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Vom Weltraum ans Handgelenk

Warum Titan in der Uhrmacherei unverzichtbar wurde

Das Metall war einst ein Exot unter den Materialien, nahm jedoch die Haute Horlogerie ein und prägt die Uhrenwelt seit 50 Jahren.

Tom Wanka

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Die Bearbeitung von Titan ist aufwendig, zeitintensiv und braucht Erfahrung. zVg

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Das Metall Titan ist in der Uhrmacherei vom exotischen Sonderfall zum alltäglichen Hochleistungswerkstoff geworden – mit einer eigenen, gut 50‑jährigen Materialgeschichte.
Die Rolle des Pioniers geht dabei an Citizen. Die japanische Marke lanciert 1970 mit dem X-8 Chronometer und seinem elektronischen Cosmotron-Kaliber die erste Armbanduhr mit massivem Titangehäuse (99,6 Prozent Reintitan). Fünf Jahre später folgt Seiko mit der Professional Diver’s 600 m («Tuna»), der ersten in Serie produzierten Taucheruhr aus Titan.

xx Citizen & Seiko xx

Ursprünglich war Titan eine Reaktion auf Korrosionsprobleme verchromter Messinggehäuse – angefeuert und inspiriert von der damals sehr populären Raumfahrt, wo das Metall wegen Leichtbau und Korrosionsbeständigkeit geschätzt wurde. Es etablierte sich vor allem für Taucher- und Fliegeruhren, dann führten IWC Schaffhausen und Porsche Design das Material in der Schweizer Oberliga ein, wo heute nahezu alle grossen Marken Titan verwenden. Und zwar nicht nur bei Gehäusen, sondern verbreitet auch als Material für die Käfige von Tourbillons.

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Parallel hat sich die Werkstoffbasis verändert: vom sehr reinen, weichen Titan der frühen Citizen‑Modelle hin zu industriellen Standardlegierungen (Grade 2, Grade 5) und zu markeneigenen, oberflächengehärteten Varianten.

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In der Uhrmacherei dominieren vor allem zwei Qualitäten; Grade 2 ist ein Titan mit hoher Reinheit, vergleichsweise geringer Festigkeit, aber hervorragender Umformbarkeit, Schweissbarkeit und sehr hoher Korrosionsbeständigkeit. Bei Grade 5 handelt es sich um eine Legierung mit zirka sechs Prozent Aluminium und vier Prozent Vanadium. Es besitzt eine deutlich höhere Zugfestigkeit, ist temperaturbeständig bis etwa 400 bis 500 Grad Celsius und deswegen Standard in Luft‑ und Raumfahrt sowie bei belasteten Präzisionsteilen – inklusive hochwertiger Uhrengehäuse.
Titan ist zäh und leitet Wärme schlecht, was die Zerspanung erschwert: Werkzeuge laufen heiss, verschleissen schneller, und es braucht niedrige Schnittgeschwindigkeiten und viel Kühlung bei der Fertigung. Grade 5 verstärkt dieses Problem: Es verlangt eng definierte Schmiede‑ und Bearbeitungstemperaturen um 1.000 bis 1.020 Grad Celsius und verursacht 30 bis 50 Prozent höhere Bearbeitungskosten als Grade 2.

xx Restliche Bilder xx

Reines oder weiches Titan ist relativ kratzempfindlich; feine Kratzer zeigen sich schnell im Oxidfilm, weshalb Marken auf harte PVD- oder DLC-Beschichtungen oder spezielle Härtungsbehandlungen setzen. Polierte Flächen sind schwieriger zu erzielen als bei Stahl; häufig wählen Designer daher satiniert‑mattierte Oberflächen oder kombinieren gebürstete Flächen mit wenigen, technisch aufwendig polierten Akzenten.

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Titan wirkt optisch oft «wärmer» und dunkler als Edelstahl und bedient den Wunsch nach Understatement. Das geringe Gewicht führt zu höherem Tragekomfort, gerade bei grossen Taucher‑ oder Fliegeruhren. Seine exzellente Korrosionsbeständigkeit macht Titan ideal bei Meerwasser, Schweiss und aggressiven Umgebungen; Grade 2 übertrifft in manchen Medien sogar viele Edelstähle. Titan ist nicht ferromagnetisch und ist als hypoallergenes Material für Nickel‑Allergiker perfekt.
Bref: Titan ist zu einem Werkstoff geworden, mit dem Marken eine Mischung aus Hightech‑Narrativ, funktionalem Mehrwert und eigenständiger Ästhetik transportieren. Es hat sich mit seinem Image als innovativem Werkstoff erfolgreich neben den Edelmetallen in der Haute Horlogerie etabliert.
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