass die Sache so ausgegangen ist. ยซMan beschwรถrt in der Schweiz ja gerne den unternehmerischen Spirit amerikanischer Machart. Doch in der Realitรคt ist Scheitern in diesem Land immer noch eher negativ behaftet. Die Aufbauleistung geht schnell vergessen.ยป
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Das gelte auch fรผr Flynt. Er habe etwas gewagt, es sei dann halt nicht wie gewollt herauskommen, meint er und รผbt auch Selbstkritik: ยซZwei so intensive Aktivitรคten nebeneinander zu machen, war rรผckblickend sicher nicht zielfรผhrend.ยป
Finanziell hat Schoch mit Flynt einen tรผchtigen Schuh rausgezogen.
Der Grรผndungsinvestition von 20 Millionen Franken fรผr den Bau der ยซersten Internetbank fรผr Superreicheยป und den spรคter nachgeschossenen geschรคtzten 20 Millionen stehen auf der Haben-Seite nur die wenigen Millionen gegenรผber, die er fรผr den Verkauf der zuletzt quasi zur reinen IT-Bude zurรผckgestutzten Firma an eine Gruppe von Kunden der ersten Stunde bekam.
Nach dem Aufrรคumen
Doch verzettelt hat er seine Arbeitskraft nicht nur fรผr Leonteq und Flynt; gleichzeitig fรผhlte sich Schoch in jenen Jahren auch bemรผssigt, sich als Immobilieninvestor zu betรคtigen, was der Verwaltungsrat von Leonteq ebenfalls nicht eben gerne sah.
Aus seinen Immobiliengeschรคften ist er laut eigenen Angaben allerdings gut herausgekommen: Alle 21 Wohnungen in seinen drei Mehrfamilienhรคusern seien verkauft. Heute bรผndelt er seine Aktivitรคten in einer privaten Gesellschaft namens Valastone. Darin ist nebst dem Gasthof Bรคren auch Landbesitz eingebracht. Ein beachtlicher Teil dessen, was an Vermรถgen blieb, dรผrfte allerdings im Rahmen der Scheidung an seine Frau geflossen sein, die Anfang 2017 stattfand, als seine finanzielle Situation noch einiges rosiger aussah als zuletzt. Einige Millionen, vor allem in Form von Assets wie dem ยซBรคrenยป, dรผrften ihm schรคtzungsweise aber geblieben sein.
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Leonteq-Grรผnder: Weit verzweigt
Mit Lukas Ruflin, Michael Hartweg, Sandro Dorigo und Jan Schoch fanden 2007 vier Freunde zusammen, um die Derivatefirma Leonteq zu grรผnden. Schoch arbeitete bei Goldman Sachs, Hartweg war sein Vorgesetzter; Sandro Dorigo lernte er danach bei Lehman Brothers kennen. Ruflin war stellvertretender Finanzchef von EFG International, wollte Schoch eigentlich zu seiner Firma holen. Dieser schlug stattdessen vor, ein Unternehmen zu grรผnden: Es wurde mit Handschlag besiegelt.
Heute hat sich die Gruppe weitgehend aufgelรถst. Im August 2015 verliess Hartweg das Unternehmen, im November wurden seine 3,75 Prozent รผber Grossaktionรคr Raiffeisen im Markt platziert. Er lรถste รผber 100 Millionen Franken: Mit rund 160 Franken war der Kurs fast viermal so hoch wie derzeit. Heute engagiert sich Hartweg stark fรผr den Biathlonsport in der Schweiz, unter anderem als Grรผnder und Geldgeber der Biathlon Arena Lenzerheide. Daneben betรคtigt er sich als Start-up-Investor im Bereich Fintech, etwa bei der in der digitalen Vermรถgensverwaltung tรคtigen Evolute.
Ruflin und Dorigo sind noch bei Leonteq, allerdings in sehr unterschiedlichen Rollen. Im Mai 2018 zum CEO gewรคhlt, ist Ruflin heute Nachfolger von Schoch als Dreh- und Angelpunkt der Firma. Sandro Dorigo ist nicht Mitglied der Konzernleitung โ als Head Business Development und Chairman Asia ist er in Singapur stationiert. Ruflin hรคlt 8,15 Prozent der Aktien, Dorigo 2,45 Prozent.
Lukas RuflinzVg
Lukas RuflinzVg
Michael HartwegzVg
Michael HartwegzVg
Sandro DorigozVg
Sandro DorigozVg
Nach dem Aufrรคumen stehe nun die nรคchste Stufe an: sich unternehmerisch neu zu orientieren. Konkrete Plรคne hat er noch nicht, es werde wohl aber wieder in der Finanzindustrie sein. Er wolle aber nicht wieder ein halbes Dutzend Dinge anreissen, sondern sich auf eine Sache konzentrieren. Kann er sich auch eine Rolle in der Leitung eines bestehenden Unternehmens vorstellen? Wurden Headhunter gar bei ihm vorstellig?
Ja, das habe es gegeben. Er รผberlege sich als Alternative so einen Weg. Bis jetzt sei es nicht in Frage gekommen, in Zukunft eventuell schon. Offen rรคumt er ein: ยซMir ist schon bewusst, dass ich noch stark mit negativen Bildern belastet bin.ยป Man dรผrfe sich keine Illusionen machen: Durchlebte Krisen auch als wertvolle unternehmerische Erfahrung zu betrachten, wie dies in den USA wie selbstverstรคndlich der Fall sei, erfordere eine ganz andere Sicht auf Managementanforderungen, als sie in der Schweiz รผblich seien.
Wie stark sich viele Leute von ihm abgewendet hรคtten, sei schon eine ยซernรผchternde und enttรคuschende Erfahrungยป gewesen. Man glaube ja gerne, dass es mit dem Interesse an der Person zu tun habe, wenn man mit Menschen zu tun habe. Doch das gelte vielleicht fรผr zehn Prozent der Kontakte โ die grosse Mehrheit basiere auf der Funktion: ยซIst die schรถne Visitenkarte mit dem Titel CEO weg, schwindet das Interesse rasant.ยป
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Nicht alleine
Mit solchen Erfahrungen steht Schoch allerdings nicht alleine da: Legendรคr ist die Episode, die der ehemalige Swissair-Chef Otto Loepfe vor vielen Jahren einmal an einem Essen mit Journalisten erzรคhlte. Nach seinem Abgang als Swissair-Chef habe sich seine Frau gewundert, warum sie plรถtzlich keine Einladungen zu Vernissagen oder einer Konzerterรถffnung mehr bekamen: ยซMeine Frau glaubte all die Zeit, wir wรผrden eingeladen, weil wir so nette Menschen sindยป, so Loepfe.
Auch Schoch weiss derlei zu berichten. Als Beispiel nennt er die Global FinTech Association, die er mitgegrรผndet hat. Nach seinem Ausscheiden bei Leonteq habe es aus diesem Umfeld plรถtzlich kaum mehr Interesse gegeben, sich mit ihm auszutauschen, wรคhrend die Leute vorher Schlange gestanden seien fรผr ein Meeting. ยซRรผckblickend ging es da wohl in erster Linie darum, รผber die Global FinTech Association mit dem CEO von Leonteq in Kontakt zu treten.ยป Schoch erzรคhlt dies ohne Groll, es seien zwar ernรผchternde Erfahrungen, es sei wohl aber so.
Emotionaler wird er, wenn er auf seine Mitgrรผnder angesprochen wird: ยซDa gab es fรผr mich schon auch tiefe menschliche Enttรคuschungen.ยป Mit seinen Weggefรคhrten der ersten Stunde, Lukas Ruflin, Michael Hartweg und Sandro Dorigo (siehe Box auf Seite 55), jenen drei einst engen Freunden, mit denen er Leonteq 2007 aus dem Nichts aufgebaut hatte, hat er heute keinen Kontakt mehr. ยซWir sind nicht verfeindet, aber schon sehr distanziert.ยป
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Einstimmiger Rauswurf
Vor allem Mitgrรผnder Lukas Ruflin kam bei der Auswechslung von Schoch eine tragende Rolle zu. Ruflin, heute selber CEO von Leonteq und damit Nachfolger in der operativen Chefrolle, war lange im Verwaltungsrat, als Vizeprรคsident und Vertreter der Grรผndungsaktionรคre. Und damit in entscheidender Rolle in jenem Gremium, das die Oberaufsicht รผber das Management innehat. Prรคsident des Verwaltungsrats war seit 2016 der langjรคhrige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz, heute wegen umstrittener Firmenverkรคufe in seiner Zeit bei Raiffeisen unter Anklage der Justiz.
Am Abend des 5.โOktober 2017, einem Donnerstag, traf sich der Leonteq-VR zu einer Sitzung. Und beschloss den Rauswurf von Schoch. Einstimmig: Auch Ruflin hatte dafรผr die Hand gehoben. Leonteq ging damals durch eine schwierige Phase, die Ertrรคge stockten, die Kosten waren explodiert, die von Schoch versprochene Ausweitung des Geschรคfts durch neue Bankpartner kam nicht vom Fleck. Dazu kamen die vielfรคltigen Nebenaktivitรคten von Schoch, von Flynt รผber die Immobilien bis hin zum Gastronomiegeschรคft mit dem ยซBรคrenยป, welche die Frage aufwarfen, ob der CEO sich auch genug auf seine Kernaufgabe konzentriere.
Ende Juli 2017 hatte die Schweizer Bรถrse SIX zudem eine Managementtransaktion gemeldet โ 70โ690 Leonteq-Namenaktien im Wert von 4,1 Millionen Franken waren von ยซeinem Exekutiven Verwaltungsratsmitgliedโ/โMitglied der Geschรคftsleitungยป verkauft worden. Das erwรคhnte GL-Mitglied war Schoch, wie der VR spรคter erfahren sollte. Dies war aus zwei Grรผnden problematisch.
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Erstens wird der Verkauf eigener Aktien als illoyal gewertet, vor allem auch, weil Schoch der Belegschaft sonst gerne gepredigt hatte, das Commitment zur Firma auch mit eigenen Aktien zu beweisen. Zweitens kam dem VR zu Ohren, dass Schoch das Geld brauchte, um es bei Flynt einzuschiessen. Schon mehrmals hatte der Verwaltungsrat seinen CEO wegen dessen zeitlicher und finanzieller Verzettelung kritisiert und ausdrรผcklich zur Rede gestellt. Einmal mehr zeigte sich mit diesem Deal aber: Schoch scherte sich einen Deut darum.
Hier kommt eine Schwรคche Schochs zutage, die in vielen Leuten in seinem Umfeld aufgefallen ist: Er lรคsst sich nicht gerne etwas sagen, von nichts und niemandem. Dies habe bereits in der Vergangenheit zu Diskussionen gefรผhrt, heisst es auch aus dem Kreis der Mitgrรผnder. Nach und nach sollen sich so alle drei Gefรคhrten der ersten Stunde von ihm abgewandt haben. Der Erste, mit dem es krachte, war Michael Hartweg. Im August 2015 gab er bekannt, aussteigen und seine Aktien verkaufen zu wollen. Er soll mit der eigenmรคchtigen Art von Schoch nicht zurechtgekommen sein, heisst es in der Firma. Mitgrรผnder Sandro Dorigo wรคhlte eine andere Lรถsung: Er zog sich auf einen Posten in Singapur zurรผck, weit weg von Schoch.
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Krisenbewรคltiger: Jan Schoch an einem Podiumsgesprรคch der HSG-Alumni in Zรผrich โย mit Pascale Bruderer, Peter Zehnder, Denise Biellmann und der Msiker Ritschi (v.l.).RMS
Krisenbewรคltiger: Jan Schoch an einem Podiumsgesprรคch der HSG-Alumni in Zรผrich โย mit Pascale Bruderer, Peter Zehnder, Denise Biellmann und der Msiker Ritschi (v.l.).RMS
Rรคnkespiele
Ruflin hรคlt vergleichsweise lange zu Schoch, doch dann beginnt er hinter dessen Rรผcken Rรคnkespiele. Schon 2016 unterstรผtzt er die von Prรคsident Vincenz eingeleiteten Plรคne, einen neuen CEO zu suchen. Der Verwaltungsrat fragt konkrete Kandidaten fรผr den Job an. Mit wenig Erfolg: Gute Kandidaten wittern den Braten und wollen sich nicht in die fragilen Machtstrukturen bei Leonteq einbringen. Schoch fรผhlt sich vom Vincenz und Ruflin verraten: Statt in der Krise ein Sparringspartner fรผr den CEO zu sein, wisse das Gremium nichts Besseres, als einen Diskurs รผber die Fรผhrung loszutreten, macht er seinen Groll gegenรผber Vertrauten kund.
ยซEs war ein Machtkampfยป, sagt er heute. Viele der Vorwรผrfe habe er als vorgeschoben empfunden: ยซWenn es das nicht gewesen wรคre, wรคre es etwas anderes gewesen.ยป Vor allem weil zum Zeitpunkt seiner Umsetzung der Turnaround aufgegleist gewesen sei, die Gewinne wieder zugenommen hรคtten und der Kurs wieder angestiegen sei. Besonders trifft ihn seine Entmachtung, weil er sich selber als Kernfigur der Grรผndung sieht: Er habe die vier Freunde, die in verschiedenen Funktionen bei anderen Finanzunternehmen tรคtig waren, zusammengebracht.
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Einen Franken habe der Nominalwert der Aktien der damals noch privaten Firma betragen. (Heute steht der Kurs bei rund 42 Franken.) Alle hรคtten vom Aufbau finanziell profitiert. Auffallend ist: Am Schluss hat Ruflin als Vertreter der Grรผndungsaktionรคre im VR die Interessen von Mitgrรผnder Schoch jedenfalls nicht mehr wahrgenommen: Es ergab sich die absurde Situation, dass Ruflin als gewรคhlter Vertreter von Schochs Aktien schlussendlich gegen ihn stimmte.
Manche Leute hรคtten ihn nach seinem Abgang gefragt, ob er es generell fรผr falsch halte, mit Freunden eine Firma zu grรผnden, erzรคhlt er. Er glaube aber nach wie vor an so etwas. Wenn man mit Freunden unternehmerisch tรคtig werde, kรถnne man sehr offen reden, das mache vieles einfacher, gerade in der Anfangsphase. Gelernt habe er aber aus der Sache, dass man stets auch darauf achten mรผsse, ob die Leute im Verlauf der Zeit mit ihrer jeweiligen Rolle unzufrieden wรผrden. ยซDa hรคtte ich frรผher auf Signale achten sollen.ยป
Zaghaft zurรผck unter die Leute
Nach einer Krise tauchen viele Manager vรถllig ab. Viele fรผrchten den Auftritt in der รffentlichkeit, geprรคgt von der Kritik, die bei ihrem Absturz auf sie eingeprasselt ist. So war es auch beim ehemaligen Nationalbank-Prรคsidenten Philipp Hildebrand, der im Januar 2012 sein Amt rรคumen musste: Devisengeschรคfte seiner Gattin Kashya hatten ihn in ein schlechtes Licht gerรผckt. Der verunsicherte Hildebrand scheute sich, wieder in der รffentlichkeit Prรคsenz zu zeigen. Doch zwei enge Freunde, Stefan Linder und Peter Stรคhli, Grรผnder des Swiss Economic Forums (SEF), konnten ihn รผberzeugen, den Schritt zu wagen. So trat der Ex-Nationalbanker im Juni 2012 am SEF als รberraschungsgast auf โ und wurde mit wuchtigem Applaus empfangen. Es soll fรผr ihn wie eine Art Befreiung gewesen sein, berichten Vertraute.
Schoch wรคhlte fรผr seinen ersten grรถsseren Auftritt eine รถffentliche Podiumsdiskussion, organisiert von den HSG- Alumni, der Vereinigung ehemaliger Studierender der Universitรคt St.โGallen. Fรผr Bea Tschanz, ehemalige Pressechefin der Swissair und Kommunikationsexpertin, eine geschickte Wahl: ยซSich an einem Sachforum zu prรคsentieren, ist ein sanfter Weg zurรผck in die รffentlichkeit.ยป Ob die Sache langfristig klappt, hรคnge stark vom Einzelfall ab: ยซIst ein Manager zusรคtzlich auch in den Fokus der Justiz geraten, wie etwa Pierin Vincenz, dรผrfte es schwierig werden.ยปlange angst vor dem auftritt Philipp Hildebrand hat als รberraschungsgast 2012 am Swiss Economic Forum den Schritt in die รffentlichkeit gewagt โ eine Art Befreiung.
Lange Angst vor dem Auftritt: Philipp Hildebrand hat als รberraschungsgast 2012 am Swiss Economic Forum den Schritt in Richtung รffentlichkeit gewagt โ eine Art Befreiung.Marcel Bieri
Lange Angst vor dem Auftritt: Philipp Hildebrand hat als รberraschungsgast 2012 am Swiss Economic Forum den Schritt in Richtung รffentlichkeit gewagt โ eine Art Befreiung.Marcel Bieri
Vorteil des neuen Lebens
Mit dem Aufgleisen neuer unternehmerischer Tรคtigkeiten wolle er sich diesmal so lange Zeit lassen, bis ihn die Sache wirklich รผberzeugt. ยซIch war frรผher vielleicht manchmal etwas ungestรผm.ยป
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Vorteil seines neuen Lebens sei, dass er weiter viel Zeit mit seinen Kids verbringen kรถnne. Eine neue Partnerin habe er nicht, sagt er, die Trennung von seiner Frau sei vor dem Hintergrund eines Familienkonflikts zu sehen. Weiter stark engagiert sei er auch als Prรคsident der Schweizer PKU-Interessengemeinschaft. Zwei seiner vier Kinder leiden an der angeborenen Stoffwechselerkrankung PKU (Phenylketonurie), die bei falscher Ernรคhrung zu kรถrperlichen und geistigen Schรคden fรผhren kann.
Generell glaube er, dass er durch die Erfahrungen der letzten Jahre auch einen verstรคrkten Reifungsprozess durchgemacht habe. Als ungestรผmen Jungspund sieht sich der 41-Jรคhrige trotz seines immer noch sehr jugendlichen Aussehens nicht mehr. ยซIch trage jetzt sogar eine Gleitsichtbrilleยป, sagt er, ยซich dachte immer, so etwas kommt erst mit 50.ยป