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Grafik der Woche

I scream, you scream, we all scream for ice cream

Die Schweiz ist keine Glace-Nation, die USA schlecken 24 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Alles, was es sonst noch zur Glace-Saison zu wissen gibt.

Peter Rohner

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Endlich Sommer, endlich Glace-Zeit! Was viele nicht wissen: Statistisch gesehen gibt es keinen klaren Zusammenhang zwischen Temperaturen und Glace-Konsum, und kaum eine Nation schleckt so wenig Eis wie die Schweiz. Ausserdem wird der globale Speiseeismarkt trotz der Vielzahl an Marken von ein paar Grossen dominiert, bei denen sich gerade neue BesitzverhΓ€ltnisse anbahnen.
Laut Daten der Statistikplattform Statista wird in Europa nirgends weniger Glace pro Kopf verkauft als hierzulande. 2020 waren es gerade mal 2 Kilo. Zum Vergleich: Pro Jahr und pro Person werden 11 Kilo Schokolade verspeist – und 23 Kilo KΓ€se.

Die grΓΆssten SchleckmΓ€uler Europas sind die Belgierinnen und Belgier. Dort werden pro Jahr 16 Kilo Speiseeis pro Kopf verkauft. International wird Belgien nur von Neuseeland und den USA ΓΌbertroffen, wo schΓ€tzungsweise 24 und 17 Kilo Glace pro Person verputzt werden.
Auf Platz zwei in Europa ist Portugal. Dann folgen Polen, Irland und Schweden – alles nΓΆrdlich der Schweiz gelegene LΓ€nder mit relativ tiefen Durchschnittstemperaturen.

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AuffΓ€llig wenig Glace wird im Gelato-Land Italien verkauft. Das dΓΌrfte auch damit zusammenhΓ€ngen, dass die Zahlen von Statista nur die industriell hergestellten Markenprodukte umfassen, nicht aber die Eigenproduktion der 40’000 Eisdielen.

Schweizer Konsum wird unterschΓ€tzt

Auch fΓΌr die Schweiz scheinen die ausgewiesenen Daten zu tief, weil die Eigenmarken der Grossverteiler nicht berΓΌcksichtigt sind.
GemΓ€ss dem Verband der Schweizer Glaceproduzenten Glacesuisse verkauften die Mitglieder 2023 45,7 Millionen Liter industriell hergestelltes Speiseeis, macht rund 5 Liter pro Person. Glacesuisse schΓ€tzt den Gesamtmarkt gar auf 57 Millionen Liter. Damit wΓ€re der Schweizer Glacekonsum schon sehr nahe am europΓ€ischen Durchschnitt von 7 Liter pro Kopf.
Dass an einem heissen Sommertag in der Badi die Lust auf eine Glace grΓΆsser ist als auf der Skipiste im Januar, liegt auf der Hand. Doch ein mildes Jahr bedeutet nicht automatisch auch mehr Umsatz. 2023 war bekanntlich das zweitwΓ€rmste Jahr seit Messbeginn, der Glace-Absatz war aber ΓΌber weite Strecken tiefer als im Vorjahr. Erst im letzten Quartal wurde ein Zuwachs verzeichnet, notabene dann, als die Temperaturen zurΓΌckgingen. Β«Das beweist einmal mehr, dass (zu) heisse Temperaturen dem Glacekonsum nicht in jedem Fall zutrΓ€glich sindΒ», schreibt Glacesuisse.

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Wird Frisco bald arabisch?

Wenn Hitze ein entscheidender Faktor wΓ€re, dann mΓΌssten die Golfstaaten besonders eifrige Glace-Konsumenten sein. Doch diese interessieren sich eher fΓΌr das GeschΓ€ft dahinter.
So berichtete die Nachrichtagentur Bloomberg diese Woche, dass der Staatsfonds des Emirats Abu Dhabi mindestens eine Milliarde Euro in das Glace-Joint-Venture Froneri investieren will. Froneri, das bekannte Marken wie Frisco, SchΓΆller, MΓΆvenpick oder in den USA HΓ€agen-Dazs produziert, gehΓΆrt zu 50 Prozent NestlΓ© und der franzΓΆsischen Investmentgesellschaft PAI Partners. Anfang Jahr war durchgesickert, dass PAI mit einem Verkauf seiner Beteiligung liebΓ€ugelt.
Der Einstieg der Abu Dhabi Investment Authority, wie der Staatsfond heisst, wΓΌrde PAI helfen, seine Froneri-Beteiligung lΓ€nger zu halten, und kΓΆnnte das Unternehmen mit 10 Milliarden Dollar oder mehr bewerten, heisst es weiter im Bericht von Bloomberg.
Froneris grΓΆsster Konkurrent ist Unilever. Der niederlΓ€ndische Konzern aber mΓΆchte seine Glace-Sparte mit den bekannte Marken Magnum, Ben&Jerries oder Cornetto loswerden oder abspalten und an die BΓΆrse bringen.
Als mΓΆgliche KΓ€ufer werden die Investmentgesellschaften CVC Capital Partners, Advent International und Blackstone herumgereicht. Rund 20 Milliarden Dollar kΓΆnnte ihnen das Glace-Business von Unilever wert sein.

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Über die Autoren
Peter Rohner
Peter Rohner
ist ChefΓΆkonom der Handelszeitung.

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