Die Unruh ist das zentrale Taktgeber-Element jeder mechanischen Armbanduhr. Sie verwandelt die gleichmässige Kraft der Aufzugsfeder in ein konstantes Schwingen und teilt damit die Zeit in gleich grosse Abschnitte. Ohne die Unruh wäre eine mechanische Uhr lediglich ein sich langsam entleerender Energiespeicher, nicht aber ein Instrument der Präzision.
Aufbau und Funktion
Die Unruh besteht aus drei Hauptkomponenten: dem Unruhreif mit seiner Schwermasse, der Unruhwelle und der Spiralfeder. Der Unruhreif ist ein kleines ringförmiges Schwungrad, dessen Masse sich am Rand konzentriert. Die Unruhwelle verbindet den Reif mit dem Werk und ist an beiden Enden in Lagersteinen gelagert, welche die Reibung minimieren und die Achse halten.
Die Unruh besteht aus dem Reif, der Spirale und der Unruhachse.PR
Die Unruh besteht aus dem Reif, der Spirale und der Unruhachse.PR
Die Spiralfeder ist innen an der Spiralrolle auf der Unruhwelle und aussen am Spiralklötzchen befestigt. Dieses wiederum wird im Unruhkloben oder an der Unruhbrücke gehaltert. Die Spiralfeder bringt den ausgelenkten Unruhreif stets zurück in seine Ruhelage. In ihrer Kombination bilden diese Komponenten ein System, das nach den Gesetzen der harmonischen Schwingung arbeitet.
Die Hemmung gibt der Unruh in regelmässigen Abständen kleine Impulse über den Anker und die Palettenstifte. Diese Impulse ersetzen die durch Reibung verlorene Energie und halten die Schwingung aufrecht. Gleichzeitig verhindert die Hemmung, dass die Energie aus dem Federhaus über das Räderwerk unkontrolliert abläuft. Das Räderwerk reduziert die Drehzahl der sich entfaltenden Aufzugsfeder in einem festen Übersetzungsverhältnis und treibt schliesslich Zeiger und Datumsschaltung an.
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Frequenz und Halbschwingungen
Die Frequenz der Unruh beschreibt, wie schnell sie schwingt. Sie wird in Hertz angegeben, also Schwingungen pro Sekunde. Eine vollständige Schwingung umfasst den Hin- und Herschlag der Unruh, also 360 Grad.
Frequenz
Halbschwingungen/Stunde
Verbreitung
2,5 Hz
18’000
Traditionelle Gangfrequenz, z. B. historische Werke
3 Hz
21’600
Moderne Standardfrequenz vieler Marken
4 Hz
28’800
Häufigster Wert im Mittelklasse- und Luxussegment
5 Hz
36’000
z. B. Zenith El Primero
10 Hz
72’000
Sehr selten, experimentelle High-Frequency-Werke, zum Beispiel das Breguet 574DR mit magnetischer Halterung
Jede Schwingung teilt sich in zwei Halbschwingungen auf, die für die Uhr direkt zählbar sind.
Ein Unruhkloben ist nur an einem Ende verschraubt.IMAGIE
Ein Unruhkloben ist nur an einem Ende verschraubt.IMAGIE
Die gängige Frequenz moderner mechanischer Uhren liegt bei vier Hertz, das entspricht 28’800 Halbschwingungen in der Stunde. Manufakturen wie Zenith gehen mit fünf Hertz auf 36’000 Halbschwingungen in der Stunde, während einige hochfrequente Werke heute sogar sechs Hertz erreichen, das entspricht 43’200 Halbschwingungen in der Stunde. Früher waren zwei Hertz mit 14’400 oder zweieinhalb Hertz mit 18’000 Halbschwingungen in der Stunde der Standard.
Eine Unruhbrücke sichert die Unruh an beiden Enden.PR
Eine Unruhbrücke sichert die Unruh an beiden Enden.PR
Eine höhere Frequenz bringt theoretisch eine feinere Zeitteilung und damit eine präzisere Gangrate mit sich. Doch sie fordert ihren Tribut: die Reibung nimmt zu, die Rubine und die Schmierung werden stärker beansprucht, und die Gangautonomie sinkt. Uhren mit fünf oder sechs Hertz müssen daher häufiger aufgezogen werden oder arbeiten mit speziellen Schmiermitteln und Lagerungslösungen.
Das Zenith El Primero 3600 ist mit fünf Hertz getaktet, das entspricht 36’000 Halbschwingungen in der Stunde.PR
Das Zenith El Primero 3600 ist mit fünf Hertz getaktet, das entspricht 36’000 Halbschwingungen in der Stunde.PR
Amplitude und Regulierung
Die Schwingungsweite, auch Amplitude genannt, gibt an, wie weit der Unruhreif auf jeder Seite ausschlägt. Sie wird in Grad gemessen. Ein optimaler Wert liegt zwischen 270 und 310 Grad. Liegt die Amplitude darunter, wird der Gang unruhiger, da die Unruh nicht genügend Energie für eine gleichmässige Rückführung erhält. Liegt sie darüber, besteht die Gefahr des Banketts, also des Anschlags des Unruhreifs an innere Werksteile.
Die Gangregulierung erfolgt auf zwei Wegen. Die freischwingende Unruh verzichtet auf den Rücker. Die Spirallänge bleibt fix, die Gangregulierung erfolgt ausschliesslich über die Regulierschrauben am Unruhreif. Dadurch ändert sich das Trägheitsmoment: Masse weiter aussen verlangsamt die Frequenz, Masse weiter innen beschleunigt sie.
Das Omega-Kaliber 321 wird traditionell über einen Rückerzeiger reguliert.PR
Das Omega-Kaliber 321 wird traditionell über einen Rückerzeiger reguliert.PR
Im anderen Fall steuert der Rücker, auch Regulierhebel genannt, die wirksame Länge der Spiralfeder. Er verschiebt das Spiralklötzchen am Unruhkloben. Eine verkürzte wirksame Spirallänge erhöht die Frequenz, eine verlängerte senkt sie. Beide Methoden zielen darauf ab, die Unruhfrequenz so anzupassen, dass die Uhr pro Tag möglichst wenige Sekunden Abweichung zeigt.
Von der klassischen Spirale zum Silizium-System
Isochronismus bedeutet, dass die Unruh unabhängig von der momentanen Aufzugsfederspannung mit gleichbleibender Frequenz schwingt.
Die gebogene Endkurve verringert die Schwerpunktverlagerung und sorgt für ein gleichmässigeres Schwingen.PR
Die gebogene Endkurve verringert die Schwerpunktverlagerung und sorgt für ein gleichmässigeres Schwingen.PR
Die Breguet-Spirale zeichnet sich durch ihre aufgewundene Endkurve aus, welche die Spirale in allen Schwingungslagen zentriert hält. Bei hochwertigen Ausführungen ist die Geometrie dieser Endkurve nach dem Phillips- oder Grossmann-Prinzip optimiert, um isochrone Fehler zu minimieren.Silizium-Spiralen und Karbon-Spiralen reduzieren zudem die Masse, bieten bessere Temperaturstabilität und sind immun gegen Magnetismus.
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Die Form des Doppelankers verlagert die Masse nach aussen und verringert den Luftwiderstand.PR
Die Form des Doppelankers verlagert die Masse nach aussen und verringert den Luftwiderstand.PR
Auch die Form des Unruhreifs selbst wurde optimiert: variable Schwermassen, feinjustierbare Regulierschrauben und spannungsfreie Materialien tragen dazu bei, dass die Frequenz über den gesamten Entladebereich der Aufzugsfeder möglichst konstant bleibt.
Im Jahr 2006 gelang es den Ingenieuren von Breguet, eine Breguet-Spirale aus Silizium zu fertigen.PR
Im Jahr 2006 gelang es den Ingenieuren von Breguet, eine Breguet-Spirale aus Silizium zu fertigen.PR
Jaeger-LeCoultre setzt in seinen Kalibern der Geophysic- und Polaris-Linien die Gyrolab-Unruh ein, deren Reif nicht kreisförmig, sondern hantelförmig geformt ist. Die reduzierte Oberfläche soll nach Herstellerangaben die Reibung in den Lagersteinen vermindern und die Gangrate stabilisieren.
TAG Heuer fertigt seine Karbon-Spirale mitsamt einem Befestigungselement.PR
TAG Heuer fertigt seine Karbon-Spirale mitsamt einem Befestigungselement.PR
Die Unruh bleibt das unausweichliche Zentrum mechanischer Zeitmessung. Egal ob zwei Hertz oder sechs Hertz, ob klassische Breguet-Spirale oder moderne Silizium-Variante – ihre Schwingung bestimmt, wie genau eine Uhr läuft. Wer ihre Funktion versteht, begreift auch die Bedeutung des Tourbillons, das Lagefehler der Unruh kompensieren soll, und die Relevanz des Chronometer-Tests, der letztlich nichts anderes misst als die Stabilität der Unruhfrequenz unter verschiedenen Bedingungen.