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Stracke kommentiert – Folge 9

Wenn Serien zu Schaufenstern werden

Luxusuhren werden in Serien zunehmend als narratives Instrument eingesetzt: So werden Charaktere definiert und soziale Stellung symbolisiert.

Tim stracke

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Tim Stracke von Chrono 24:Β Β«Dass Serien heute als BΓΌhne fΓΌr Uhrendesign fungieren, ist kein Zufall.Β» zvg

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Neulich, beim Schauen von Β«Love Your NeighborsΒ», der neuen Apple+-Serie mit Jon Hamm ΓΌber einen arbeitslosen Hedgefonds-Manager, der zum Einbrecher wird, blieb ich besonders an drei Nebenfiguren hΓ€ngen. Eine Patek Philippe Nautilus, eine Richard Mille Felipe Massa Chronograph und eine Rolex Daytona spielten so prominent mit, dass man einen eigenen IMDB-Eintrag erwarten wΓΌrde.
NatΓΌrlich: Uhren im Film sind nichts Neues. Von Bond bis Batman hatten sie immer wieder Cameo-Auftritte. Doch wann zuletzt waren sie so prominent sichtbar?
In Β«Love Your NeighborsΒ» wird nicht nur die Nautilus 5811 im Detail vorgestellt, im Voiceover zitiert Hamm sogar die ikonische Patek-Werbung: Β«Man besitzt eine Patek Philippe nie wirklich …» Die Richard Mille Felipe Massa wird mit Komplikationsbeschreibungen, Referenznummer sowie Listen- und Zweitmarktpreisen eingefΓΌhrt.
Und dann gibt es da noch diese Szene, in der Coop seinem Sohn nach einem emotionalen GesprΓ€ch die eigene alte Daytona ΓΌberreicht – nicht ohne zuvor die Geschichte ihres Kaufes zu erzΓ€hlen. Wer Uhren liebt und Kinder hat, wird dabei vielleicht ein bisschen feuchte Augen bekommen haben.
Uhren sind schon lange narrative Werkzeuge, Spiegel der sozialen Stellung und des Charakters.

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Dass Serien heute als BΓΌhne fΓΌr Uhrendesign fungieren, ist kein Zufall. Seit dem pandemiegetriebenen Boom sind Zeitmesser Mainstream wie nie und ganz offizieller Teil der Popkultur. Das neue Apple-Format nutzt diese Strahlkraft. Auf Β«New York TimesΒ»-Anfrage verneinten sowohl Patek als auch Richard Mille Marketing-Deals mit der Serie.
Dabei ist das Prinzip alt: Uhren sind schon lange narrative Werkzeuge, Spiegel der sozialen Stellung und des Charakters. Im HBO-Meisterwerk Β«The SopranosΒ» war Tony Sopranos goldene Day-Date ΓΌber sieben Staffeln hinweg Ausdruck italienisch-amerikanischer MΓ€nnlichkeit, irgendwo zwischen Familienvater und Gangsterboss. James Gandolfini wurde spΓ€ter auf unzΓ€hligen Uhrenblogs immer wieder mit genau diesem Modell gezeigt – posthume Watch-Spotting-Ehre.
Β«Breaking BadΒ» setzte das Motiv subtiler ein. Walter White tauschte im Laufe der Serie seine Taschenrechner-Uhr Casio CA-53W gegen eine TAG Heuer Monaco – ein Geschenk von Partner in Crime, Jesse Pinkman. Symbolisch steht sie hier fΓΌr die Metamorphose vom unscheinbaren Lehrer zum Drogenbaron. Nach Steve McQueen war Walter-White-Darsteller Bryan Cranston damit der zweite ikonische Bad Boy mit eckiger Uhr.
In den letzten Jahren haben besonders Serien ΓΌber das oberste Prozent das Thema aufgegriffen – als visuelles Storytelling-Instrument. In der Showtime-Serie Β«BillionsΒ» ΓΌber den Wall-Street-MilliardΓ€r trΓ€gt Damien Lewis’ Charakter Bobby Axelrod High-End-Modelle von Audemars Piguet, Patek Philippe und Richard Mille.

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Die HBO-Sensation Β«SuccessionΒ» hat dieses Prinzip perfektioniert – und mitgeprΓ€gt, was heute als Β«Quiet LuxuryΒ» durch TikTok und die Modewelt geistert. Millionen schauten nicht nur wegen der Dramen, sondern auch wegen der subtilen Watch-Details: Logan Roys Vacheron Constantin World Time, Kendall Roys RM 67-01 oder auch Tom Wambsgans’ Audemars Piguet Royal Oak Chronograph – jeder Zeitmesser sass.
Was frΓΌher auf KinoleinwΓ€nden lief, findet heute im Prestige-TV statt.
Die spirituelle HBO-Nachfolgeserie Β«IndustryΒ» geht noch einen Schritt weiter: Hier sind es junge Londoner Banker, die zwischen Ambition und moralischem Absturz pendeln – und auch hier gehΓΆren Uhren zum narrativen Inventar. Die Macher Konrad Kay und Mickey Down, selbst Ex-Banker und bekennende Uhrenfans, gaben kΓΌrzlich in einem Interview zu: In Staffel 1 arbeiteten sie noch mit Replikas, inzwischen erlaubt das Serienbudget den Einsatz ihrer ganz eigenen Grail Watches.
Was frΓΌher auf KinoleinwΓ€nden lief, findet heute im Prestige-TV statt. Die zunehmende PrΓ€senz von Luxusuhren in diesen Formaten spiegelt dabei perfekt wider, wie zentral Produkte von Rolex, Omega, Audemars Piguet, Patek Philippe und Co. inzwischen in der Popkultur verankert sind.

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FΓΌr die Industrie ist es Gold wert – denn keine Produktplatzierung der Welt ersetzt den emotionalen Sog, wenn eine Daytona zur generationenΓΌbergreifenden ErbstΓΌck-ErzΓ€hlung wird.
FΓΌr uns Uhrenenthusiasten ist es ebenfalls ein Geschenk. Auch ich konzentriere mich beim Film- und Fernsehschauen oft zuerst auf die Handgelenke und freue mich jedes Mal, wenn ich ein Modell wiedererkenne. Meist fΓΌhlt sich das an, als wΓΌrde man alte Bekannte bei ihrem nΓ€chsten Karriereschritt beobachten.
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