Edelsteinbesatz

Wenn Diamanten Technik tragen

Gemsetting ist zur Disziplin der Uhrmacherei geworden: Marken wie Richard Mille treiben den Wandel von Dekor zu Ingenieurskunst.

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In der Kollektion RM HJ-01 von Richard Mille verschmelzen die Grenzen zwischen Gehäusearchitektur und Juwelierskunst vollständig. zVg

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Lange Zeit war die Rollenverteilung in der Welt des Luxus klar definiert: Wer meisterhafte Mechanik suchte, blickte in die Täler des Jura; wer nach vollendeter Juwelierskunst verlangte, suchte die Häuser der Place Vendôme auf. Die «Schmuckuhr» war oft ein Kompromiss, ein glitzerndes Gehäuse, in dem das Uhrwerk lediglich eine Nebenrolle spielte. Doch diese Mauern sind gefallen. Heute erleben wir eine Metamorphose. Immer mehr Manufakturen verstehen Gemsetting heute nicht mehr als dekoratives Beiwerk, sondern als eigenständige uhrmacherische Disziplin.
Kaum eine Marke treibt diese Entwicklung derzeit kompromissloser voran als Richard Mille, die seit der Einführung der RM 007 im Jahr 2005 das Thema Edelsteinbesatz schleichend, aber konsequent besetzt. Die Marke, die bisher vor allem für ihre Rennsport-Ästhetik und Material-Innovationen bekannt war, stellt nun mit ihrer ersten Haute-Joaillerie-Kollektion das Kunsthandwerk des Edelsteinbesatzes in das Zentrum ihrer Identität. Unter der Ägide von Cécile Guenat, Leiterin für Design und Entwicklung, verschmelzen in der RM HJ-01 die Grenzen zwischen Gehäusearchitektur und Juwelierskunst vollständig.
Die Kollektion umfasst vier Unikate, welche die ikonische Tonneau-Form von Richard Mille neu interpretieren – besetzt mit Rubinen, blauen und violetten Saphiren und Smaragden. Die technischen Herausforderungen sind dabei omnipräsent. Denn Diamanten in Gold zu fassen, ist Tradition. Sie jedoch in Carbon oder hochmoderne Keramik zu setzen, ist etwas anderes. Da diese Materialien extrem hart und spröde sind, können herkömmliche Fasserwerkzeuge hier nichts ausrichten. Richard Mille setzt deshalb auf CNC-Fräsung und Lasertechnik im Mikrometerbereich, was an masochistische Ingenieurskunst grenzt. Mit der Maschine werden kleinste Vertiefungen mikrometergenau gefräst. Anschliessend werden die winzigen Goldkrappen eingesetzt, die den Stein später halten. Um diese Kompetenzen zu gewährleisten, eröffnete das Haus aus Les Breuleux 2019 ein eigenes Fasseratelier, wo seither die Königsdisziplin praktiziert wird.

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RM HJ-01

Gehäuse: 34 x 52,83 mm, Weissgold
Edelsteinbesatz: wird nicht kommuniziert
Werk: Automatikkaliber, skelettiert
Preis: k. A.

Gemsetting wird zum Designcode

Jacob & Co.

Dass Gemsetting im Olymp der Haute Horlogerie angekommen ist, beweisen eindrücklich mehrere aktuelle Beispiele. Zum 40-jährigen Jubiläum etwa lanciert Jacob & Co. im März mit dem «Angel Cut» einen eigens entwickelten und patentierten Diamantschliff. «Es brauchte zwei volle Jahre der Entwicklung, um den Angel Cut zum Leben zu erwecken», sagt Jacob Arabo, Gründer und Chairman von Jacob & Co. Der rechteckige Schliff mit 37 Facetten wurde darauf ausgelegt, Lichtreflexion und Brillanz in komplexen Haute-Joaillerie-Konstruktionen zu optimieren. Sein Debüt feiert der neue Schliff in der Billionaire Double Tourbillon Angel Cut: Das Weissgoldgehäuse der auf 18 Stück limitierten Uhr ist mit insgesamt 298 Diamanten von rund 79 Karat besetzt. Im Inneren arbeitet das Handaufzugskaliber JCAM50 mit zwei fliegenden Tourbillons.
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Billionaire Double Tourbillon Angel

Gehäuse: 54 x 41 mm, Weissgold
Edelsteinbesatz: 298 weisse Diamanten, 79 ct.
Werk: JCAM50
Preis: 3'000'000 Fr.

Hublot

Hublot erweiterte seine Haute-Joaillerie-Sprache mit der Big Bang Impact One Million, einer spektakulären Neuinterpretation der ikonischen Big Bang. Im Zentrum steht ein fliegendes Tourbillon, das von rund 500 Diamanten (~44,6 Karat) in dynamischer, strahlenförmiger Anordnung umgeben ist. Das 45-Millimeter-Gehäuse aus Weissgold ist mit insgesamt 470 Diamanten besetzt, die in Baguette- und Fancy-Schliff ein komplexes, dreidimensionales Lichtspiel erzeugen. Angetrieben wird die Uhr vom Handaufzugskaliber HUB9015 mit 120 Stunden Gangreserve. Der Name ist Programm: Die Uhr kostet eine Million Franken.

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Big Bang Impact One Million

Gehäuse: 45 mm, Weissgold
Edelsteinbesatz: 470 Diamanten, 44,6 ct.
Werk: HUB9015-Uhrwerk mit Handaufzug und Tourbillon
Preis: 1'000’000 Fr.

Chopard

Diamanten gehören natürlich auch bei den klassischen Schmuckhäusern seit jeher zum Kernrepertoire. Entsprechend zeigt sich der Gemsetting-Trend dort in einer stärker dekorativen, aber nicht minder anspruchsvollen Ausprägung. Mit einer neuen Interpretation der L’Heure du Diamant präsentierte Chopard im Rahmen der Watches & Wonders 2026 eine der elegantesten Haute-Joaillerie-Uhren der Kollektion. Das coussinförmige Gehäuse ist mit rund 4,40 Karat Diamanten im charakteristischen Kronen- beziehungsweise Krappenbesatz gefasst. Im Kontrast dazu steht ein tiefschwarzes Onyx-Zifferblatt. Angetrieben wird die Uhr vom Manufakturkaliber 09.01 C in einem Gehäuse aus ethisch gewonnenem Weissgold. Selbst die Zeiger sind mit Diamanten im Brillantschliff veredelt.
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L'Heure du Diamant

Gehäuse: 9,8 mm Höhe, ethisches Weissgold
Edelsteinbesatz: weisser Diamant, 4.64 ct
Werk: Automatikkaliber 09.01-C
Preis: 62'900 Fr.

Tiffany & Co.

Wenn es um Diamanten geht, fällt der Name Tiffany & Co. fast automatisch. Geprägt von der historischen Arbeit von Charles Lewis Tiffany und dem Gemmologen George Frederick Kunz hat sich das Haus früh als Akteur in der Gemmologie etabliert und diese über die Jahrzehnte stärker und stärker in die Uhrmacherei übertragen. Die Eternity Baguette erhält erstmals eine mit Baguette-Steinen gefasste Lünette. Die Linie erscheint in zwei Varianten: Die Eternity Baguette Diamond kombiniert eine diamantbesetzte Lünette mit Aquamarin-Stundenmarkern, während die Blue Gradient Version ein Farbspiel aus Saphiren, Topasen und Smaragden mit diamantierten Indizes verbindet.

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Eternity by Tiffany Baguette Blue Gradient

Gehäuse: 36 mm, Weissgold
Edelsteinbesatz: 556 Diamanten, 4 ct., 36 farbige Edelsteine, rund 5 ct.
Werk: Schweizer Automatikwerk
Preis: 159'000 Fr.

Der Bling-Faktor als Renditeturbo

Warum drängen Marken, die historisch von Technik und Mechanik herkommen, so massiv in den Edelsteinbesatz? Nun, zum einen gewinnen die Manufakturen durch die Integration eigener Fasserateliers die volle Kontrolle über die Wertschöpfungskette und die Qualitätssicherung der seltensten Steine. Gleichzeitig verschmelzen zwei Welten zu einer neuen Asset-Klasse, in der der mechanische Werterhalt eines Kalibers mit der physischen Beständigkeit von Investment-Grade-Edelsteinen fusioniert. Vor allem aber ist es eine Zielgruppen-Erosion. Die strikte Trennung zwischen Herrenuhr (die mehrheitlich auf Technik ausgelegt ist) und Damenuhr (die als Schmuckstück zählt) ist passé. Der moderne Sammler verlangt nach Einzigartigkeit und Hybridität.

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