Das Val de Travers zerschneidet die Jurakette im Rücken von Neuenburg in einer langen Schräge, wovon es vielleicht seinen Namen hat. Zunächst zwängen sich Strasse und Eisenbahn durch eine enge Schlucht, die Gorges de l’Areuse. Hat man diesen Engpass überwunden, öffnet sich das Tal, und man passiert kleine Ortschaften und weite grüne Wiesen. Die Hochebene wird abgeschlossen vom Örtchen Fleurier, wo bereits im 18. Jahrhundert Uhrmacher an Zeitmessern werkelten, die für den chinesischen Markt gedacht waren. Die Uhrmachertradition wird hier heute von so prestigeträchtigen Namen wie Chopard, Bovet, Voutilainen und Parmigiani Fleurier aufrechterhalten. Dank den Letztgenannten gibt es in diesem abgelegenen Tal auch einen Hersteller von Uhrwerken: Vaucher Manufacture Fleurier. Das Unternehmen war einst eine Abteilung von Parmigiani, wurde 2003 verselbstständigt, gehört aber wie die Uhrenmarke nach wie vor der Fondation Sandoz.
Vor dem Umzug in das Gebäude in Fleurie im Jahr 2006 war der Uhrwerkbauer im ehemaligen Spital des Orts untergebracht.Sven Germann für BILANZ
Vor dem Umzug in das Gebäude in Fleurie im Jahr 2006 war der Uhrwerkbauer im ehemaligen Spital des Orts untergebracht.Sven Germann für BILANZ
Klein und sehr fein
In der Branche werden Firmen wie Vaucher, die hinter den Kulissen agieren und unbekannterweise die Uhren Dritter antreiben, «Motoristes» genannt, analog zu den Motorspezialisten in der Automobilbranche. Einer der bekanntesten «Motoristes» der Uhrenbranche ist die Firma ETA in Grenchen, die zur mächtigen Swatch Group gehört. Sie war von der Wettbewerbskommission wegen ihrer dominierenden Stellung im Markt für mechanische Schweizer Uhrwerke einst dazu verpflichtet, Drittmarken zu beliefern. Und wurde am 15. Juli 2020 davon befreit. So sind in den vergangenen Jahren neue Werkhersteller entstanden, die sich vor allem durch Spezialisierung auf unterschiedliche Preissegmente voneinander unterscheiden.
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Vaucher ist klein – und sehr fein, was sich auch an der recht exklusiven – sprich kleinen – Produktionskapazität von rund 40’000 Uhrwerken im Jahr ablesen lässt.
Geführt wird die Produktion von Jean-Noël Lefevre. Der charismatische Mann ist 1966 in Frankreich geboren und hält seit 2019 das Ruder bei Vaucher in der Hand. Als er kam, krempelte er in der Fabrik am Rand des Uhrmacherstädtchens Fleurier als Erstes die Herstellungsprozesse um. Es ging um viel: Die Fondation Sandoz, Besitzerin von Vaucher, spielte schon länger mit dem Gedanken, die bis dahin unprofitable Uhrensparte, den Pôle Horloger, abzustossen. Dazu gehören neben Vaucher auch die Uhrenmarke Parmigiani Fleurier sowie weitere Zulieferer wie Atokalpa (Spiralfedern), Elwin (Drehteile) und Quadrance et Habillage (Zifferblätter und Gehäuse).
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Vaucher gehört wie die Luxusuhrenmarke Parmigiani der Fondation Sandoz und ist deren Hoflieferant. Im Bild: das Kaliber PF070.PREs tickt im Innern der neuen Tonda PF Sport Chronograph Silver Verzasca. Preis: 28’600 Fr.PR
Lefevre hatte zu beweisen, dass es sich sehr wohl lohnt, dieses Geschäft zu behalten. Dafür war er gut gerüstet: Bevor er 2006 in die Uhrenindustrie kam, hatte er sich seine Sporen im Zuliefersektor der Automobilindustrie verdient. Von dort weiss er, was fortschrittliche Lagerbewirtschaftung und Lean Manufacturing bedeuten, beides ist matchentscheidend in einer Branche, die von Designtrends lebt und in einem wirtschaftlichen Umfeld bestehen muss, das sich schnell ändern kann. «Als ich hier anfing, fand ich eine Firma vor, deren Workflow schlecht organisiert war», erinnert er sich und fügt an, «ich bin ein Fan japanischer Ordnung.»
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Als Erstes wandte er eine japanische Methode auf die gesamte Firma an, die sogenannte 5S-Methode, mit dem Ziel, «die von mir angestrebte ‹Excellence Opérationelle› zu erreichen.» Die 5 S stehen für Seiri = aussortieren, was nicht mehr gebraucht wird; Seiton = Ordnung schaffen; Seiso = regelmässig reinigen; Seiketsu = standardisieren; und Shitsuke = sich an diese Grundsätze halten. «Durch das Aufräumen, woran sich alle beteiligten, entstand sehr viel mehr Platz, der uns die Sicherheit gibt, dass wir nicht gleich aus allen Nähten platzen, wenn wir wachsen», erläutert Lefevre.
Höchste Ansprüche
Vaucher produziert in den höchsten Anspruchssphären und stellt Uhrwerke in drei unterschiedlichen Ausrichtungen her. Lefevre hat daraus drei voneinander unabhängige Einheiten gemacht. Sie heissen UAP1, UAP2 und UAP3 — wobei UAP für Unités Autonomes de Production steht. Jede produziert jeweils exklusiv in dem ihr zugeteilten Qualitätsniveau. Dank Standardisierung der Arbeitsschritte können Mitarbeitende bei Bedarf von einer UAP zur anderen wechseln. UAP1 produziert die Uhrwerke für La Montre Hermès, die in Brügg bei Biel beheimatete Uhrensparte des Pariser Luxushauses. Hermès ist seit 2006 mit 25 Prozent an Vaucher beteiligt und profitiert so von exklusiv für die eigenen Uhren entwickelten und individualisierten Uhrwerken. UAP1 ist die Produktionslinie mit der höchsten Kapazität und belegt entsprechend auch am meisten Platz im Fabrikgebäude mit insgesamt 6700 Quadratmetern Nutzfläche.
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Das französische Luxushaus Hermès ist mit 25 Prozent an Vaucher beteiligt. Das neuste Kaliber für die Marke ist aus Titan.PREs wird für die H08 Squelette hergestellt. Preis: 18’900 Fr.PR
UAP2 — geringere Kapazität, weniger Personal, weniger Maschinen — ist spezialisiert auf Uhrwerke mit Platinen und Brücken aus Titan. Dieses superleichte, aber zähe Metall erfordert komplett andere Werkzeuge und Bearbeitungszeiten als beispielsweise Stahl oder Gold. UAP3 schliesslich arbeitet für Marken mit traditionellen Ansprüchen der Haute Horlogerie. Das bedeutet, Platinen und Brücken aus rhodiniertem Messing oder 18-karätigem Gold, anglierte und polierte Kanten sowie traditionelle Schliffe auf den Oberflächen, wie beispielsweise Genfer Streifenmuster. Neben der Hausmarke Parmigiani Fleurier beliefert Lefevre gegen 20 weitere Uhrenhersteller, deren Namen geheim gehalten werden. Es gehört zum Schicksal vieler Zulieferer, dass man sie nicht kennt. «Die Uhrenindustrie hat sich schon immer auf die Fähigkeiten der ‹Sous-Traitants› verlassen», meint Lefevre und fügt an, «wenn diese Tatsache jemanden ärgert, ist es meist der Endkunde, der im Glauben war, seine Uhr stamme von A bis Z von der Firma, deren Name auf dem Zifferblatt steht.»
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Neben der Neuorganisation der Fertigung hat Lefevre auch bei den Angestellten einige Neuerungen eingeführt. Die Mitarbeitenden jeder Abteilung treffen sich am Morgen für eine Viertelstunde zu einem sogenannten Minute Meeting. Da werden die Tagesziele definiert und Probleme besprochen und isoliert. Nach diesen Besprechungen werden die Resultate an einer grossen, für alle gut sichtbar angebrachten Tafel festgehalten. «Das gibt allen im Team mehr Mitsprache und Verantwortung, was sich positiv auf das Arbeitsklima auswirkt», findet Lefevre. Er selbst ist für alle stets erreichbar, sitzt mittendrin, bei Konstrukteuren und Administratoren. Alles ist offen; wer ungestört telefonieren oder etwas besprechen will, tut das in schalldichten Kabinen mit der Aufschrift «Bla-Bla-Room». In allen Korridoren auf allen Etagen gibt es aus Holz konstruierte Kaffeekiosks für Plaudereien, ohne die anderen zu stören. «Unsere rund 200 Mitarbeitenden schätzen unsere Bemühungen», sagt Lefevre, «94 Prozent bezeichneten Vaucher bei der Befragung durch die Organisation Great Place to Work als grossartigen Arbeitsplatz.»
Neuer Maschinenpark
Dass die Fläche der Fertigungseinheiten so reduziert werden konnte, dass gleich drei davon unter demselben Dach Platz finden, hat vor allem damit zu tun, dass Lefevre bei seinem Antritt von der Fondation Sandoz das Okay erhielt, fast den gesamten Maschinenpark gegen Einheiten der jüngsten Generation auszuwechseln, die bei höherer Leistungsfähigkeit und Präzision weniger Platz brauchen. «Die Willemin-701S-Fräsen können für sämtliche von uns gefertigten Kaliber eingesetzt werden und bearbeiten die Werkstücke selbsttätig von beiden Seiten», erläutert der CEO. Die Bestückung erfolgt durch je einen von den eigenen Leuten programmierten Roboterarm. «Sämtliche Halterungen und Tablette, die wir zur Bestückung der Maschinen brauchen, können wir selbst mit unseren 3D-Druckern herstellen. Das spart enorm viel Zeit und Geld», schwärmt er.
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Modernste Maschinen sind zentral geworden im Werkbau von Vaucher. Für das Finish braucht es nach wie vor geschickte und erfahrene Hände.Sven Germann für BILANZDie Willemin-CNC-Fräse bearbeitet Komponenten.Sven Germann für BILANZDer Uhrmacher baut sie – händisch – zusammen.Sven Germann für BILANZ
Vauchers Klientel ist höchst anspruchsvoll. Die Endbearbeitung der Bestandteile geniesst oberste Priorität — und Ruhe: Die Abteilungen für die Finissage und für die Assemblage, das Zusammensetzen der Uhrwerke, sind innerhalb von Vaucher eine Welt für sich. Still und sehr sauber. Staub ist bei diesen Arbeiten Feind Nummer eins, und die Arbeitsplätze sind deshalb durch ein Schleusensystem vom Rest des Gebäudes getrennt. Drinnen herrscht zudem ein leichter Überdruck, damit Staub gar nicht erst eindringen kann.
Ein «Motoriste» ist natürlich nicht nur Hersteller, sondern auch Entwickler von Uhrwerken. Es versteht sich von selbst, dass die hier produzierten Werke auch inhouse konstruiert wurden. Als Basis für die Bedürfnisse der Kunden bietet Vaucher ein automatisches Kaliber, ein extraflaches Automatikwerk mit Mikrorotor, einen integrierten Chronographen sowie zwei fliegende Tourbillons an, eines davon mit Handaufzug, das andere mit automatischem Aufzug. Alle diese Kaliber können auf Wunsch so stark modifiziert und individualisiert werden, dass man ihren Ursprung nicht mehr erkennt. Zu den weiteren Spezialitäten gehört die Konstruktion von Zusatzfunktionen wie Ewige Kalender oder Schleppzeiger-Chronographen, die in die Basiswerke integriert werden können.
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Lefevre hat Vaucher gestärkt und wesentlich dazu beigetragen, dass das Thema, sich von der Uhrensparte zu trennen, vom Tisch ist: Die Fondation Sandoz hat im Juni 2025 entschieden, den Uhren-Cluster zu behalten.
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