Das Image brillant: der Visionรคr, der sich nicht stoppen lรคsst. Die Auftritte perfekt: minutiรถs durchgeplant, dutzendfach geprobt, begeisternd. Die Kleidung unverkennbar: Blue Jeans, schwarzer Turtleneck, Sneakers. Der Mann positionierte sich selbst hervorragend โ und verlieh damit der Firma, die er vertrat, noch mehr Glanz, als sie ohnehin schon hatte. Apple-Grรผnder Steve Jobs war auch als Person die perfekte Marke.
Der Chef als Marke gewinnt an Bedeutung. Im Unterschied zur klassischen PR fรผr einen Manager geht man beim CEO-Branding von den Werten der Unternehmensmarke aus und baut darauf das Image des Chefs auf: ยซWichtig ist, dass er die Botschaften der Firmenmarke verstรคrktยป, sagt Renรฉ Allemann, Chef der Markenagentur Branders. Steigt der persรถnliche Reputationswert des Managers um 10 Prozent, erhรถht sich der Bรถrsenwert des Unternehmens um 24 Prozent, fand die PR-Agentur Burson-Marsteller heraus. Der Mensch orientiert sich halt am liebsten am Menschen.
Entscheidend ist, dass die kommunzierten Werte glaubwรผrdig sind und zu Chef und Firma passen. Wie bei Richard Branson: Der Virgin-Grรผnder positioniert sich als unkonventionell, aufregend und abenteuerlustig. Dieses Image strahlt stark positiv auf seine Virgin-Markenfamilie aus, in der sich unter anderem Reisebรผros, Mobilfunkunternehmen und Radiosender befinden. Virgin Air etwa gilt als junge, freche Alternative zur betulichen British Airways, das Raumfahrtunternehmen Virgin Galactic als die Krรถnung des Abenteurertums. ยซCEO-Branding at its bestยป, sagt Allemann.
Chefs als Popstars. Neu ist das Thema nicht. Als erster Chef wurde Jack Welch zur Marke, CEO von General Electric von 1981 bis 2001. Seiner Durchsetzungskraft wegen nannte man ihn ยซNeutron Jackยป, angelehnt an die Neutronenbombe, die Gebรคude und Maschinen unversehrt lรคsst, Menschen jedoch auslรถscht โ eine Markenpositionierung, mit der heute kein Staat mehr zu machen wรคre. In den frรผhen neunziger Jahren war Percy Barnevik der erste Popstar unter den Schweizer Managern. Er galt als Baumeister von ABB und lebte vor, was eine Marke damals anstrebte: Modernitรคt, Tempo und Globalitรคt. Sein Beispiel zeigt aber auch, dass die Marke einer Person ebenso schnell zerstรถrt ist wie die eines Produkts, wenn etwas falsch lรคuft.
Heute ist das Thema Chef-Branding wichtiger denn je: ยซGerade in Zeiten der Unsicherheit sehnen sich die Kunden und Mitarbeiter nach einer Fรผhrungsperson, die starke Werte verkรถrpertยป, sagt Headhunter Guido Schilling. Doch weil ein CEO heute im Schnitt nur noch vier Jahre im Amt bleibt, wird es immer schwieriger, ihn als glaubwรผrdige Marke aufzubauen. Bei Familienunternehmen ist das anders. Hier steht oft eine Geschichte hinter Firmen und Personen, die sich gut als Marke aufbauen lรคsst. Paradebeispiel ist Nicolas G. Hayek. Der verstorbene Grรผnder der Swatch Group stand von A bis Z fรผr eine Haltung, glaubwรผrdig, differenzierend, geschickt positioniert als Retter einer ganzen Industrie und als Verteidiger des Werkplatzes Schweiz. Mit seinen Produkten wurde er stark identifiziert โ auch deshalb, weil er bis zu sechs Uhren gleichzeitig am Handgelenk trug. Und: Hayek sr. war kein einfacher Mensch. ยซEcken und Kanten helfen bei der Positionierung, weil sie differenzierenยป, sagt Allemann. Das hat auch Nick Hayek jr. erkannt. Er fรผhrt die Marke weiter โ zunรคchst eigenstรคndig als Pirat positioniert, im Lauf der Zeit aber seinem Vater immer รคhnlicher. Nicht nur die Fรผhrungs-, sondern auch die Markenรผbergabe ist den Hayeks gelungen. Keine Selbstverstรคndlichkeit: ยซWenn ein Chef 100 Prozent mit seiner Firma identifiziert wird, bekommt die Firma spรคtestens am Tag der Pensionierung ein Problemยป, sagt PR-Berater Aloys Hirzel.
Inzwischen haben nicht nur Milliardenkonzerne erkannt, wie wichtig eine Marke auf dem Chefsessel ist. Beispiel Reiner Pichler: Der CEO der Holy Group in Kreuzlingen TG verkรถrpert seinen Brand Strellson perfekt. Pichler, der selber als Model durchgehen kรถnnte, tritt stets gut gekleidet in den eigenen Produkten auf. Stilvoll, aber nicht eitel, dynamisch, aber nicht aufgeregt. Hรคufig ist das Aussehen Teil des Markenbilds: Beim langjรคhrigen Orange-Chef Andreas Wetter verkรถrpert der leuchtend orange Bart Name und Corporate Identity seines Arbeitgebers perfekt. Fiat-Chef Sergio Marchionne macht sich einen Spass daraus, seine Kompetenz als Sanierer durch lรคssiges Outfit zu kontrastieren; sein Auftritt hat einen รคhnlichen Wiedererkennungswert wie bei Steve Jobs.
Rare Frauen. Frauen ist es erst selten gelungen, ein mit der Firma symbiotisches Markenbild aufzubauen. Anna Wintour verkรถrpert ยซVogueยป in extremer Weise, doch ihre Markenwerte (abgehoben, diktatorisch, aufbrausend), auch im Film ยซDer Teufel trรคgt Pradaยป thematisiert, sind wenig schmeichelhaft und passen kaum zur Modezeitschrift. Problematisch ist es, wenn die Marke des CEO zu stark wird. Etwa bei Jean-Claude Biver. Der erfolgreiche Lenker von Hublot รผberstrahlt mit seiner Selbstdarstellung die Uhrenfirma, die er reprรคsentiert. Gefรคhrlich, wie The Body Shop zeigt: Nach dem Weggang von Grรผnderin Anita Roddick wurde die einst klar positionierte Kosmetikfirma zur anonymen Kette.
ยซNicht jede Firma braucht zu jedem Zeitpunkt einen Marken-CEOยป, sagt Headhunter Bjรธrn Johansson. ยซAb und zu braucht man einen stillen Schaffer.ยป Aber wenn, dann sollte man Chefbranding richtig machen. So mรผssen die vom Chef und von der Firma verkรถrperten Werte deckungsgleich sein. ยซNur dann kรถnnen sich die beiden Marken gegenseitig verstรคrkenยป, sagt Allemann. Der langjรคhrige Nestlรฉ-CEO und heutige VR-Prรคsident Peter Brabeck engagiert sich seit Jahren so stark fรผr das Thema Wasser, dass er als Person heute automatisch damit in Verbindung gebracht wird. Das Themenspektrum von Nestlรฉ wรคre sehr viel grรถsser โ hier liegt viel Potenzial brach. Falls Brabeck auf seine alten Tage noch die Firma wechselt, wรผrde er sein Kernthema mitnehmen; ob es am neuen Ort auch passt, ist dann aber eine andere Frage. Wer sich zu eng brandet, schrรคnkt seine Weitervermittelbarkeit ein.
Wenn Firmen- und Personenwerte nicht รผbereinstimmen, geht der Schuss nach hinten los. Wie bei der Zรผrcher Kantonalbank 2007. Der damalige Chef Hans Vรถgeli spekulierte entgegen seiner eigenen Weisung mit Optionen seines in einen รbernahmekampf geratenen Firmenkunden Sulzer. In einer New Yorker Investmentbank hรคtte das kaum jemanden gestรถrt, aber zur soliden, volksnahen Kantonalbank passte derartiges Verhalten รผberhaupt nicht. John Galliano, der extravagante Chefdesigner des Modehauses Dior, erregte 2011 Aufsehen mit antisemitischen รusserungen in einer Bar โ unvereinbar mit dem sorgsam aufgebauten und fein differenzierten Markenimage eines Luxushauses. In beiden Fรคllen mussten die Fehlbaren sofort ihren Posten rรคumen, um Schaden von der Unternehmensmarke abzuwenden.
In weniger dramatischen Fรคllen reicht hรคufig eine Repositionierung. Novartis-Chef Daniel Vasella galt einst als vielversprechender junger CEO, der als Arzt etwas versteht von den Produkten, die er verkauft โ ein ideales Markenbild. Doch aus dem รberflieger wurde in der รถffentlichen Wahrnehmung bald der Abzocker mit obszรถnem Salรคr, eigenem Helikopter und Jagdhรผtte in Tirol. Zumindest hierzulande โ in den USA, wo sich Vasella beim Joggen mit seinen Hunden und auf dem Motorrad ablichten liess, blieb er der gefeierte Manager. Jetzt repositioniert sich der Novartis-Chef als Gesundheitsapostel, der zwรถlf Kilo abgenommen hat und in Vortrรคgen vor Diabetes warnt. Wie erfolgreich dieses Rebranding ist, bleibt abzuwarten.
Umgepolt. Keinem ist die Repositionierung besser gelungen als Bill Gates: Als Microsoft-Chef verkรถrperte er das Bild des Computer-Nerd und ruchlosen Monopolisten. Heute reist er mit Gattin Melinda durch die Elendsgebiete Afrikas und Indiens und lรคsst sich dabei als warmherziger Spender ablichten. Er gilt als der grรถsste Wohltรคter der Gegenwart. ยซEine Meisterleistung angesichts des Images, das er vorher hatteยป, sagt Allemann. Zur Glaubwรผrdigkeit trรคgt auch bei, dass er in seiner Funktion als Microsoft-Chairman (die er weiterhin innehat) seit Jahren nicht mehr in der รffentlichkeit aufgetreten ist โ womit aber auch die Firma nicht vom Rebranding profitiert. Auch Percy Barnevik versucht mit seinem Engagement fรผr Mikrokredite in Indien, sein Abzocker-Image loszuwerden, das beim Abgang von ABB sein Markenbild des Turbomanagers รผberlagert hat.
Wie schwierig eine Repositionierung sein kann, zeigt Christoph Brand. Er war jahrelang beim Staatsbetrieb Swisscom exponiert, zuletzt als Strategiechef. Beim Wechsel zum Konkurrenten Sunrise รผbernahm er dessen Markenwerte und wurde zum jungen Rebellen, der den Ex-Monopolisten herausfordert. Auch verbal schoss Brand gegen seinen frรผheren Arbeitgeber. Die 180-Grad-Wende hat man ihm kaum abgenommen. Und der einstige Denner-Chef Philippe Gaydoul bekundet heute Mรผhe, sich vom Discountkรถnig zum Luxusverkรคufer umzupositionieren (
siehe Interview).
Fatal ist es auch, als Chef gar kein Markenbild aufgebaut zu haben. Erinnern Sie sich an Markus Akermann? An Stefan Lippe? An Ernst Bรคrtschi? Alle erfolgreiche CEO der Milliardenunternehmen Holcim, Swiss Re, Sika. Alle erst dieses Jahr aus dem Amt geschieden. Alle bereits aus dem Gedรคchtnis der รffentlichkeit verschwunden. Wer eine gute Geschichte vorweisen, sie aber nicht erzรคhlen kann, geht unter.
Im Bild: Jean-Claude Biver (1) รผberschattet Hublot; Peter Brabeck (2), Nestlรฉs Wassermann; Steve Jobs (3), die Apple-Ikone; Bill Gates (4), der Microsoft-Wohltรคter; Daniel Vasella (5), vom Abzocker zum Apostel; Richard Branson (6), der Virgin-Abenteurer. Reiner Pichler (7), das Strellson-Model; Nicolas Hayek (8) verteidigte mit Swatch den Werkplatz.