Expertenmeinung: Zwei Risikokapitalisten über die Chancen von Atwork
▶ «Scheint einen Nerv zu treffen»
Michael Sidler ist Gründer von Redalpine Venture Partners, die auf Early Stage Investments spezialisiert ist.
«Atwork geht ein spannendes Problem an: Wie kann man das Engagement und die Zufriedenheit der Mitarbeiter erhöhen? Denn die neue Generation hat andere Werte und Ansprüche als die alte. Diese frühzeitig zu erkennen und darauf eingehen zu können, ist eine gute Value Proposition, denn es steigert die Performance und Profitabilität und reduziert die Absenzen und die Fluktuation. Vielen Unternehmen fehlen dazu aber die Tools. Atwork bietet sie als SaaS-Lösung und hat auch schon Kunden. Die zahlen bisher für eine Art digitalen Fragebogen, davon freilich gibt es viele.
Spannend wird es, wenn Atwork die nächsten geplanten Schritte schafft: das passive Zuhören – dass man also aus der Kommunikation der Mitarbeitenden die Stimmungslage ableiten kann, ohne dass sich die Leute abgehört fühlen. Und ein selbstlernendes Tool, das freilich noch beweisen muss, dass es das Richtige lernt. Beides wären Alleinstellungsmerkmale. Der Verkaufszyklus ist erfreulich kurz, Atwork scheint also einen Nerv zu treffen in den HR-Abteilungen.
Allerdings sind die Kundengewinnungskosten noch zu hoch, und eine Verkaufsmannschaft wird jetzt erst aufgebaut. Wenn die Firma Gas gibt, den First Mover Advantage ausnützt und ihre Claims absteckt, hat sie Chancen auf eine führende Rolle im deutschsprachigen Raum oder vielleicht sogar in ganz Europa.»
▶ «Aufgeblähte Vision»
Ariel Lüdi ist als VC mit seinem Inkubator Hammer Team an 20 Schweizer B2B-Start-ups beteiligt.
«Atwork hat einen innovativen Ansatz: Intelligente Software soll die Mitarbeiter zu Verhaltensweisen anspornen, welche die Ziele des Unternehmens unterstützen. Die Frage ist: Wollen wir das? Bisher war für die Personalführung der Chef zuständig. Leider ist erst ein kleiner Teil dieser Vision als Produkt vorhanden. Die innovativeren Bereiche liegen teils mehrere Jahre in der Zukunft, die technische Umsetzung ist unklar.
Die Bandbreite der geplanten Features ist enorm und wäre auch für grosse IT-Unternehmen nur mit sehr hohem Aufwand machbar, wenn überhaupt. Ob man sich da nicht übernimmt? Atwork will als Plattform alle relevanten Bereiche abdecken und wird alleine gegen viele etablierte Tools bestehen müssen. Technologiewissen ist unterrepräsentiert in der Geschäftsleitung, was eventuell die aufgeblähte Vision erklärt.
Das HSG-lastige Führungsteam glänzt dagegen mit Zahlen und Businessplänen (gelernt ist gelernt) – wobei ich Bedenken bezüglich ihrer Umsatzprognosen habe, wenn ich sehe, wie viel Produkt noch gebaut werden muss. «Habe HSG-Abschluss, suche Geschäftsidee» ist eine schwierige Ausgangsbasis. Das dort oft praktizierte «Design Thinking» kreiert zwar viele Ideen, aber die resultierende Wunschliste muss auch realistisch und umsetzbar sein! Ich empfehle Atwork, sich radikal auf einen innovativen Teilbereich zu fokussieren.»