220 Genossenschaften: Raiffeisen ist nicht einfach eine Bank, sondern eine Ansammlung von 220 eigenständigen Banken. Und 220 Geschäftsberichten. Diese Illustration wurde vom KI-Modell Midjourney generiert und von einem Menschen überprüft und finalisiert.
Das Einzugsgebiet von Hansruedi Betscharts Bank umfasst noch nicht einmal eine ganze Gemeinde. Betschart leitet die Raiffeisenbank Bernhardzell im Kanton St. Gallen. 925 Menschen leben im Rayon seiner Bank, der kleinsten Raiffeisenbank der Schweiz. 216 Millionen Franken umfasst die Bilanz, 310’000 Franken Gewinn schrieb die Bank im vergangenen Jahr. Die Gemeinde teilt sich Betschart mit dem Kollegen der Raiffeisenbank Waldkirch. Beide Banken existieren schon seit mehr als hundert Jahren.
Die Genossenschaft Bernhardzell hat – gemessen an der Bilanz – einen Anteil von etwa einem Tausendstel der gesamten Raiffeisen-Gruppe. Und doch verantwortet Betschart eine komplette Bank. Mit eigener Lizenz, eigenem Verwaltungsrat und einem eigenen Jahresabschluss. Es ist eine von 220 Raiffeisenbanken, die es hierzulande Ende 2022 gab.
Zum zweiten Mal nach 2019 hat die «Handelszeitung» sämtliche 220 Geschäftsberichte ausgewertet. Wer sind die Grossen, wer die Kleinen? Wer verdient Geld, wer nicht? Die Zentrale in St. Gallen publiziert, abgesehen von ein paar Kennzahlen, kaum Zahlen zu den einzelnen Banken. Raiffeisen soll als konsolidierte, homogene Gruppe wahrgenommen werden. Doch das ist der Verbund bei weitem nicht. Im Gegenteil: Gerade verabschiedeten die Delegierten der Banken neue Gruppenstatuten, die den einzelnen Banken mehr Freiheiten einräumen.
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Die Bank aus dem Osten
Erste Erkenntnis: Der Osten dominiert. Raiffeisen kommt historisch aus der Ostschweiz, dort hat sie den Gruppensitz, und dort findet auch das meiste Geschäft statt. Die älteste Bank ist die Raiffeisenbank am Bichelsee TG, und mit ihrer Bilanz von gut 1 Milliarde Franken liegt sie genau im Mittelfeld aller Banken (siehe Karte).
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Gut 20 Prozent des Hypothekarbestands aller Genossenschaften stammen von den 45 Banken in Thurgau, St. Gallen, Schaffhausen und den beiden Appenzell. Ihr Anteil am Reingewinn liegt sogar bei 28 Prozent. Und das bei bloss 11 Prozent der Schweizer Bevölkerung. Kaum eine Region holt so viel heraus wie die Ostschweiz.
Dieser geografische Rechtsüberhang zeigt sich auch beim Vergleich der Sprachgebiete: 62 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer leben in der Deutschschweiz, die Deutschschweizer Raiffeisenbanken halten jedoch 72 Prozent der Bilanzsumme und schreiben 75 Prozent des Gewinns. Während die italienische Schweiz ihren Anteil in etwa erreicht, macht die Raiffeisen in der Romandie deutlich weniger Geschäft, als die Gruppe eigentlich sollte.
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Dafür hat sich die Raiffeisen-Landschaft vor allem in der Romandie stark verändert. In den letzten vier Jahren sank dort die Zahl der Banken von 48 auf 40, während es in der Deutschschweiz noch immer 161 sind. Waren die welschen Banken früher im Schnitt deutlich kleiner als jene in der Deutschschweiz, so liegt das Mittel heute in allen drei grossen Sprachregionen bei rund 1 Milliarde Franken Bilanzsumme.
Die jüngsten Banken haben am wenigsten Eigenkapital
Zweite Erkenntnis: das grosse Geheimnis ums Eigenkapital. Die Raiffeisen muss die Eigenkapitalvorschriften der Finma als Gruppe erfüllen. Und das tut sie, auch wenn die verschiedenen Kapitalquoten im vergangenen Jahr etwas gelitten haben. Doch wo liegen eigentlich diese Reserven, wenn alle Banken rechtlich eigenständig sind? Die Zahlen zeigen: Das Polster der Gruppe ist höchst ungleich verteilt. Es gibt Ausreisser nach unten und nach oben.
Besonders negativ fallen die jüngsten Genossenschaften auf: Thalwil, Bern, Winterthur und St. Gallen. Sie alle haben eine Eigenkapitalquote von weniger als 3 Prozent. Noch vor zwei Jahren liefen die Geschäfte in diesen Regionen über die Zentrale in St. Gallen, weil eigenständige Genossenschaften fehlten. Erst vor kurzem wurden Kundschaft und Kundenvermögen an eigenständige Genossenschaften übertragen. Die zuvor erwirtschafteten Reserven blieben offenbar in St. Gallen.
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Die Raiffeisen Schweiz sagt dazu, die neuen Banken seien – über die Ausgabe von Genossenschaftsscheinen – bei der Gründung selbst für die Beschaffung von Eigenkapital verantwortlich. Über 90 Prozent des Gewinns werde thesauriert, so Sprecher Joël Grandchamp. Es sei daher zu erwarten, dass die jungen Banken ihre Reserven in den kommenden Jahren noch verstärken werden.
Doch auch so gibt es grosse Unterschiede: Während insgesamt 31 Banken auf weniger als 7 Prozent Eigenkapital kommen, weisen die besten 4 mehr als 11 Prozent aus. Die Bank in Laufenburg AG hat sogar 12,6 Prozent. Das Gros von 175 Banken liegt zwischen 7 und 10 Prozent.
Unter anderem aus steuerlichen Gründen befindet sich ein Teil der Rücklagen der Banken nicht im ausgewiesenen Eigenkapital, sondern in den Rückstellungen. Die «Handelszeitung» berücksichtigt diese bei der Analyse – auch in Absprache mit der Raiffeisen – als erweitertes Eigenkapital.
Was, wenn eine einzelne Bank kippt? Für die Finma ist die Raiffeisen eine Bank, die Aufsicht der einzelnen Institute hat sie an die Raiffeisen-Zentrale delegiert. Und so gilt für den Krisenfall die Solidarität: Gerät eine Bank in Überschuldung, müssen die anderen einspringen. Sei es mit Kapitaleinschüssen, sei es über eine Notfusion. Es wäre der Fall Credit Suisse im Kleinen. Das macht niemand gerne.
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Der Hypothekenboom ist regional unterschiedlich
Heikel wird die dünne Kapitaldecke dann, wenn eine Bank besonders schnell wächst. Und auch hier gibt es grosse Unterschiede. Insgesamt hat das Hypothekarvolumen der Raiffeisen-Gruppe im letzten Jahr um 3,7 Prozent zugelegt. Mit 8,4 Prozent besonders stark war das Wachstum jedoch bei den Banken im Kanton Waadt. Mit 11,2 Milliarden Franken gehört der Kanton zu den grossen Kreditgebern. Auch Luzern mit einem Wachstum von 5,9 Prozent auf 10,6 Milliarden sticht hervor. Das Tessin wiederum war unter den bedeutsamen Kantonen jener mit dem kleinsten Wachstum: 2,3 Prozent.
Die Bank mit dem steilsten Wachstum überhaupt ist die Raiffeisenbank Seerücken im Thurgau. Besonders delikat: Während das Hypothekarvolumen dieser Bank letztes Jahr um stolze 11 Prozent zunahm, flossen 5 Prozent der Kundeneinlagen ab. Der direkte Deckungsgrad der Hypotheken sank per Ende 2022 auf 76 Prozent.
Die Bank habe sich die nötige Differenz über die Gruppe leihen können, um die zusätzlichen Hypotheken abzuschliessen, erklärt Bankleiter Urs Röthlisberger. «Man hat uns durchaus gefragt, was da bei uns passiert sei», sagt er. Und spricht von einem «konstruktiven Austausch».
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Den Grund für die Abflüsse sieht Röthlisberger in der Zinswende. Gelder, die während der Zeit der Negativzinsen am Seerücken parkiert worden waren, wurden nun wieder abgezogen. Dabei ging es vor allem um Gelder von institutionellen Anlegern.
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Hypotheken sind und bleiben das Hauptgeschäft der Raiffeisenbanken. Zwar hat sich das Wachstum etwas abgeschwächt, seit die Hypo-Turbos Patrick Gisel und Pierin Vincenz die Gruppenleitung abgegeben haben. Doch die Banken leben noch immer vor allem von den Krediten.
Interne Konkurrenz und Bankgeheimnis
Was viele nicht wissen: Die Banken treten zunehmend als Konkurrenten auf. Die Grenzen würden aufgeweicht, erzählt ein Bankleiter, der nicht zitiert werden will: Die Banken betreuten auch Kundinnen und Kunden ausserhalb ihrer Gemeinden – sei es, weil sie das so wünschen, sei es, weil ein Kunde weggezogen ist. Teilweise würden die Banken regelrecht gegeneinander ausgespielt, etwa beim Abschluss von Krediten. Das merke man nicht immer, sagt er, denn zwischen den Banken gelte das Bankgeheimnis. Keiner kennt die Kunden und Kundinnen seiner Nachbargenossenschaft. Nur die Zentrale hat Einblick in alle Banken.
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Diese Konkurrenz zwischen den Banken dürfte sich zudem weiter verschärfen. Vergangene Woche verabschiedeten die Delegierten neue Gruppenstatuten, die es erlauben, dass Bankkundinnen und -kunden neu auch ausserhalb ihrer Wohnorte in Genossenschaften eintreten können. Der «Zugang zu Finanzierungen» werden damit «nochmals deutlich vereinfacht», schreibt die Bank in einer Mitteilung. Mehr Freiheiten erhalten die Banken auch beim Firmenzweck. Offenbar, um auch Dienstleistungen anbieten zu können, die bislang nicht zu ihrem Geschäft gehörten.
Neuer Regionalrat hinterlässt Spuren
Das Verhältnis zur Raiffeisen Schweiz ist ein besonderes. Einerseits ist sie eine Tochter der gut 200 Genossenschaften. Anderseits leitet sie die Gruppenstrategie, so wie das der Migros-Genossenschaft-Bund bei den Migros-Genossenschaften tut. Und dieses Verhältnis hat sich in den letzten Jahren verändert. Ein neues Gremium mit Regionalvertretern wurde als Aufsicht über den Raiffeisen-Verwaltungsrat gesetzt.
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Was hat das mit der Bank gemacht? Die einen sprechen davon, dass die Gruppe heute «demokratischer» geführt sei. Andere spüren mehr Widerstand gegen Veränderungen, sprechen von einer «Schattenregierung», die da geschaffen wurde. Zentralisierung sei nicht immer schlecht, sagt Bernhardzell-Bankleiter Betschart. «Es kann doch nicht sein, dass wir in dieser Bank 220 Geldwäschereibeauftragte beschäftigen müssen.»
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Die Zentrale arbeitet an der Digitalstrategie
In der St. Galler Zentrale gibt es derzeit zwei grosse Themen: die Digitalisierung und das Anlagegeschäft. Man arbeite an einer neuen App, die bis 2025 alle digitalen Services zusammenfassen werde, erklärt Geschäftsleitungsmitglied Roland Altwegg. Diese Raiffeisen-App solle noch in diesem Jahr bei Testkundinnen lanciert werden und künftig auch Funktionen integrieren, die bislang über separate Apps laufen.
Altweggs Ziel: Vor allem im Anlagegeschäft vorwärts machen, wo Raiffeisen die Kundinnen und Kunden bislang offenbar unterdurchschnittlich gut abholt. «Wir haben eine Depotdurchdringung von 20 Prozent, da besteht noch ein riesiges Potenzial», erklärt Altwegg. Anlegen soll vor allem einfacher werden, mit Lösungen für alle – vom Retailkunden bis zu den vermögenden Privatkundinnen. Man dürfe sich nicht von den gestiegenen Zinsen täuschen lassen, die von der Teuerung derzeit mehr als weggefressen werden, betont er. «Langfristig führt nichts am Anlegen vorbei.»
Von der Raiffeisenbank Bernhardzell ist all das weit weg. Zwar sei man eine kleine Universalbank und biete aus eigener Hand fast alles an, sagt Bankleiter Betschart. Aber nur fast. So habe man sich im vergangenen Jahr etwa aus dem grenzüberschreitenden Geschäft zurückgezogen und betreue keine Kunden aus dem Ausland mehr. «Für 13 Kundinnen und Kunden mit Domizil im Ausland betreibe ich diesen Aufwand nicht mehr», sagt er. Mit einer anderen Bank fusionieren wolle man hingegen nicht, solange die regulatorischen Anforderungen erfüllt werden können und er das Personal findet. «Es gibt Herausforderungen, aber wir wollen eigenständig bleiben», betont Betschart. Zumindest vor seiner Pensionierung in ein paar Jahren wird die Fusion wohl nicht passieren.
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